Viśākhā
Studien-PDF herunterladenविशाखा 16. Nakṣatra · 20°00′ Tulā bis 3°20′ Vṛścika (siderisch) · Herrscher Guru
Viśākhā ist das Nakṣatra der Zweiheit. Sein Name steht im Veda im Dual — viśākhe, „die beiden Zweizweigigen" —, seine Gottheit ist ein Paar, Indra und Agni gemeinsam, und selbst die Kraftformel des Kommentators steht hier als einzige der siebenundzwanzig im Dual. Zugleich ist es der Abschnitt, dessen Sternidentifikation nach dem Urteil des Übersetzers Burgess unsicherer ist als die jedes anderen der Reihe; al-Bīrūnī führte es in seiner Liste schlicht als „unbekannt".
Himmelsabschnitt und Pādas
Viśākhā reicht von 200°00′ bis 213°20′ siderischer Länge. Die Zeichengrenze zwischen Tulā (Waage) und Vṛścika (Skorpion) liegt bei 210°00′ und fällt damit genau auf die Grenze zwischen Pāda 3 und Pāda 4: drei Pādas liegen in Tulā, einer in Vṛścika.
| Pāda | von | bis | Navāṃśa | Puruṣārtha | Silbe |
|---|---|---|---|---|---|
| 1 | 20°00′ Tulā | 23°20′ Tulā | Meṣa | Dharma | ती tī |
| 2 | 23°20′ Tulā | 26°40′ Tulā | Vṛṣabha | Artha | तू tū |
| 3 | 26°40′ Tulā | 30°00′ Tulā | Mithuna | Kāma | ते te |
| 4 | 0°00′ Vṛścika | 3°20′ Vṛścika | Karka | Mokṣa | तो to |
Die Gradgrenzen und die Navāṃśa-Zuordnung sind reine Arithmetik und gegen die eigene Berechnungsbibliothek geprüft. Die Silben stammen aus der Lehrüberlieferung; ein klassischer Vers, der sie festlegt, liess sich nicht nachweisen.
Dass Viśākhā die Zeichengrenze überschreitet, sagen zwei Verse der Merkreihe — einer für die drei Pādas in Tulā, einer für den vierten in Vṛścika:
चित्रार्धं स्वाती विशाखापादत्रयं तुला ।
citrārdhaṃ svātī viśākhāpādatrayaṃ tulā ।
Die [zweite] Hälfte von Citrā, [die vier Pādas von] Svātī und drei Pādas von Viśākhā [bilden] Tulā [die Waage].
Citrārdhaṃ: die Hälfte von Citrā; wörtl. citrā (14. Nakṣatra) + ardha (Hälfte) (n. 1/1). Svātī: Svātī, 15. Nakṣatra (f. 1/1). Viśākhāpādatrayaṃ: drei Pādas von Viśākhā; wörtl. viśākhā (16. Nakṣatra) + pāda (Viertel) + traya (Dreiheit) (n. 1/1). Tulā: Tulā, die Waage (7. Rāśi) (f. 1/1).
Quelle ungeklärt (Ārambha-Kursmaterial, Pt. Sanjay Rath)
विशाखापादम् एकम् अनुराधा ज्येष्ठान्तं वृश्चिकः ।
viśākhāpādam ekam anurādhā jyeṣṭhāntaṃ vṛścikaḥ ।
Ein Pāda von Viśākhā, Anurādhā und [alles weitere] bis zum Ende von Jyeṣṭhā [bilden] Vṛścika [den Skorpion].
Viśākhāpādam: ein Pāda von Viśākhā; wörtl. viśākhā (16. Nakṣatra) + pāda (Viertel) (n. 1/1). Ekam: ein, eines (n. 1/1). Anurādhā: Anurādhā, 17. Nakṣatra (f. 1/1). Jyeṣṭhāntaṃ: mit Jyeṣṭhā (18. Nakṣatra) endend, bis zum Ende von Jyeṣṭhā; wörtl. jyeṣṭhā + anta (Ende) (n. 1/1). Vṛścikaḥ: Vṛścika, der Skorpion (8. Rāśi) (m. 1/1).
Quelle ungeklärt (Ārambha-Kursmaterial, Pt. Sanjay Rath)
Das hat eine Folge, die bei keinem anderen Nakṣatra so gross ausfällt: weil der Varṇa im Heiratsvergleich nach dem Rāśi vergeben wird, springt er innerhalb von Viśākhā vom niedrigsten auf den höchsten Rang — Pādas 1 bis 3 sind śūdra (Tulā), Pāda 4 ist brāhmaṇa (Vṛścika).
Die Devatā
Über den Abschnitt herrschen Indrāgnī — Indra und Agni, und zwar nicht als zwei Gottheiten nebeneinander, sondern als ein Paar, das grammatisch wie ein Dualkompositum behandelt wird. Beide vedischen Listen sagen es übereinstimmend, und Varāhamihira bestätigt es mit dem Kompositum śakrāgni.
Diese Doppelgottheit hat eine sichtbare Folge in der Textüberlieferung: Bṛhat Saṃhitā 97.4 nennt für achtundzwanzig Nakṣatras nur siebzehn Gottheiten — weil Viśākhās Paar als eine Nennung zählt und mehrere Gottheiten mehrfach vorkommen. Wer nachzählt und auf 17 kommt, hat sich nicht verzählt.
Das Mantra der Nakṣatreṣṭi gibt Viśākhā einen Titel, den im ganzen Brāhmaṇa kein anderes Nakṣatra trägt:
nákṣatrāṇām ádhipatnī víśākhe — „Oberherrinnen der Nakṣatras sind die beiden Viśākhā."
Der Vers steht unten. Er ist die stärkste Einzelaussage, die sich für dieses Nakṣatra überhaupt belegen lässt, und sie steht nicht in einem astrologischen Handbuch, sondern im vedischen Ritualtext.
Das eigene Kursmaterial nennt neben Indrāgni auch den Āvāhanīyāgni — das Opferfeuer, in das die Götter gerufen werden. Das ist eine Präzisierung der Agni-Hälfte des Paares und steht so in keiner klassischen Quelle; sie wird hier als Lehrüberlieferung gekennzeichnet.
Der Doppelname
Viśākhā gehört zu vi- („auseinander") und śākhā („Zweig"): „die Zweizweigige", „die mit gespaltenem Ast". Im Veda steht der Name durchgehend im Dual: víśākhe, „die beiden". Bhaṭṭabhāskara legt es so aus: tayor vividhaśākhe vividhakāryarūpe viśākhe — „die beiden Vielzweigigen, die in vielerlei Wirkungen erscheinen".
Anders als bei den Nachbarn gibt es hier keinen Namenswechsel zwischen den Textschichten. Svātī heisst im Brāhmaṇa niṣṭyā, Jyeṣṭhā heisst dort rohiṇī, Mūla mūlavarhaṇī, Mṛgaśiras invakā, Ārdrā bāhū — Viśākhā heisst überall Viśākhā. Was wechselt, ist allein der Numerus: der Veda kennt nur den Dual, die spätere Astrologie den Singular.
Der Dual ist kein Zierat. Er hängt mit der Sternfrage zusammen: die ältesten Autoritäten, die Cākalya-Saṃhitā und das Khaṇḍa-Kaṭaka, rechnen für Viśākhā mit zwei Sternen, spätere mit vier. Burgess vermutet sogar, die auffällige Wahl der Yogatārā sei getroffen worden, „um gegen einen Rückfall des Asterismus in seine ursprüngliche Dualform zu sichern". Dazu unten mehr.
Die Śakti
Jedem Nakṣatra wird eine Śakti zugeschrieben, eine Wirkkraft, in dreigliedriger Form: ein Begriff für die Kraft selbst, dazu etwas „oberhalb" und etwas „unterhalb", und aus dem Zusammentreffen der drei ein Ergebnis. Die beiden äusseren Glieder stehen wörtlich im Taittirīya-Brāhmaṇa — für Viśākhā yugāni, die Joche, und kṛṣamāṇāḥ, die Pflügenden. Das mittlere Glied und das Ergebnis stehen erst im Kommentar, und zwar nicht bei Sāyaṇa, sondern bei Bhaṭṭabhāskara Miśra:
इन्द्राग्नियोर् विशाखे । इन्द्र आसीत् सुरपतिः शतक्रतुः अग्निश् च कृषिं प्रवर्धयति । तयोर् विविधशाखे विविधकार्यरूपे विशाखे । इन्द्राग्न्योर् विविधं कृष्यर्थं यतमानयोस् त्रयं भवति — परस्ताद् युगानि सिराणि । मध्ये कालात्मिके कर्षणकृषिसिद्ध्यनुरूपे व्यापनशक्ती । अवस्तात् कृषमाणाः कृषिसिद्धिं लभमानाः । एतत्त्रयसंपत्तौ कृषिफलपौष्कल्यं भवति ॥
indrāgniyor viśākhe । indra āsīt surapatiḥ śatakratuḥ agniś ca kṛṣiṃ pravardhayati । tayor vividhaśākhe vividhakāryarūpe viśākhe । indrāgnyor vividhaṃ kṛṣyarthaṃ yatamānayos trayaṃ bhavati — parastād yugāni sirāṇi । madhye kālātmike karṣaṇakṛṣisiddhyanurūpe vyāpanaśaktī । avastāt kṛṣamāṇāḥ kṛṣisiddhiṃ labhamānāḥ । etat-traya-saṃpattau kṛṣiphalapauṣkalyaṃ bhavati ॥
Indras und Agnis sind die beiden Viśākhā. Indra war der Götterherr, der Hundertmächtige, und Agni mehrt den Ackerbau. Die beiden „Vielzweigigen", die in vielerlei Wirkungen erscheinen, sind die Viśākhās. Von Indra und Agni, die sich in vielfacher Weise um den Ackerbau mühen, gibt es ein Dreifaches: oberhalb die Joche, die Pflugscharen; in der Mitte die beiden zeitgestaltigen Durchdringungskräfte, dem Pflügen und dem Gelingen der Ernte entsprechend; unterhalb die Pflügenden, die das Gelingen der Ernte erlangen. Wenn diese drei zusammentreffen, entsteht die Fülle der Ackerfrucht.
Indrāgniyor: des Indra und des Agni (m. 6/2). Viśākhe: die beiden Viśākhā (f. 1/2). Indra: Indra (m. 1/1). Āsīt: war (laṅ III/1). Surapatiḥ: Götterherr; wörtl. sura (Gott) + pati (Herr) (m. 1/1). Śatakratuḥ: der Hundertmächtige, Beiname Indras; wörtl. śata (hundert) + kratu (Kraft, Opferwerk) (m. 1/1). Agniś: Agni, der Feuergott (m. 1/1). Ca: und (avy.). Kṛṣiṃ: den Ackerbau (f. 2/1). Pravardhayati: mehrt, lässt wachsen (laṭ III/1). Tayor: der beiden (m. 6/2). Vividhaśākhe: die beiden Vielzweigigen; wörtl. vividha (mannigfaltig) + śākhā (Zweig) (f. 1/2). Vividhakāryarūpe: die in vielerlei Wirkungen erscheinen; wörtl. vividha (mannigfaltig) + kārya (Wirkung) + rūpa (Gestalt) (f. 1/2). Viśākhe: die beiden Viśākhā (f. 1/2). Indrāgnyor: von Indra und Agni (m. 6/2). Vividhaṃ: in vielfacher Weise (avy.). Kṛṣyarthaṃ: um des Ackerbaus willen; wörtl. kṛṣi (Ackerbau) + artha (Zweck) (avy.). Yatamānayos: der beiden sich Mühenden (Part. Präs. med. von √yat) (m. 6/2). Trayaṃ: eine Dreiheit, ein Dreifaches (n. 1/1). Bhavati: es gibt, entsteht (laṭ III/1). Parastād: oberhalb, darüber (avy.). Yugāni: die Joche (n. 1/3). Sirāṇi: die Pflugscharen, Pflüge (n. 1/3). Madhye: in der Mitte (n. 7/1). Kālātmike: die beiden zeitgestaltigen; wörtl. kāla (Zeit) + ātmikā (wesenhaft) (f. 1/2). Karṣaṇakṛṣisiddhyanurūpe: dem Pflügen und dem Gelingen der Ernte entsprechend; wörtl. karṣaṇa (Pflügen) + kṛṣi (Ackerbau) + siddhi (Gelingen) + anurūpa (entsprechend) (f. 1/2). Vyāpanaśaktī: die beiden Durchdringungskräfte; wörtl. vyāpana (Durchdringen) + śakti (Kraft) — der einzige Fall im Dual unter den 27 Formeln (f. 1/2). Avastāt: unterhalb, darunter (avy.). Kṛṣamāṇāḥ: die Pflügenden (Part. Präs. med.) (m. 1/3). Kṛṣisiddhiṃ: das Gelingen der Ernte; wörtl. kṛṣi (Ackerbau) + siddhi (Gelingen) (f. 2/1). Labhamānāḥ: die erlangenden (Part. Präs. med. von √labh) (m. 1/3). Etat-traya-saṃpattau: beim Zusammentreffen dieser drei; wörtl. etad (dies) + traya (Dreiheit) + saṃpatti (Zusammentreffen) (f. 7/1). Kṛṣiphalapauṣkalyaṃ: die Fülle der Ackerfrucht; wörtl. kṛṣi (Ackerbau) + phala (Frucht) + pauṣkalya (Fülle) (n. 1/1). Bhavati: entsteht, wird (laṭ III/1).
Taittirīya-Brāhmaṇa mit Bhaṭṭabhāskara-Bhāṣya, Aṣṭaka 1, hrsg. A. Mahādeva Śāstrī, Mysore 1908, S. 249, Kommentarabschnitt 14. Am Seitenbild gelesen; ein etymologischer Exkurs zwischen viśākhe und indrāgnyor ist hier weggelassen.
Drei Beobachtungen dazu.
Erstens: die Śakti steht im Dual. Kālātmike … vyāpanaśaktī — „die beiden zeitgestaltigen Durchdringungskräfte". Das ist unter den siebenundzwanzig Formeln der einzige Fall; alle anderen haben eine Kraft im Singular (Pūrva- und Uttara-Bhādrapadā haben je einen Plural, aber keinen Dual). Der Grund ist durchsichtig: zwei Gottheiten, zwei Zweige, zwei Kräfte. Die moderne Nakṣatra-Literatur, die für Viśākhā eine einzige Śakti angibt, ebnet das ein — dasselbe geschieht mit dem Dual des Namens.
Zweitens: die Formel ist vom Ackerbau her gedacht. Bhaṭṭabhāskara begründet es mit der Agni-Hälfte des Paares: agniś ca kṛṣiṃ pravardhayati, „und Agni mehrt den Ackerbau". Die Joche sind Pflugscharen, unten stehen die Pflügenden, und das Ergebnis ist die Ernte. Von Indras kriegerischer Seite bleibt nur der Ehrentitel śatakratu.
Drittens steht in jeder der 27 Formeln das Attribut kālātmikā beziehungsweise kālātmā, „zeitgestaltig" — die Kraft ist ausdrücklich die des Zeitlaufs an dieser Himmelsstelle. In der gesamten modernen Wiedergabe fehlt dieses Wort.
Der Steckbrief
Die folgenden Zuschreibungen stammen aus verschiedenen Schichten der Überlieferung. Die Spalte rechts sagt bei jeder, worauf sie sich stützt.
| Himmelsabschnitt | 20°00′ Tulā bis 3°20′ Vṛścika, siderisch Rechnung; Verse zur Pāda-Verteilung |
|---|---|
| Fixsterne | umstritten — ι Librae nach der Sollposition, α² und β Librae nach Whitneys Rekonstruktion, dazu γ Librae; die unsicherste Identifikation der Reihe, siehe unten Sūrya-Siddhānta 8; Whitney in Burgess 1860; Colebrooke; Pingree |
| Herrscher | Guru Viṃśottarī-Reihe |
| Devatā | Indrāgnī, das Paar Indra und Agni Taittirīya-Saṃhitā 4.4.10; Taittirīya-Brāhmaṇa 1.5.1 und 3.1.1; Bṛhat Saṃhitā 97.4 |
| Ehrentitel | nakṣatrāṇām adhipatnī, „Oberherrinnen der Nakṣatras" — im Brāhmaṇa nur hier und nur für Viśākhā Taittirīya-Brāhmaṇa 3.1.1 |
| Śakti | kālātmike vyāpanaśaktī (Dual), „die beiden zeitgestaltigen Durchdringungskräfte" — oberhalb yugāni, die Joche, unterhalb kṛṣamāṇāḥ, die Pflügenden; Ergebnis: die Fülle der Ackerfrucht Bhaṭṭabhāskara zu Taittirīya-Brāhmaṇa 1.5.1 |
| Symbol | Töpferscheibe und weisse Lotusblüte; die Figurentafel der Siddhānta-Literatur nennt toraṇa, den Torbogen eigenes Kursmaterial; Burgess 1860 |
| Namensbedeutung | viśākhā „die Zweizweigige", zu vi- (auseinander) + śākhā (Zweig); im Veda durchgehend im Dual Taittirīya-Saṃhitā 4.4.10; Taittirīya-Brāhmaṇa 1.5.1; Bhaṭṭabhāskara |
| Wesensart | miśra / sādhāraṇa (gemischt, allgemein) — bei Varāhamihira mṛdutīkṣṇa, „sanft-scharf" Bṛhat Saṃhitā 97.11; Muhūrta-Cintāmaṇi 2.5 |
| Gaṇa | rākṣasa Muhūrta-Cintāmaṇi 6.29; Nārada-Saṃhitā 29.127 |
| Yoni (Tier) | Tiger (vyāghra), geteilt mit Citrā Muhūrta-Cintāmaṇi 6.26 |
| Yoni-Geschlecht | unbelegt — die klassische Lehre kennt kein Geschlecht der Yoni, siehe unten Negativbefund, siehe unten |
| Nāḍī | antya (die letzte) Muhūrta-Cintāmaṇi 6.34; Nārada-Saṃhitā 29.141 |
| Varṇa | im Heiratsvergleich śūdra für die Pādas 1–3 (Tulā), brāhmaṇa für Pāda 4 (Vṛścika) — in der Gesellschaftszuordnung dagegen caṇḍālajāti zwei verschiedene Systeme, siehe unten |
| Guṇa | Tamas/Sattva/Rajas im Nakṣatra-Guṇa-Schema — Sattva im Navatārā-Schema eigenes Kursmaterial, zwei Systeme |
| Tattva | Agni (Feuer) eigenes Kursmaterial |
| Loka | Bhuva eigenes Kursmaterial |
| Mukha | adhomukha (abwärtsblickend) Muhūrta-Cintāmaṇi 2.9 |
| Silben | ती tī · तू tū · ते te · तो to Lehrüberlieferung |
| Körperteil | Brüste — im Schema des Nakṣatrapuruṣa, das ab Kṛttikā zählt eigenes Kursmaterial |
| Puruṣārtha | je Pāda Dharma, Artha, Kāma, Mokṣa Lehrüberlieferung |
| Tätigkeiten | Feueropfer, Gemischtes, Freilassen des Stieres; im Übrigen keine eigene Liste — die Frucht heisst „gemischt" Muhūrta-Cintāmaṇi 2.5; Bṛhat Saṃhitā 97.11 |
| Menschengruppen | Bäume mit roten Blüten und Früchten, Sesam, Mungbohnen, Baumwolle, Urdbohnen, Kichererbsen; die Indra und Agni Ergebenen Bṛhat Saṃhitā 15.14 |
| Geburtsdeutung | hochmütig, der Gattin hörig, die Feinde besiegend, überaus zornig; neidisch, gierig, glänzend, redegewandt, streitsüchtig Jātaka-Pārijāta 9.87; Bṛhat Saṃhitā 100.9 |
Wo die Quellen auseinandergehen
Die Sterne. Das ist der schwerste Fall der ganzen Nakṣatra-Reihe und weiter unten eigens behandelt. Burgess hält die Identifikation von Viśākhā für unsicherer als die jedes anderen Asterismus; al-Bīrūnī führt das Nakṣatra als „unbekannt".
Varṇa. Wie überall liegen zwei Systeme übereinander, und bei Viśākhā fällt der Unterschied besonders auf. Im Heiratsvergleich, dem Melāpaka, wird der Varṇa nach dem Rāśi vergeben:
द्विजा झषालिकर्कटास् ततो नृपा विशो ऽङ्घ्रिजाः ।
dvijā jhaṣālikarkaṭās tato nṛpā viśo 'ṅghrijāḥ ।
Brahmanen [sind] Mīna, Vṛścika und Karka; darauf die Fürsten [Kṣatriyas], die Vaiśyas, die Śūdras.
Dvijā: Brahmanen; wörtl. „zweimal Geborene" (m. 1/3). Jhaṣālikarkaṭās: Mīna, Vṛścika und Karka; wörtl. jhaṣa (Fisch = Mīna) + āli (Skorpion = Vṛścika) + karkaṭa (Krebs = Karka) (m. 1/3). Tato: darauf, danach (avy.). Nṛpā: Fürsten, Kṣatriyas; wörtl. nṛ (Mensch) + pa (schützend) (m. 1/3). Viśo: Vaiśyas, die Leute des dritten Standes (f. 1/3). 'ṅghrijāḥ: Śūdras; wörtl. aṅghri (Fuss) + ja (geboren) (m. 1/3).
Der Vers nennt die Brahmanen-Zeichen ausdrücklich: Mīna, Vṛścika und Karka. Der Kommentar löst den Rest auf: mithunatulākumbhā aṅghrijāḥ śūdrāḥ — „Mithuna, Tulā und Kumbha sind die Śūdras."
Daraus folgt für Viśākhā ein Sprung über die volle Spannweite des Systems: die Pādas 1 bis 3 liegen in Tulā und sind śūdra, Pāda 4 liegt in Vṛścika und ist brāhmaṇa. Kein anderes Nakṣatra überschreitet im Melāpaka eine so grosse Distanz. Wer mit dem Aṣṭakūṭa rechnet, muss also zwingend wissen, in welchem Pāda der Mond stand.
Die modernen Tabellen führen für Viśākhā dagegen meist die Sozialklasse aus Bṛhat Saṃhitā 15.30, wo Viśākhā mit Āśleṣā, Śravaṇa und Bharaṇī der caṇḍālajāti zugeordnet wird. Das ist eine gesellschaftsprognostische Zuordnung mit sieben Klassen, kein Kūṭa der Heiratsprüfung, und für den Aṣṭakūṭa unbrauchbar.
Yoni-Geschlecht. Die modernen Tabellen geben für Viśākhā „Tiger, männlich". Das Tier ist belegt, das Geschlecht nicht. Die klassische Lehre kennt vierzehn Tiere für achtundzwanzig Nakṣatras und rechnet ausschliesslich mit Freundschaft und Feindschaft der Arten; der Kommentar zum Muhūrta-Cintāmaṇi zitiert dazu das Daivajñamanohara: aṣṭāviṃśatitārāṇāṃ yonayas tu caturdaśa. Eine gezielte Suche in den Volltexten des Muhūrta-Cintāmaṇi und der Nārada-Saṃhitā nach puṃyoni, strīyoni und verwandten Ausdrücken ergab null Treffer.
Was die Yoni wirklich leistet, ist eine Feindschaftsrechnung: Muhūrta-Cintāmaṇi 6.26 nennt in jedem Versviertel genau zwei Tiere, und genau diese beiden sind einander feind. Viśākhā teilt sich den Tiger mit Citrā; im selben Versviertel steht die Kuh von Uttara-Phalgunī und Uttara-Bhādrapadā. Tiger und Kuh sind das Feindpaar.
Der Klassenname. Varāhamihira sagt mṛdutīkṣṇa, „sanft-scharf" — ein zusammengesetzter Begriff, der die gemischte Frucht ausdrückt. Die spätere Muhūrta-Literatur nennt dieselbe Klasse miśra („gemischt") oder sādhāraṇa („allgemein"). Wer „miśra" schreibt, zitiert den Muhūrta-Cintāmaṇi, nicht die Bṛhat Saṃhitā. Die Klasse umfasst in beiden Werken nur zwei Nakṣatras, Viśākhā und Kṛttikā, und ist damit die kleinste der sieben.
Der Herrscher in der eigenen Grafik. Im eigenen Kursmaterial zeichnet die Übersichtsgrafik der Nakṣatra-Herrscher an der Position, zu der Viśākhā gehört, das Saturn- statt des Jupiter-Symbols. Der Fehler ist in der Grafik, nicht in der Lehre: Herrscher von Viśākhā ist Guru, wie der Fliesstext desselben Kursmaterials, die Herrscherliste und die Viṃśottarī-Rechnung übereinstimmend ergeben.
Wesensart und Tätigkeiten
Die Wahllehre teilt die Nakṣatras nach ihrer Wesensart ein, weil davon abhängt, welche Unternehmung unter ihnen gelingt. Viśākhā gehört mit Kṛttikā zur kleinsten und eigentümlichsten Klasse — der gemischten:
हौतभुजं सविशाखं मृदुतीक्ष्णं तद्विमिश्रफलकारि । श्रवणत्रयम् आदित्यानिले च चरकर्मणि हितानि ॥
hautabhujaṃ saviśākhaṃ mṛdutīkṣṇaṃ tadvimiśraphalakāri । śravaṇatrayam ādityānile ca carakarmaṇi hitāni ॥
Das dem Feueresser gehörende [Kṛttikā] samt Viśākhā ist „sanft-scharf" und bringt eine daraus gemischte Frucht. Die drei Śravaṇa [Śravaṇa, Dhaniṣṭhā, Śatabhiṣaj], das Aditi-Gestirn [Punarvasu] und das des Windes [Svātī] sind günstig beim beweglichen Werk.
Hautabhujaṃ: das dem Feueresser (Agni) gehörende Gestirn, Kṛttikā; wörtl. hutabhuj (Opferesser, Agni) (n. 1/1). Saviśākhaṃ: samt Viśākhā; wörtl. sa (mit) + viśākhā (n. 1/1). Mṛdutīkṣṇaṃ: sanft-scharf - Name der Nakṣatra-Klasse; wörtl. mṛdu (sanft) + tīkṣṇa (scharf) (n. 1/1). Tadvimiśraphalakāri: eine daraus gemischte Frucht bringend; wörtl. tad (das) + vimiśra (gemischt) + phala (Frucht) + kārin (bewirkend) (n. 1/1). Śravaṇatrayam: die drei Śravaṇa (Śravaṇa, Dhaniṣṭhā, Śatabhiṣaj); wörtl. śravaṇa + traya (Dreiheit) (n. 1/1). Ādityānile: das Aditi-Gestirn (Punarvasu) und das des Windes (Svātī); wörtl. āditya (der Aditi gehörend) + anila (Wind) (n. 1/2). Ca: und (avy.). Carakarmaṇi: beim beweglichen Werk; wörtl. cara (beweglich) + karman (Werk) (n. 7/1). Hitāni: günstig, zuträglich (n. 1/3).
Ausgabe H. Kern, Kalkutta 1865; Kapitelzählung dort 98, bei Tripāṭhī 97. Der Vers enthält zwei Klassen in einem: die erste Hälfte gilt Kṛttikā und Viśākhā, die zweite den cara-Nakṣatras.
Das Bemerkenswerte ist, was fehlt. Allen anderen sechs Klassen gibt Varāhamihira eine Liste von Unternehmungen bei: der festen die Weihe und die Aussaat, der scharfen den Anschlag und die Beschwörung, der leichten Handel und Kunst, der sanften Kleider und Gesang. Viśākhā und Kṛttikā bekommen keine eigene Liste — nur den Satz, ihre Frucht sei „daraus gemischt". Wer unter Viśākhā etwas unternimmt, bekommt Sanftes und Scharfes zugleich, und der Text sagt nicht, was überwiegt.
Der Muhūrta-Cintāmaṇi trägt nach, was die spätere Praxis daraus gemacht hat:
विशाखाग्नेयभे सौम्यो मिश्रं साधारणं स्मृतम् । तत्राग्निकार्यं मिश्रं च वृषोत्सर्गादि सिद्धये ॥
viśākhāgneyabhe saumyo miśraṃ sādhāraṇaṃ smṛtam । tatrāgnikāryaṃ miśraṃ ca vṛṣotsargādi siddhaye ॥
Viśākhā, das Agni-Nakṣatra [Kṛttikā] und der Merkurtag [Mittwoch] gelten als miśra „gemischt" und sādhāraṇa „allgemein". Darin [gelingen] das Feueropfer, Gemischtes und das Freilassen des Stieres und dergleichen.
Viśākhāgneyabhe: Viśākhā und das Agni-Gestirn (Kṛttikā); wörtl. viśākhā + āgneya (dem Agni gehörend) + bha (Gestirn) (n. 1/2). Saumyo: Saumya (Budha), der Mittwoch (m. 1/1). Miśraṃ: gemischt - Name der Nakṣatra-Klasse (n. 1/1). Sādhāraṇaṃ: allgemein, gemeinsam - zweiter Name derselben Klasse (n. 1/1). Smṛtam: gilt als, wird gelehrt (n. 1/1). Tatra: darin, dort (avy.). Agnikāryaṃ: das Feueropfer, das Agnihotra; wörtl. agni (Feuer) + kārya (Werk) (n. 1/1). Miśraṃ: Gemischtes, Vermengtes (n. 1/1). Ca: und (avy.). Vṛṣotsargādi: das Freilassen des Stieres und dergleichen; wörtl. vṛṣa (Stier) + utsarga (Entlassung) + ādi (und so fort) (n. 1/1). Siddhaye: zum Gelingen, zum Erfolg (f. 4/1).
Kollationiert aus drei Ausgaben. Der Kommentar löst auf: agnikāryam agnihotram und vṛṣotsargaḥ kāmyaḥ — gemeint ist der als kāmya (wunschgebunden) vollzogene Stierfreilass. Lesart: J und V lesen siddhaye, M siddhyati; metrisch gleichwertig, inhaltlich folgenlos.
Ein anderes Kapitel der Bṛhat Saṃhitā ordnet den Nakṣatras Menschen-, Pflanzen- und Warengruppen zu — es geht dort um Vorzeichendeutung im grossen Massstab:
इन्द्राग्निदैवते रक्तपुष्पफलशाखिनः सतिलमुद्गाः । कर्पासमाषचणकाः पुरन्दरहुताशभक्ताश् च ॥
indrāgnidaivate raktapuṣpaphalaśākhinaḥ satilamudgāḥ । karpāsamāṣacaṇakāḥ purandarahutāśabhaktāś ca ॥
Beim Gestirn mit Indra und Agni als Gottheit [Viśākhā]: Bäume mit roten Blüten und Früchten, samt Sesam und Mungbohnen; Baumwolle, Urdbohnen und Kichererbsen — und die Indra und Agni Ergebenen.
Indrāgnidaivate: beim Gestirn, dessen Gottheit Indra und Agni sind; wörtl. indrāgni + daivata (Gottheit) (n. 7/1). Raktapuṣpaphalaśākhinaḥ: Bäume mit roten Blüten und Früchten; wörtl. rakta (rot) + puṣpa (Blüte) + phala (Frucht) + śākhin (zweigtragend, Baum) (m. 1/3). Satilamudgāḥ: samt Sesam und Mungbohnen; wörtl. sa- (mit) + tila (Sesam) + mudga (Mungbohne) (m. 1/3). Karpāsamāṣacaṇakāḥ: Baumwolle, Urdbohnen und Kichererbsen; wörtl. karpāsa (Baumwolle) + māṣa (Urdbohne) + caṇaka (Kichererbse) (m. 1/3). Purandarahutāśabhaktāś: die Indra und Agni Ergebenen; wörtl. purandara (Burgenbrecher = Indra) + hutāśa (Opferesser = Agni) + bhakta (ergeben) (m. 1/3). Ca: und (avy.).
Ausgabe H. Kern, Kalkutta 1865. Das Kapitel zählt von Kṛttikā an, Viśākhā steht deshalb als vierzehntes. Kapitel 15 trägt in allen geprüften Ausgaben dieselbe Nummer.
Die Liste ist bemerkenswert: sie besteht fast nur aus Feldfrüchten — Sesam, Mungbohne, Baumwolle, Urdbohne, Kichererbse — und aus Bäumen mit roten Blüten. Das passt genau zu Bhaṭṭabhāskaras Deutung der Śakti, die den ganzen Abschnitt vom Ackerbau her denkt, und das Rot passt zu Agni. Wo andere Nakṣatras Berufe und Menschentypen bekommen, bekommt Viśākhā die Ernte.
Der Jātaka-Pārijāta fasst in einem Vers zusammen, was ein unter Hasta, Citrā, Svātī oder Viśākhā Geborener mitbekommt:
हस्तर्क्षे यदि कामधर्मनिरतः प्राज्ञोपकर्ता धनी चित्रायाम् अतिगुप्तशीलनिरतो मानी परस्त्रीरतः । स्वात्यां देवमहीसुरप्रियकरो भोगी धनी मन्दधीः गर्वी दारवशो जितारिर् अधिकक्रोधी विशाखोद्भवः ॥
hastarkṣe yadi kāmadharmanirataḥ prājñopakartā dhanī citrāyām atiguptaśīlanirato mānī parastrīrataḥ । svātyāṃ devamahīsurapriyakaro bhogī dhanī mandadhīḥ garvī dāravaśo jitārir adhikakrodhī viśākhodbhavaḥ ॥
Steht [der Mond] im Hasta-Gestirn, so ist man der Liebe und der Pflicht ergeben, den Weisen hilfreich, vermögend; unter Citrā auf ein sehr verborgenes Wesen bedacht, stolz, an fremden Frauen hängend; unter Svātī tut man Göttern und Brahmanen Angenehmes, ist geniesserisch und vermögend, aber schwachen Verstandes; hochmütig, der Gattin hörig, die Feinde besiegend und überaus zornig ist der unter Viśākhā Geborene.
Hastarkṣe: im Hasta-Gestirn; wörtl. hasta (13. Nakṣatra) + ṛkṣa (Gestirn) (n. 7/1). Yadi: wenn (avy.). Kāmadharmanirataḥ: der Liebe und der Pflicht ergeben; wörtl. kāma (Liebe) + dharma (Pflicht) + nirata (hingegeben) (m. 1/1). Prājñopakartā: den Weisen hilfreich; wörtl. prājña (weise) + upakartṛ (Helfer) (m. 1/1). Dhanī: vermögend, reich (m. 1/1). Citrāyām: unter Citrā, im Nakṣatra Citrā (f. 7/1). Atiguptaśīlanirato: auf ein sehr verborgenes Wesen bedacht; wörtl. ati (über) + gupta (verborgen) + śīla (Wesensart) + nirata (hingegeben) (m. 1/1). Mānī: stolz, auf Ehre bedacht (m. 1/1). Parastrīrataḥ: an fremden Frauen hängend; wörtl. para (fremd) + strī (Frau) + rata (zugetan) (m. 1/1). Svātyāṃ: unter Svātī, im Nakṣatra Svātī (f. 7/1). Devamahīsurapriyakaro: Göttern und Brahmanen Angenehmes tuend; wörtl. deva (Gott) + mahīsura (Erdgott = Brahmane) + priya (angenehm) + kara (machend) (m. 1/1). Bhogī: geniesserisch, den Genüssen zugetan (m. 1/1). Mandadhīḥ: schwachen Verstandes; wörtl. manda (träge, schwach) + dhī (Einsicht) (m. 1/1). Garvī: hochmütig, stolz (m. 1/1). Dāravaśo: der Gattin hörig; wörtl. dāra (Gattin) + vaśa (untertan) (m. 1/1). Jitārir: die Feinde besiegend; wörtl. jita (besiegt) + ari (Feind) (m. 1/1). Adhikakrodhī: überaus zornig; wörtl. adhika (übermässig) + krodhin (zornig) (m. 1/1). Viśākhodbhavaḥ: der unter Viśākhā Geborene; wörtl. viśākhā (16. Nakṣatra) + udbhava (Entstehung, Geburt) (m. 1/1).
Ausgabe V. Subrahmanya Sastri 1932, Bd. I, S. 628; Kashi Sanskrit Series 10 zählt denselben Vers als 9.88.
Die ältere und knappere Fassung steht bei Varāhamihira, und sie sagt dasselbe — was bei diesem Kapitel nicht selbstverständlich ist:
īrṣur lubdho dyutimān vacanapaṭuḥ kalahakṛd viśākhāsu । āḍhyo videśavāsī kṣudhālur aṭano 'nurādhāsu ॥
Unter Viśākhā: neidisch, gierig, glänzend, redegewandt, streitsüchtig. Unter Anurādhā: wohlhabend, in der Fremde wohnend, hungrig, umherziehend.
Īrṣur: neidisch, missgünstig (Lesart Kerns: irṣyur, des Bṛhajjātaka: īrṣyur — blosse Orthographie) (m. 1/1). Lubdho: gierig, habsüchtig (m. 1/1). Dyutimān: glänzend, mit Glanz begabt (m. 1/1). Vacanapaṭuḥ: redegewandt; wörtl. vacana (Rede) + paṭu (gewandt) (m. 1/1). Kalahakṛd: streitsüchtig, Streit machend; wörtl. kalaha (Streit) + kṛt (machend) (m. 1/1). Viśākhāsu: unter Viśākhā (Plural, wie der Name im Veda mehrgliedrig gebraucht wird) (f. 7/3). Āḍhyo: wohlhabend, begütert (m. 1/1). Videśavāsī: in der Fremde wohnend; wörtl. videśa (Ausland) + vāsin (wohnend) (m. 1/1). Kṣudhālur: hungrig, mit grossem Appetit (m. 1/1). Aṭano: umherziehend, wandernd (m. 1/1). 'nurādhāsu: unter Anurādhā (Plural wie oben) (f. 7/3).
Wortlaut nach dem GRETIL-Text der Ausgabe A. V. Tripāṭhī (mit Kerns Apparat) und der Bṛhajjātaka-Ausgabe Oriental Books Reprint Corporation 1979. An dieser Stelle weichen die Zeugen nur orthographisch voneinander ab — anders als bei Hasta und Svātī, wo die Lesarten den Sinn kippen. Die Devanāgarī dieses Kapitels ist in der benutzten Quelle nicht mitgeführt.
Beide Werke fallen hart aus: Neid, Gier, Streitsucht, Zorn, Gattenhörigkeit. Dazwischen stehen zwei positive Züge, dyutimān („glänzend") und vacanapaṭu („redegewandt") — die gemischte Frucht der miśra-Klasse spiegelt sich in der Charakterzeichnung wieder.
Die Sterne des Asterismus
Die Sterne der Waage im Abschnitt der Viśākhā. Der offene Kreis ist die Sollposition der Yogatārā nach Sūrya-Siddhānta; sie trifft ι Librae — den schwächsten Stern der Gruppe, hier eigens eingekreist. Die modernen Tabellen nennen meist α Librae. θ Librae, von Colebrooke erwogen, liegt heute bereits im nächsten Abschnitt. Massstab in Länge und Breite gleich; Punktgrösse nach scheinbarer Helligkeit. Siderische Länge zum Stichjahr 2025,0 mit dem Ayanāṃśa nach Lahiri; ekliptikale Breite J2000,0.
Koordinaten aus SIMBAD (Abruf 15. September 2026); Sollposition der Yogatārā aus Sūrya-Siddhānta 8.2 und 8.6 nach Burgess 1860.
Hier liegt der schwierigste Fall der ganzen Nakṣatra-Reihe, und Burgess sagt es selbst mit ungewöhnlicher Deutlichkeit: die Identifikation von Viśākhā sei „in some respects more doubtful than that of any other asterism in the series" — in mancher Hinsicht zweifelhafter als die jedes anderen Asterismus der Reihe. Al-Bīrūnī, der die indische Sternkunde im 11. Jahrhundert für ein arabisches Publikum ordnete, musste Viśākhā in seiner Liste als „unbekannt" führen.
Die Zeugen widersprechen einander in jeder Hinsicht: in der Zahl der Sterne, in der Wahl der Yogatārā und in der Lageangabe.
| Autorität | Gruppe | Yogatārā |
|---|---|---|
| Cākalya-Saṃhitā, Khaṇḍa-Kaṭaka | 2 Sterne | — |
| Sollposition des Sūrya-Siddhānta | — | ι Librae (4,5ᵐ) |
| Colebrooke (1807) | — | θ oder χ Librae |
| Whitney / Burgess (1860) | ursprünglich α + β, später um ι und γ erweitert | α / β Librae |
| Pingree | — | ι Librae |
| moderne Standardtabelle | α, β, γ, ι Librae | meist α (Zubenelgenubi) |
Der Kern der Schwierigkeit ist dieser: die Sollposition des Sūrya-Siddhānta trifft den schwächsten Stern der Gruppe. ι Librae hat 4,5 Grössenklassen, während α² und β Librae mit 2,75 und 2,62 fast zehnmal heller sind. Nach der allgemeinen Regel in Sūrya-Siddhānta 8.19 soll aber, wo keine besondere Lageangabe vorliegt, der sthūla, der hellste Stern, die Yogatārā sein — und für Viśākhā liegt eine besondere Angabe vor, nämlich 8.16: die nördliche.
Burgess hat für die merkwürdige Wahl eine Vermutung: sie sei getroffen worden „in order to insure against the reversion of the asterism to its original dual form" — um zu verhindern, dass der Abschnitt in seine ursprüngliche Zweisternform zurückfalle. Er hält es ausserdem für vertretbar, die Lageangabe „nördlich" in 8.16 zu „südlich" zu ändern. Das ist eine Konjektur, keine Lesart; man sollte sie kennen und muss sie nicht übernehmen. Der Dissens bleibt hier offen.
Der Dualname stützt dabei die Zweisternfassung. Wie bei Aśvinī, dessen älterer Name ebenfalls im Dual steht, spricht der grammatische Numerus für eine ursprünglich zweigliedrige Figur — und viśākhā, „die Zweizweigige", sagt dasselbe noch einmal mit dem Wortsinn. Die Doppelgottheit Indrāgnī fügt sich ein. Wer dem folgt, kommt auf α und β Librae, die beiden hellen Sterne, die im Westen die Waagschalen bilden.
Die Sterne im Katalog
| ι Lib | α² Lib | β Lib | γ Lib | θ Lib | |
|---|---|---|---|---|---|
| Eigenname | — | Zubenelgenubi | Zubeneschamali | — | — |
| HR | 5652 | 5531 | 5685 | 5787 | 5908 |
| HD | 134759 | 130841 | 135742 | 138905 | 142198 |
| HIP | 74392 | 72622 | 74785 | 76333 | 77853 |
| Helligkeit V | 4,54 | 2,75 | 2,62 | 3,91 | 4,16 |
| Spektraltyp | B9IVpSi | kA2hA5mA4IV-V | B8Vn | G8.5III | G9IIIb |
| Rektaszension | 15ʰ 12ᵐ 13,3ˢ | 14ʰ 50ᵐ 52,7ˢ | 15ʰ 17ᵐ 00,4ˢ | 15ʰ 35ᵐ 31,6ˢ | 15ʰ 53ᵐ 49,5ˢ |
| Deklination | −19° 47′ 30,2″ | −16° 02′ 30,4″ | −9° 22′ 58,5″ | −14° 47′ 22,3″ | −16° 43′ 45,5″ |
| Ekl. Länge J2000 | 231° 00′ | 225° 05′ | 229° 22′ | 235° 08′ | 239° 52′ |
| Ekl. Breite J2000 | −1° 51′ | +0° 20′ | +8° 30′ | +4° 23′ | +3° 28′ |
Rektaszension und Deklination gelten für Äquinoktium und Epoche J2000,0; die Werte stammen aus SIMBAD. Entfernungen und Flamsteed-Nummern sind in der hier benutzten Erhebung nicht mitgeführt.
Die beiden arabischen Eigennamen sagen dasselbe wie das indische Sternbild anders: az-zubānā al-janūbiyya und aš-šamāliyya, „die südliche" und „die nördliche Schere" — beide gehörten ursprünglich zum Skorpion, dessen Scheren die Waage einst war. β Librae ist übrigens der einzige helle Stern des Himmels, den Beobachter gelegentlich als grünlich beschreiben.
Wo die Sterne heute stehen
| Stern | Lahiri | Krishnamurti | Raman | True Citrā | Fagan/Bradley |
|---|---|---|---|---|---|
| α² Lib | 21°14′ Tulā | 21°19′ | 22°40′ | 21°15′ | 20°21′ |
| β Lib | 25°31′ Tulā | 25°37′ | 26°58′ | 25°32′ | 24°38′ |
| ι Lib | 27°09′ Tulā | 27°15′ | 28°36′ | 27°10′ | 26°16′ |
| γ Lib | 1°17′ Vṛścika | 1°23′ | 2°44′ | 1°18′ | 0°24′ |
| θ Lib | 6°01′ Vṛścika | 6°07′ | 7°28′ | 6°02′ | 5°08′ |
Alle Werte sind siderische Längen für 2025,0; Viśākhā reicht von 20°00′ Tulā bis 3°20′ Vṛścika.
Und hier zeigt die Rechnung etwas Versöhnliches: ι, α², β und γ Librae liegen bei allen fünf Ayanāṃśas innerhalb von Viśākhā. Welche Identifikation man auch wählt — die Abschnittslage ändert sich nicht. Der jahrhundertealte Streit um die Yogatārā ist für die Frage, wo der Abschnitt am Himmel steht, folgenlos.
Ein Kandidat fällt allerdings heraus, und zwar eindeutig: θ Librae, von Colebrooke erwogen, liegt bei allen fünf Ayanāṃśas bereits in Anurādhā, zwischen 5°08′ und 7°28′ Vṛścika. Das ist ein eigenständiges Argument gegen Colebrookes Vorschlag — eines, das nicht aus der Textkritik kommt, sondern aus der Rechnung.
Die Sollposition des Sūrya-Siddhānta selbst — dhruvaka 213°00′, vikṣepa 1°30′ südlich — ergibt für das Jahr 560 eine ekliptikale Länge von 213°31′ bei einer Breite von −1°24′; Whitneys eigene Reduktion lautet 213°31′ und 1°25′ S, die Übereinstimmung liegt also bei einer Bogenminute. Im heutigen Lahiri-Rahmen entspricht das 29°43′ Tulā — knapp innerhalb des Abschnitts, im dritten Pāda. Die Grafik oben zeigt diesen Punkt als offenen Kreis.
Sichtbarkeit
Von mitteleuropäischer Breite — rund 47° Nord — kulminieren die Sterne der Gruppe zwischen 23,1° und 33,5° hoch; die Yogatārā ι Librae erreicht nur 23,1 Grad. Viśākhā gehört damit zu den tief stehenden Nakṣatras und verlangt einen freien Südhorizont. β und α Librae sind mit 2,6 und 2,8 Grössenklassen auch in dieser Höhe gut zu finden; ι Librae mit 4,5ᵐ dagegen braucht einen wirklich dunklen Himmel und bleibt in einer beleuchteten Agglomeration meist unsichtbar. Dass ausgerechnet dieser Stern die Yogatārā sein soll, ist am Himmel also noch schwerer nachzuvollziehen als am Text.
Um Mitternacht kulminiert die Gruppe um den 12. Mai, die Sonnenkonjunktion fällt auf den 13. November; rund vier Wochen davor und danach ist sie unsichtbar.
Die Verse
Die älteste Stelle, die Viśākhā nennt, steht in der Taittirīya-Saṃhitā — und sie nennt es im Dual:
विशाखे नक्षत्रम् इन्द्राग्नी देवता
víśākhe nákṣatram indrāgnī́ devátā
Die beiden Viśākhā sind das Nakṣatra, Indra-und-Agni sind die Gottheit.
Viśākhe: die beiden Viśākhā, „die Zweizweigigen" — 16. Nakṣatra, im Dual (f. 1/2). Nakṣatram: Nakṣatra, Gestirn, Mondhaus (n. 1/1). Indrāgnī: Indra und Agni, das Götterpaar (Dvandva im Dual) (m. 1/2). Devatā: Gottheit (f. 1/1).
Wortlaut nach TITUS (akzentuierte Umschrift, auf Grundlage der Ausgabe Albrecht Weber, Leipzig 1871–72); Devanāgarī-Ausgabe bei sanskritdocuments.org. Keith beschreibt die Anordnung der Nakṣatra-Ziegel um den durchbohrten Stein: sie beginnt im Südosten mit Kṛttikā und endet mit Viśākhā, um im Nordwesten mit Anurādhā neu anzusetzen.
Das Taittirīya-Brāhmaṇa führt dieselbe Reihe, stellt die Gottheit in den Genitiv voran und fügt das Begriffspaar „oberhalb / unterhalb" bei:
इन्द्राग्नियोर् विशाखे । युगानि परस्तात् कृषमाणा अवस्तात् ॥
indrāgniyór víśākhe । yugā́ni parástāt kr̥ṣámāṇā avástāt ॥
Des Indra und des Agni sind die beiden Viśākhā. Die Joche oberhalb, die Pflügenden unterhalb.
Indrāgniyor: des Indra und des Agni (m. 6/2). Viśākhe: die beiden Viśākhā, 16. Nakṣatra (f. 1/2). Yugāni: die Joche (n. 1/3). Parastāt: oberhalb, darüber, jenseits (avy.). Kṛṣamāṇā: die Pflügenden (Part. Präs. med. von √kṛṣ) (m. 1/3). Avastāt: unterhalb, darunter, diesseits (avy.).
Umschrift nach TITUS, Devanāgarī nach sanskritdocuments.org. Dieses Begriffspaar ist die Grundlage der Śakti-Formel weiter oben.
Die stärkste Primärstelle ist das Mantra der Nakṣatreṣṭi. Seine zweite Hälfte enthält den Ehrentitel, der im ganzen Brāhmaṇa nur hier steht:
नक्षत्राणाम् अधिपत्नी विशाखे । श्रेष्ठाव् इन्द्राग्नी भुवनस्य गोपौ । विषूचः शत्रून् अपबाधमानौ । अप क्षुधं नुदताम् अरातिम् ॥
nákṣatrāṇām ádhipatnī víśākhe । śréṣṭhāv indrāgnī́ bhúvanasya gopáu । víṣūcaḥ śátrūn apabā́dhamānau । ápa kṣúdhaṃ nudatām árātim ॥
Oberherrinnen der Nakṣatras sind die beiden Viśākhā; die besten sind Indra und Agni, die beiden Hüter der Welt. Die Feinde nach allen Seiten abwehrend, sollen die beiden den Hunger und den Unhold forttreiben.
Nakṣatrāṇām: der Nakṣatras, der Gestirne (n. 6/3). Adhipatnī: Oberherrinnen (vedische Dualform der ī-Stämme); wörtl. adhi (über) + patnī (Herrin) (f. 1/2). Viśākhe: die beiden Viśākhā, 16. Nakṣatra (f. 1/2). Śreṣṭhāv: die beiden besten, vorzüglichsten (m. 1/2). Indrāgnī: Indra und Agni (m. 1/2). Bhuvanasya: der Welt, des Weltalls (n. 6/1). Gopau: die beiden Hüter, Wächter (m. 1/2). Viṣūcaḥ: nach allen Seiten auseinandergehend (m. 2/3). Śatrūn: die Feinde (m. 2/3). Apabādhamānau: die beiden abwehrenden, zurückdrängenden (Part. Präs. med.) (m. 1/2). Apa: weg, fort (avy.). Kṣudhaṃ: den Hunger (f. 2/1). Nudatām: die beiden sollen forttreiben, verscheuchen (loṭ III/2). Arātim: den Unhold, die Missgunst; wörtl. a- (un-) + rāti (Gabe, Freigebigkeit) (f. 2/1).
Umschrift nach TITUS; Devanāgarī mit Svaras nach sanskritdocuments.org (nakṣatrasūktam). Die erste Hälfte des Mantras — hier nicht mitgesetzt — bittet, die Feinde möchten erschrocken weichen, die Götter dem Opfer zujubeln und Furchtlosigkeit von hinten und von vorn herrschen. Der Ausdruck nakṣatrāṇām adhipatnī kommt im Taittirīya-Brāhmaṇa nur an dieser Stelle und nur für Viśākhā vor.
Der Merkvers, mit dem die Reihe der Nakṣatra-Namen gelernt wird, schliesst seine zweite Zeile mit Viśākhā:
पूर्वाफाल्गुनिका तस्माद् उत्तराफाल्गुनी ततः । हस्तश् चित्रा तथा स्वाती विशाखा तदनन्तरम् ॥
pūrvāphālgunikā tasmād uttarāphālgunī tataḥ । hastaś citrā tathā svātī viśākhā tadanantaram ॥
Danach Pūrvāphālgunī, darauf Uttarāphālgunī; Hasta, Citrā und ebenso Svātī, danach Viśākhā.
Pūrvāphālgunikā: Pūrvāphālgunī, 11. Nakṣatra (f. 1/1). Tasmād: danach, darauf (Ablativ) (n. 5/1). Uttarāphālgunī: Uttarāphālgunī, 12. Nakṣatra (f. 1/1). Tataḥ: darauf (avy.). Hastaś: Hasta, 13. Nakṣatra (m. 1/1). Citrā: Citrā, 14. Nakṣatra (f. 1/1). Tathā: ebenso (avy.). Svātī: Svātī, 15. Nakṣatra (f. 1/1). Viśākhā: Viśākhā, 16. Nakṣatra (f. 1/1). Tadanantaram: danach, unmittelbar darauf (avy.).
Quelle ungeklärt (Ārambha-Kursmaterial, Pt. Sanjay Rath). Bemerkenswert: der Merkvers gebraucht den Singular viśākhā, während beide vedischen Listen den Dual viśākhe setzen.
Grammatikangaben im Glossar sind unter Grammatik-Abkürzungen erklärt.
Zur Quellenlage dieses Portraits
Die Angaben oben ruhen auf ungleichem Grund, und das soll sichtbar bleiben.
Sicher ist alles Rechnerische: die Gradgrenzen, die vier Pādas, ihre Navāṃśa-Zeichen, die Verteilung auf Tulā und Vṛścika. Das folgt aus der Einteilung selbst und ist gegen die eigene Berechnungsbibliothek geprüft. Sicher ist auch der Herrscher Guru aus der Viṃśottarī-Reihe — auch wenn die Übersichtsgrafik des eigenen Kursmaterials an dieser Stelle ein falsches Planetensymbol trägt.
Am Originalvers belegt sind: die Doppelgottheit Indrāgnī und der Dualname (Taittirīya-Saṃhitā 4.4.10, Taittirīya-Brāhmaṇa 1.5.1 und 3.1.1, Bṛhat Saṃhitā 97.4), der Ehrentitel nakṣatrāṇām adhipatnī (Taittirīya-Brāhmaṇa 3.1.1), die Śakti samt ihren drei Gliedern und ihrem Dual (Bhaṭṭabhāskara zum Brāhmaṇa), die Wesensart (Bṛhat Saṃhitā 97.11, Muhūrta-Cintāmaṇi 2.5), die Waren- und Menschengruppen (Bṛhat Saṃhitā 15.14), Gaṇa, Yoni und Nāḍī (Muhūrta-Cintāmaṇi 6.29, 6.26, 6.34), das Mukha (Muhūrta-Cintāmaṇi 2.9) sowie die Geburtsdeutung (Jātaka-Pārijāta 9.87 und Bṛhat Saṃhitā 100.9).
Die Sternidentifikation ist die unsicherste der ganzen Reihe. Das ist kein Mangel dieses Portraits, sondern der Befund selbst, und er wird hier nicht geglättet: die Sollposition trifft den schwächsten Stern der Gruppe, Colebrooke meinte einen Stern, der heute im Nachbarabschnitt liegt, Whitney rekonstruiert eine ursprüngliche Zweisternfassung, die modernen Tabellen nennen einen vierten Kandidaten, und al-Bīrūnī gab auf. Immerhin: für die Abschnittslage ist der Streit folgenlos, weil alle ernsthaften Kandidaten heute innerhalb von Viśākhā stehen.
Nicht belegt und deshalb markiert oder ganz weggelassen: das Geschlecht der Yoni, für das die klassische Lehre gar keinen Platz hat; die Himmelsrichtung; die Namenssilben; das Symbol von Töpferscheibe und Lotus, für das sich kein Vers finden liess; die Devatā Āvāhanīyāgni, die nur in der Kursüberlieferung steht.
Widersprüche, die stehen bleiben. Erstens die Sternfrage in allen ihren Teilen — Zahl, Yogatārā und Lageangabe. Zweitens Burgess' Konjektur, „nördlich" in Sūrya-Siddhānta 8.16 sei zu „südlich" zu ändern: sie wird genannt, aber nicht übernommen, weil keine Handschrift sie stützt. Drittens der Varṇa, der im Melāpaka zwei Werte hat und in der Gesellschaftszuordnung einen dritten. Viertens der Klassenname miśra, den die Muhūrta-Literatur führt und Varāhamihira nicht kennt. Fünftens die Frage, ob śakra in Bṛhat Saṃhitā 97.12 Jyeṣṭhā oder Viśākhā meint — die Schur-Liste bleibt deshalb aus dem Steckbrief heraus.
Nicht verwendet wurde die in moderner Nakṣatra-Literatur übliche Einzahl-Śakti. Der Kommentar setzt an dieser Stelle einen Dual, und der Dual ist gerade der Befund: Doppelname, Doppelgottheit, Doppelkraft.
Bei den Versen ist zu unterscheiden. Die Taittirīya-Stellen, der Kommentar Bhaṭṭabhāskaras und die Verse aus Bṛhat Saṃhitā, Muhūrta-Cintāmaṇi und Jātaka-Pārijāta sind edierter Text mit nachprüfbarer Fundstelle. Der Merkvers der Nakṣatra-Namen und die beiden Verse zur Pāda-Verteilung dagegen stammen aus einem Kursmaterial, dessen Wortlaut keiner Stelle eines klassischen Werks zugeordnet werden konnte.
Was noch offen ist: χ Librae, von Colebrooke neben θ genannt, wurde nicht gerechnet. Der Sanskritwortlaut der Cākalya-Saṃhitā und des Khaṇḍa-Kaṭaka, auf denen die Zweisternfassung beruht, wurde nicht beschafft; beide stehen hier nur nach Burgess’ Referat, ebenso Colebrookes eigene Position. Sāyaṇas Wortlaut zu Taittirīya-Brāhmaṇa 1.5.1 wurde für Viśākhā nicht eingesehen. Entfernungen und Flamsteed-Nummern der fünf Sterne wurden in der zugrundeliegenden Erhebung nicht erfasst.