Gurunāmakam (Hariharapura)

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Gattung: Stotra

Quelle: Gurunāmakam des Śrī Saṃsthāna Maṭha Hariharapura, Vorlage des Autors (Original der Tradition). Schreibversehen der Vorlage sind berichtigt, etwa saṃcāta zu saṃjāta, sāśṭhāṃga zu sāṣṭāṅga, pādapadhma zu pādapadma, śrīī zu śrī.

Praṇāma an den Śaṅkarācārya von Hariharapura

1

श्रीमत्परमहंस परिव्राजकाचार्यवर्य।

śrīmatparamahaṃsa parivrājakācāryavarya ।

Er ist das vortrefflichste Oberhaupt unter den Paramahaṃsa Parivrājaka Ācāryas.

Śrīmat: prächtig, schön, goldreich. Parama: höchster, bester. Haṃsa: Schwan. Parivrājaka: Wandermönch. Ācārya: Titel für einen spirituellen Lehrer. Varya: vortrefflich, der Beste.

Gurunāmakam 1

Śrīmat ist die Anrede eines hohen Würdenträgers. Śrī heisst Überglanz und Wohlstand, mat bezeichnet den, der etwas trägt; Śrīmat ist also jener, dessen Reichtum im geistigen Wissen liegt.

Paramahaṃsa ist der Titel der Asketen höchster Ordnung. Der Schwan schwimmt im Wasser und wird doch nicht nass — darum steht er für die Seele, die in der Welt ist und von ihr unberührt bleibt. Von ihm heisst es überdies, er vermöge Milch vom Wasser zu trennen und nur die Milch zu trinken; darin bildet sich die Unterscheidungskraft solcher Seelen ab.

Auch die beiden Silben tragen diesen Sinn. Ha steht für das Ākāśa Tattva, das verbindende Element, das alles zusammenhält, und damit für den Veda, für das höchste Wissen; der Guru selbst weist dabei über sich hinaus, denn der Parameṣṭhi Guru, der höchste Meister, ist Śiva. Sa steht für die Jñānaśakti, die Kraft des Erkennens. Haṃsa ist mithin das Wissen, das aus dem Ākāśa, aus dem Guru entspringt. Der Paramahaṃsa ist der höchste unter diesen Schwänen: para, jenseits allen Wissens, und beständig im Bewusstsein der Glückseligkeit.

2

पदवाक्य प्रमाण पारावारपारीण।

padavākya pramāṇa pārāvārapārīṇa ।

Er wandelt unbeirrt zwischen den Ufern des Ozeans von Wort, Bedeutung und Logik hin und her.

Pada: Fuss, Schritt, Wortstamm, Rezitationsweise des Vedas. Vākya: Ausspruch, Rede, Worte, Satz im grammatischen Sinne. Pramāṇa: Mass, Massstab, Tempo, Mittel zum richtigen Wissen, Metrum, Autorität. Pārāvāra: das jenseitige und das diesseitige Ufer. Pārīṇa: auf die andere Seite übertreten, vertraut sein mit, sachkundig, bewandert.

Gurunāmakam 2

Den Vorgang, in dem sich die eigentliche Bedeutung eines Satzes erschliesst, nennt die Tradition Vākyārtha, von vāc, Rede, und artha, Sinn. Er setzt dreierlei voraus, das Pada-Vākya-Pramāṇa Jñāna: das Wissen vom Wort, von der Aussage und vom gültigen Erkenntnismittel. Eben diese Dreiheit nennt das Beiwort.

Das Wort steht bei der Grammatik. Vyākaraṇa ist eines der sechs Vedāṅgas, der Glieder des Veda; in seiner Aṣṭādhyāyī bestimmt Pāṇini das pada als das flektierte Wort, und das Padaśāstra ist die Lehre vom einzelnen Wort.

Die Aussage steht bei der Mīmāṃsā, der genauen Erwägung. Sie gehört zu den Ṣaḍdarśanas, den sechs klassischen Sichtweisen, und lehrt, wie die Schlussabschnitte des Veda, der Vedānta, zu auszulegen sind; die Vākyaśāstras dieses Systems handeln vom Verfahren der Auslegung.

Das Erkenntnismittel steht bei der Nyāya, der Lehre von Regel und Methode, die ebenfalls zu den Ṣaḍdarśanas zählt und sich mit Logik und Erkenntnistheorie befasst; ihre Pramāṇaśāstras entfalten die Grundbegriffe des vedischen Schliessens.

Wer zwischen diesen drei Ufern sicher hin und her geht, dem gilt das Bild des Verses: er ist pārīṇa, des jenseitigen wie des diesseitigen Ufers kundig.

3

यमनियमासन प्राणायाम प्रत्याहार धारणा ध्यान समाध्यष्टाङ्ग योगानुष्ठाननिष्ठ।

yamaniyamāsana prāṇāyāma pratyāhāra dhāraṇā dhyāna samādhyaṣṭāṅga yogānuṣṭhānaniṣṭha ।

Er hat die sozialen Regeln, die persönlichen Regeln, die Sitzstellungen, die Atemausdehnung, den Rückzug, die Konzentration, die Meditation und die tiefe Versenkung der acht Glieder des Yogas der Reihenfolge nach vollendet.

Yama: soziale Regeln. Niyama: persönliche Regeln. Āsana: Sitzstellungen. Prāṇāyāma: Atemausdehnung. Pratyāhāra: Rückzug. Dhāraṇa: Konzentration. Dhyāna: Meditation. Samādhi: tiefe Versenkung. Aṣṭa: Acht. Aṃga: Glieder. Yoga: Einheit. Anuṣṭā: stehen nach, Nachfolge. Niṣṭha: Vollendung, vollkommenes Wissen, Gewissheit.

Gurunāmakam 3

Der klassische Yoga des Patañjali heisst Aṣṭāṅga Yoga, der achtgliedrige. Das Beiwort zählt seine acht Glieder der Reihe nach auf und sagt vom Ācārya, er habe sie vollendet.

Yama heisst Zügel und Zügelhalter. Gemeint sind die Gesetze, nach denen sich die menschliche Natur im Umgang mit anderen veredelt: Ahiṃsā, das Nichtverletzen; Satya, die Wahrhaftigkeit; Asteya, das Nichtstehlen; Brahmacarya, wörtlich der brahmische Wandel, also ein Verhalten, dem die Verwirklichung Brahmans das Ziel ist; und Aparigraha, das Nichtumfassen.

Niyama trägt dieselbe Wurzel, doch die Vorsilbe ni richtet das Zügeln nach innen. Man kann darin Gebote sehen; der Sache nach sind es Eigenschaften, die aus der regelmässigen Stille von selbst erwachsen: Śauca, die Reinheit; Saṃtoṣa, die Zufriedenheit; Tapas, das Erglühen, womit die dichteste Übung gemeint ist; Svādhyāya, das Selbststudium; und Praṇidhāna, die Vertiefung.

Āsana ist der Sitz. Nach Yogasūtra II.46–47 soll er sthira sein, fest, und sukha, angenehm, damit Ananta-Samāpatti geschehen kann, das In-eins-Fallen mit dem Unendlichen.

Prāṇa meint mehr als den Atem; Lebensodem trifft es näher. Āyāma ist die Spannung, die Dehnung, auch die Hemmung. Die Führung des Atems ist im Yoga wesentlich, denn sie beruhigt den Geist — und umgekehrt beruhigt ein stiller Geist den Atem.

Pratyāhāra ist das Zurückziehen, nicht im Sinne der weichenden Truppe, sondern, nach Yogasūtra II.54, als Rückzug der Sinne, der Indriyas: asaṃprayoga, das Nichtverbinden mit dem svaviṣaya, dem eigenen Bereich. Die Schriften gebrauchen dafür das Bild der Schildkröte, die ihre Glieder einzieht; so zieht der Yogī die Sinne ins Selbst zurück, oder genauer: in der Erfahrung der Stille lösen sie sich darin auf.

Dhāraṇā heisst Tragen, Festhalten, Erhalten. Gemeint ist die Ausrichtung des Geistes auf einen Gegenstand, einen leiblichen oder einen inneren; Yogasūtra III.1 spricht vom deśabandha cittasya, vom Binden des Denkens an einen Ort.

Dhyāna entsteht, wo dieser Ort zum bleibenden Anhalt geworden ist. Patañjali nennt es in III.2 ekatānatā, die Auf-eines-Gestrecktheit, von der Wurzel tan, spannen und dehnen. Man darf sagen: der ununterbrochene Fluss der Dhāraṇā ist Dhyāna.

Samādhi endlich ist die vollkommene Versenkung, die eintritt, wenn das Dhyāna arthamātranirbhāsa wird, von nichts als dem Sinn erstrahlend, und svarūpaśūnya, leer vom eigenen Wesen (Yogasūtra III.3).

4

तपश्चक्रवर्ति।

tapaścakravarti ।

Er ist das Oberhaupt unter den Asketen.

Tapas: Wärme, Hitze, Glut, Askese. Cakravarti

Gurunāmakam 4

Tapas ist die Hitze, die im Leib entsteht, wo dicht geübt wird; dieses Feuer ist das Mittel der Wandlung. Cakravartin heisst der Weltenherrscher, dessen Räder ungehemmt über die Länder rollen. Cakra ist das Rad — und ebenso der Kreis der Gleichgesinnten.

Ādi Śaṅkarācārya hat in seinem kurzen Leben Indien mehrmals der Länge und der Breite nach durchzogen und mit diesem Feuer eine Wandlung über die Gesellschaft gebracht, die bis heute trägt.

5

अनाद्यविच्छिन्न श्रीशङ्कराचार्य गुरुपरम्परा प्राप्त।

anādyavicchinna śrīśaṅkarācārya guruparamparā prāpta ।

Er folgt der ununterbrochenen Meisterlinie Śaṅkarācāryas.

Anādhi: sorglos. Aviccinna: ununterbrochen. Śrī: überglänzend. Saṃkara: der Heilbringer. Ācārya: Titel für einen spirituellen Lehrer. Guru: Lehrer. Paraṃparā Prāpta: erreichen, ankommen, dem Zweck dienen.

Gurunāmakam 5

Śaṅkara, aus śam, Heil und Frieden, und kara, der Machende, ist der Heilbringer. Ādi Śaṅkarācārya, der erste dieses Namens, zählt zu den grössten Heiligen und Denkern Indiens; die Überlieferung setzt ihn um 788 bis 820 an. Er war Schüler Gauḍapādas und galt selbst als eine Erscheinung Śivas. Aus seiner Feder stammen zahlreiche Werke und Kommentare, mit denen er die vedische Überlieferung erneuerte; zugleich galt er als Heiliger, der sich mit flammender Glut dem Göttlichen zuwandte.

Auf seinem Weg nach Śṛṅgeri kam Ādi Śaṅkarācārya auch nach Hariharapura. Dort stellte er ein Śrī Cakra zu Ehren der Heiligen Mutter Śrī Śāradā Parameśvarī auf und gab dem dort lebenden Asketen Kṛṣṇa Yogendra die Mantradīkṣā. Die Saṃnyāsadīkṣā empfing dieser später von Sureśvara, einem unmittelbaren Schüler Ādi Śaṅkaras, und trat damit in den Stand der Mönche. Fortan trug er den Namen Śrī Svayamprakāśa Kṛṣṇa Yogendra Sarasvatī und nahm als erster den Sitz des Śaṅkarācārya von Hariharapura ein. Der gegenwärtige Inhaber, Śrī Śrī Svayamprakāśa Saccidānanda Sarasvatī, ist der fünfundzwanzigste in dieser Reihe.

6

सकलनिगमागमसारहृदय।

sakalanigamāgamasārahṛdaya ।

Die heiligen Schriften sind eins geworden mit seinem Herzen.

Sakala Nigama: Einfügung, Zitat, Wurzel, Herkommen, Herkunft. Āgama: ankunft, Herkunft, Eintreffen, Erwerb. Sāra: Lauf, Gang,. Hṛda: Herz.

Gurunāmakam 6

Die heiligen Schriften scheiden sich in die Śrutis, das Gehörte, und die Smṛtis, das Erinnerte. Die Śrutis sind die Offenbarungstexte und tragen das höchste Wissen; zu ihnen gehören Nigamas und Āgamas. Beide Wörter enthalten gama, den Gang, den Weg.

Die Vorsilbe ni weist nach unten: die Nigamas sind das Herabgekommene und stehen für die höchste Wahrheit. So heissen die Veden; im tantrischen Gebrauch bezeichnet das Wort überdies jene Schriften, in denen Śiva die Pārvatī belehrt.

Die Vorsilbe ā weist heran: die Āgamas sind das zu uns Gekommene. Sie lehren die Verehrung — wie wir das Göttliche zu uns herankommen lassen — und enthalten die Anweisungen für die Zeremonien; es sind überwiegend tantrische Texte.

Das Beiwort sagt nicht, der Ācārya kenne diese Schriften. Es sagt, sie seien sein Herz geworden.

7

सांख्यत्रयप्रतिपादक।

sāṃkhyatrayapratipādaka ।

Er lehrt die Dreiheit des Sāṃkhyas.

Sāṃkhya: Name einer Lehre, welche auf Kapila zurückzuführen ist. Traya: dreifach, dreierlei, dreigeteilt. Pratipādaka: schenkend, spendend, darlegend, auseinandersetzend, lehrend.

Gurunāmakam 7

Sāṃkhya heisst Zählung und Berechnung, im Sinne der genauen Erwägung zwischen zweierlei, des Abwägens von Grund und Gegengrund. Die Lehre geht auf Kapila zurück und zählt zu den Ṣaḍdarśanas, den sechs vedischen Sichtweisen. Nach ihr ruht die Schöpfung auf fünfundzwanzig Grundprinzipien, den Tattvas.

Die Sāṃkhyakārikā weist den Weg des Wissens als Werkzeug, die dreifachen Leiden zu überwinden. Es beruht, nach Kārikā II, auf vyaktāvyaktajñavijñāna: auf dem unterscheidenden Wissen vom Manifesten (vyakta), vom Unmanifesten (avyakta) und vom Wissenden oder Zeugen (jña), der auch Puruṣa heisst. Diese Dreiheit ist das Sāṃkhyatraya, das der Vers nennt — und auf ihr hat Ādi Śaṅkara seinen Kommentar zu den Brahmasūtras aufgebaut.

8

वैदिकमार्ग प्रवर्तक।

vaidikamārga pravartaka ।

Er ist der Begründer eines Vedischen Erkenntnispfades.

Vaidika: vedisch, den Veda betreffend. Mārga: das Suchen, vom Wild kommend, der richtige Weg, Weg, Pfad. Pravartaka: Urheber, Begründer, verfahrend, in Bewegung setzen, zur Erscheinung bringen.

Gurunāmakam 8

Die vedische Überlieferung kennt mehrere Pfade zur Verwirklichung. Damit ein Pfad als vedischer Pfad, als Vaidikamārga, anerkannt wird, muss sein Begründer die Brahmasūtras nach den Regeln der Tradition kommentiert haben. Darum singen wir in der Gurupūjā:

śaṅkaraṃ śaṅkarācāryaṃ keśavaṃ bādarāyaṇam । sūtrabhāṣyakṛtau vande bhagavantau punaḥ punaḥ ॥

Ich verneige mich vor Śaṅkarācārya, dem Heilbringer, in dem Śiva und Viṣṇu eins sind; vor diesen beiden Gestalten des Göttlichen, die die Brahmasūtras kommentiert haben, verneige ich mich wieder und wieder.

9

व्याख्यानगुरु सिंहासनारूढ।

vyākhyānaguru siṃhāsanārūḍha ।

Er ist der erläuternde Meister, welcher hoch erhoben auf dem Löwenthron sitzt.

Vyākhyāna: erklärend, erläuternd, erinnernd an, Erklärung, Auseinandersetzung. Guru: Lehrer, Meister. Siṃha: Löwe. Āsana: das Sitzen, Sichsetzen, Thron, Sitz. Ārūḍha: aufstehen, erhöht, hoch erhoben.

Gurunāmakam 9

Der Löwe ist der König der Tiere und steht für das Selbst, dem alles untersteht. Wer fest im Sein gegründet ist, sitzt fest auf seinem Thron. Und nur wer das Sein wirklich verwirklicht hat, vermag das Leben auszulegen. Das ist der Sadguru.

10

तुंगभद्रातीर दक्षश्रमवास।

tuṃgabhadrātīra dakṣaśramavāsa ।

Er hat seine Wohnstätte am angenehmen Fluss Tuṅgā, an dessen Ufern Dakṣa in heiligem Werke vertieft war.

Bhadra: erfreulich, gut, herrlich, schön, Annehmlichkeit, Heil. Tīra: Ufer, Gestade. Dakṣa: fähig, kompetent, geschickt, Experte; Name eines Prajāpati. Śrama: Ermüdung, Müdigkeit, Körperübung, Bemühung mit heiligem Werke, Askese. Vāsa: Wohnstätte.

Gurunāmakam 10

Nach dem Skanda Purāṇa hat in Hariharapura das berühmte Dakṣayajña stattgefunden, das Feueropfer des Dakṣa; das Purāṇa nennt den Ort darum Dakṣaśrama, die Stätte, an der Dakṣa sein heiliges Werk vollzog.

Die Überlieferung erzählt: Dakṣa, der Weltenvater, richtete ein grosses Opfer aus, lud aber seine Tochter Satī und seinen Schwiegersohn Śiva nicht dazu. Satī empfand die Zurücksetzung so tief, dass sie sich in das Opferfeuer warf und darin verbrannte. Darüber ergrimmte Śiva so sehr, dass sich sein Zorn als Vīrabhadra aus seinem dritten Auge erhob. Dieser zerstörte das Opfer und enthauptete Dakṣa; erst auf die Fürbitte der Götter gab Śiva ihm das Leben zurück — mit dem Haupt eines Widders. Der Ort jenes Opfers trägt seither den Namen, den dieses Beiwort aufnimmt.

11

हरिहरपुर वराधीश्वर।

hariharapura varādhīśvara ।

Er ist der erhabene Herr des vortrefflichen Hariharapura.

Harihara: die vereinte Gestalt von Hari (Viṣṇu) und Hara (Śiva). Pura: Stadt, Burg, befestigter Ort. Vara: vortrefflich, erwählt; auch: Gabe, Segen. Adhīśvara: Oberherr, höchster Herr; adhi (darüber) + īśvara (Herr).

Gurunāmakam 11

Der Ortsname sagt bereits, was dieser Ort ist: Harihara ist die eine Gestalt, in der Viṣṇu und Śiva nicht zwei sind. Ein Maṭha an diesem Ort steht damit nicht für eine der beiden Verehrungsrichtungen gegen die andere, sondern für ihre Einheit — genau das, was die Advaita-Tradition Ādi Śaṅkaras lehrt.. Adhīśvara meint hier keine weltliche Herrschaft. Der Ācārya führt den Sitz, er besitzt ihn nicht; das Wort bezeichnet die Verantwortung für den Ort und seine Überlieferung.

12

श्री आदिशङ्कराचार्य श्री शारदालक्ष्मीनृसिंह पादपद्माराधक।

śrī ādiśaṅkarācārya śrī śāradālakṣmīnṛsiṃha pādapadmārādhaka ।

Er verehrt die Lotosfüsse des Śrī Ādi Śaṅkarācārya und der Śrī Śāradā, der Lakṣmī und des Nṛsiṃha.

Ādi: erster, ursprünglich. Śāradā: die Herbstliche; Beiname der Sarasvatī, Göttin des Sitzes. Lakṣmī: die Göttin des Glücks und der Fülle. Nṛsiṃha: der Mannlöwe, die vierte Inkarnation Viṣṇus. Pāda: Fuss. Padma: Lotos. Ārādhaka: verehrend, der Verehrer; ā-√rādh, gnädig stimmen.

Gurunāmakam 12

Drei Namen, die zusammen die Verehrungsordnung dieses Maṭha nennen: Śāradā, die Göttin des Sitzes, deren Śrī Cakra Ādi Śaṅkara nach der Überlieferung hier aufstellte, und Lakṣmī-Nṛsiṃha als die verehrte Gestalt Viṣṇus. Die Wendung von den Lotosfüssen ist keine blosse Zierde. Der Fuss ist das Niedrigste am Körper und wird gerade darum zum Gegenstand der Verehrung: wer sich vor den Füssen verneigt, stellt sich unter das Niedrigste des Verehrten. Der Lotos steht daneben für das, was im Wasser wurzelt und doch unbenetzt bleibt — dasselbe Bild wie beim Haṃsa im ersten Glied.

13

श्री स्वयंप्रकाशाभिनव रामानन्द सरस्वती गुरुकरकमल संजात।

śrī svayaṃprakāśābhinava rāmānanda sarasvatī gurukarakamala saṃjāta ।

Er ist aus der Lotoshand seines Guru Śrī Svayamprakāśa Abhinava Rāmānanda Sarasvatī hervorgegangen.

Svayamprakāśa: selbstleuchtend; svayam (selbst) + prakāśa (Licht). Abhinava: ganz neu, jung; hier Teil des Ordensnamens. Rāmānanda: dessen Freude Rāma ist. Sarasvatī: einer der zehn Ordensnamen der Daśanāmī-Saṃnyāsins. Kara: Hand. Kamala: Lotos. Saṃjāta: entstanden, hervorgegangen aus.

Gurunāmakam 13

Hier nennt die Anrede die unmittelbare Herkunft des gegenwärtigen Ācārya: Er hat den Saṃnyāsa aus der Hand seines Vorgängers empfangen. Gurukarakamala, „die Lotoshand des Guru“, ist die übliche Wendung dafür — die Weihe geht von Hand zu Hand, nicht von einer Einrichtung aus. Sarasvatī ist einer der zehn Ordensnamen, die auf Ādi Śaṅkaras vier Schüler zurückgeführt werden; er steht am Ende jedes Namens dieser Linie.

14

श्री श्री स्वयम्प्रकाश सच्चिदानन्द सरस्वती महास्वामिनाम्।

śrī śrī svayamprakāśa saccidānanda sarasvatī mahāsvāminām ।

…des Śrī Śrī Svayamprakāśa Saccidānanda Sarasvatī Mahāsvāmin —

Svayamprakāśa: selbstleuchtend. Sat: Sein. Cit: Bewusstsein. Ānanda: Glückseligkeit. Sarasvatī: Ordensname der Linie. Mahāsvāmin: grosser Herr; Anredeform für den Inhaber des Sitzes.

Gurunāmakam 14

Der Name des gegenwärtigen Inhabers des Sitzes. Saccidānanda — Sein, Bewusstsein, Glückseligkeit — ist keine Beschreibung einer Person, sondern die Kurzformel für Brahman selbst; als Ordensname genommen sagt er, worauf der Träger verwiesen ist, nicht was er von sich behauptet. Dieses Glied steht im Genitiv und hängt am folgenden: erst dort kommt der Satz zum Verb.

15

चरणारविन्दयोः साष्टाङ्ग प्रणामान् समर्पयामः॥

caraṇāravindayoḥ sāṣṭāṅga praṇāmān samarpayāmaḥ ॥

— zu dessen Lotosfüssen bringen wir die achtgliedrigen Verneigungen dar.

Caraṇa: Fuss; wörtl. das Gehende, von √car. Aravinda: Lotos. Sāṣṭāṅga: mit acht Gliedern; sa + aṣṭa + aṅga. Praṇāma: Verneigung, Niederwerfung. Samarpayāmaḥ: wir bringen dar; Kausativ zu sam-√ṛ, 1. Person Pl..

Gurunāmakam 15

Erst dieses Glied trägt das Verb. Alles Vorangehende — vom Śrīmat Paramahaṃsa bis zum Namen des gegenwärtigen Ācārya — ist eine einzige, vierzehnfach gegliederte Anrede, die hier ihr Prädikat findet: samarpayāmaḥ, „wir bringen dar“. Wer den Text einzeln liest, liest ihn falsch. Der sāṣṭāṅga praṇāma ist die vollständige Niederwerfung, bei der acht Glieder den Boden berühren: Füsse, Knie, Hände, Brust, Kopf — dazu, nach der gebräuchlichen Zählung, Blick, Rede und Gedanke. Es ist die tiefste Form der Verneigung, die die Tradition kennt.

Das Gurunāmakam ist kein Lehrtext, sondern eine Anrede: die zeremonielle Verneigung vor dem Śaṅkarācārya des Śrī Saṃsthāna Maṭha in Hariharapura. Die Vorlage ist das Original dieser Tradition. Die fünfzehn Glieder bilden einen einzigen Satz — die vierzehn Beiwörter stehen als Attribute, erst das letzte Glied trägt das Verb (samarpayāmaḥ, „wir bringen dar"). Wer die Glieder einzeln liest, liest den Text falsch; sie sind hier nur der Übersicht halber durchnummeriert. Der Kommentar unter jedem Glied stammt aus der Vorlage des Autors und ist hier fortgeführt, berichtigt und ergänzt. Fünf Glieder trugen dort weder Übersetzung noch Erläuterung; sie sind neu. Wo die Schreibung der Vorlage von der regulären abweicht — saṃcāta für saṃjāta, sāśṭhāṃga für sāṣṭāṅga, pādapadhma für pādapadma — ist sie auf deinen Wunsch hin berichtigt und die Berichtigung im Kommentar des jeweiligen Gliedes benannt. Wo unsicher bleibt, ob ein Fehler oder eine Variante vorliegt, steht das als Frage dort statt als stille Änderung.