Svātī
Studien-PDF herunterladenस्वाती 15. Nakṣatra · 6°40′ bis 20°00′ Tulā (siderisch) · Herrscher Rāhu
Svātī ist das Nakṣatra des Windes. Sein Stern ist Arcturus — der hellste Stern, den die Nakṣatra-Reihe kennt, und zugleich der, der am weitesten von der Ekliptik entfernt steht. Beides zusammen führt zu einem Ergebnis, das die Handbücher selten aussprechen: Arcturus liegt heute gar nicht in Svātī, sondern im vorhergehenden Abschnitt Citrā, und er lag dort schon zur Zeit des Sūrya-Siddhānta. Das älteste Zeugnis nennt das Nakṣatra denn auch nicht svātī, sondern niṣṭyā, „die Ausgestossene".
Himmelsabschnitt und Pādas
Svātī reicht von 186°40′ bis 200°00′ siderischer Länge und liegt damit vollständig in Tulā (Waage) — es ist eines der achtzehn Nakṣatras, die keine Zeichengrenze überschreiten. Tulā ist ein bewegliches Zeichen; seine Navāṃśa-Reihe beginnt deshalb bei ihm selbst, und für Svātī, das in der zweiten Hälfte des Zeichens liegt, ergeben sich die Navāṃśa-Zeichen Dhanus bis Mīna.
| Pāda | von | bis | Navāṃśa | Puruṣārtha | Silbe |
|---|---|---|---|---|---|
| 1 | 6°40′ Tulā | 10°00′ Tulā | Dhanus | Dharma | रू rū |
| 2 | 10°00′ Tulā | 13°20′ Tulā | Makara | Artha | रे re |
| 3 | 13°20′ Tulā | 16°40′ Tulā | Kumbha | Kāma | रो ro |
| 4 | 16°40′ Tulā | 20°00′ Tulā | Mīna | Mokṣa | ता tā |
Die Gradgrenzen und die Navāṃśa-Zuordnung sind reine Arithmetik und gegen die eigene Berechnungsbibliothek geprüft. Die Silben stammen aus der Lehrüberlieferung; ein klassischer Vers, der sie festlegt, liess sich nicht nachweisen.
Dass Svātī ganz in Tulā liegt, sagt der Vers, der die Pādas auf die Zeichen verteilt:
चित्रार्धं स्वाती विशाखापादत्रयं तुला ।
citrārdhaṃ svātī viśākhāpādatrayaṃ tulā ।
Die [zweite] Hälfte von Citrā, [die vier Pādas von] Svātī und drei Pādas von Viśākhā [bilden] Tulā [die Waage].
Citrārdhaṃ: die Hälfte von Citrā; wörtl. citrā (14. Nakṣatra) + ardha (Hälfte) (n. 1/1). Svātī: Svātī, 15. Nakṣatra (f. 1/1). Viśākhāpādatrayaṃ: drei Pādas von Viśākhā; wörtl. viśākhā (16. Nakṣatra) + pāda (Viertel) + traya (Dreiheit) (n. 1/1). Tulā: Tulā, die Waage (7. Rāśi) (f. 1/1).
Quelle ungeklärt (Ārambha-Kursmaterial, Pt. Sanjay Rath)
Weil Svātī keine Zeichengrenze überschreitet, ist der Varṇa im Heiratsvergleich für alle vier Pādas derselbe — anders als beim Nachbarn Citrā, der zur Hälfte in Kanyā, zur Hälfte in Tulā liegt.
Die Devatā
Über den Abschnitt herrscht Vāyu, der Wind. Beide vedischen Nakṣatra-Listen sagen es übereinstimmend, und Varāhamihira bestätigt es: in Bṛhat Saṃhitā 97.11 heisst Svātī schlicht anila, „der Wind", in Muhūrta-Cintāmaṇi 6.29 marut, in 6.34 wieder vāyu. Hier gibt es keinen Dissens; die Zuordnung ist eine der bestgesicherten der ganzen Reihe.
Das Mantra der Nakṣatreṣṭi malt Vāyu als scharfgehörnten, brüllenden Stier, der die Welten in Bewegung setzt, und nennt ihn mātariśvan — „der in der Mutter Schwellende", ein alter Name des Windes, der schon im Ṛgveda für den Feuerbringer steht. Der Vers steht unten.
Das eigene Kursmaterial führt neben Vāyu auch Hanumān als Devatā auf. Das ist eine späte Zutat: in den vedischen Listen, bei Varāhamihira und in der Muhūrta-Literatur kommt Hanumān nicht vor. Die Verbindung ergibt sich mittelbar — Hanumān ist der Sohn des Windgottes —, sie ist aber nicht überliefert, sondern erschlossen, und wird hier als Lehrüberlieferung gekennzeichnet.
Der Name: svātī oder niṣṭyā
Hier steht ein Befund, der für die Deutung nicht gleichgültig ist. Die Taittirīya-Saṃhitā nennt das Nakṣatra svātī. Das Taittirīya-Brāhmaṇa nennt es an beiden Stellen — in der Liste 1.5.1 und im Nakṣatreṣṭi-Mantra 3.1.1 — niṣṭyā.
Niṣṭya bedeutet „auswärtig, fremd, nicht zur Gemeinschaft gehörig"; Monier-Williams führt निष्ट्या ausdrücklich als „Name eines Mondhauses (= स्वाति), Taittirīya-Brāhmaṇa". Das ist kein Widerspruch in der Sache, sondern ein zweiter Name — aber ein sprechender. Denn der Stern dieses Abschnitts steht wirklich abseits: mit einer Sollbreite von 37° nördlich weiter von der Ekliptik entfernt als jeder andere der Reihe ausser Abhijit.
Dass der Name deshalb so lautet, ist allerdings eine Vermutung und keine Aussage einer Quelle. Kein vedischer oder klassischer Text begründet den Namen. Wer die Verbindung zieht, tut es auf eigene Rechnung — hier wird sie erwähnt, weil sie naheliegt, und ausdrücklich als Vermutung markiert.
Bhaṭṭabhāskara seinerseits deutet niṣṭyā ganz anders, nämlich vom Wirken des Windes her: als niṣṭyāna, „das Auseinandergehen der Dinge aus ihrem Zusammenhalt".
Die Śakti
Jedem Nakṣatra wird eine Śakti zugeschrieben, eine Wirkkraft, in einer dreigliedrigen Form: ein Begriff für die Kraft selbst, dazu etwas „oberhalb" und etwas „unterhalb", und aus dem Zusammentreffen der drei ein Ergebnis. Die beiden äusseren Glieder stehen wörtlich im Taittirīya-Brāhmaṇa — für Svātī vratati, die Ranke, und asiddhi, das Misslingen. Das mittlere Glied und das Ergebnis stehen erst im Kommentar, und zwar nicht bei Sāyaṇa, wie häufig angenommen wird, sondern bei Bhaṭṭabhāskara Miśra:
वायोर् निष्ट्या स्वाती । संघातात् पदार्थानां निष्ट्यानम् । वायुश् च ध्वंसयिता, तस्य ध्वंसयितुस् त्रयं भवति । परस्ताद् व्रततिः विस्तारणा इतश् चेतश् च व्यापना । मध्ये कालात्मिका निष्ट्याशक्तिः । अवस्ताद् असिद्धिः रूपाच् च्युतिः । एतत्त्रयसंपत्तौ पदार्थः प्रध्वंसम् उपैति ॥
vāyor niṣṭyā svātī । saṃghātāt padārthānāṃ niṣṭyānam । vāyuś ca dhvaṃsayitā, tasya dhvaṃsayitus trayaṃ bhavati । parastād vratatiḥ vistāraṇā itaś cetaś ca vyāpanā । madhye kālātmikā niṣṭyāśaktiḥ । avastād asiddhiḥ rūpāc cyutiḥ । etat-traya-saṃpattau padārthaḥ pradhvaṃsam upaiti ॥
Vāyus ist Niṣṭyā, das heisst Svātī: das Auseinandergehen der Dinge aus ihrem Zusammenhalt. Und Vāyu ist der Zerstörer; von ihm, dem Zerstörer, gibt es ein Dreifaches: oberhalb die Ranke, das Sich-Ausbreiten, das Sich-hierhin-und-dorthin-Verbreiten; in der Mitte die zeitgestaltige Kraft der Niṣṭyā; unterhalb das Nichtgelingen, das Herausfallen aus der Form. Wenn diese drei zusammentreffen, geht das Ding zugrunde.
Vāyor: des Vāyu (m. 6/1). Niṣṭyā: Niṣṭyā, vedischer Name des Nakṣatras (f. 1/1). Svātī: Svātī, die jüngere Namensform (f. 1/1). Saṃghātāt: aus dem Zusammenhalt, aus der Verdichtung (m. 5/1). Padārthānāṃ: der Dinge, der Gegenstände; wörtl. pada (Wort) + artha (Sache) (m. 6/3). Niṣṭyānam: das Auseinandergehen, das Hinausfallen (n. 1/1). Vāyuś: Vāyu, der Wind (m. 1/1). Ca: und (avy.). Dhvaṃsayitā: der Zerstörer, der Zerfallen macht (m. 1/1). Tasya: von ihm, seiner (m. 6/1). Dhvaṃsayitus: des Zerstörers (m. 6/1). Trayaṃ: eine Dreiheit, ein Dreifaches (n. 1/1). Bhavati: es gibt, entsteht (laṭ III/1). Parastād: oberhalb, darüber (avy.). Vratatiḥ: die Ranke, das Kriechgewächs (f. 1/1). Vistāraṇā: das Sich-Ausbreiten, die Ausdehnung (f. 1/1). Itaś: von hier, hierhin (avy.). Cetaś: und von dort, und dorthin (Sandhi aus ca + itas) (avy.). Ca: und (avy.). Vyāpanā: das Durchdringen, das Sich-Verbreiten (f. 1/1). Madhye: in der Mitte (n. 7/1). Kālātmikā: zeitgestaltig, deren Wesen die Zeit ist; wörtl. kāla (Zeit) + ātmikā (wesenhaft) (f. 1/1). Niṣṭyāśaktiḥ: die Kraft der Niṣṭyā; der Kommentar gibt hier kein eigenes Abstraktum, sondern nur den Nakṣatra-Namen (f. 1/1). Avastād: unterhalb, darunter (avy.). Asiddhiḥ: das Nichtgelingen, der Fehlschlag (f. 1/1). Rūpāc: aus der Form, aus der Gestalt (n. 5/1). Cyutiḥ: das Herausfallen, der Abfall (f. 1/1). Etat-traya-saṃpattau: beim Zusammentreffen dieser drei; wörtl. etad (dies) + traya (Dreiheit) + saṃpatti (Zusammentreffen) (f. 7/1). Padārthaḥ: das Ding, der Gegenstand (m. 1/1). Pradhvaṃsam: den Untergang, den Zerfall (m. 2/1). Upaiti: geht ein in, erreicht (laṭ III/1).
Taittirīya-Brāhmaṇa mit Bhaṭṭabhāskara-Bhāṣya, Aṣṭaka 1, hrsg. A. Mahādeva Śāstrī, Mysore 1908, S. 249, Kommentarabschnitt 13. Am Seitenbild gelesen; ein grammatischer Exkurs zwischen niṣṭyānam und vāyuś ca ist hier weggelassen.
Zwei Dinge sind daran bemerkenswert, und beide gehen in der modernen Wiedergabe unter.
Erstens hat Svātī gar keinen eigenen Śakti-Namen. Bhaṭṭabhāskara setzt in das mittlere Glied schlicht niṣṭyā-śakti, „die Kraft der Niṣṭyā" — also den Nakṣatra-Namen selbst, kein Abstraktum wie sonst (rohaṇa-śakti, prajanana-śakti, rādhana-śakti). Was in der englischsprachigen Literatur als „vāyu śakti" oder „the power to scatter like the wind" kursiert, ist Deutung, nicht Wortlaut. Es trifft die Sache — der Kommentar sagt ja selbst, Vāyu sei der Zerstörer —, aber es steht so nicht da.
Zweitens ist die Formel auffallend negativ. Das Ergebnis lautet padārthaḥ pradhvaṃsam upaiti, „das Ding geht zugrunde". Unter den 27 Formeln, die fast durchweg Gelingen, Fülle, Gesundheit oder Ruhm verheissen, ist das eine Ausnahme. Die drei Glieder gehören dabei folgerichtig zusammen: die Ranke breitet sich nach allen Seiten aus, die Form löst sich auf, und was in der Mitte steht, ist die Zeitkraft des Windes. Es ist die Beschreibung eines Zerstreuungsvorgangs.
Und noch eines: in jeder der 27 Formeln steht das Attribut kālātmikā beziehungsweise kālātmā, „zeitgestaltig" — die Kraft ist ausdrücklich die des Zeitlaufs an dieser Himmelsstelle. In der gesamten modernen Wiedergabe fehlt dieses Wort.
Der Steckbrief
Die folgenden Zuschreibungen stammen aus verschiedenen Schichten der Überlieferung. Die Spalte rechts sagt bei jeder, worauf sie sich stützt. Wo eine Angabe keinen Beleg hat, steht das ausdrücklich da.
| Himmelsabschnitt | 6°40′ bis 20°00′ Tulā, siderisch Rechnung; Vers zur Pāda-Verteilung |
|---|---|
| Fixstern | α Bootis (Arcturus) — ein einziger Stern, kein Dissens; liegt heute in Citrā, siehe unten Sūrya-Siddhānta 8; Whitney in Burgess 1860 |
| Herrscher | Rāhu Viṃśottarī-Reihe |
| Devatā | Vāyu, der Wind Taittirīya-Saṃhitā 4.4.10; Taittirīya-Brāhmaṇa 1.5.1 und 3.1.1; Bṛhat Saṃhitā 97.11 |
| Śakti | kālātmikā niṣṭyāśaktiḥ, „die zeitgestaltige Kraft der Niṣṭyā" — oberhalb vratati, die Ranke, unterhalb asiddhi, das Herausfallen aus der Form; Ergebnis: das Ding geht zugrunde Bhaṭṭabhāskara zu Taittirīya-Brāhmaṇa 1.5.1 |
| Symbol | Koralle und junger Pflanzentrieb; die Figurentafel der Siddhānta-Literatur nennt Koralle, Edelstein oder Perle eigenes Kursmaterial; Burgess 1860 |
| Namensbedeutung | svātī in der Saṃhitā; niṣṭyā „die Ausgestossene, Fremde" im Brāhmaṇa Taittirīya-Saṃhitā 4.4.10 gegen Taittirīya-Brāhmaṇa 1.5.1 und 3.1.1; Monier-Williams |
| Wesensart | cara / cala (beweglich, schwankend) — Varāhamihira gibt dieser Gruppe keinen Namen, siehe unten Muhūrta-Cintāmaṇi 2.3; Bṛhat Saṃhitā 97.11 |
| Gaṇa | deva (göttlich) Muhūrta-Cintāmaṇi 6.29; Nārada-Saṃhitā 29.127 |
| Yoni (Tier) | Büffel (kāsara, mahiṣa), geteilt mit Hasta Muhūrta-Cintāmaṇi 6.25 |
| Yoni-Geschlecht | unbelegt — die klassische Lehre kennt kein Geschlecht der Yoni, siehe unten Negativbefund, siehe unten |
| Nāḍī | antya (die letzte) Muhūrta-Cintāmaṇi 6.34; Nārada-Saṃhitā 29.141 |
| Varṇa | im Heiratsvergleich śūdra (Tulā), alle vier Pādas — in der Gesellschaftszuordnung dagegen ugrajāti, die Grausamen zwei verschiedene Systeme, siehe unten |
| Guṇa | Tamas/Tamas/Sattva im Nakṣatra-Guṇa-Schema — Tamas im Navatārā-Schema eigenes Kursmaterial, zwei Systeme |
| Tattva | Agni (Feuer) eigenes Kursmaterial |
| Loka | Bhuva eigenes Kursmaterial |
| Mukha | tiryaṅmukha (querblickend) Muhūrta-Cintāmaṇi 2.9 |
| Silben | रू rū · रे re · रो ro · ता tā Lehrüberlieferung |
| Körperteil | Brust — im Schema des Nakṣatrapuruṣa, das ab Kṛttikā zählt eigenes Kursmaterial |
| Puruṣārtha | je Pāda Dharma, Artha, Kāma, Mokṣa Lehrüberlieferung |
| Tätigkeiten | bewegliches Werk: Besteigen von Reittieren, Ausfahrt, Gang in den Garten; ferner Schur, Saṃskāra und Dīkṣā, Hochzeit Bṛhat Saṃhitā 97.11, 97.12, 97.15, 99.7; Muhūrta-Cintāmaṇi 2.3 |
| Menschengruppen | Vögel, Wild und Pferde, Kaufleute, windreiche Getreidearten; die von unsteter Freundschaft und leichtem Wesen, Asketen, im Handel Geschickte Bṛhat Saṃhitā 15.13 |
| Geburtsdeutung | Göttern und Brahmanen Angenehmes tuend, geniesserisch, vermögend, schwachen Verstandes; gezügelt, Kaufmann, freundlich redend, der Pflicht anhängend — mit einer sinnkippenden Lesart, siehe unten Jātaka-Pārijāta 9.87; Bṛhat Saṃhitā 100.8 / Bṛhajjātaka 16.8 |
Wo die Quellen auseinandergehen
Der Stern liegt nicht im eigenen Abschnitt. Das ist der schwerste Fall und weiter unten eigens behandelt: Arcturus steht bei jedem gebräuchlichen Ayanāṃśa in Citrā, nicht in Svātī.
Die Lesart kṛpāluḥ gegen tṛṣāluḥ. Der Vers, der die Geburtsdeutung von Svātī gibt, steht in zwei Werken Varāhamihiras — als Bṛhajjātaka 16.8cd und als Bṛhat Saṃhitā 100.8cd — und die beiden Textzeugen lesen an einer Stelle verschieden:
| Zeuge | Lesart | Bedeutung |
|---|---|---|
| Bṛhajjātaka 16.8cd | kṛpāluḥ | „mitleidig" |
| Bṛhat Saṃhitā 100.8cd, Lesart Kerns | kṛpāluḥ | „mitleidig" |
| Bṛhat Saṃhitā 100.8cd, Text Tripāṭhīs | tṛṣāluḥ | „durstig, gierig" |
Der Unterschied ist kein orthographischer, sondern kippt den Sinn: aus einem mitleidigen wird ein gieriger Mensch. Zwei Zeugen stehen gegen einen, aber Tripāṭhīs Ausgabe ist die massgebliche neuere. Beide Lesarten sind hier festgehalten; eine Entscheidung wird nicht getroffen. Utpalas Kommentar zur Stelle, der sie klären könnte, war nicht greifbar.
Dazu kommt ein Gegensatz zwischen den beiden Deutungswerken überhaupt. Der Jātaka-Pārijāta nennt den unter Svātī Geborenen mandadhī, „schwachen Verstandes"; die Bṛhat Saṃhitā nennt ihn dānta, „gezügelt", und dharmāśrita, „der Pflicht anhängend". Das lässt sich nicht zusammenbringen, und es wird hier auch nicht zusammengebracht.
Der Klassenname. Die Muhūrta-Literatur führt Svātī als cara / cala, „beweglich, schwankend". Varāhamihira, der ältere Zeuge, gibt dieser Gruppe überhaupt keinen Namen: er sagt nur, diese Nakṣatras seien carakarmaṇi hitāni, „günstig beim beweglichen Werk". Sechs der sieben Wesensarten haben bei ihm einen Klassennamen, die siebte nicht. Wer „cara" als Klassenbezeichnung schreibt, zitiert den Muhūrta-Cintāmaṇi, nicht die Bṛhat Saṃhitā.
Varṇa. Wie überall liegen zwei Systeme übereinander. Im Heiratsvergleich, dem Melāpaka, wird der Varṇa nach dem Rāśi vergeben:
द्विजा झषालिकर्कटास् ततो नृपा विशो ऽङ्घ्रिजाः ।
dvijā jhaṣālikarkaṭās tato nṛpā viśo 'ṅghrijāḥ ।
Brahmanen [sind] Mīna, Vṛścika und Karka; darauf die Fürsten [Kṣatriyas], die Vaiśyas, die Śūdras.
Dvijā: Brahmanen; wörtl. „zweimal Geborene" (m. 1/3). Jhaṣālikarkaṭās: Mīna, Vṛścika und Karka; wörtl. jhaṣa (Fisch = Mīna) + āli (Skorpion = Vṛścika) + karkaṭa (Krebs = Karka) (m. 1/3). Tato: darauf, danach (avy.). Nṛpā: Fürsten, Kṣatriyas; wörtl. nṛ (Mensch) + pa (schützend) (m. 1/3). Viśo: Vaiśyas, die Leute des dritten Standes (f. 1/3). 'ṅghrijāḥ: Śūdras; wörtl. aṅghri (Fuss) + ja (geboren) (m. 1/3).
Der Kommentar löst auf: mithunatulākumbhā aṅghrijāḥ śūdrāḥ — „Mithuna, Tulā und Kumbha sind die Śūdras."
Svātī liegt ganz in Tulā, gehört im Melāpaka also durchgängig zu den Śūdras. Die modernen Tabellen führen für Svātī dagegen meist ugra oder ähnlich — das kommt aus Bṛhat Saṃhitā 15.29, wo Svātī mit Mūla, Ārdrā und Śatabhiṣaj der ugrajāti, der „grausamen Kaste", zugeordnet wird. Das ist eine gesellschaftsprognostische Zuordnung mit sieben Klassen, kein Kūṭa der Heiratsprüfung. Beide Angaben sind für sich richtig; wer mit dem Aṣṭakūṭa rechnet, muss śūdra ansetzen.
Yoni-Geschlecht. Die modernen Tabellen geben für Svātī „Büffel, männlich". Das Tier ist belegt, das Geschlecht nicht. Die klassische Lehre kennt vierzehn Tiere für achtundzwanzig Nakṣatras und rechnet ausschliesslich mit Freundschaft und Feindschaft der Arten; der Kommentar zum Muhūrta-Cintāmaṇi zitiert dazu das Daivajñamanohara: aṣṭāviṃśatitārāṇāṃ yonayas tu caturdaśa. Eine gezielte Suche in den Volltexten des Muhūrta-Cintāmaṇi und der Nārada-Saṃhitā nach puṃyoni, strīyoni und verwandten Ausdrücken ergab null Treffer.
Was die Yoni wirklich leistet, ist eine Feindschaftsrechnung. Muhūrta-Cintāmaṇi 6.25 nennt in jedem Versviertel genau zwei Tiere, und genau diese beiden sind einander feind. Svātī teilt sich den Büffel mit Hasta; im selben Versviertel steht das Pferd von Aśvinī und Śatabhiṣaj. Büffel und Pferd sind damit das Feindpaar.
Devatā Hanumān. Das eigene Kursmaterial nennt neben Vāyu auch Hanumān. In keiner klassischen Quelle steht das; die Verbindung ist mittelbar (Hanumān als Sohn des Windgottes) und deshalb hier als Lehrüberlieferung gekennzeichnet, nicht als Überlieferung des Textes.
Wesensart und Tätigkeiten
Die Wahllehre teilt die Nakṣatras nach ihrer Wesensart ein, weil davon abhängt, welche Unternehmung unter ihnen gelingt. Svātī gehört zu den beweglichen:
स्वात्यादित्ये श्रुतेस् त्रीणि चन्द्रश् चापि चरं चलम् । तस्मिन् गजादिकारोहो वाटिकागमनादिकम् ॥
svātyāditye śrutes trīṇi candraś cāpi caraṃ calam । tasmin gajādikāroho vāṭikāgamanādikam ॥
Svātī und Punarvasu [āditya], von Śravaṇa an drei, und auch der Mondtag [Montag] sind cara „beweglich" und cala „schwankend". Darin [gelingt]: das Besteigen von Elefanten und dergleichen, das Gehen in den Garten und dergleichen.
Svātyāditye: Svātī und das Aditi-Gestirn (Punarvasu); wörtl. svātī (15. Nakṣatra) + āditya (das Aditi-Gestirn) (n. 1/2). Śrutes: von Śravaṇa an (n. 5/1). Trīṇi: drei (n. 1/3). Candraś: Candra (der Mond), der Montag (m. 1/1). Ca: und (avy.). Api: auch (avy.). Caraṃ: beweglich - Name der Nakṣatra-Klasse (n. 1/1). Calam: schwankend - zweiter Name derselben Klasse (n. 1/1). Tasmin: unter diesem [Nakṣatra] (n. 7/1). Gajādikāroho: das Besteigen von Elefanten und dergleichen; wörtl. gaja (Elefant) + ādika (und so fort) + āroha (Besteigen) (m. 1/1). Vāṭikāgamanādikam: der Gang in den Garten und dergleichen; wörtl. vāṭikā (Garten, Anlage) + gamana (Gehen) + ādika (und so fort) (n. 1/1).
Kollationiert aus drei Ausgaben. Der Kommentar löst auf: ādityaṃ punarvasuḥ und śruteḥ śravaṇam ārabhya trīṇi śravaṇadhaniṣṭhāśatatārakāḥ. Die Gruppe erbt nach dem Kommentar die Tätigkeiten der laghu-Klasse.
Die Tätigkeiten passen zum Wind: alles, was unterwegs geschieht. Aufbrechen, fahren, reiten, spazieren. Die Bṛhat Saṃhitā sagt dasselbe knapper und ohne Klassennamen:
हौतभुजं सविशाखं मृदुतीक्ष्णं तद्विमिश्रफलकारि । श्रवणत्रयम् आदित्यानिले च चरकर्मणि हितानि ॥
hautabhujaṃ saviśākhaṃ mṛdutīkṣṇaṃ tadvimiśraphalakāri । śravaṇatrayam ādityānile ca carakarmaṇi hitāni ॥
Das dem Feueresser gehörende [Kṛttikā] samt Viśākhā ist „sanft-scharf" und bringt eine daraus gemischte Frucht. Die drei Śravaṇa [Śravaṇa, Dhaniṣṭhā, Śatabhiṣaj], das Aditi-Gestirn [Punarvasu] und das des Windes [Svātī] sind günstig beim beweglichen Werk.
Hautabhujaṃ: das dem Feueresser (Agni) gehörende Gestirn, Kṛttikā; wörtl. hutabhuj (Opferesser, Agni) (n. 1/1). Saviśākhaṃ: samt Viśākhā; wörtl. sa (mit) + viśākhā (n. 1/1). Mṛdutīkṣṇaṃ: sanft-scharf - Name der Nakṣatra-Klasse; wörtl. mṛdu (sanft) + tīkṣṇa (scharf) (n. 1/1). Tadvimiśraphalakāri: eine daraus gemischte Frucht bringend; wörtl. tad (das) + vimiśra (gemischt) + phala (Frucht) + kārin (bewirkend) (n. 1/1). Śravaṇatrayam: die drei Śravaṇa (Śravaṇa, Dhaniṣṭhā, Śatabhiṣaj); wörtl. śravaṇa + traya (Dreiheit) (n. 1/1). Ādityānile: das Aditi-Gestirn (Punarvasu) und das des Windes (Svātī); wörtl. āditya (der Aditi gehörend) + anila (Wind) (n. 1/2). Ca: und (avy.). Carakarmaṇi: beim beweglichen Werk; wörtl. cara (beweglich) + karman (Werk) (n. 7/1). Hitāni: günstig, zuträglich (n. 1/3).
Ausgabe H. Kern, Kalkutta 1865; Kapitelzählung dort 98, bei Tripāṭhī 97. Der Vers ist zugleich der Beleg für die Wesensart von Viśākhā. āditya ist hier Punarvasu, nicht Hasta — Iyers englische Fassung liest Hasta, was die Siebenteilung auf 26 Nakṣatras verkürzen würde.
Ein anderes Kapitel der Bṛhat Saṃhitā ordnet den Nakṣatras Menschen- und Berufsgruppen zu — es geht dort um Vorzeichendeutung im grossen Massstab, nicht um Geburtsdeutung:
स्वातौ खगमृगतुरगा वणिजो धान्यानि वातबहुलानि । अस्थिरसौहृदलघुसत्त्वतापसाः पण्यकुशलाश् च ॥
svātau khagamṛgaturagā vaṇijo dhānyāni vātabahulāni । asthirasauhṛdalaghusattvatāpasāḥ paṇyakuśalāś ca ॥
Bei Svātī: Vögel, Wild und Pferde, Kaufleute, windreiche Getreidearten; die von unsteter Freundschaft und leichtem Wesen, Asketen und im Handel Geschickte.
Svātau: bei Svātī, im Nakṣatra Svātī (f. 7/1). Khagamṛgaturagā: Vögel, Wild und Pferde; wörtl. khaga (Luftgänger, Vogel) + mṛga (Wild) + turaga (Pferd) (m. 1/3). Vaṇijo: Kaufleute, Händler (m. 1/3). Dhānyāni: Getreidearten (n. 1/3). Vātabahulāni: windreich; wörtl. vāta (Wind) + bahula (n. 1/3). Asthirasauhṛdalaghusattvatāpasāḥ: die von unsteter Freundschaft und leichtem Wesen, und Asketen; wörtl. asthira (unstet) + sauhṛda (Freundschaft) + laghu (leicht) + sattva (Wesen) + tāpasa (Asket) (m. 1/3). Paṇyakuśalāś: im Handel Geschickte; wörtl. paṇya (Ware, Handel) + kuśala (geschickt) (m. 1/3). Ca: und (avy.).
Ausgabe H. Kern, Kalkutta 1865. Das Kapitel zählt von Kṛttikā an, Svātī steht deshalb als dreizehntes. Kapitel 15 trägt in allen geprüften Ausgaben dieselbe Nummer.
Die Reihe ist erkennbar vom Wind her gedacht: Vögel, flüchtiges Wild, Pferde, wandernde Kaufleute, „windreiche" Getreidearten, Menschen von unsteter Freundschaft und leichtem Wesen — und, ein wenig überraschend, Asketen. Das Wort tāpasa steht mitten in der Aufzählung des Beweglichen; wer die Verbindung sucht, findet sie in der Heimatlosigkeit des Wandermönchs.
Der Jātaka-Pārijāta fasst in einem Vers zusammen, was ein unter Hasta, Citrā, Svātī oder Viśākhā Geborener mitbekommt:
हस्तर्क्षे यदि कामधर्मनिरतः प्राज्ञोपकर्ता धनी चित्रायाम् अतिगुप्तशीलनिरतो मानी परस्त्रीरतः । स्वात्यां देवमहीसुरप्रियकरो भोगी धनी मन्दधीः गर्वी दारवशो जितारिर् अधिकक्रोधी विशाखोद्भवः ॥
hastarkṣe yadi kāmadharmanirataḥ prājñopakartā dhanī citrāyām atiguptaśīlanirato mānī parastrīrataḥ । svātyāṃ devamahīsurapriyakaro bhogī dhanī mandadhīḥ garvī dāravaśo jitārir adhikakrodhī viśākhodbhavaḥ ॥
Steht [der Mond] im Hasta-Gestirn, so ist man der Liebe und der Pflicht ergeben, den Weisen hilfreich, vermögend; unter Citrā auf ein sehr verborgenes Wesen bedacht, stolz, an fremden Frauen hängend; unter Svātī tut man Göttern und Brahmanen Angenehmes, ist geniesserisch und vermögend, aber schwachen Verstandes; hochmütig, der Gattin hörig, die Feinde besiegend und überaus zornig ist der unter Viśākhā Geborene.
Hastarkṣe: im Hasta-Gestirn; wörtl. hasta (13. Nakṣatra) + ṛkṣa (Gestirn) (n. 7/1). Yadi: wenn (avy.). Kāmadharmanirataḥ: der Liebe und der Pflicht ergeben; wörtl. kāma (Liebe) + dharma (Pflicht) + nirata (hingegeben) (m. 1/1). Prājñopakartā: den Weisen hilfreich; wörtl. prājña (weise) + upakartṛ (Helfer) (m. 1/1). Dhanī: vermögend, reich (m. 1/1). Citrāyām: unter Citrā, im Nakṣatra Citrā (f. 7/1). Atiguptaśīlanirato: auf ein sehr verborgenes Wesen bedacht; wörtl. ati (über) + gupta (verborgen) + śīla (Wesensart) + nirata (hingegeben) (m. 1/1). Mānī: stolz, auf Ehre bedacht (m. 1/1). Parastrīrataḥ: an fremden Frauen hängend; wörtl. para (fremd) + strī (Frau) + rata (zugetan) (m. 1/1). Svātyāṃ: unter Svātī, im Nakṣatra Svātī (f. 7/1). Devamahīsurapriyakaro: Göttern und Brahmanen Angenehmes tuend; wörtl. deva (Gott) + mahīsura (Erdgott = Brahmane) + priya (angenehm) + kara (machend) (m. 1/1). Bhogī: geniesserisch, den Genüssen zugetan (m. 1/1). Mandadhīḥ: schwachen Verstandes; wörtl. manda (träge, schwach) + dhī (Einsicht) (m. 1/1). Garvī: hochmütig, stolz (m. 1/1). Dāravaśo: der Gattin hörig; wörtl. dāra (Gattin) + vaśa (untertan) (m. 1/1). Jitārir: die Feinde besiegend; wörtl. jita (besiegt) + ari (Feind) (m. 1/1). Adhikakrodhī: überaus zornig; wörtl. adhika (übermässig) + krodhin (zornig) (m. 1/1). Viśākhodbhavaḥ: der unter Viśākhā Geborene; wörtl. viśākhā (16. Nakṣatra) + udbhava (Entstehung, Geburt) (m. 1/1).
Ausgabe V. Subrahmanya Sastri 1932, Bd. I, S. 628; Kashi Sanskrit Series 10 zählt denselben Vers als 9.88.
Die ältere und knappere Fassung steht bei Varāhamihira, und dort sitzt die oben besprochene Lesartdifferenz:
citrāmbaramālyadharaḥ sulocanāṅgaś ca citrāyām । dānto vaṇik tṛṣāluḥ priyavāg dharmāśritaḥ svātau ॥
Unter Citrā: bunte Gewänder und Kränze tragend, mit schönen Augen und Gliedern. Unter Svātī: gezügelt, Kaufmann, durstig [Lesart Kerns und des Bṛhajjātaka: mitleidig], freundlich redend, der Pflicht anhängend.
Citrāmbaramālyadharaḥ: bunte Gewänder und Kränze tragend; wörtl. citra (bunt) + ambara (Gewand) + mālya (Kranz) + dhara (tragend) (m. 1/1). Sulocanāṅgaś: mit schönen Augen und Gliedern; wörtl. su (schön) + locana (Auge) + aṅga (Glied) (m. 1/1). Ca: und (avy.). Citrāyām: unter Citrā, im Nakṣatra Citrā (f. 7/1). Dānto: gezügelt, gebändigt (m. 1/1). Vaṇik: Kaufmann, Händler (m. 1/1). Tṛṣāluḥ: durstig, gierig (Lesart Kern und Bṛhajjātaka: kṛpāluḥ, mitleidig) (m. 1/1). Priyavāg: freundlich redend; wörtl. priya (lieb) + vāc (Rede) (m. 1/1). Dharmāśritaḥ: der Pflicht anhängend; wörtl. dharma (Pflicht) + āśrita (angelehnt) (m. 1/1). Svātau: unter Svātī, im Nakṣatra Svātī (f. 7/1).
Wortlaut nach dem GRETIL-Text der Ausgabe A. V. Tripāṭhī (mit Kerns Apparat) und der Bṛhajjātaka-Ausgabe Oriental Books Reprint Corporation 1979. Die Devanāgarī dieses Kapitels ist in der benutzten Quelle nicht mitgeführt und deshalb hier nicht wiedergegeben.
Die Sterne des Asterismus
Svātī hat einen einzigen Stern, Arcturus — und der steht heute nicht im eigenen Abschnitt, sondern im vorhergehenden Citrā. Die Grafik zeigt beide Abschnitte nebeneinander; der offene Kreis ist die Sollposition der Yogatārā nach Sūrya-Siddhānta, die im heutigen Rahmen ebenfalls nach Citrā fällt. Achtung: Länge und Breite sind hier NICHT gleich skaliert, die Breitenachse ist rund 1:3 gestaucht. Siderische Länge zum Stichjahr 2025,0 mit dem Ayanāṃśa nach Lahiri; ekliptikale Breite J2000,0.
Koordinaten aus SIMBAD (Abruf 15. September 2026); Sollposition der Yogatārā aus Sūrya-Siddhānta 8.2 und 8.7 nach Burgess 1860.
Auch hier gibt es keinen Identifikationsstreit: Svātī hat einen einzigen Stern, und alle Autoritäten meinen denselben — α Bootis, mit dem griechischen Namen Arcturus, „Bärenhüter". Mit −0,05 Grössenklassen ist er der hellste Stern des Nordhimmels und die weitaus hellste Yogatārā der ganzen Nakṣatra-Reihe.
Dass er überhaupt dazugehört, hat Burgess bemerkenswert gefunden. Die Sollbreite des Sūrya-Siddhānta beträgt 37° nördlich; die Inder seien hier, schreibt er, „far beyond the limits of the zodiac" gegangen — weit über die Grenzen des Tierkreises hinaus —, um einen hellen Stern des Nordhimmels in die Reihe zu holen. Ausser Abhijit, das gar keinen eigenen Abschnitt hat, steht kein Nakṣatra-Stern so weit ab.
Der Stern im Katalog
| Bayer | α Bootis |
|---|---|
| Eigenname | Arcturus |
| HR | 5340 |
| HD | 124897 |
| HIP | 69673 |
| Helligkeit V | −0,05 |
| Spektraltyp | K1.5 III Fe-0.5 |
| Rektaszension | 14ʰ 15ᵐ 39,7ˢ |
| Deklination | +19° 10′ 56,7″ |
| Ekl. Länge J2000 | 204° 14′ |
| Ekl. Breite J2000 | +30° 44′ |
| Ekl. Länge 2025,0 | 204° 35′ |
Rektaszension und Deklination gelten für Äquinoktium und Epoche J2000,0; die Werte stammen aus SIMBAD. Entfernung und Flamsteed-Nummer sind in der hier benutzten Erhebung nicht mitgeführt und stehen deshalb nicht in der Tabelle.
Arcturus steht heute in Citrā
Das ist der Befund, an dem Svātī sich von den meisten anderen Nakṣatras unterscheidet, und er ist eindeutig:
| Ayanāṃśa (2025,0) | siderische Länge von α Boo | liegt in |
|---|---|---|
| Lahiri / Citrāpakṣa | 0° 23′ Tulā | Citrā |
| True Citrā | 0° 24′ Tulā | Citrā |
| Krishnamurti | 0° 28′ Tulā | Citrā |
| Raman | 1° 49′ Tulā | Citrā |
| Fagan / Bradley | 29° 30′ Kanyā | Citrā |
Svātī reicht von 6°40′ bis 20°00′ Tulā. Arcturus steht nach Lahiri auf 0°23′ Tulā, also 6°17′ vor dem Beginn seines eigenen Abschnitts, mitten in Citrā. Kein gebräuchliches Ayanāṃśa bringt ihn herein: dazu müsste es unter 17°55′ liegen, während die gängigen Werte zwischen 22° und 25° stehen.
Der Grund ist nicht der übliche. Bei sechs der sieben abgewanderten Yogatārās — Betelgeuse, Antares, δ und σ Sagittarii, Altair, β Delphini — liegt es an der Rahmenverschiebung: das Sūrya-Siddhānta zählt von einem Nullpunkt, den Whitney mit dem Frühlingspunkt von 560 n. Chr. gleichsetzt, die Lahiri-Zählung von einem rund 270 Jahre früheren, und jede Position wird dadurch um knapp vier Grad kleiner.
Bei Arcturus kommt etwas anderes hinzu, und es wiegt schwerer: die extreme Breite. Das Sūrya-Siddhānta gibt nicht die ekliptikale Länge an, sondern die polare — die Länge des Punktes, an dem der Deklinationskreis des Sterns die Ekliptik schneidet. Bei einem Stern nahe der Ekliptik sind beide fast gleich. Bei 34° ekliptikaler Breite laufen sie weit auseinander: der dhruvaka beträgt 199°, die echte ekliptikale Länge 182°56′ — 16 Grad Unterschied.
Die Folge: schon die Sollposition des Sūrya-Siddhānta selbst fällt im heutigen Rahmen mit 29°15′ Kanyā nach Citrā. Nach Whitneys eigener Umrechnung war Arcturus also bereits 560 n. Chr. nicht in seinem Abschnitt. Das ist kein Fehler der Rechnung und kein Fehler der Überlieferung, sondern die Folge davon, dass ein Stern weit ausserhalb des Tierkreises in ein System eingeordnet wurde, das für Sterne nahe der Ekliptik gebaut ist.
Die Sollposition selbst reproduziert die Rechnung gut: λ(560 n. Chr.) 182°56′ bei β +33°47′ gegen Whitneys eigene Reduktion von 183°02′ und 33°50′ N — sechs beziehungsweise drei Bogenminuten Abweichung. Das Graha-Lāghava gibt als polare Länge 198° statt 199°.
Sichtbarkeit
Von mitteleuropäischer Breite — rund 47° Nord — kulminiert Arcturus 62,1 Grad hoch; er gehört damit zu den am besten sichtbaren Sternen der ganzen Reihe und ist auch in der Stadt mühelos zu finden. Die alte Merkregel führt hin: man verlängert den Bogen der Deichsel des Grossen Wagens, und der erste sehr helle Stern, auf den man trifft, ist Arcturus. Um Mitternacht kulminiert er um den 14. April, die Sonnenkonjunktion fällt auf den 18. Oktober; rund vier Wochen davor und danach ist er unsichtbar. Zirkumpolar ist er nicht — dazu müsste seine Deklination über +43° liegen, sie beträgt +19,1°.
Wer Svātī am Himmel aufsuchen will, muss also wissen, dass der Stern, den er findet, nach heutiger Rechnung im Nachbarabschnitt steht. Der Abschnitt Svātī selbst enthält keinen Stern, der hell genug wäre, um genannt zu werden.
Die Verse
Die älteste Stelle, die Svātī nennt, steht in der Taittirīya-Saṃhitā. Sie gehört zur Aufzählung der Nakṣatra-Feueraltarziegel — ein ritueller, kein astrologischer Text:
स्वाती नक्षत्रं वायुर् देवता
svātī́ nákṣatraṃ vāyúr devátā
Svātī ist das Nakṣatra, Vāyu die Gottheit.
Svātī: Svātī, 15. Nakṣatra (f. 1/1). Nakṣatraṃ: Nakṣatra, Gestirn, Mondhaus (n. 1/1). Vāyur: Vāyu, der Windgott (m. 1/1). Devatā: Gottheit (f. 1/1).
Wortlaut nach TITUS (akzentuierte Umschrift, auf Grundlage der Ausgabe Albrecht Weber, Leipzig 1871–72); Devanāgarī-Ausgabe bei sanskritdocuments.org. Dies ist die einzige der drei Taittirīya-Stellen, die den Namen svātī gebraucht.
Das Taittirīya-Brāhmaṇa führt dieselbe Reihe, nennt das Nakṣatra aber niṣṭyā, stellt die Gottheit in den Genitiv voran und fügt das Begriffspaar „oberhalb / unterhalb" bei:
वायोर् निष्ट्या । व्रततिः परस्ताद् असिद्धिर् अवस्तात् ॥
vāyór níṣṭyā । vratátiḥ parástād ásiddhir avástāt ॥
Des Vāyu ist Niṣṭyā. Die Ranke oberhalb, das Misslingen unterhalb.
Vāyor: des Vāyu, des Windgottes (m. 6/1). Niṣṭyā: Niṣṭyā, „die Ausgestossene, Fremde" — vedischer Name von Svātī (f. 1/1). Vratatiḥ: die Ranke, das Kriechgewächs (f. 1/1). Parastād: oberhalb, darüber, jenseits (avy.). Asiddhir: das Misslingen, der Fehlschlag; wörtl. a- (un-) + siddhi (Gelingen) (f. 1/1). Avastāt: unterhalb, darunter, diesseits (avy.).
Umschrift nach TITUS, Devanāgarī nach sanskritdocuments.org. Dieses Begriffspaar ist die Grundlage der Śakti-Formel weiter oben. Die beiden Ausgaben setzen die Zäsur verschieden: TITUS trennt vāyór níṣṭyā ‖ vratátiḥ parástāt…, sanskritdocuments zieht vratatiḥ zum ersten Glied.
Die stärkste Primärstelle, die es zu einem Nakṣatra überhaupt gibt, ist das Mantra der Nakṣatreṣṭi, des Opfers an die Nakṣatra-Gottheiten:
वायुर् नक्षत्रम् अभ्येति निष्ट्याम् । तिग्मशृङ्गो वृषभो रोरुवाणः । समीरयन् भुवना मातरिश्वा । अप द्वेषांसि नुदताम् अरातीः ॥
vāyúr nákṣatram abhyèti níṣṭyām । tigmáśr̥ṅgo vr̥ṣabhó róruvāṇaḥ । samīráyan bhúvanā mātaríśvā । ápa dvéṣāṃsi nudatām árātīḥ ॥
Vāyu tritt heran an das Nakṣatra Niṣṭyā — scharfgehörnter, brüllender Stier, Mātariśvan, der die Welten in Bewegung setzt. Forttreiben sollen sie die Feindschaften und die Unholde.
Vāyur: Vāyu, der Windgott (m. 1/1). Nakṣatram: Nakṣatra, Gestirn (n. 2/1). Abhyeti: tritt heran, geht zu (laṭ III/1). Niṣṭyām: Niṣṭyā (= Svātī), 15. Nakṣatra (f. 2/1). Tigmaśṛṅgo: scharfgehörnt; wörtl. tigma (scharf, spitz) + śṛṅga (Horn) (m. 1/1). Vṛṣabho: Stier, Bulle (m. 1/1). Roruvāṇaḥ: laut brüllend (Intensivum von √ru) (m. 1/1). Samīrayan: in Bewegung setzend, antreibend (Part. Präs. Kausativ von sam-√īr) (m. 1/1). Bhuvanā: die Welten, die Wesen (n. 2/3). Mātariśvā: Mātariśvan, „der in der Mutter Schwellende" — Name des Windes (m. 1/1). Apa: weg, fort (avy.). Dveṣāṃsi: Feindschaften, Anfeindungen (n. 2/3). Nudatām: soll(en) forttreiben, verscheuchen; die Form ist als 3. Dual oder als Medium der 3. Person Singular deutbar (loṭ III/2). Arātīḥ: die Unholde, die Missgunst, die Feinde; wörtl. a- (un-) + rāti (Gabe, Freigebigkeit) (f. 2/3).
Umschrift nach TITUS; Devanāgarī mit Svaras nach sanskritdocuments.org (nakṣatrasūktam). Die zweite Hälfte des Mantras — hier nicht mitgesetzt — bittet Vāyu und Niṣṭyā um Erhörung, nennt das Nakṣatra „reichgebend" und erbittet von den Göttern, dass man alle Nöte überwinde.
Der Merkvers, mit dem die Reihe der Nakṣatra-Namen gelernt wird, führt Svātī an fünfter Stelle seiner zweiten Zeile:
पूर्वाफाल्गुनिका तस्माद् उत्तराफाल्गुनी ततः । हस्तश् चित्रा तथा स्वाती विशाखा तदनन्तरम् ॥
pūrvāphālgunikā tasmād uttarāphālgunī tataḥ । hastaś citrā tathā svātī viśākhā tadanantaram ॥
Danach Pūrvāphālgunī, darauf Uttarāphālgunī; Hasta, Citrā und ebenso Svātī, danach Viśākhā.
Pūrvāphālgunikā: Pūrvāphālgunī, 11. Nakṣatra (f. 1/1). Tasmād: danach, darauf (Ablativ) (n. 5/1). Uttarāphālgunī: Uttarāphālgunī, 12. Nakṣatra (f. 1/1). Tataḥ: darauf (avy.). Hastaś: Hasta, 13. Nakṣatra (m. 1/1). Citrā: Citrā, 14. Nakṣatra (f. 1/1). Tathā: ebenso (avy.). Svātī: Svātī, 15. Nakṣatra (f. 1/1). Viśākhā: Viśākhā, 16. Nakṣatra (f. 1/1). Tadanantaram: danach, unmittelbar darauf (avy.).
Quelle ungeklärt (Ārambha-Kursmaterial, Pt. Sanjay Rath)
Grammatikangaben im Glossar sind unter Grammatik-Abkürzungen erklärt.
Zur Quellenlage dieses Portraits
Die Angaben oben ruhen auf ungleichem Grund, und das soll sichtbar bleiben.
Sicher ist alles Rechnerische: die Gradgrenzen, die vier Pādas, ihre Navāṃśa-Zeichen, die Lage ganz in Tulā. Das folgt aus der Einteilung selbst und ist gegen die eigene Berechnungsbibliothek geprüft. Sicher ist auch der Herrscher Rāhu aus der Viṃśottarī-Reihe.
Am Originalvers belegt sind: die Devatā Vāyu (Taittirīya-Saṃhitā 4.4.10, Taittirīya-Brāhmaṇa 1.5.1 und 3.1.1, Bṛhat Saṃhitā 97.11), die beiden Namensformen, die Śakti samt ihren drei Gliedern (Bhaṭṭabhāskara zum Brāhmaṇa), die Wesensart und die zugehörigen Tätigkeiten (Bṛhat Saṃhitā 97.11, Muhūrta-Cintāmaṇi 2.3), die Berufsgruppen (Bṛhat Saṃhitā 15.13), Gaṇa, Yoni und Nāḍī (Muhūrta-Cintāmaṇi 6.29, 6.25, 6.34), das Mukha (Muhūrta-Cintāmaṇi 2.9) sowie die Geburtsdeutung (Jātaka-Pārijāta 9.87 und Bṛhat Saṃhitā 100.8).
Die Sternidentifikation ist gesichert, die Abschnittslage nicht. Alle Autoritäten meinen α Bootis; aber der Stern liegt heute — und lag schon im Rahmen des Sūrya-Siddhānta — nicht in Svātī, sondern in Citrā. Das ist gerechnet und nachprüfbar, nicht behauptet.
Nicht belegt und deshalb markiert oder ganz weggelassen: das Geschlecht der Yoni, für das die klassische Lehre gar keinen Platz hat; die Himmelsrichtung; die Namenssilben; das Symbol von Koralle und Pflanzentrieb, für das sich kein Vers finden liess; die Devatā Hanumān, die nur in der Kursüberlieferung steht.
Widersprüche, die stehen bleiben. Erstens die Lesart kṛpāluḥ gegen tṛṣāluḥ in Bṛhat Saṃhitā 100.8cd — „mitleidig" gegen „gierig", zwei Textzeugen gegen einen, keine Entscheidung. Zweitens der Gegensatz zwischen Jātaka-Pārijāta („schwachen Verstandes") und Bṛhat Saṃhitā („gezügelt, der Pflicht anhängend"). Drittens der Varṇa: zwei Systeme, zwei Antworten. Viertens der Klassenname cara, den die Muhūrta-Literatur führt und Varāhamihira nicht kennt.
Nicht verwendet wurde die Deutung, niṣṭyā („die Ausgestossene") sei ein Hinweis auf die abgelegene Nordlage des Sterns. Sie liegt nahe und ist oben erwähnt, aber keine Quelle sagt es, und sie wird deshalb nicht als Überlieferung ausgegeben. Ebenso wenig wurde die moderne Śakti-Bezeichnung „vāyu śakti" übernommen: der Kommentar setzt an dieser Stelle nur den Nakṣatra-Namen.
Bei den Versen ist zu unterscheiden. Die Taittirīya-Stellen, der Kommentar Bhaṭṭabhāskaras und die Verse aus Bṛhat Saṃhitā, Muhūrta-Cintāmaṇi und Jātaka-Pārijāta sind edierter Text mit nachprüfbarer Fundstelle. Der Merkvers der Nakṣatra-Namen und der Vers zur Pāda-Verteilung dagegen stammen aus einem Kursmaterial, dessen Wortlaut keiner Stelle eines klassischen Werks zugeordnet werden konnte.
Was noch offen ist: Utpalas Kommentar zu Bṛhat Saṃhitā 100.8cd könnte die Lesartfrage entscheiden, war aber nicht greifbar. Sāyaṇas Wortlaut zu Taittirīya-Brāhmaṇa 1.5.1 wurde für Svātī nicht eingesehen. Entfernung und Flamsteed-Nummer von Arcturus wurden in der zugrundeliegenden Erhebung nicht erfasst.