Uttara-Phalgunī
Studien-PDF herunterladenउत्तरफल्गुनी 12. Nakṣatra · 26°40′ Siṃha bis 10°00′ Kanyā (siderisch) · Herrscher Sūrya
Uttara-Phalgunī, „die hintere Phalgunī", ist die zweite Hälfte jenes Doppel-Nakṣatras, dessen erste Hälfte im vorhergehenden Abschnitt steht. Am Himmel teilen sich beide eine einzige Figur — ein Viereck aus vier Sternen im Hinterteil des Löwen, das die Überlieferung als Bett deutet. Drei Dinge machen diesen Abschnitt besonders: er läuft über eine Zeichengrenze und liegt damit in zwei Rāśis; seine Gottheit ist zwischen der vedischen und der astrologischen Überlieferung vertauscht; und das Sūrya-Siddhānta widerspricht bei ihm sich selbst.
Himmelsabschnitt und Pādas
Uttara-Phalgunī reicht von 146°40′ bis 160°00′ siderischer Länge. Es ist eines der neun Nakṣatras, die über eine Zeichengrenze hinweg liegen: der erste Pāda gehört noch zu Siṃha (Löwe), die übrigen drei zu Kanyā (Jungfrau). Die Navāṃśa-Zeichen sind Dhanus, Makara, Kumbha und Mīna — Pāda 1 ist der neunte und letzte Navāṃśa von Siṃha, mit Pāda 2 beginnt Kanyā, ein zweiwesiges Zeichen, dessen Navāṃśa-Reihe beim fünften Zeichen von ihm aus einsetzt, also bei Makara.
| Pāda | von | bis | Rāśi | Navāṃśa | Puruṣārtha | Silbe |
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1 | 26°40′ | 30°00′ | Siṃha | Dhanus | Dharma | टे ṭe |
| 2 | 0°00′ | 3°20′ | Kanyā | Makara | Artha | टो ṭo |
| 3 | 3°20′ | 6°40′ | Kanyā | Kumbha | Kāma | पा pā |
| 4 | 6°40′ | 10°00′ | Kanyā | Mīna | Mokṣa | पी pī |
Die Gradgrenzen und die Navāṃśa-Zuordnung sind reine Arithmetik und gegen die eigene Berechnungsbibliothek geprüft. Die Silben stammen aus der Lehrüberlieferung; ein klassischer Vers, der sie festlegt, liess sich nicht nachweisen.
Dass die Aufteilung eins zu drei lautet, sagen zwei Verse — je einer für jedes der beiden Zeichen:
मघा च पूर्वाफाल्गुनी उत्तराफाल्गुनीपादम् एकं सिंहः ।
maghā ca pūrvāphālgunī uttarāphālgunīpādam ekaṃ siṃhaḥ ।
[Die vier Pādas von] Maghā und Pūrvāphālgunī sowie ein Pāda von Uttarāphālgunī [bilden] Siṃha [den Löwen].
Maghā: Maghā, 10. Nakṣatra (f. 1/1). Ca: und (avy.). Pūrvāphālgunī: Pūrvāphālgunī, 11. Nakṣatra (f. 1/1). Uttarāphālgunīpādam: ein Pāda von Uttarāphālgunī; wörtl. uttarāphālgunī (12. Nakṣatra) + pāda (Viertel) (n. 1/1). Ekaṃ: ein, eines (n. 1/1). Siṃhaḥ: Siṃha, der Löwe (5. Rāśi) (m. 1/1).
Quelle ungeklärt (Ārambha-Kursmaterial, Pt. Sanjay Rath)
उत्तराफाल्गुन्यास् त्रयः पादा हस्तश् चित्रार्धं कन्या ।
uttarāphālgunyās trayaḥ pādā hastaś citrārdhaṃ kanyā ।
Drei Pādas von Uttarāphālgunī, [die vier von] Hasta und die [erste] Hälfte von Citrā [bilden] Kanyā [die Jungfrau].
Uttarāphālgunyās: von Uttarāphālgunī, 12. Nakṣatra (f. 6/1). Trayaḥ: drei (m. 1/3). Pādā: Pādas, Viertel (m. 1/3). Hastaś: Hasta, 13. Nakṣatra (m. 1/1). Citrārdhaṃ: die Hälfte von Citrā; wörtl. citrā (14. Nakṣatra) + ardha (Hälfte) (n. 1/1). Kanyā: Kanyā, die Jungfrau (6. Rāśi) (f. 1/1).
Quelle ungeklärt (Ārambha-Kursmaterial, Pt. Sanjay Rath)
Diese Teilung hat eine praktische Folge, die in den Tabellen fast immer untergeht: im Heiratsvergleich, wo der Varṇa nach dem Rāśi vergeben wird, hat Uttara-Phalgunī deshalb zwei Varṇas — kṣatriya, solange der Mond im ersten Pāda steht, vaiśya in den übrigen drei. Das ist keine Ungenauigkeit der Überlieferung, sondern folgt zwingend aus dem Vers, der den Varṇa festlegt.
Die Devatā
Auch hier ist zuerst zu sagen, was die Quellen sagen, und erst danach, was die Tabellen sagen.
Die vedischen Zeugen nennen Bhaga. Die Taittirīya-Saṃhitā führt beide Phalgunīs unter demselben Namen und unterscheidet sie ausschliesslich durch die Gottheit; die zweitgenannte — also die hintere — hat Bhaga. Das Taittirīya-Brāhmaṇa sagt es ausdrücklich: bhágasya úttare, „des Bhaga sind die hinteren". Der Opfermantra des Nakṣatra-Sūkta für diesen Abschnitt ist ein Bhaga-Mantra und lässt keinen Zweifel: bhágo devī́ḥ phálgunīr ā́viveśa — „Bhaga ist in die göttlichen Phalgunīs eingegangen". Und Bhaṭṭabhāskara Miśra, der älteste greifbare Kommentator, liest ebenso.
Die astrologische Überlieferung nennt Aryaman — seit Varāhamihira im 6. Jahrhundert. Dessen Gottheitsliste in Bṛhat Saṃhitā 97.4 gibt für das zwölfte Nakṣatra aryaman; sein Vorzeichenkapitel nennt es āryamṇa, „das Aryaman-Gestirn"; der Muhūrta-Cintāmaṇi folgt ihm; die modernen Tabellen tun dasselbe, und auch das Kursmaterial, aus dem dieses Portrait sonst schöpft.
Die Vertauschung ist also nicht modern, sondern mindestens anderthalbtausend Jahre alt. Was nicht zutrifft, ist der Satz, den man häufig liest: dass „Uttara-Phalgunī = Aryaman" vedisch sei. Die vedischen Quellen stehen einhellig dagegen. Beide Fassungen gehören genannt, und die vedische muss als vedisch gekennzeichnet werden.
Wer ist Bhaga? Einer der Ādityas, der Gott des Anteils und des Zuteilens und damit des Glücks; sein Name steckt in bhāgya, „Schicksal, Los", und in subhaga, „anmutig, vom Glück begünstigt" — einem Wort, mit dem ausgerechnet Varāhamihira die unter diesem Gestirn Geborenen beschreibt. Der Ṛgveda ruft Bhaga als Geber an, und genau so liest ihn der Opfermantra. Wer ist Aryaman? Ebenfalls ein Āditya, der Gott der Gastfreundschaft, der Bündnisse und vor allem der Ehe. Beide stehen dem Heiratszusammenhang nah, in dem die Phalgunīs überhaupt gedeutet werden — das erklärt, wie die Verwechslung möglich war, macht sie aber nicht richtig.
Die Śakti
Das Taittirīya-Brāhmaṇa gibt für Uttara-Phalgunī das Paar vahatavaḥ, „die Brautzüge" beziehungsweise das mitgeführte Brautgut, oberhalb und vahamānāḥ, „die Fahrenden", unterhalb. Das mittlere Glied und das Ergebnis stehen erst im Kommentar — und zwar nicht bei Sāyaṇa, sondern bei Bhaṭṭabhāskara Miśra:
भगस्य उत्तरे फल्गुन्यौ । भरणस्य धनं भाजयतस् त्रयं भवति । परस्ताद् वहतवः पितृकुलान् नीयमानं धनं वहतुः । मध्ये कालात्मिका चायनीशक्तिः । अवस्ताद् वहमानाः वहतून् वध्वा पतिकुलं प्रापयन्तो वोढारः । एतत्त्रयसंपत्तौ फलं संपन्नं भवति ॥
bhagasya uttare phalgunyau । bharaṇasya dhanaṃ bhājayatas trayaṃ bhavati । parastād vahatavaḥ pitṛkulān nīyamānaṃ dhanaṃ vahatuḥ । madhye kālātmikā cāyanīśaktiḥ । avastād vahamānāḥ vahatūn vadhvā patikulaṃ prāpayanto voḍhāraḥ । etattrayasaṃpattau phalaṃ saṃpannaṃ bhavati ॥
„Des Bhaga sind die hinteren" - die beiden Phalgunīs. Von dem, der das Gut der Ernährung zuteilt, gibt es ein Dreifaches: oberhalb die Mitgiftgüter, das aus dem Vaterhaus mitgeführte Gut; in der Mitte die zeitgestaltige Kraft des Ansammelns; unterhalb die Fahrenden, die Träger, die mit der Braut die Mitgift ins Haus des Gatten bringen. Wenn diese drei zusammentreffen, ist die Frucht erlangt.
Bhagasya: des Bhaga (m. 6/1). Uttare: die beiden hinteren (f. 1/2). Phalgunyau: die beiden Phalgunīs (Auflösung des Lemmas durch den Kommentar) (f. 1/2). Bharaṇasya: der Ernährung, des Unterhalts (n. 6/1). Dhanaṃ: das Gut, das Vermögen (n. 2/1). Bhājayatas: des Zuteilenden (Kausativ-Partizip zu bhaj- „teilen") (m. 6/1). Trayaṃ: eine Dreiheit (n. 1/1). Bhavati: es gibt, entsteht (laṭ III/1). Parastād: oberhalb, darüber (avy.). Vahatavaḥ: die Mitgiftgüter, das Brautgut (m. 1/3). Pitṛkulān: aus dem Vaterhaus; wörtl. pitṛ (Vater) + kula (Familie, Haus) (n. 5/1). Nīyamānaṃ: mitgeführt, fortgeleitet (Passivpartizip zu nī-) (n. 1/1). Dhanaṃ: Gut, Vermögen (n. 1/1). Vahatuḥ: heisst vahatu, „Mitgift" (m. 1/1). Madhye: in der Mitte (n. 7/1). Kālātmikā: zeitgestaltig, deren Wesen die Zeit ist; wörtl. kāla (Zeit) + ātmikā (wesenhaft) (f. 1/1). Cāyanīśaktiḥ: die Kraft des Ansammelns und Ehrens; wörtl. cāyanī (sammelnd, ehrend) + śakti (Kraft) (f. 1/1). Avastād: unterhalb, darunter (avy.). Vahamānāḥ: die Fahrenden, die Führenden (m. 1/3). Vahatūn: die Mitgiftgüter (m. 2/3). Vadhvā: mit der Braut (f. 3/1). Patikulaṃ: in das Haus des Gatten; wörtl. pati (Gatte) + kula (Haus) (n. 2/1). Prāpayanto: hinbringend (Kausativ-Partizip zu pra-āp-) (m. 1/3). Voḍhāraḥ: die Träger, die Fahrer (m. 1/3). Etattrayasaṃpattau: beim Zusammentreffen dieser drei; wörtl. etad (dies) + traya (Dreiheit) + saṃpatti (Zusammentreffen) (f. 7/1). Phalaṃ: die Frucht, der Ertrag (n. 1/1). Saṃpannaṃ: erlangt, zustande gekommen (n. 1/1). Bhavati: wird, ist (laṭ III/1).
Taittirīya-Brāhmaṇa mit Bhaṭṭabhāskara-Bhāṣya, Aṣṭaka 1, hrsg. A. Mahādeva Śāstrī, Mysore 1908, S. 248 (Abschnitt 10 der Ausgabe). Grammatische und etymologische Exkurse des Kommentars sind ausgelassen; er belegt den Mitgift-Begriff ausserdem mit einer Ṛgveda-Stelle.
Die Formel ist durchgehend das Bild der Heimführung: oben das Gut, das aus dem Vaterhaus mitgeführt wird, in der Mitte die zeitgestaltige Kraft des Ansammelns, unten die Träger, die es mit der Braut ins Haus des Gatten bringen, und als Ergebnis die erlangte Frucht.
Bemerkenswert ist, dass die beiden Phalgunī-Formeln zusammen eine Folge ergeben: bei der vorderen die Zeugung, bei der hinteren die Heimführung und der Ertrag. Das ist ein Argument dafür, dass die vedische Reihenfolge — Aryaman zeugt, Bhaga gibt — die ursprüngliche ist. Ein Beweis ist es nicht; aber bei vertauschter Zuordnung geht der Zusammenhang verloren.
Für jede Verwendung gilt zweierlei: das Attribut kālātmikā, „zeitgestaltig", gehört zur Formel und fehlt in der gesamten modernen Wiedergabe; und die Zuschreibung an Sāyaṇa ist falsch.
Der Steckbrief
Die folgenden Zuschreibungen stammen aus verschiedenen Schichten der Überlieferung. Die Spalte rechts sagt bei jeder, worauf sie sich stützt.
| Himmelsabschnitt | 26°40′ Siṃha bis 10°00′ Kanyā, siderisch Rechnung; zwei Verse zur Pāda-Verteilung |
|---|---|
| Fixsterne | β Leonis (Denebola); die übrigen drei Ecken des Bett-Vierecks liegen im vorhergehenden Abschnitt Sūrya-Siddhānta 8.2 und 8.16; Whitney in Burgess 1860 |
| Herrscher | Sūrya Viṃśottarī-Reihe |
| Devatā | Bhaga nach den vedischen Listen — Aryaman nach der astrologischen Überlieferung seit Varāhamihira zwei Überlieferungen, siehe unten |
| Śakti | kālātmikā cāyanī-śakti, „die zeitgestaltige Kraft des Ansammelns" — oberhalb das Brautgut, unterhalb die Träger; Ergebnis: die Frucht ist erlangt Bhaṭṭabhāskara zu Taittirīya-Brāhmaṇa 1.5.1 |
| Symbol | die Hinterbeine eines Betts eigenes Kursmaterial — dort widersprüchlich, siehe unten |
| Namensbedeutung | phalgu „rötlich; klein, unbedeutend", uttara „die hintere, spätere" Monier-Williams; Bhaṭṭabhāskaras eigene Deutung weicht ab |
| Wesensart | dhruva (fest) / sthira (stehend) Bṛhat Saṃhitā 97.6; Muhūrta-Cintāmaṇi 2.2 |
| Gaṇa | manuṣya (menschlich) Muhūrta-Cintāmaṇi 6.29; Nārada-Saṃhitā 29.127 |
| Yoni (Tier) | Kuh (go), geteilt mit Uttara-Bhādrapadā; Feindtier ist der Tiger Muhūrta-Cintāmaṇi 6.26 |
| Yoni-Geschlecht | unbelegt siehe unten |
| Nāḍī | ādi (die erste), zusammen mit Hasta Muhūrta-Cintāmaṇi 6.34; Nārada-Saṃhitā 29.141 |
| Varṇa | im Heiratsvergleich kṣatriya im ersten Pāda, vaiśya in den übrigen drei — rājan (Kṣatriya) in der Gesellschaftszuordnung zwei verschiedene Systeme, siehe unten |
| Guṇa | Tamas–Rajas–Sattva im Loka-Schema — Rajas im Navatārā-Schema zwei verschiedene Systeme |
| Tattva | Agni (Feuer) eigenes Kursmaterial |
| Loka | Bhuva eigenes Kursmaterial |
| Richtung | Osten moderne Fachliteratur |
| Mukha | ūrdhvamukha (aufwärts blickend) Muhūrta-Cintāmaṇi 2.9 |
| Silben | टे ṭe · टो ṭo · पा pā · पी pī Lehrüberlieferung |
| Körperteil | rechte Hand, im Schema des Nakṣatrapuruṣa ab Kṛttikā gezählt eigenes Kursmaterial; schemaabhängig |
| Puruṣārtha | je Pāda Dharma, Artha, Kāma, Mokṣa Lehrüberlieferung |
| Tätigkeiten | Weihe, Besänftigungsritus, Baumpflanzung, Stadtgründung, Pflichtwerke, Aussaat, dauerhafte Anfänge Bṛhat Saṃhitā 97.6; Muhūrta-Cintāmaṇi 2.2 |
| Menschengruppen | die an Sanftmut, Reinheit, Bescheidenheit, Ketzertum, Gabe und Lehrbuch ihre Lust haben; schönem Getreide, grossem Vermögen und Werken Zugetane; Menschenherrscher Bṛhat Saṃhitā 15.10 |
Wo die Quellen auseinandergehen
Die Gottheit. Der Befund ist derselbe wie bei Pūrva-Phalgunī, nur seitenverkehrt, und er ist der schwerste der ganzen Reihe:
| Zeuge | Uttara-Phalgunī | Pūrva-Phalgunī |
|---|---|---|
| Taittirīya-Saṃhitā 4.4.10 | Bhaga | Aryaman |
| Taittirīya-Brāhmaṇa 1.5.1 | Bhaga | Aryaman |
| Taittirīya-Brāhmaṇa 3.1.1 | Bhaga | Aryaman |
| Bhaṭṭabhāskara zu TB 1.5.1 | Bhaga | Aryaman |
| Bṛhat Saṃhitā 15.10, 97.4 | Aryaman | Bhaga |
| Muhūrta-Cintāmaṇi 6.26 und 6.34 | Aryaman | Bhaga |
| heutige Jyotiṣa-Tabelle | Aryaman | Bhaga |
Vier vedische Zeugen stehen gegen die gesamte astrologische Linie. Der Bruch liegt zwischen dem Brāhmaṇa-Kommentar und Varāhamihira; eine Zwischenstufe, die ihn erklären würde, wurde nicht gefunden. Möglich gemacht hat ihn die Saṃhitā selbst: sie nennt beide Phalgunīs gleich und unterscheidet sie nur durch die Gottheit. Wer die Reihe nicht in ihrer Textfolge liest, hat keine Handhabe, welche welche ist.
Das Symbol — ein Fehler im eigenen Bestand. Das Kursmaterial, aus dem dieses Portrait die nicht-klassischen Angaben bezieht, sagt an zwei Stellen „Hinterbeine eines Betts" für Uttara-Phalgunī und „Vorderbeine" für Pūrva-Phalgunī. Die zusammenfassende Symboltabelle am Kapitelende desselben Dokuments dreht das um und gibt Uttara-Phalgunī die vorderen Bettbeine. Zwei von drei eigenen Quellen sagen dasselbe, die dritte widerspricht beiden. Das ist ein Übertragungsfehler, keine Lehrmeinungsdifferenz; er wird hier benannt und nicht übernommen. uttara heisst „der hintere, spätere", und Bhaṭṭabhāskaras Kommentar zu dieser Stelle handelt von der Heimführung der Braut, also vom zweiten Schritt.
Varṇa. Zweimal zweierlei. Erstens die Systemfrage: die modernen Tabellen geben für Uttara-Phalgunī kṣatriya und meinen damit Bṛhat Saṃhitā 15.28, wo die drei Uttarā zusammen mit Puṣya den rājan zugewiesen werden — eine gesellschaftsprognostische Einteilung mit sieben Klassen, kein Kūṭa der Heiratsprüfung. Der Varṇa-Kūṭa des Melāpaka wird nach dem Rāśi vergeben. Zweitens die Pāda-Frage: weil dieses Nakṣatra über die Grenze Siṃha/Kanyā läuft, ergibt der Melāpaka-Varṇa kṣatriya für den ersten Pāda und vaiśya für die übrigen drei. Dass hier beide Systeme für Pāda 1 zufällig dasselbe Wort liefern, macht sie nicht zum selben System.
Guṇa. Zwei Systeme liegen übereinander, beide im selben eigenen Kursmaterial: das dreiwertige Loka-Schema ergibt Tamas–Rajas–Sattva, das Navatārā-Schema nach dem Tārā-Herrscher ergibt Rajas.
Yoni-Geschlecht. Die modernen Tabellen geben „Kuh, weiblich" — was schon sprachlich seltsam ist, weil go das Tier und nicht das Geschlecht bezeichnet. Das Tier ist belegt, das Geschlecht nicht. Die klassische Lehre kennt vierzehn Tiere für achtundzwanzig Nakṣatras und rechnet ausschliesslich mit Freundschaft und Feindschaft der Arten; die beiden Yonis eines Versviertels sind einander feind, und Kuh (Uttara-Phalgunī, Uttara-Bhādrapadā) steht in Muhūrta-Cintāmaṇi 6.26 im selben Pāda wie Tiger (Citrā, Viśākhā). Mehr sagt der Vers nicht.
Wesensart und Tätigkeiten
Uttara-Phalgunī gehört mit Rohiṇī und den beiden anderen Uttarā zur Klasse der festen — der kleinsten und, für die Wahllehre, der wichtigsten:
त्रीण्युत्तराणि तेभ्यो रोहिण्यश्च ध्रुवाणि तैः कुर्यात् । अभिषेकशान्तितरुनगरधर्मबीजध्रुवारम्भान् ॥
trīṇy uttarāṇi tebhyo rohiṇyaś ca dhruvāṇi taiḥ kuryāt । abhiṣekaśāntitarunagaradharmabījadhruvārambhān ॥
Die drei Uttarā und ausser ihnen Rohiṇī sind die festen [dhruva]; mit ihnen vollziehe man: Weihe, Besänftigungsritus, Baumpflanzung, Stadtgründung, Pflichtwerke, Aussaat und alle dauerhaften Anfänge.
Trīṇy: drei (n. 1/3). Uttarāṇi: die Uttarā (Uttaraphalgunī, Uttarāṣāḍhā, Uttarabhādrapadā); wörtl. „die späteren, die oberen" (n. 1/3). Tebhyo: ausser ihnen, von ihnen abgesehen (5/3). Rohiṇyaś: Rohiṇī, das 4. Nakṣatra (hier im Plural gesetzt) (f. 1/3). Ca: und (avy.). Dhruvāṇi: fest, feststehend - Name der Nakṣatra-Klasse (n. 1/3). Taiḥ: mit ihnen (3/3). Kuryāt: man vollziehe, man tue (vidhiliṅ I/1). Abhiṣekaśāntitarunagaradharmabījadhruvārambhān: Weihe, Besänftigungsritus, Baumpflanzung, Stadtgründung, Pflichtwerk, Aussaat und dauerhafte Anfänge; wörtl. abhiṣeka (Weihe) + śānti (Besänftigung) + taru (Baum) + nagara (Stadt) + dharma (Pflichtwerk) + bīja (Saatgut) + dhruvārambha (dauerhafter Anfang) (m. 2/3).
Ausgabe A. V. Tripāṭhī, Vārāṇasī 1968, gegen H. Kern, Kalkutta 1865; Devanāgarī aus dem IAST-Text abgeleitet, verbindlich ist die IAST-Zeile.
Die Liste ist ein Programm: Königsweihe, Besänftigungsritus, Baumpflanzung, Stadtgründung, Pflichtwerk, Aussaat — alles, was Bestand haben soll. Wer nach einem Zeitpunkt für einen Anfang sucht, der halten soll, sucht in dieser Klasse.
Der Muhūrta-Cintāmaṇi verdichtet denselben Vers, gibt der Klasse den zweiten Namen sthira und hängt den Wochentag an:
उत्तरात्रयरोहिण्यो भास्करश्च ध्रुवं स्थिरम् । तत्र स्थिरं बीजगेहशान्त्यारामादि सिद्धये ॥
uttarātrayarohiṇyo bhāskaraś ca dhruvaṃ sthiram । tatra sthiraṃ bījagehaśāntyārāmādi siddhaye ॥
Die drei Uttarā und Rohiṇī, und der Sonnentag (Sonntag), sind dhruva, „fest", und sthira, „stehend". Darin gelingt Feststehendes: Saatgut, Haus, Śānti-Ritus, Gartenanlage und dergleichen.
Uttarātrayarohiṇyo: die drei Uttarā und Rohiṇī; wörtl. uttarā + traya (Dreiheit) + rohiṇī (f. 1/3). Bhāskaraś: Bhāskara (Sūrya), der Sonntag; wörtl. bhās (Licht) + kara (machend) (m. 1/1). Ca: und (avy.). Dhruvaṃ: fest - Name der Nakṣatra-Klasse (n. 1/1). Sthiram: stehend, beständig - zweiter Name derselben Klasse (n. 1/1). Tatra: darin, dort (avy.). Sthiraṃ: Feststehendes, Bleibendes (n. 1/1). Bījagehaśāntyārāmādi: Saatgut, Haus, Śānti-Ritus, Gartenanlage und dergleichen; wörtl. bīja (Saatgut) + geha (Haus) + śānti (Besänftigungsritus) + ārāma (Hain, Garten) + ādi (und so fort) (n. 1/1). Siddhaye: zum Gelingen, zum Erfolg (f. 4/1).
Kollationiert aus drei Ausgaben; zwei lesen tatra sthiraṃ, eine tat sthiraṃ — inhaltlich folgenlos. Nach dem Kommentar erbt die Klasse zusätzlich die Tätigkeiten der mṛdu-Gruppe.
Zur Benennung: Varāhamihira sagt dhruva; sthira als Klassenname ist jünger. Und zur Zählung: die Bṛhat Saṃhitā zählt hier ab Kapitel 97, Kerns Ausgabe von 1865 ab 98 — der Versatz beginnt erst bei Kerns Zusatzkapitel 38 und gilt deshalb nicht für Kapitel 15.
Dazu passt die Blickrichtung, die der Muhūrta-Cintāmaṇi in 2.9 zuordnet: Uttara-Phalgunī ist ūrdhvamukha, „aufwärts blickend", und der Kommentar nennt für diese Gruppe Königsweihe, Turbanbindung und Hochbau — dieselbe Richtung wie die Tätigkeiten der festen Klasse.
Ein anderes Kapitel der Bṛhat Saṃhitā ordnet den Nakṣatras Menschen- und Berufsgruppen zu:
आर्यम्णे मार्दवशौचविनयपाखण्डिदानशास्त्ररताः । शोभनधान्यमहाधनकर्मानुरताः समनुजेन्द्राः ॥
āryamṇe mārdavaśaucavinayapākhaṇḍidānaśāstraratāḥ । śobhanadhānyamahādhanakarmānuratāḥ samanujendrāḥ ॥
Beim Aryaman-Gestirn: die an Sanftmut, Reinheit, Bescheidenheit, Ketzertum, Gabe und Lehrbuch ihre Lust haben; die schönem Getreide, grossem Vermögen und Werken zugetan sind, samt Menschenherrschern.
Āryamṇe: beim Aryaman-Gestirn, unter Uttaraphalgunī (n. 7/1). Mārdavaśaucavinayapākhaṇḍidānaśāstraratāḥ: die an Sanftmut, Reinheit, Bescheidenheit, Ketzertum, Gabe und Lehrbuch ihre Lust haben; wörtl. mārdava (Sanftmut) + śauca (Reinheit) + vinaya (Bescheidenheit) + pākhaṇḍin (Sektierer; Kern liest pāṣaṇḍi) + dāna (Gabe) + śāstra (Lehrbuch) + rata (zugetan) (m. 1/3). Śobhanadhānyamahādhanakarmānuratāḥ: die schönem Getreide, grossem Vermögen und Werken zugetan sind; wörtl. śobhana (schön) + dhānya (Getreide) + mahādhana (grosses Vermögen) + karman (Werk) + anurata (zugetan) (m. 1/3). Samanujendrāḥ: samt Menschenherrschern; wörtl. sa- (samt) + manuja (Mensch) + indra (Herr) (m. 1/3).
Ausgabe A. V. Tripāṭhī, Vārāṇasī 1968, mit Kerns Apparat; Kern liest pāṣaṇḍi statt pākhaṇḍi, eine blosse Schreibvariante desselben Wortes. Das Kapitel zählt von Kṛttikā an; Uttaraphalgunī steht als zehntes.
Die Reihe ist bis auf ein Wort durchweg günstig: Sanftmut, Reinheit, Bescheidenheit, Gabe, Lehrbuch, schönes Getreide, grosses Vermögen, Menschenherrscher. Das eine Wort ist pākhaṇḍin, „Sektierer, Ketzer" — und es steht mitten darin. Varāhamihira zählt hier zusammen, was unter diesem Gestirn steht, nicht, was gut ist; das Kapitel ist Vorzeichendeutung im grossen Massstab, keine Charakterschilderung.
Die Geburtsdeutung
Die ältere Schicht ist Varāhamihiras Nakṣatrajātaka — dasselbe Kapitel steht in zwei seiner Werke, als Bṛhat Saṃhitā 100 und als Bṛhajjātaka 16:
सुभगो विद्याप्तधनो भोगी सुखभाग् द्वितीयफल्गुन्याम् ।
subhago vidyāptadhano bhogī sukhabhāg dvitīyaphalgunyām ।
Bei der zweiten Phalgunī (Uttaraphalgunī): anmutig, durch Wissen zu Vermögen gekommen, geniessend, des Glücks teilhaftig.
Subhago: anmutig, glückhaft; wörtl. su (gut) + bhaga (Anteil, Glück) (m. 1/1). Vidyāptadhano: durch Wissen zu Vermögen gekommen; wörtl. vidyā (Wissen) + āpta (erlangt) + dhana (Vermögen) (m. 1/1). Bhogī: geniessend (m. 1/1). Sukhabhāg: des Glücks teilhaftig; wörtl. sukha (Glück) + bhāj (teilhabend) (m. 1/1). Dvitīyaphalgunyām: bei der zweiten Phalgunī, unter Uttaraphalgunī; wörtl. dvitīya (zweite) + phalgunī (f. 7/1).
GRETIL-Texte nach A. V. Tripāṭhī (Bṛhat Saṃhitā) und der Oriental-Books-Ausgabe 1979 (Bṛhajjātaka); an dieser Stelle stimmen beide überein.
Das erste Wort ist sprechend: subhaga, „anmutig, vom Glück begünstigt" — es enthält bhaga, den Namen der vedischen Gottheit dieses Abschnitts. Ob Varāhamihira das bemerkt hat, ist nicht zu sagen; er selbst nennt die Gottheit ja Aryaman.
Der Jātaka-Pārijāta, rund tausend Jahre jünger, sagt dasselbe mit anderen Worten:
भोगी चोत्तरफल्गुनीभजनितो मानी कृतज्ञः सुधीः ॥
bhogī cottaraphalgunībhajanito mānī kṛtajñaḥ sudhīḥ ॥
Und wer im Gestirn der Uttaraphalgunī geboren ist, [wird] geniesserisch, auf Ehre bedacht, dankbar und von gutem Verstand.
Bhogī: geniesserisch, dem Genuss zugetan (m. 1/1). Cottaraphalgunībhajanito: und im Gestirn der Uttaraphalgunī geboren; wörtl. ca (und) + uttaraphalgunī + bha (Gestirn) + janita (geboren) (m. 1/1). Mānī: auf Ehre bedacht, stolz (m. 1/1). Kṛtajñaḥ: dankbar; wörtl. kṛta (das Getane) + jña (kennend) (m. 1/1). Sudhīḥ: von gutem Verstand; wörtl. su (gut) + dhī (Einsicht) (m. 1/1).
Ausgabe V. Subrahmanya Sastri 1932, Bd. I, S. 627, und Kashi Sanskrit Series; die beiden Ausgaben zählen um eins verschieden. Nur das Versviertel zu Uttaraphalgunī ist hier wiedergegeben.
Die beiden Werke stimmen hier so weit überein wie bei kaum einem anderen Nakṣatra: beide nennen den Genuss, beide zeichnen ein günstiges Bild, und beide heben den Verstand hervor — der eine als „durch Wissen zu Vermögen gekommen", der andere als sudhī, „von gutem Verstand". Bei Hasta, dem folgenden Nakṣatra, ist das ganz anders; dort widersprechen sie einander glatt.
Die Sterne des Asterismus
Dasselbe Bett-Viereck wie im Bild zu Pūrvaphalgunī, hier mit dem Abschnitt der Uttaraphalgunī hervorgehoben. Von den vier Ecken liegt heute nur β Leonis in diesem Abschnitt. Die Rāśi-Grenze Siṃha/Kanyā fällt mitten hinein, genau auf die Grenze zwischen erstem und zweitem Pāda. Der offene Kreis bezeichnet die Sollposition des Sūrya-Siddhānta — sie fällt achtzehn Bogenminuten VOR den Abschnittsanfang. Massstab in Länge und Breite gleich; siderische Länge zum Stichjahr 2025,0 mit dem Ayanāṃśa nach Lahiri, ekliptikale Breite J2000,0.
Koordinaten aus SIMBAD (Abruf 15. September 2026); Sollposition aus Sūrya-Siddhānta 8.2 und 8.6 nach Burgess 1860.
Über den Stern selbst besteht kein Streit: die yogatārā, der Stern, nach dem der Abschnitt vermessen wird, ist β Leonis, Denebola — „evidently β Leonis", schreibt Burgess. Der Streit betrifft die Gruppe, und der Text widerspricht sich selbst.
Der innere Widerspruch. Das Sūrya-Siddhānta bestimmt in 8.16 für die beiden Phalgunīs — wie für die beiden Bhādrapadā, die beiden Aṣāḍhā, Viśākhā, Aśvinī und Mṛgaśiras — die nördliche als Yogatārā. Für diese Hälfte ergibt die Sollposition desselben Textes aber β Leonis, und β ist die südliche der beiden Ecken. Whitney in seinem Kommentar zu Burgess ist deutlich: „seine Beschreibung als die südliche können wir nur als schlichten Irrtum ansehen, der auf einem Missverständnis des Aufbaus der Doppelgruppe beruht." Nachweisbar ist der Widerspruch, nicht seine Auflösung. Derselbe Fall tritt nur noch bei Pūrvabhādrapadā auf.
Wie viele Sterne? Die übliche Zählung gibt zwei. Al-Bīrūnī nennt β Leonis zusammen mit einem Stern im arabischen Sternbild Coma Berenices; die Cākalya-Saṃhitā gibt fünf, vermutlich β Leonis und vier schwache Sterne im Kopf der Jungfrau; die moderne Standardtabelle nennt nur Denebola. Über den Hauptstern sind sich alle einig, über seine Begleitung keiner.
Burgess’ These vom durchgehenden Viereck — dass die Bett-Figur beiden Phalgunīs zusammen gehört und jede Hälfte zwei Ecken bekommt — wird durch die Rechnung nur teilweise bestätigt. Von den vier Ecken des Vierecks δ, θ, 93 und β Leonis liegt heute nur β Leonis in Uttara-Phalgunī; 93 Leonis, die Ecke, die nach der These hierher gehören müsste, steht bei allen fünf gebräuchlichen Ayanāṃśas noch in Pūrva-Phalgunī. Das spricht nicht gegen die These — die Rahmen haben sich seit dem Sūrya-Siddhānta um knapp vier Grad verschoben —, gehört aber gesagt.
Die Sterne im Katalog
| β Leo | 93 Leo | |
|---|---|---|
| Eigenname | Denebola | — |
| Rolle | Yogatārā | Ecke des Vierecks — heute in P.-Ph. |
| HR | 4534 | 4527 |
| HD | 102647 | 102509 |
| HIP | 57632 | 57565 |
| Helligkeit V | 2,13 | 4,52 |
| Spektraltyp | A3Va | F8III + A6III |
| Rektaszension J2000 | 11ʰ 49ᵐ 03,6ˢ | 11ʰ 47ᵐ 59,1ˢ |
| Deklination J2000 | +14° 34′ 19,4″ | +20° 13′ 08,2″ |
| Ekl. Länge J2000 | 171°37′ | 168°58′ |
| Ekl. Breite J2000 | +12°16′ | +17°19′ |
Denebola — arabisch ḏanab al-asad, „Schwanz des Löwen" — ist mit 2,1 Grössenklassen der zweithellste Stern des Sternbilds und einer der nächstgelegenen hellen Sterne überhaupt. 93 Leonis ist ein Doppelsternsystem aus einem gelben Riesen und einem Stern der Spektralklasse A; mit 4,5 Grössenklassen bleibt es unter städtischem Himmel unsichtbar.
Wo die Sterne heute stehen
| Ayanāṃśa (2025,0) | Wert | β Leo | 93 Leo |
|---|---|---|---|
| Lahiri / Citrāpakṣa | 24° 12′ 23″ | 27°45′ Siṃha | 25°07′ Siṃha |
| True Citrā | 24° 11′ 21″ | 27°47′ Siṃha | 25°08′ Siṃha |
| Krishnamurti | 24° 06′ 34″ | 27°51′ Siṃha | 25°13′ Siṃha |
| Raman | 22° 45′ 36″ | 29°12′ Siṃha | 26°34′ Siṃha |
| Fagan / Bradley | 25° 05′ 23″ | 26°52′ Siṃha | 24°14′ Siṃha |
Uttara-Phalgunī beginnt bei 26°40′ Siṃha. β Leonis liegt bei allen fünf Ayanāṃśas im eigenen Abschnitt — allerdings knapp: nach Lahiri mit gut einem Grad Abstand zur unteren Grenze, nach Fagan und Bradley mit nur zwölf Bogenminuten. 93 Leonis liegt bei allen fünf noch in Pūrva-Phalgunī.
Und ein Befund, der selten ausgesprochen wird: schon die Sollposition des Sūrya-Siddhānta selbst fällt im heutigen Lahiri-Rahmen nicht mehr in diesen Abschnitt. Sie landet bei 26°22′ Siṃha, achtzehn Bogenminuten vor dem Anfang — also noch in Pūrva-Phalgunī. Das liegt nicht an der Tradition und nicht an den Sternen, sondern an den beiden Rahmen: der Sūrya-Siddhānta zählt siderische Länge von einem Nullpunkt, den Whitney mit dem Frühlingspunkt von 560 n. Chr. gleichsetzt, der Lahiri-Ayanāṃśa von einem rund 270 Jahre früheren. Die beiden Rahmen sind um etwa dreieinhalb bis vier Grad gegeneinander verschoben. Die Grafik oben zeigt den Punkt als offenen Kreis, links von der Grenze.
Sichtbarkeit
Von mitteleuropäischer Breite (rund 47° Nord) kulminiert Denebola 57,4 Grad hoch, 93 Leonis 63,1 — beide günstig, keiner zirkumpolar. Um Mitternacht kulminiert die Gruppe um den 12. März, die Sonne steht um den 15. September bei ihr; rund vier Wochen davor und danach ist sie unsichtbar. Gut zu sehen ist der Löwe von Februar bis Mai.
Denebola ist mit blossem Auge auch in der Stadt zu finden und bildet zusammen mit Arcturus und Spica das grosse Frühlingsdreieck.
Der Name
Phalgunī gehört zu phálgu, „rötlich; klein, unbedeutend, schwach" — ein Wort, das den Frühlingsmonat phālguna benannt hat, dessen Vollmondnacht in eine der beiden Phalgunīs fällt. Uttara heisst „der hintere, spätere, obere".
Bhaṭṭabhāskara deutet den Namen anders, und zwar gerade an dieser Stelle: phalgu phalam, „phalgu ist die Frucht", und phalgunī sei „die, die das Gut der Vaterfamilie begehrt". Das ist eine Kommentar-Etymologie, keine sprachwissenschaftliche; sie sagt mehr über seine Auslegung der Śakti — Mitgift, Heimführung, Ertrag — als über die Wortgeschichte. Festhalten sollte man sie trotzdem, denn sie zeigt, wie geschlossen seine Auslegung dieses Nakṣatras ist.
Die Saṃhitā kennt keinen eigenen Namen für die beiden Hälften: sie sagt zweimal phálgunī. Erst das Brāhmaṇa setzt pū́rve und úttare davor — und genau in dieser Lücke ist die Vertauschung der Gottheiten möglich geworden.
Varāhamihiras Namen für dieses Nakṣatra sind āryamṇa, „das Aryaman-Gestirn", und dvitīyaphalgunī, „die zweite Phalgunī". Wer die Bṛhat Saṃhitā nach „Uttaraphalgunī" durchsucht, findet die Stellen nicht.
Die Verse
Die älteste Stelle, die dieses Nakṣatra nennt, steht in der Taittirīya-Saṃhitā, in der Aufzählung der Nakṣatra-Feueraltarziegel:
फल्गुनी नक्षत्रं भगो देवता
phálgunī nákṣatram bhágo devátā
Phalgunī ist das Nakṣatra, Bhaga die Gottheit.
Phalgunī: Phalgunī - die Saṃhitā nennt beide Phalgunīs gleich und unterscheidet sie nur durch die Gottheit (f. 1/1). Nakṣatraṃ: Nakṣatra, Gestirn, Mondhaus (n. 1/1). Bhago: Bhaga, der Āditya des Anteils, des Zuteilens und des Glücks (m. 1/1). Devatā: Gottheit (f. 1/1).
Wortlaut nach TITUS (akzentuierte Umschrift); Devanāgarī-Ausgabe bei sanskritdocuments.org. Die Segmentierung des fortlaufenden Saṃhitā-Textes stammt von der Bearbeitung; nichts ist ergänzt oder weggelassen.
Dass hier die hintere Phalgunī gemeint ist, sagt der Vers nicht — er kann es nicht sagen, weil er beide gleich nennt; er steht nur an zweiter Stelle. Das Brāhmaṇa holt es nach:
भगस्य उत्तरे । वहतवः परस्ताद् वहमाना अवस्तात् ॥
bhágasya úttare । vahatávaḥ parástād váhamānā avástāt ॥
Des Bhaga sind die hinteren. Die Brautzüge oberhalb, die Heimgeführten unterhalb.
Bhagasya: des Bhaga (m. 6/1). Uttare: die beiden hinteren [Phalgunīs] (f. 1/2). Vahatavaḥ: die Brautzüge, das mitgeführte Brautgut (m. 1/3). Parastād: oberhalb, darüber, jenseits (avy.). Vahamānā: die Heimgeführten, die Fahrenden (m. 1/3). Avastāt: unterhalb, darunter, diesseits (avy.).
Umschrift nach TITUS, Devanāgarī nach sanskritdocuments.org. Der Text setzt úttare („die beiden hinteren") ausdrücklich; wenige Worte vorher steht aryamṇáḥ pū́rve phálgunī, „des Aryaman sind die vorderen Phalgunīs".
Das Begriffspaar vahatavaḥ / vahamānāḥ ist die Grundlage der Śakti-Angabe weiter oben. Beide Wörter gehören zur Wurzel vah-, „fahren, führen": das eine meint das Brautgut, das mitgeführt wird, das andere die, die es führen. Die ganze Zeile ist Hochzeitssprache.
Im Nakṣatra-Sūkta desselben Werks steht der Opfermantra, mit dem Bhaga in diesem Abschnitt angerufen wird. Er ist die deutlichste Stelle der ganzen Frage:
भगो ह दाता भग इत् प्रदाता । भगो देवीः फल्गुनीर् आविवेश । भगस्य इत् तं प्रसवं गमेम । यत्र देवैः सधमादं मदेम ॥
bhágo ha dātā́ bhága ít pradātā́ । bhágo devī́ḥ phálgunīr ā́viveśa । bhágasya ít táṃ prasaváṃ gamema । yátra deváiḥ sadhamā́daṃ madema ॥
Bhaga ist der Geber, Bhaga fürwahr der Verleiher; Bhaga ist in die göttlichen Phalgunīs eingegangen. Zu eben Bhagas Antrieb wollen wir gelangen, wo wir mit den Göttern im Gelage schwelgen.
Bhago: Bhaga (m. 1/1). Ha: fürwahr (avy.). Dātā: der Geber (m. 1/1). Bhaga: Bhaga (m. 1/1). It: eben, gerade (avy.). Pradātā: der Verleiher, der Hingeber (m. 1/1). Bhago: Bhaga (m. 1/1). Devīḥ: die göttlichen (f. 2/3). Phalgunīr: die Phalgunīs (f. 2/3). Āviveśa: er ist eingegangen, hat sich hineinbegeben (liṭ III/1). Bhagasya: Bhagas (m. 6/1). It: eben (avy.). Taṃ: zu jenem (m. 2/1). Prasavaṃ: Antrieb, Anstoss, Erregung (m. 2/1). Gamema: wir wollen gelangen (vidhiliṅ I/3). Yatra: wo (avy.). Devaiḥ: mit den Göttern (m. 3/3). Sadhamādaṃ: Gelage, gemeinsames Freudenmahl; wörtl. sadha (zusammen) + māda (Rausch, Freude) (m. 2/1). Madema: wir wollen schwelgen (vidhiliṅ I/3).
Umschrift nach TITUS, Devanāgarī nach sanskritdocuments.org. Der Mantra ist doppelt so lang; hier steht die zweite Hälfte. Die erste beginnt śréṣṭho devā́nāṃ bhagavo bhaga asi — „Der beste der Götter bist du, Herr Bhaga, du bist Bhaga."
„Bhaga ist in die göttlichen Phalgunīs eingegangen" — und es ist der Mantra der hinteren Phalgunī, der das sagt. Wer die vedische Zuordnung bestreiten will, muss an dieser Zeile vorbei.
Grammatikangaben im Glossar sind unter Grammatik-Abkürzungen erklärt.
Zur Quellenlage dieses Portraits
Die Angaben oben ruhen auf ungleichem Grund, und das soll sichtbar bleiben.
Sicher ist alles Rechnerische: die Gradgrenzen, die vier Pādas, ihre Navāṃśa-Zeichen, die Aufteilung eins zu drei auf Siṃha und Kanyā, die beide Verse aussprechen, und die Zuordnung des Herrschers Sūrya aus der Viṃśottarī-Reihe. Aus der Rāśi-Teilung folgt zwingend der doppelte Melāpaka-Varṇa.
Am Originalvers belegt sind: die vedische Devatā Bhaga (Taittirīya-Saṃhitā 4.4.10, Taittirīya-Brāhmaṇa 1.5.1 und 3.1.1), das Begriffspaar vahatavaḥ / vahamānāḥ, die Śakti samt ihren drei Gliedern (Bhaṭṭabhāskara zum Brāhmaṇa), die Wesensart dhruva und die zugehörigen Tätigkeiten (Bṛhat Saṃhitā 97.6, Muhūrta-Cintāmaṇi 2.2), die Menschengruppen (Bṛhat Saṃhitā 15.10), Gaṇa, Yoni und Nāḍī (Muhūrta-Cintāmaṇi 6.29, 6.26, 6.34), das Mukha (Muhūrta-Cintāmaṇi 2.9) und die Geburtsdeutung (Bṛhat Saṃhitā 100.7, Jātaka-Pārijāta 9.86).
Nicht belegt und deshalb markiert oder ausdrücklich so genannt: das Geschlecht der Yoni, für das die klassische Lehre gar keinen Platz hat; die Himmelsrichtung; die Namenssilben; das Symbol des Betts, das nur in neuzeitlicher Überlieferung steht — und dort, im eigenen Bestand, sogar widersprüchlich.
Berichtigt wurden drei Angaben: die Zuordnung des Varṇa im Heiratsvergleich (nach dem Rāśi, und deshalb pādaweise verschieden), die Herkunft der Śakti-Formel (Bhaṭṭabhāskara, nicht Sāyaṇa) und die Rückseite des Betts, die das eigene Kursmaterial an einer Stelle der falschen Hälfte zuweist.
Stehen gelassen wurden zwei Widersprüche, weil sie echt sind. Erstens die Gottheit: vier vedische Zeugen sagen Bhaga, die gesamte astrologische Linie seit Varāhamihira sagt Aryaman. Zweitens der Selbstwiderspruch des Sūrya-Siddhānta: seine Lageangabe („die nördliche") und seine eigene Sollposition (die auf die südliche führt) lassen sich nicht vereinbaren, und Whitney nennt die Lageangabe schlicht einen Irrtum — nachweisbar ist nur der Widerspruch.
Was noch offen ist: Sāyaṇas Wortlaut zu dieser Stelle war nicht greifbar; Utpalas Kommentar zu Bṛhat Saṃhitā 15.10 ebenso wenig. Die Cākalya-Saṃhitā und Al-Bīrūnīs Angabe zur Sternzahl waren nur über Burgess’ Referat greifbar. Wann und wodurch die Vertauschung Bhaga/Aryaman entstand, liess sich nicht klären: bei Varāhamihira ist sie bereits vollzogen, eine Zwischenstufe wurde nicht gefunden.