Śravaṇa
Studien-PDF herunterladenश्रवण 22. Nakṣatra · 10°00′ bis 23°20′ Makara (siderisch) · Herrscher Candra
Śravaṇa ist das Nakṣatra des Viṣṇu — und dasjenige, bei dem die vertraute Namensdeutung am wenigsten hält. Fast jede moderne Darstellung leitet den Namen von śru, „hören", ab und macht daraus ein Nakṣatra des Zuhörens, des Lernens, der Überlieferung. Der älteste Kommentar, der sich dazu äussert, leitet ihn von einer ganz anderen Wurzel ab. Und die älteste Namensform lautet nicht śravaṇa, sondern śroṇā. Beides gehört hierher, bevor irgendetwas anderes gesagt wird.
Himmelsabschnitt und Pādas
Śravaṇa reicht von 280°00′ bis 293°20′ siderischer Länge und liegt damit vollständig im Rāśi Makara (Steinbock). Die vier Pādas zu je 3°20′ tragen die Navāṃśa-Zeichen Meṣa, Vṛṣabha, Mithuna und Karka — Makara ist ein bewegliches Zeichen, seine Navāṃśa-Reihe beginnt deshalb bei ihm selbst, und Śravaṇa besetzt darin die Plätze vier bis sieben.
| Pāda | von | bis | Navāṃśa | Puruṣārtha | Silbe |
|---|---|---|---|---|---|
| 1 | 10°00′ Makara | 13°20′ | Meṣa | Dharma | खी khī |
| 2 | 13°20′ | 16°40′ | Vṛṣabha | Artha | खू khū |
| 3 | 16°40′ | 20°00′ | Mithuna | Kāma | खे khe |
| 4 | 20°00′ | 23°20′ | Karka | Mokṣa | खो kho |
Die Gradgrenzen und die Navāṃśa-Zuordnung sind reine Arithmetik und gegen die eigene Berechnungsbibliothek geprüft. Die Silben stammen aus der Lehrüberlieferung; ein klassischer Vers, der sie festlegt, liess sich hier nicht nachweisen.
Dass Śravaṇa mit allen vier Pādas in Makara liegt, sagt der Vers, der die Nakṣatras auf die Zeichen verteilt:
उत्तरायास् त्रयः पादाः श्रवणं धनिष्ठार्धं मकरः ।
uttarāyās trayaḥ pādāḥ śravaṇaṃ dhaniṣṭhārdhaṃ makaraḥ ।
Drei Pādas von Uttarā[ṣāḍhā], [die vier von] Śravaṇa und die [erste] Hälfte von Dhaniṣṭhā [bilden] Makara [den Steinbock].
Uttarāyās: von Uttarā(ṣāḍhā), 21. Nakṣatra (f. 6/1). Trayaḥ: drei (m. 1/3). Pādāḥ: Pādas, Viertel (m. 1/3). Śravaṇaṃ: Śravaṇa, 22. Nakṣatra (n. 1/1). Dhaniṣṭhārdhaṃ: die Hälfte von Dhaniṣṭhā; wörtl. dhaniṣṭhā (23. Nakṣatra) + ardha (Hälfte) (n. 1/1). Makaraḥ: Makara, der Steinbock (10. Rāśi) (m. 1/1).
Quelle ungeklärt (Ārambha-Kursmaterial, Pt. Sanjay Rath)
Die Devatā
Über den Abschnitt herrscht Viṣṇu. Das ist eine der wenigen Zuschreibungen, die in allen greifbaren Schichten übereinstimmen: die Taittirīya-Saṃhitā nennt ihn, das Taittirīya-Brāhmaṇa an beiden Stellen, und Varāhamihira sechs Jahrhunderte später ebenfalls (hari, Bṛhat Saṃhitā 97.5). Kein Widerspruch, keine Variante.
Der Mantra der Nakṣatreṣṭi, mit dem dieses Nakṣatra im Opfer angerufen wird, entfaltet Viṣṇu in seiner ältesten Gestalt: als den, der den Weltraum in drei Schritten ausmisst. Er ist deshalb weiter unten bei den Versen ungekürzt wiedergegeben. Aus ihm stammt auch das Bild der drei Fussspuren, das die Lehrüberlieferung als Symbol dieses Nakṣatras führt — und zwar, anders als sonst bei Nakṣatra-Symbolen, mit einem Textanker: tredhā́ víṣṇur urugāyó vícakrame, „dreifach hat der weitschreitende Viṣṇu ausgeschritten".
Zwei Beobachtungen zum Mantra selbst. Erstens wird Śroṇā dort als weibliche Gottheit angesprochen — mahī́ṃ devī́ṃ víṣṇupatnīm, „die grosse Göttin, Viṣṇus Gattin". Das Nakṣatra ist im Mantra also nicht bloss ein Ort am Himmel, sondern die Gemahlin des Gottes, dem es zugeordnet ist. Zweitens spielt der Mantra durchaus mit dem Hören: er beginnt mit śṛṇvánti, „sie hören", und lässt Śroṇā śráva icchámānā gehen, „nach Ruhm (oder: nach Hörbarem) verlangend". Wer den Namen von śru ableitet, hat also den Mantratext auf seiner Seite — nur eben nicht den Kommentator. Dazu unten mehr.
Die Śakti
Jedem Nakṣatra wird eine Śakti zugeschrieben, eine Wirkkraft, in einer dreigliedrigen Form: ein Begriff für die Kraft selbst, dazu etwas „oberhalb" und etwas „unterhalb", und aus dem Zusammentreffen der drei ein Ergebnis. Die Wurzel dieser Angabe liegt im Taittirīya-Brāhmaṇa, das zu jedem Nakṣatra ein Paar parastāt und avastāt nennt — für Śravaṇa pṛcchamānāḥ, „die Fragenden", und panthāḥ, „der Weg". Das mittlere Glied trägt erst der Kommentar ein, und zwar nicht Sāyaṇa, wie häufig angenommen wird, sondern Bhaṭṭabhāskara Miśra, dessen Bhāṣyadīpikā älter ist als Sāyaṇas Bhāṣya:
विष्णोः श्रोणा । श्रोण संघाते । विष्णुर् व्यापनसंघातकारी प्रपञ्चात्मकत्वात् तस्य । तथा भवतस् त्रयं भवति — परस्तात् पृच्छमानाः चेतयमाना अमूढा जायन्ते । मध्ये कालात्मिका संहननशक्तिः । अवस्तात् पन्थाः पन्थानः ॥
viṣṇoḥ śroṇā । śroṇa saṃghāte । viṣṇur vyāpanasaṃghātakārī prapañcātmakatvāt tasya । tathā bhavatas trayaṃ bhavati — parastāt pṛcchamānāḥ cetayamānā amūḍhā jāyante । madhye kālātmikā saṃhananaśaktiḥ । avastāt panthāḥ panthānaḥ ॥
„Viṣṇus ist Śroṇā." [Die Wurzel] śroṇ im Sinne von Zusammenfügung; Viṣṇu ist der, der durchdringend zusammenfügt, weil das Weltganze sein Wesen ist. Von ihm, der so ist, gibt es ein Dreifaches: oberhalb die Fragenden — sie werden einsichtig und nicht verblendet; in der Mitte die zeitgestaltige Kraft des Zusammenfügens; unterhalb der Pfad, [im Plural:] die Pfade.
Viṣṇoḥ: des Viṣṇu (m. 6/1). Śroṇā: Śroṇā, das Nakṣatra Śravaṇa (f. 1/1). Śroṇa: „śroṇ" — die Verbalwurzel in der Zitierform des Dhātupāṭha (m. 1/1). Saṃghāte: „im Sinne von Zusammenfügung" — die Bedeutungsangabe des Dhātupāṭha steht im Lokativ (m. 7/1). Viṣṇur: Viṣṇu (m. 1/1). Vyāpanasaṃghātakārī: der durchdringend zusammenfügt; wörtl. vyāpana (Durchdringen) + saṃghāta (Zusammenfügung) + kārin (machend) (m. 1/1). Prapañcātmakatvāt: weil das Weltganze sein Wesen ist; wörtl. prapañca (Weltentfaltung) + ātmaka (wesenhaft) + tva (-heit) (n. 5/1). Tasya: seiner, von ihm (6/1). Tathā: so, auf diese Weise (avy.). Bhavatas: von ihm, der so ist (Part. Präs. von √bhū) (m. 6/1). Trayaṃ: eine Dreiheit (n. 1/1). Bhavati: es gibt, entsteht (laṭ III/1). Parastāt: oberhalb, darüber (avy.). Pṛcchamānāḥ: die Fragenden (Part. Präs. Med.) (m. 1/3). Cetayamānā: einsichtig werdend, zur Erkenntnis kommend (m. 1/3). Amūḍhā: nicht verblendet; wörtl. a- (un-) + mūḍha (verwirrt) (m. 1/3). Jāyante: sie werden geboren, sie entstehen (laṭ III/3). Madhye: in der Mitte (n. 7/1). Kālātmikā: zeitgestaltig, deren Wesen die Zeit ist; wörtl. kāla (Zeit) + ātmikā (wesenhaft) (f. 1/1). Saṃhananaśaktiḥ: die Kraft des Zusammenfügens; wörtl. saṃhanana (Zusammenfügung, Festigung) + śakti (Kraft) (f. 1/1). Avastāt: unterhalb, darunter (avy.). Panthāḥ: der Pfad, der Weg (m. 1/1). Panthānaḥ: die Pfade — Bhaṭṭabhāskaras Auflösung im Plural (m. 1/3).
Taittirīya-Brāhmaṇa mit Bhaṭṭabhāskara-Bhāṣya, Aṣṭaka 1, hrsg. A. Mahādeva Śāstrī, Mysore 1908, Bd. I, S. 251 (Abschnitt 20 der Ausgabenzählung); am Seitenbild gelesen, nicht aus der OCR übernommen.
Zwei Dinge sind daran bemerkenswert, und beide werden in der modernen Wiedergabe unsichtbar.
Erstens endet der Abschnitt nach avastāt. Ein Ergebnissatz — das vierte Glied, das sonst mit etat-trayopapattau („beim Zusammentreffen dieser drei …") eingeleitet wird — steht hier nicht im Text. Die gängigen Tabellen führen für Śravaṇa gleichwohl eines an, meist „connection of all things". Das ist eine stillschweigende Ergänzung, kein Textbefund, und es ist eine von nur zwei Stellen unter allen 27, an denen das passiert (die andere ist Āśleṣā). Wo dieses Portrait eine Śakti-Angabe macht, endet sie deshalb nach dem dritten Glied.
Zweitens leitet Bhaṭṭabhāskara den Namen nicht von śru ab. Er zitiert den Dhātupāṭha mit śroṇa saṃghāte — die Wurzel śroṇ im Sinne von „zusammenfügen" — und begründet damit, warum die mittlere Kraft saṃhanana-śakti heisst, „Kraft des Zusammenfügens": Viṣṇu ist der, der durchdringend zusammenfügt, weil das Weltganze sein Wesen ist. Die ganze moderne Deutung von Śravaṇa als „Hören, Zuhören, Lernen" hat bei ihm keinen Rückhalt. Sie hat ihn, wie oben gezeigt, im Mantra von TB 3.1.2 — aber das ist eine andere Textschicht mit einem anderen Anliegen. Beides steht nebeneinander, und beides bleibt hier stehen.
Der Steckbrief
Die folgenden Zuschreibungen stammen aus verschiedenen Schichten der Überlieferung. Die Spalte rechts sagt bei jeder, worauf sie sich stützt. Wo eine Angabe in den hier greifbaren Quellen keinen Beleg hat, steht das ausdrücklich da.
| Himmelsabschnitt | 10°00′ bis 23°20′ Makara, siderisch Rechnung; Vers zur Pāda-Verteilung |
|---|---|
| Fixsterne | γ, α und β Aquilae; Yogatārā ist die mittlere, also α Aquilae (Altair) Sūrya-Siddhānta 8.18; Whitney in Burgess 1860 |
| Sternzahl | drei Bṛhat Saṃhitā 97.1 (dahana = 3) |
| Herrscher | Candra (Mond) Viṃśottarī-Reihe; eigenes Kursmaterial |
| Devatā | Viṣṇu Taittirīya-Saṃhitā 4.4.10; Taittirīya-Brāhmaṇa 1.5.1 und 3.1.2; Bṛhat Saṃhitā 97.5 |
| Śakti | kālātmikā saṃhanana-śakti, „die zeitgestaltige Kraft des Zusammenfügens" — oberhalb die Fragenden, unterhalb der Pfad; ein Ergebnisglied fehlt im Text Bhaṭṭabhāskara zu Taittirīya-Brāhmaṇa 1.5.1 |
| Symbol | Ohr; drei Fussspuren (pada-gati) Lehrüberlieferung; die drei Schritte in Taittirīya-Brāhmaṇa 3.1.2 |
| Namensbedeutung | ältere Form śroṇā; der Kommentar leitet sie von śroṇ „zusammenfügen" ab, die moderne Literatur von śru „hören" siehe unten |
| Wesensart | cara / calā (beweglich, schwankend) Bṛhat Saṃhitā 97.11; Muhūrta-Cintāmaṇi 2.3 |
| Gaṇa | deva (göttlich) Muhūrta-Cintāmaṇi 6.29; Nārada-Saṃhitā 27.143; Vivāha-vṛndāvana 3.9 |
| Yoni (Tier) | Affe (vānara, kapi), geteilt mit Pūrvāṣāḍhā; Feindschaft zum Widder (Kṛttikā, Puṣya) Muhūrta-Cintāmaṇi 6.25; Nārada-Saṃhitā 27.153 f. |
| Yoni-Geschlecht | unbelegt kein klassischer Vers, siehe unten |
| Nāḍī | antya (die letzte) Muhūrta-Cintāmaṇi 6.34; Nārada-Saṃhitā, Trināḍī-Tabelle |
| Varṇa | vaiśya im Heiratsvergleich (über den Rāśi Makara) — caṇḍāla in der Gesellschaftszuordnung zwei verschiedene Systeme, siehe unten |
| Guṇa | Sattva/Tamas/Rajas im dreistufigen Nakṣatra-Guṇa-Schema — Rajas im Navatārā-Schema zwei verschiedene Systeme, eigenes Kursmaterial |
| Loka | Svarga eigenes Kursmaterial |
| Tattva | Vāyu (Luft) eigenes Kursmaterial |
| Mukha | ūrdhvamukha (aufwärts blickend) — günstig für Königsweihe, Turbanbindung, Hochbau Muhūrta-Cintāmaṇi 2.9 |
| Silben | खी khī · खू khū · खे khe · खो kho Lehrüberlieferung |
| Körperteil | Genitalien im Schema des Nakṣatrapuruṣa (zählt ab Kṛttikā) eigenes Kursmaterial; anderes Ergebnis bei anderem Zählbeginn |
| Tätigkeiten | bewegliche Unternehmungen: Reiten, Fahren, Ausgehen; ausserdem die Schur und das Ohrendurchbohren Bṛhat Saṃhitā 97.11, 97.12, 99.6; Muhūrta-Cintāmaṇi 2.3 |
| Menschengruppen | in der Täuschung Gewandte, stets Tätige, Tüchtige, Tatkräftige, Pflichttreue, Bhāgavatas, Wahrheitsredende Bṛhat Saṃhitā 15.20 |
| Geburtsdeutung | glückhaft, gelehrt, mit edler Gattin, vermögend, berühmt; Brahmanen und Göttern ergeben Bṛhat Saṃhitā 100.12; Jātaka-Pārijāta 9.89 |
Wo die Quellen auseinandergehen
Der Name. Das ist der schwerste Fall bei diesem Nakṣatra, und er ist nicht zu entscheiden. Die vedischen Listen schreiben durchweg śroṇā́ (Taittirīya-Saṃhitā 4.4.10, Taittirīya-Brāhmaṇa 1.5.1 und 3.1.2). Die klassische Astrologie schreibt śravaṇa und ordnet das ohne weiteres der Wurzel śru, „hören", zu; die Muhūrta-Literatur nennt das Nakṣatra sogar geradezu śruti, „das Gehörte" (Muhūrta-Cintāmaṇi 2.3). Bhaṭṭabhāskara dagegen leitet śroṇā von śroṇ, „zusammenfügen", ab und baut darauf die ganze Śakti-Angabe. Burgess wiederum notiert zu diesem Asterismus, der Name („Ohr, Hören") könnte ursprünglich auf die Figur eines Ohres gedeutet haben. Drei Deutungen, drei Textschichten, kein Schiedsrichter. Festzuhalten ist nur: wer Śravaṇa als „das Hörende" auslegt, folgt der jüngeren Linie, nicht der ältesten Erklärung.
Varṇa. Wie bei allen Nakṣatras laufen hier zwei Systeme übereinander, und sie führen bei Śravaṇa besonders weit auseinander. Im Heiratsvergleich, dem Melāpaka, wird der Varṇa nach dem Rāśi vergeben, nicht nach dem Nakṣatra; der Muhūrta-Cintāmaṇi sagt es ausdrücklich:
द्विजा झषालिकर्कटास् ततो नृपा विशो ऽङ्घ्रिजाः ।
dvijā jhaṣālikarkaṭās tato nṛpā viśo 'ṅghrijāḥ ।
Brahmanen [sind] Mīna, Vṛścika und Karka; darauf die Fürsten [Kṣatriyas], die Vaiśyas, die Śūdras.
Dvijā: Brahmanen; wörtl. „zweimal Geborene" (m. 1/3). Jhaṣālikarkaṭās: Mīna, Vṛścika und Karka; wörtl. jhaṣa (Fisch = Mīna) + āli (Skorpion = Vṛścika) + karkaṭa (Krebs = Karka) (m. 1/3). Tato: darauf, danach (avy.). Nṛpā: Fürsten, Kṣatriyas; wörtl. nṛ (Mensch) + pa (schützend) (m. 1/3). Viśo: Vaiśyas, die Leute des dritten Standes (f. 1/3). 'ṅghrijāḥ: Śūdras; wörtl. aṅghri (Fuss) + ja (geboren) (m. 1/3).
Der Kommentar Pīyūṣadhārā löst auf: vṛṣakanyāmakarā viśo vaiśyāḥ — „Vṛṣa, Kanyā und Makara sind die Vaiśyas."
Śravaṇa liegt ganz in Makara, gehört im Melāpaka also zu den Vaiśyas. Die modernen Tabellen führen für Śravaṇa dagegen meist śūdra. Diese Angabe stammt nicht aus dem Melāpaka, sondern aus Bṛhat Saṃhitā 15.30 — dort steht Śravaṇa allerdings nicht bei den Śūdras, sondern bei den Caṇḍālas, also noch eine Stufe tiefer. Die Stelle ist unten zitiert. Beide Angaben sind für sich richtig; wer mit dem Aṣṭakūṭa rechnet, muss vaiśya ansetzen.
Bṛhat Saṃhitā gegen sich selbst. Das ist der auffälligste Widerspruch dieses Nakṣatras, und Varāhamihira gleicht ihn nicht aus. In 15.20 ist Śravaṇa das Gestirn der bhāgavata, der Viṣṇu-Verehrer, und der satyavacana, der Wahrheitsredenden. Zehn Verse später, in 15.30, steht dasselbe Nakṣatra in der Caṇḍāla-Gruppe. Das sind erkennbar zwei verschiedene Ordnungen im selben Kapitel: eine inhaltlich aufzählende (15.1–27) und eine formal schematische, die 28 Nakṣatras auf sieben Klassen zu je vier verteilt (15.28–30). Wer nur eine der beiden zitiert, gibt ein halbes Bild.
Nebenbei enthält 15.20 auch eine Spannung in sich: māyāpaṭu, „in der Täuschung gewandt", steht unmittelbar neben satyavacana, „wahrheitsredend". Das ist keine Textverderbnis — beide Wörter stehen in allen eingesehenen Ausgaben —, sondern eine Charakterbeschreibung, die mit ihrer eigenen Spannung arbeitet.
Yoni-Geschlecht. Die modernen Tabellen geben für Śravaṇa „Affe, männlich". Das Tier ist belegt, das Geschlecht nicht. Die klassische Lehre kennt vierzehn Tiere für achtundzwanzig Nakṣatras — jedes Tier also zweimal — und rechnet ausschliesslich mit Freundschaft und Feindschaft der Arten; der Kommentar zum Muhūrta-Cintāmaṇi zitiert dazu das Daivajñamanohara: aṣṭāviṃśatitārāṇāṃ yonayas tu caturdaśa. Für die Aufteilung des Paares Śravaṇa/Pūrvāṣāḍhā in ein männliches und ein weibliches Tier liess sich kein Vers finden.
Guṇa. Auch hier liegen zwei Systeme übereinander, beide im eigenen Kursmaterial, an verschiedenen Stellen. Das eine ordnet den Nakṣatras Guṇas nach ihrer Stellung im Dreierschritt der Lokas zu und ergibt für Śravaṇa die Folge Sattva–Tamas–Rajas; das andere zählt im Navatārā-Schema und ergibt Rajas (über den Tārā-Herrscher Candra). Sie widersprechen einander nicht wirklich — sie beantworten verschiedene Fragen —, werden aber regelmässig vermengt.
Wesensart und Tätigkeiten
Die Wahllehre teilt die Nakṣatras nach ihrer Wesensart ein, weil davon abhängt, welche Unternehmung unter ihnen gelingt. Śravaṇa gehört zur Klasse der beweglichen — und zwar zusammen mit Dhaniṣṭhā und Śatabhiṣaj, die Varāhamihira als Gruppe zusammenfasst und mit einem eigenen Namen belegt: śravaṇatraya, „die drei Śravaṇa".
हौतभुजं सविशाखं मृदुतीक्ष्णं तद्विमिश्रफलकारि । श्रवणत्रयमादित्यानिले च चरकर्मणि हितानि ॥
hautabhujaṃ saviśākhaṃ mṛdutīkṣṇaṃ tadvimiśraphalakāri । śravaṇatrayam ādityānile ca carakarmaṇi hitāni ॥
Das dem Feueresser gehörende [Kṛttikā] samt Viśākhā ist sanft-scharf und bringt eine daraus gemischte Frucht. Die drei Śravaṇa [Śravaṇa, Dhaniṣṭhā, Śatabhiṣaj], das Aditi-Gestirn [Punarvasu] und das des Windes [Svātī] sind günstig beim beweglichen Werk.
Hautabhujaṃ: das dem Feueresser (Agni) gehörende Gestirn, Kṛttikā; wörtl. hutabhuj (Opferesser, Agni) (n. 1/1). Saviśākhaṃ: samt Viśākhā; wörtl. sa (mit) + viśākhā (n. 1/1). Mṛdutīkṣṇaṃ: sanft-scharf - Name der Nakṣatra-Klasse; wörtl. mṛdu (sanft) + tīkṣṇa (scharf) (n. 1/1). Tadvimiśraphalakāri: eine daraus gemischte Frucht bringend; wörtl. tad (das) + vimiśra (gemischt) + phala (Frucht) + kārin (bewirkend) (n. 1/1). Śravaṇatrayam: die drei Śravaṇa (Śravaṇa, Dhaniṣṭhā, Śatabhiṣaj); wörtl. śravaṇa + traya (Dreiheit) (n. 1/1). Ādityānile: das Aditi-Gestirn (Punarvasu) und das des Windes (Svātī); wörtl. āditya (der Aditi gehörend) + anila (Wind) (n. 1/2). Ca: und (avy.). Carakarmaṇi: beim beweglichen Werk; wörtl. cara (beweglich) + karman (Werk) (n. 7/1). Hitāni: günstig, zuträglich (n. 1/3).
Ausgabe H. Kern, Kalkutta 1865, dort Kapitel 98; Ausgabe Tripāṭhī Kapitel 97. Zur Klasse cara nennt Varāhamihira hier keinen eigenen Namen — er sagt nur carakarmaṇi, „beim beweglichen Werk"; der Klassenname cara steht erst in der Muhūrta-Literatur.
Man beachte, dass Varāhamihira die Klasse hier nicht benennt: er sagt, diese fünf seien „günstig beim beweglichen Werk", und lässt es dabei. Erst der Muhūrta-Cintāmaṇi macht daraus einen Klassennamen und nennt auch die Tätigkeiten beim Namen:
स्वात्यादित्ये श्रुतेस् त्रीणि चन्द्रश् चापि चरं चलम् । तस्मिन् गजादिकारोहो वाटिकागमनादिकम् ॥
svātyāditye śrutes trīṇi candraś cāpi caraṃ calam । tasmin gajādikāroho vāṭikāgamanādikam ॥
Svātī und Punarvasu, von Śravaṇa an drei, und auch der Mondtag [Montag] sind cara, „beweglich", und cala, „schwankend". Unter ihnen [gelingt] das Besteigen von Elefanten und dergleichen, das Gehen in den Garten und dergleichen.
Svātyāditye: Svātī und das Aditi-Gestirn (Punarvasu); wörtl. svātī (15. Nakṣatra) + āditya (das Aditi-Gestirn) (n. 1/2). Śrutes: von Śravaṇa an (n. 5/1). Trīṇi: drei (n. 1/3). Candraś: Candra (der Mond), der Montag (m. 1/1). Ca: und (avy.). Api: auch (avy.). Caraṃ: beweglich - Name der Nakṣatra-Klasse (n. 1/1). Calam: schwankend - zweiter Name derselben Klasse (n. 1/1). Tasmin: unter diesem [Nakṣatra] (n. 7/1). Gajādikāroho: das Besteigen von Elefanten und dergleichen; wörtl. gaja (Elefant) + ādika (und so fort) + āroha (Besteigen) (m. 1/1). Vāṭikāgamanādikam: der Gang in den Garten und dergleichen; wörtl. vāṭikā (Garten, Anlage) + gamana (Gehen) + ādika (und so fort) (n. 1/1).
Ausgaben Chaukhambā (Pīyūṣadhārā) und Nirṇaya-Sāgara; der Kommentar löst ausdrücklich auf: śruteḥ śravaṇam ārabhya trīṇi śravaṇadhaniṣṭhāśatatārakāḥ — „von Śruti an drei, nämlich Śravaṇa, Dhaniṣṭhā und Śatatārakā."
Der Muhūrta-Cintāmaṇi merkt ausserdem an, dass die cara-Gruppe die Tätigkeiten der laghu-Klasse miterbt. Ausserhalb der Siebenteilung führt Varāhamihira Śravaṇa noch in drei Sonderlisten: unter den zwölf Nakṣatras, die für die Schur günstig sind (97.12), unter den fünf für das Ohrendurchbohren (Kern 98.17 = Tripāṭhī 99.6) und — nur in Kerns Ausgabe, 98.15 — unter den sechs für „männlich benannte" Handlungen.
Ein anderes Kapitel der Bṛhat Saṃhitā ordnet den Nakṣatras Menschen- und Berufsgruppen zu; es geht dort um Vorzeichendeutung im grossen Massstab, nicht um Geburtsdeutung:
श्रवणे मायापटवो नित्योद्युक्ताश् च कर्मसु समर्थाः । उत्साहिनः सधर्मा भागवताः सत्यवचनाश् च ॥
śravaṇe māyāpaṭavo nityodyuktāś ca karmasu samarthāḥ । utsāhinaḥ sadharmā bhāgavatāḥ satyavacanāś ca ॥
Bei Śravaṇa: in der Täuschung Gewandte, stets Tätige und in den Werken Tüchtige; Tatkräftige, Pflichttreue, Bhāgavatas und Wahrheitsredende.
Śravaṇe: unter Śravaṇa, im Nakṣatra Śravaṇa (n. 7/1). Māyāpaṭavo: in der Täuschung Gewandte; wörtl. māyā (Blendwerk, List) + paṭu (gewandt) (m. 1/3). Nityodyuktāś: stets Tätige; wörtl. nitya (stets) + udyukta (angespannt, tätig) (m. 1/3). Ca: und (avy.). Karmasu: bei den Werken, in den Handlungen (n. 7/3). Samarthāḥ: tüchtig, fähig (m. 1/3). Utsāhinaḥ: Tatkräftige, Unternehmende (m. 1/3). Sadharmā: Pflichttreue; wörtl. sa- (mit) + dharman (Pflicht) (m. 1/3). Bhāgavatāḥ: Bhāgavatas, Verehrer des Erhabenen (Viṣṇu) (m. 1/3). Satyavacanāś: Wahrheitsredende; wörtl. satya (wahr) + vacana (Rede) (m. 1/3). Ca: und (avy.).
Ausgabe H. Kern, Kalkutta 1865. Das Kapitel zählt von Kṛttikā an, Śravaṇa steht deshalb als zwanzigstes. Bhāgavata ist die einzige ausdrücklich religiöse Gruppenbezeichnung des ganzen Kapitels und passt zur Gottheit Viṣṇu.
Zehn Verse später folgt die schematische Klassenzuweisung, die Śravaṇa ganz anders einordnet:
सौम्यैन्द्रचित्रावसुदैवतानि सेवाजनस्वाम्यम् उपागतानि । सार्पं विशाखा श्रवणो भरण्यश् चण्डालजातेर् अभिनिर्दिशन्ति ॥
saumyaindracitrāvasudaivatāni sevājanasvāmyam upāgatāni । sārpaṃ viśākhā śravaṇo bharaṇyaś caṇḍālajāter abhinirdiśanti ॥
Das Soma-Gestirn [Mṛgaśiras], das Indra-Gestirn [Jyeṣṭhā], Citrā und das den Vasus gehörende [Dhaniṣṭhā] sind zur Herrschaft über das Dienervolk gelangt; das Schlangen-Gestirn [Āśleṣā], Viśākhā, Śravaṇa und Bharaṇī weist man der Caṇḍāla-Kaste zu.
Saumyaindracitrāvasudaivatāni: das Soma-Gestirn (Mṛgaśiras), das Indra-Gestirn (Jyeṣṭhā), Citrā und das den Vasus gehörende (Dhaniṣṭhā); wörtl. saumya (dem Soma gehörig) + aindra (dem Indra gehörig) + citrā (14. Nakṣatra) + vasudaivata (dessen Gottheit die Vasus sind) (n. 1/3). Sevājanasvāmyam: die Herrschaft über das Dienervolk; wörtl. sevā (Dienst) + jana (Volk) + svāmya (Herrschaft) (n. 2/1). Upāgatāni: gelangt zu, erlangt habend (n. 1/3). Sārpaṃ: das Schlangen-Gestirn, Āśleṣā (n. 2/1). Viśākhā: Viśākhā, 16. Nakṣatra (f. 2/3). Śravaṇo: Śravaṇa, 22. Nakṣatra (m. 2/1). Bharaṇyaś: die Bharaṇīs, 2. Nakṣatra (f. 2/3). Caṇḍālajāter: der Caṇḍāla-Kaste; wörtl. caṇḍāla (Unberührbarer) + jāti (Geburtsstand) (f. 6/1). Abhinirdiśanti: man weist zu, sie bestimmen - Kern liest stattdessen iti nirdaśanti (laṭ III/3).
Ausgabe H. Kern, Kalkutta 1865; Kern liest iti nirdaśanti statt abhinirdiśanti. Die Verse 15.28–30 verteilen 28 Nakṣatras (mit Abhijit) auf sieben Klassen zu je genau vier — ein geschlossenes System, das für die Unversehrtheit des Textes spricht.
Der Jātaka-Pārijāta schliesslich sagt, was ein unter Śravaṇa Geborener mitbekommt:
श्रोणायां द्विजदेवभक्तिनिरतो राजा धनी धर्मवान् ।
śroṇāyāṃ dvijadevabhaktinirato rājā dhanī dharmavān ।
Unter Śroṇā [Śravaṇa wird man] der Verehrung von Brahmanen und Göttern ergeben, von herrschender Art, vermögend und fromm.
Śroṇāyāṃ: unter Śroṇā, im Nakṣatra Śravaṇa (f. 7/1). Dvijadevabhaktinirato: der Verehrung von Brahmanen und Göttern ergeben; wörtl. dvija (Zweimalgeborener, Brahmane) + deva (Gott) + bhakti (Verehrung) + nirata (hingegeben) (m. 1/1). Rājā: König, von herrschender Art (m. 1/1). Dhanī: vermögend (m. 1/1). Dharmavān: fromm, pflichttreu (m. 1/1).
Ausgabe V. Subrahmanya Sastri 1932, Bd. I, S. 629; die Kashi-Ausgabe zählt um eins höher. Der Vers behandelt vier Nakṣatras in vier Versvierteln; hier ist nur das zweite wiedergegeben. Der Vers umschreibt das Nakṣatra mit der älteren Namensform śroṇā.
Bemerkenswert ist, wie eng die beiden unabhängigen Geburtsdeutungen hier beieinander liegen: Varāhamihira sagt „glückhaft, gelehrt, mit edler Gattin, vermögend, berühmt" (Bṛhat Saṃhitā 100.12), der Jātaka-Pārijāta „Brahmanen und Göttern ergeben, von herrschender Art, vermögend, fromm". Zweimal Wohlstand, zweimal ein Bezug zur Überlieferung. Das ist bei anderen Nakṣatras keineswegs so, und es ist der einzige Punkt, an dem das Bild von Śravaṇa als „dem Lernenden" auch aus den Quellen Zuspruch erhält.
Die Sterne des Asterismus
Die drei Sterne des Adlers im und vor dem Abschnitt der Śravaṇa. Massstab in Länge und Breite gleich; die Ekliptik liegt 25 Grad unterhalb des Rahmens und ist deshalb nicht im Bild. Siderische Länge zum Stichjahr 2025,0 mit dem Ayanāṃśa nach Lahiri; ekliptikale Breite J2000,0. Punktgrösse nach scheinbarer Helligkeit.
Koordinaten aus SIMBAD (Abruf 15. September 2026); Sollposition der Yogatārā aus Sūrya-Siddhānta 8.2 und 8.6 nach Burgess 1860, eigene Rechnung.
Welche Sterne gemeint sind, ist bei Śravaṇa unstrittig — das unterscheidet es von der Mehrzahl der Nakṣatras. Es sind drei, γ, α und β Aquilae, die kleine schräge Reihe im Kopf des Adlers, und das Sūrya-Siddhānta bestimmt in 8.18 die mittlere als Yogatārā, also α Aquilae (Altair). Alle Autoritäten stimmen in der polaren Breite überein; das Siddhānta-Śiromaṇi gibt 2°, das Graha-Lāghava sogar 5° weniger polare Länge, aber am Stern selbst zweifelt niemand. Auch die klassische Sternzahl passt: Bṛhat Saṃhitā 97.1 nennt für Śravaṇa dahana, das Zahlwort für drei.
Und doch steht dieses Nakṣatra vor einem Problem, das die üblichen Tabellen nicht ausweisen: alle drei Sterne liegen heute nicht mehr in Śravaṇa.
Die Sterne im Katalog
| γ Aql | α Aql | β Aql | |
|---|---|---|---|
| Eigenname | Tarazed | Altair | Alshain |
| Rolle | Gruppenstern | Yogatārā | Gruppenstern |
| HR | 7525 | 7557 | 7602 |
| HD | 186791 | 187642 | 188512 |
| HIP | 97278 | 97649 | 98036 |
| Helligkeit V | 2,72 | 0,76 | 3,71 |
| Spektraltyp | K3 II | A7 Vn | G8 IV |
| Rektaszension | 19ʰ 46ᵐ 15,6ˢ | 19ʰ 50ᵐ 47,0ˢ | 19ʰ 55ᵐ 18,8ˢ |
| Deklination | +10° 36′ 47,7″ | +8° 52′ 06,0″ | +6° 24′ 24,4″ |
| Ekl. Länge J2000 | 300° 56′ | 301° 47′ | 302° 25′ |
| Ekl. Breite J2000 | +31° 15′ | +29° 18′ | +26° 40′ |
Rektaszension und Deklination gelten für Äquinoktium und Epoche J2000,0 und sind aus den SIMBAD-Dezimalgraden umgerechnet. Altair ist mit 0,76 Grössenklassen der zwölfthellste Stern des Nachthimmels und einer der nächsten überhaupt; er rotiert so schnell, dass er merklich abgeplattet ist. Tarazed und Alshain flankieren ihn im Abstand von einem knappen Grad nach beiden Seiten — eine der leichtesten Sternfiguren überhaupt, weshalb die Identifikation nie strittig war. SAO-Nummern und Entfernungen sind für diese Recherche nicht erhoben worden und stehen deshalb nicht in der Tabelle.
Wo die Sterne heute stehen
Um zu prüfen, ob die Sterne im Abschnitt Śravaṇa liegen, müssen ihre Positionen von J2000,0 auf ein Stichjahr fortgeschrieben und dann um den Ayanāṃśa vermindert werden. Für 2025,0 ergibt sich:
| Ayanāṃśa (2025,0) | Wert | γ Aql | α Aql | β Aql |
|---|---|---|---|---|
| Lahiri / Citrāpakṣa | 24° 12′ 23″ | 7° 05′ | 7° 55′ | 8° 34′ |
| True Citrā | 24° 11′ 21″ | 7° 06′ | 7° 56′ | 8° 35′ |
| Krishnamurti | 24° 06′ 34″ | 7° 11′ | 8° 01′ | 8° 40′ |
| Raman | 22° 45′ 36″ | 8° 32′ | 9° 22′ | 10° 01′ |
| Fagan / Bradley | 25° 05′ 23″ | 6° 12′ | 7° 02′ | 7° 41′ |
Alle Werte sind siderische Längen in Makara; Śravaṇa reicht von 10°00′ bis 23°20′.
Das Ergebnis ist eindeutig und wird selten ausgesprochen: alle drei Sterne liegen bei vier von fünf gebräuchlichen Ayanāṃśas im vorhergehenden Abschnitt Uttarāṣāḍhā. Altair steht nach Lahiri auf 7°55′ Makara, also 2°05′ vor dem Beginn seines eigenen Nakṣatras; erst ein Ayanāṃśa ab 22°08′ brächte ihn herein, und den erreicht die Lahiri-Zählung nicht, sie wächst ja in die andere Richtung. Nur bei β Aquilae kippt es: der Raman-Ayanāṃśa, rund 1°26′ kleiner als Lahiri, schiebt ihn auf 10°01′ Makara und damit gerade noch hinein — um eine Bogenminute.
Wichtig ist dabei, was das nicht heisst. Es ist kein Argument gegen die Identifikation. Schon die reine Sollposition des Sūrya-Siddhānta — ganz ohne jeden Stern — fällt im Lahiri-Rahmen auf 8°38′ Makara und damit ebenfalls nach Uttarāṣāḍhā. Die Ursache liegt in einer Rahmenverschiebung: das Sūrya-Siddhānta zählt siderische Länge von einem Nullpunkt, den Whitney mit dem Frühlingspunkt von 560 n. Chr. gleichsetzt, der Lahiri-Ayanāṃśa setzt seinen rund 270 Jahre früher an. Die beiden Rahmen sind um etwa 3°45′ bis 3°50′ gegeneinander verschoben, und jeder Stern, der im alten Rahmen weniger als vier Grad Reserve hatte, rutscht heute in den vorhergehenden Abschnitt. Das betrifft sieben der Yogatārās; Altair ist eine davon. Die Grafik oben zeigt die Sollposition als offenen Kreis — sie liegt nur 43 Bogenminuten von Altair entfernt, was für einen Stern von fast 30 Grad ekliptikaler Breite eine sehr gute Übereinstimmung ist.
Ein Wort zur Genauigkeit dieser Zahlen: der Ayanāṃśa ist keine Naturkonstante, sondern eine Festlegung. Zwischen Raman und Fagan/Bradley liegen über zwei Grad, und das verschiebt einen Stern um mehr als einen halben Pāda. Alle Werte hier gelten für 2025,0 und wachsen um rund 50 Bogensekunden im Jahr.
Sichtbarkeit
Von mitteleuropäischer Breite (rund 47° Nord) kulminiert Altair 51,9 Grad hoch, Tarazed 53,7 und Alshain 49,5 — bequem hoch, deutlich über der horizontnahen Dunstschicht, aber nicht so hoch wie die Nakṣatras des Frühlingshimmels. Zirkumpolar ist keiner von ihnen. Um Mitternacht kulminiert die Gruppe um den 25. Juli; in Sonnennähe steht sie um den 22. Januar und ist dann rund vier Wochen davor und danach unsichtbar. Beste Sichtbarkeit sind die Monate um die Mitternachtskulmination, also der Hochsommer und der Frühherbst.
Altair ist der Südstern des Sommerdreiecks und damit einer der am leichtesten zu findenden Sterne des ganzen Jahres; auch aus der Stadt ist er mühelos zu sehen. Tarazed mit 2,7 Grössenklassen ebenfalls, Alshain mit 3,7 verlangt einen halbwegs dunklen Himmel. Die Kombination aus einem sehr hellen Stern mit zwei schwächeren Begleitern dicht daneben ist ein bekanntes Erkennungszeichen — „Altair mit seinen Wächtern".
Namen und Namensvarianten
Der älteste Name ist śroṇā́. So steht er in der Taittirīya-Saṃhitā, im Taittirīya-Brāhmaṇa an beiden Stellen und folglich auch bei Bhaṭṭabhāskara. Die Form śravaṇa ist jünger; sie erscheint bei Varāhamihira, im Sūrya-Siddhānta und in der gesamten astrologischen Literatur und hat sich durchgesetzt.
Daneben laufen zwei Umschreibungen, die in Versen an die Stelle des Namens treten und beim Lesen leicht zu übersehen sind: śruti, „das Gehörte" (so der Muhūrta-Cintāmaṇi 2.3 und die Melāpaka-Verse), und hari, „Viṣṇu" (so Bṛhat Saṃhitā 97.5 und der Gaṇa-Vers Muhūrta-Cintāmaṇi 6.29). Auch karṇa, „Ohr", steht in einem Vers für dieses Nakṣatra — im Yoni-Vers Muhūrta-Cintāmaṇi 6.25, wo Śravaṇa und Pūrvāṣāḍhā den Affen als Yoni erhalten. Wer solche Verse ohne Kommentar liest, sucht den Namen Śravaṇa vergebens.
Die Abhijit-Frage
Śravaṇa ist eines von zwei Nakṣatras, denen die 28er-Zählung ein Stück Zeit wegnimmt. Wo mit achtundzwanzig Nakṣatras gerechnet wird, schiebt sich Abhijit unmittelbar vor Śravaṇa — und zwar nicht als eigener Bogen am Himmel, sondern als Zeitspanne, die vom Ende Uttarāṣāḍhās und vom Anfang Śravaṇas genommen wird:
वैश्वदेवान्त्यपादः स्याच् छ्रुतेर् आद्याब्धिनाडिकाः । अभिजिद् भम् इति ग्राह्यम् अष्टाविंशतिभेषु सा ॥
vaiśvadevāntyapādaḥ syāc chruter ādyābdhināḍikāḥ । abhijid bham iti grāhyam aṣṭāviṃśatibheṣu sā ॥
Der letzte Pāda [Viertel] von Vaiśvadeva [Uttarāṣāḍhā] und die ersten vier Nāḍikās von Śruti [Śravaṇa]: das ist als das Nakṣatra Abhijit zu nehmen; so gilt es unter den achtundzwanzig Nakṣatras.
Vaiśvadevāntyapādaḥ: der letzte Pāda (Viertel) von Vaiśvadeva (Uttarāṣāḍhā, Gottheit Viśvedevas) (m. 1/1). Syāc: möge sein, sei (Optativ √as) (vidhiliṅ III/1). Chruter: von Śruti (Śravaṇa, Gottheit Viṣṇu) (f. 6/1). Ādyābdhināḍikāḥ: die ersten vier Nāḍikās (Ghaṭīs); abdhi (Ozean) = Zahlwort 4 (f. 1/3). Abhijid: Abhijit (das eingeschobene Nakṣatra) (n. 1/1). Bham: Nakṣatra, Sternbild (n. 1/1). Iti: so, als (avy.). Grāhyam: zu nehmen, aufzufassen (Gerundivum von √grah) (n. 1/1). Aṣṭāviṃśatibheṣu: unter den achtundzwanzig Nakṣatras (n. 7/3). Sā: es (jenes Abhijit) (f. 1/1).
Quelle des Wortlauts ungeklärt (Ārambha-Kursmaterial, Pt. Sanjay Rath); inhaltlich Muhūrta-Cintāmaṇi 6.55.
Diese Fassung ist eine Zeitrechnung, keine Bogenrechnung: vier Nāḍikās sind rund 96 Minuten Mondlauf. Das Sūrya-Siddhānta geht anders vor — 8.4 setzt Abhijit an das Ende der bhoga von Pūrvāṣāḍhā (266°40′), also vor Uttarāṣāḍhā und damit weit vor Śravaṇa. Zwei verschiedene Verfahren, zwei verschiedene Orte; dass beide „Abhijit" heissen, verdeckt das.
Wichtig für die Quellenlage: die ältesten Listen kennen Abhijit nicht. Weder die Taittirīya-Saṃhitā noch Taittirīya-Brāhmaṇa 1.5.1 führen es; erst TB 3.1.2 hat einen eigenen Mantra für Abhijit (mit Brahman als Gottheit) und kommt damit auf 28. Bei Varāhamihira rechnet dasselbe Kapitel an einer Stelle mit 27 (97.1–2, die Sternzahlen) und an der anderen mit 28 (97.4–5, die Gottheiten). Im Kūṭa-System schliesslich ist die Yoni-Zuweisung die einzige Stelle, die Abhijit mitzählt; Gaṇa und Nāḍī rechnen mit 27.
Śravaṇa steht in der Merkversreihe der Lehrüberlieferung denn auch unmittelbar hinter Abhijit:
अनुराधा ततो ज्येष्ठा ततो मूलं निगद्यते । पूर्वाषाढोत्तराषाढस् त्व् अभिजिच् छ्रवणस् तथा ॥
anurādhā tato jyeṣṭhā tato mūlaṃ nigadyate । pūrvāṣāḍhottarāṣāḍhas tv abhijic chravaṇas tathā ॥
Anurādhā, darauf Jyeṣṭhā, darauf wird Mūla genannt; Pūrvāṣāḍhā und Uttarāṣāḍhā, dann Abhijit und ebenso Śravaṇa.
Anurādhā: Anurādhā, 17. Nakṣatra (f. 1/1). Tato: darauf (avy.). Jyeṣṭhā: Jyeṣṭhā, 18. Nakṣatra (f. 1/1). Tato: darauf (avy.). Mūlaṃ: Mūla, 19. Nakṣatra (n. 1/1). Nigadyate: wird genannt (Passiv von ni-√gad) (laṭ karmaṇi III/1). Pūrvāṣāḍhottarāṣāḍhas: Pūrvāṣāḍhā und Uttarāṣāḍhā, 20. und 21. Nakṣatra (Dvandva) (m. 1/1). Tv: aber, dann (avy.). Abhijic: Abhijit, das eingeschobene 28. Nakṣatra (m. 1/1). Chravaṇas: Śravaṇa, 22. Nakṣatra (m. 1/1). Tathā: ebenso (avy.).
Quelle ungeklärt (Ārambha-Kursmaterial, Pt. Sanjay Rath). Der Merkvers zählt mit 28; die Nummerierung dieses Portraits folgt der 27er-Zählung, in der Śravaṇa das zweiundzwanzigste ist.
Die Verse
Die älteste Stelle, die Śravaṇa nennt, steht in der Taittirīya-Saṃhitā. Sie gehört zur Aufzählung der Nakṣatra-Feueraltarziegel, jeweils Nakṣatra und zugehörige Gottheit:
श्रोणा नक्षत्रं विष्णुर् देवता
śroṇā́ nákṣattraṃ víṣṇur devátā
Śroṇā ist das Nakṣatra, Viṣṇu die Gottheit.
Śroṇā: Śroṇā, ältere Namensform von Śravaṇa (f. 1/1). Nakṣatraṃ: Nakṣatra, Gestirn, Mondhaus (n. 1/1). Viṣṇur: Viṣṇu, der Weitschreitende (m. 1/1). Devatā: Gottheit (f. 1/1).
Wortlaut nach TITUS (akzentuierte Umschrift); Devanāgarī-Ausgabe bei sanskritdocuments.org. TITUS schreibt an dieser Stelle nákṣattraṃ mit doppeltem t — eine Eigenheit des Digitalisats, sonst durchweg nákṣatram. Die Liste beginnt bei Kṛttikā; Śroṇā steht als zwanzigster Eintrag.
Das Taittirīya-Brāhmaṇa führt dieselbe Reihe, stellt aber die Gottheit in den Genitiv voran und fügt jedem Nakṣatra ein Begriffspaar bei — eines „oberhalb", eines „unterhalb":
विष्णोः श्रोणा । पृच्छमानाः परस्तात् पन्था अवस्तात् ॥
víṣṇoḥ śroṇā́ । pr̥cchámānāḥ parástāt pánthā avástāt ॥
Des Viṣṇu [ist] Śroṇā. Die Fragenden [sind] oberhalb, der Weg unterhalb.
Viṣṇoḥ: des Viṣṇu (m. 6/1). Śroṇā: Śroṇā, ältere Namensform von Śravaṇa (f. 1/1). Pṛcchamānāḥ: die Fragenden, die Suchenden (Part. Präs. Med.) (m. 1/3). Parastāt: oberhalb, darüber, jenseits (avy.). Panthā: Weg, Pfad (m. 1/1). Avastāt: unterhalb, darunter, diesseits (avy.).
Umschrift nach TITUS, Devanāgarī nach sanskritdocuments.org. Das Paar pṛcchamānāḥ / panthāḥ ist die Grundlage der Śakti-Angabe weiter oben; ein mittleres Glied und ein Ergebnis nennt der Mūla-Text nicht.
Das Begriffspaar ist auffällig gut zusammengesetzt: die Fragenden und der Weg. Bhaṭṭabhāskara deutet es so, dass die Fragenden „einsichtig und nicht verblendet" werden — Frage und Weg gehören zusammen, und was sie verbindet, ist die zusammenfügende Kraft in der Mitte. Ob das schon der Sinn des Brāhmaṇa war oder erst die Leistung des Kommentators, sagt der Mūla-Text nicht.
An anderer Stelle des Taittirīya-Brāhmaṇa steht der Mantra, mit dem dieses Nakṣatra im Nakṣatra-Opfer angerufen wird:
शृण्वन्ति श्रोणाम् अमृतस्य गोपाम् । पुण्याम् अस्या उपशृणोमि वाचम् ॥ महीं देवीं विष्णुपत्नीम् अजूर्याम् । प्रतीचीम् एनां हविषा यजामः ॥ त्रेधा विष्णुर् उरुगायो विचक्रमे । महीं दिवं पृथिवीम् अन्तरिक्षम् ॥ तत् श्रोणा एति श्रव इच्छमाना । पुण्यं श्लोकं यजमानाय कृण्वती ॥
śr̥ṇvánti śroṇām amŕ̥tasya gopā́m । púṇyām asyā úpaśr̥ṇomi vā́cam ॥ mahī́ṃ devī́ṃ víṣṇupatnīm ajūryā́m । pratī́cīm enām̐ havíṣā yajāmaḥ ॥ tredhā́ víṣṇur urugāyó vícakrame । mahī́ṃ dívaṃ pr̥thivī́m antárikṣam ॥ tát śroṇā́ eti śráva icchámānā । púṇyam̐ ślókaṃ yájamānāya kr̥ṇvatī́ ॥
Sie hören auf Śroṇā, die Hüterin der Unsterblichkeit; ihre heilsame Rede höre ich. Die grosse Göttin, Viṣṇus Gattin, die alterlose, ihr zugewandt, verehren wir mit der Opfergabe. Dreifach hat der weitschreitende Viṣṇu ausgeschritten: die grosse Himmelsweite, die Erde, den Luftraum. Dorthin geht Śroṇā, nach Ruhm verlangend, dem Opferherrn heilsamen Preisruf schaffend.
Śṛṇvanti: sie hören, sie lauschen (laṭ III/3). Śroṇām: Śroṇā (das Nakṣatra Śravaṇa) (f. 2/1). Amṛtasya: der Unsterblichkeit, des Unsterblichkeitstranks (n. 6/1). Gopām: die Hüterin, Wächterin (f. 2/1). Puṇyām: heilsam, segensreich (f. 2/1). Asyā: von ihr, dieser (6/1). Upaśṛṇomi: ich höre zu, ich lausche (laṭ I/1). Vācam: Rede, Stimme (f. 2/1). Mahīṃ: gross, gewaltig (f. 2/1). Devīṃ: Göttin (f. 2/1). Viṣṇupatnīm: Viṣṇus Gattin; wörtl. viṣṇu + patnī (Gattin) (f. 2/1). Ajūryām: alterlos; wörtl. a- (un-) + jūrya (alternd) (f. 2/1). Pratīcīm: zugewandt, uns entgegengewandt (f. 2/1). Enāṃ: sie, diese da (2/1). Haviṣā: mit der Opfergabe (n. 3/1). Yajāmaḥ: wir verehren, wir opfern (laṭ I/3). Tredhā: dreifach, in drei Teilen (avy.). Viṣṇur: Viṣṇu (m. 1/1). Urugāyo: der Weitschreitende, weithin Gepriesene; wörtl. uru (weit) + gāya (Schritt) (m. 1/1). Vicakrame: er hat ausgeschritten (liṭ III/1). Mahīṃ: gross (f. 2/1). Divaṃ: den Himmel, die Himmelsweite (f. 2/1). Pṛthivīm: die Erde (f. 2/1). Antarikṣam: den Luftraum, den Zwischenraum (n. 2/1). Tat: dorthin, dahin. Śroṇā: Śroṇā (f. 1/1). Eti: sie geht (laṭ III/1). Śrava: Ruhm, Ruf, Hörensagen (n. 2/1). Icchamānā: verlangend, begehrend (Part. Präs. Med.) (f. 1/1). Puṇyaṃ: heilsam, segensreich (m. 2/1). Ślokaṃ: Preisruf, Ruhmesspruch (m. 2/1). Yajamānāya: dem Opferherrn (m. 4/1). Kṛṇvatī: schaffend, machend (Part. Präs.) (f. 1/1).
Umschrift nach TITUS, Devanāgarī nach sanskritdocuments.org (Kaṇḍikā 3.1.2.17–18, Abschnitt 22 der Ausgabenzählung). TITUS löst in der letzten Zeile das Sandhi auf (tát śroṇā́ eti), die Devanāgarī-Ausgabe schreibt zusammen (tac chroṇaiti).
Dieser Mantra ist der eigentliche Grund, warum sich die Deutung „Hören" so hartnäckig hält: er beginnt mit śṛṇvánti, er hat úpaśṛṇomi, und er lässt Śroṇā śráva icchámānā gehen. Aber śravas heisst zunächst „Ruhm, Ruf" — der Ruhm dessen, wovon man hört —, und das Wortspiel ist im Vedischen gerade das Kunstmittel, nicht die Etymologie. Bhaṭṭabhāskara hat den Namen, wie oben gezeigt, anders erklärt. Beides steht, und keines wird hier zum alleinigen erklärt.
Grammatikangaben im Glossar sind unter Grammatik-Abkürzungen erklärt.
Zur Quellenlage dieses Portraits
Die Angaben oben ruhen auf ungleichem Grund, und das soll sichtbar bleiben.
Sicher ist alles Rechnerische: die Gradgrenzen, die vier Pādas, ihre Navāṃśa-Zeichen, die Puruṣārthas. Das folgt aus der Einteilung selbst und ist gegen die eigene Berechnungsbibliothek geprüft. Sicher ist auch die Stellung ganz in Makara, die der zitierte Vers ausspricht, und die Zuordnung des Herrschers Candra, die sich aus der Viṃśottarī-Reihe ergibt.
Am Originalvers belegt sind: die Devatā Viṣṇu (Taittirīya-Saṃhitā 4.4.10, Taittirīya-Brāhmaṇa 1.5.1 und 3.1.2, Bṛhat Saṃhitā 97.5 — vier unabhängige Zeugen, kein Widerspruch), das Paar pṛcchamānāḥ / panthāḥ (Taittirīya-Brāhmaṇa 1.5.1), die Śakti saṃhanana (Bhaṭṭabhāskara zum Brāhmaṇa), die Sternzahl drei (Bṛhat Saṃhitā 97.1), die Wesensart cara und die zugehörigen Tätigkeiten (Bṛhat Saṃhitā 97.11, Muhūrta-Cintāmaṇi 2.3), die Berufsgruppen (Bṛhat Saṃhitā 15.20), Gaṇa, Yoni und Nāḍī (Muhūrta-Cintāmaṇi 6.29, 6.25, 6.34, bestätigt durch Nārada-Saṃhitā und Vivāha-vṛndāvana), das Mukha (Muhūrta-Cintāmaṇi 2.9) sowie die Geburtsdeutung (Bṛhat Saṃhitā 100.12, Jātaka-Pārijāta 9.89). Die Sternidentifikation ist belegt und unstrittig: Sūrya-Siddhānta 8.18 bestimmt die mittlere der drei, also Altair.
Nicht belegt und deshalb markiert oder ganz weggelassen: das Ergebnisglied der Śakti-Formel, das im Text schlicht fehlt; das Geschlecht der Yoni, für das die klassische Lehre gar keinen Platz hat; die Himmelsrichtung, für die dieses Portrait keine Angabe macht, weil sich kein Vers dafür fand; die Namenssilben; das Symbol „Ohr" als solches — die drei Fussspuren haben mit den drei Schritten Viṣṇus in TB 3.1.2 einen Textanker, das Ohr hat keinen und beruht auf Burgess' Vermutung zur Namensdeutung.
Berichtigt wurden drei Angaben, die durch die moderne Literatur laufen: das ergänzte Ergebnisglied der Śakti („connection of all things"), das im Kommentar nicht steht; die Zuschreibung der Śakti-Formel an Sāyaṇa statt an Bhaṭṭabhāskara; und der Varṇa (im Heiratsvergleich vaiśya über den Rāśi Makara, nicht śūdra). Dazu kommt die Etymologie: dass der älteste Kommentar den Namen von śroṇ, „zusammenfügen", ableitet und nicht von śru, „hören", steht in keiner modernen Darstellung, die für dieses Portrait eingesehen wurde.
Nicht verwendet wurde die Mythologie, die moderne Nakṣatra-Bücher um Viṣṇu und seine drei Schritte legen. Die drei Schritte selbst stehen im Mantra und sind deshalb aufgenommen; die Vāmana-Erzählung, die sie in den Purāṇas ausdeutet, sagt über den Himmelsabschnitt nichts und bleibt aussen vor.
Bei den Versen ist zu unterscheiden. Die Taittirīya-Stellen, der Kommentar Bhaṭṭabhāskaras und die Verse aus Bṛhat Saṃhitā, Muhūrta-Cintāmaṇi und Jātaka-Pārijāta sind edierter Text mit nachprüfbarer Fundstelle. Der Merkvers der Nakṣatra-Namen, der Vers zur Pāda-Verteilung und der Abhijit-Vers dagegen stammen aus einem Kursmaterial, dessen Wortlaut keiner Stelle eines klassischen Werks zugeordnet werden konnte; beim Abhijit-Vers ist der Inhalt immerhin als Muhūrta-Cintāmaṇi 6.55 identifizierbar. Sie werden als das ausgewiesen, was sie sind: gelernte Verse einer lebendigen Lehrtradition, nicht edierter Text.
Was noch offen ist: Ob der Name von śru oder von śroṇ kommt, lässt sich mit den hier greifbaren Mitteln nicht entscheiden; dazu bräuchte es einen Blick in Sāyaṇas Bhāṣya zu derselben Stelle und in die Nirukta-Literatur, die für diese Recherche nicht beschafft wurden. Die Vasiṣṭha-Saṃhitā und Śrīpatis Jyotiṣa-Ratnamālā waren nur als Zitate in einem Kommentar greifbar, nicht in eigener Ausgabe. Für das Yoni-Geschlecht wurde kein Vers gefunden; falls einer auftaucht, kommt er nach.