Rohiṇī

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रोहिणी 4. Nakṣatra · 10°00′ bis 23°20′ Vṛṣabha (siderisch) · Herrscher Candra

Rohiṇī ist das vierte Nakṣatra. Sein Hauptstern ist Aldebaran, das rote Auge des Stiers — und keiner der 27 Abschnitte steht so genau um seinen eigenen Stern herum wie dieser. Der Name heisst „die Rote" und zugleich „die Aufwachsende"; die Gottheit ist Prajāpati, der Herr der Geschöpfe. Das überlieferte Symbol ist der Wagen.

Himmelsabschnitt und Pādas

Rohiṇī reicht von 10°00′ bis 23°20′ Vṛṣabha und liegt damit vollständig in einem Zeichen — anders als Kṛttikā davor und Mṛgaśira danach, die beide über eine Zeichengrenze hinwegreichen. Die vier Pādas zu je 3°20′ tragen die Navāṃśa-Zeichen Meṣa, Vṛṣabha, Mithuna und Karkaṭa.

PādavonbisNavāṃśaPuruṣārthaSilbe
110°00′13°20′MeṣaDharmao
213°20′16°40′VṛṣabhaArthaवा
316°40′20°00′MithunaKāmaवी
420°00′23°20′KarkaṭaMokṣaवु vu

Die Gradgrenzen und die Navāṃśa-Zuordnung sind reine Arithmetik und gegen die eigene Berechnungsbibliothek geprüft. Die Silben stammen aus der Lehrüberlieferung; ein klassischer Vers, der sie festlegt, liess sich nicht nachweisen.

Dass die Navāṃśa-Reihe bei Meṣa beginnt, ist keine Willkür: Vṛṣabha ist ein festes Zeichen (sthira), und die Navāṃśa-Zählung eines festen Zeichens setzt neun Zeichen nach ihm ein — von Vṛṣabha aus also wieder bei Meṣa. Dieselbe Formel deckt alle drei Zeichenarten ab.

Dass Rohiṇī ganz in Vṛṣabha liegt, sagt der Vers, der die Pādas auf die Zeichen verteilt:

Ārambha-Kursverse, Rāśi-Abschnitt (Vṛṣabha)

कृत्तिकायास् त्रयः पादा रोहिणी मृगशिरार्धं वृषभः

kṛttikāyās trayaḥ pādā rohiṇī mṛgaśirārdhaṃ vṛṣabhaḥ

Drei Pādas von Kṛttikā, [die vier von] Rohiṇī und die [erste] Hälfte von Mṛgaśirā [bilden] Vṛṣabha [den Stier].

Kṛttikāyās: von Kṛttikā, 3. Nakṣatra (f. 6/1). Trayaḥ: drei (m. 1/3). Pādā: Pādas, Viertel (m. 1/3). Rohiṇī: Rohiṇī, 4. Nakṣatra (f. 1/1). Mṛgaśirārdhaṃ: die Hälfte von Mṛgaśirā; wörtl. mṛgaśiras (5. Nakṣatra) + ardha (Hälfte) (n. 1/1). Vṛṣabhaḥ: Vṛṣabha, der Stier (2. Rāśi) (m. 1/1).

Quelle ungeklärt (Ārambha-Kursmaterial, Pt. Sanjay Rath)

Die Devatā

Über Rohiṇī herrscht Prajāpati, „der Herr der Geschöpfe" — der Schöpfergott der Brāhmaṇa-Literatur, aus dem alles Lebendige hervorgeht. Beide vedischen Listen sagen es, die Nakṣatreṣṭi-Mantras wiederholen es, die Gottheitsliste der Bṛhat Saṃhitā bestätigt es.

Der Anrufungsvers des Taittirīya-Brāhmaṇa stellt Rohiṇī dem Prajāpati ausdrücklich als Gattin an die Seite:

Taittirīya-Brāhmaṇa 3.1.1, Nakṣatreṣṭi-Mantra für Rohiṇī

प्रजापते रोहिणी वेतु पत्नी विश्वरूपा बृहती चित्रभानुः

prajā́pate rohiṇī́ vetu pátnī viśvárūpā br̥hatī́ citrábhānuḥ

Prajāpati, Rohiṇī komme als Gattin — allgestaltig, hoch, von buntem Glanz.

Prajāpate: o Prajāpati, Herr der Geschöpfe (m. 8/1). Rohiṇī: Rohiṇī, das 4. Nakṣatra (f. 1/1). Vetu: sie komme herbei, sie nahe (loṭ I/1). Patnī: Gattin, Herrin (f. 1/1). Viśvarūpā: allgestaltig, in allen Formen erscheinend; wörtl. viśva (all) + rūpa (Gestalt) (f. 1/1). Bṛhatī: hoch, gross, erhaben (f. 1/1). Citrabhānuḥ: von buntem Glanz; wörtl. citra (bunt, funkelnd) + bhānu (Strahl, Glanz) (f. 1/1).

Wortlaut nach TITUS und sanskritdocuments.org; in der Mysore-Ausgabe Abschnitt 2. Der Mantra umfasst acht Zeilen; hier stehen die ersten beiden.

Citrabhānu, „von buntem Glanz", ist am Himmel nachprüfbar: Aldebaran ist orangerot, und die Hyaden um ihn herum sind gelbliche Riesen. Der Abschnitt ist farbiger als die meisten.

Ein Zug der Erzählliteratur ist zu benennen und zugleich abzugrenzen. Purāṇas und Epen erzählen ausführlich von Prajāpati und Rohiṇī, und die moderne Nakṣatra-Literatur trägt diese Geschichten regelmässig ins Portrait ein. Sie stehen dort in ganz anderem Zusammenhang und sagen über den Himmelsabschnitt nichts; sie bleiben deshalb aussen vor. Was die vedischen Texte selbst sagen, steht in den drei zitierten Stellen — und das ist knapp: Prajāpati, Rohiṇī, die Wasser oben, die Kräuter unten.

Die Śakti

Jedem Nakṣatra wird eine Śakti zugeschrieben, eine Wirkkraft, in dreigliedriger Form: ein Begriff für die Kraft selbst, dazu etwas „oberhalb" und etwas „unterhalb", und aus dem Zusammentreffen der drei ein Ergebnis. Die Wurzel liegt im Taittirīya-Brāhmaṇa, das zu jedem Nakṣatra das Paar parastāt und avastāt nennt; das mittlere Glied und das Ergebnis stehen erst im Kommentar des Bhaṭṭabhāskara Miśra — nicht bei Sāyaṇa, wie häufig angenommen wird.

Bei Rohiṇī ist die Formel vollständig, und sie ist eine der durchsichtigsten der ganzen Reihe:

Bhaṭṭabhāskara Miśra, Bhāṣyadīpikā zu Taittirīya-Brāhmaṇa 1.5.1

प्रजापते रोहिणी रोहणं सृष्टिः तत्र प्रजापतेः सृजतः त्रयं भवति परस्ताद् आपः सर्वस्य कारणभूताः मध्ये कालात्मिका रोहणशक्तिः अवस्ताद् ओषधयः सर्वविकाराणाम् उपलक्षणम् यदैतत्त्रयं भवति तदा सृष्टं दृश्यते

prajāpate rohiṇī rohaṇaṃ sṛṣṭiḥ tatra prajāpateḥ sṛjataḥ trayaṃ bhavati parastād āpaḥ sarvasya kāraṇabhūtāḥ madhye kālātmikā rohaṇaśaktiḥ avastād oṣadhayaḥ sarvavikārāṇām upalakṣaṇam yadaitat trayaṃ bhavati tadā sṛṣṭaṃ dṛśyate

„Prajāpatis ist Rohiṇī." Rohaṇa ist das Aufwachsen, die Schöpfung. Dabei gibt es von Prajāpati, der erschafft, eine Dreiheit: oberhalb die Wasser, die Ursache von allem; in der Mitte die zeitgestaltige Kraft des Aufwachsens; unterhalb die Pflanzen, stellvertretend für alle Wandlungsformen. Wenn diese drei zustande kommen, dann wird das Geschaffene sichtbar.

Prajāpate: des Prajāpati (m. 6/1). Rohiṇī: Rohiṇī, das 4. Nakṣatra (f. 1/1). Rohaṇaṃ: das Aufwachsen, das Emporsteigen (n. 1/1). Sṛṣṭiḥ: Schöpfung, Hervorbringung (f. 1/1). Tatra: dabei, darin (avy.). Prajāpateḥ: von Prajāpati (m. 6/1). Sṛjataḥ: des Erschaffenden, während er erschafft (Part. Präs., m. 6/1). Trayaṃ: eine Dreiheit (n. 1/1). Bhavati: es gibt, entsteht (laṭ III/1). Parastād: oberhalb, darüber (avy.). Āpaḥ: die Wasser (f. 1/3). Sarvasya: von allem (n. 6/1). Kāraṇabhūtāḥ: die zur Ursache geworden sind; wörtl. kāraṇa (Ursache) + bhūta (geworden) (f. 1/3). Madhye: in der Mitte (n. 7/1). Kālātmikā: zeitgestaltig, deren Wesen die Zeit ist; wörtl. kāla (Zeit) + ātmikā (wesenhaft) (f. 1/1). Rohaṇaśaktiḥ: die Kraft des Aufwachsens; wörtl. rohaṇa (Aufwachsen) + śakti (Kraft) (f. 1/1). Avastād: unterhalb, darunter (avy.). Oṣadhayaḥ: die Pflanzen, die Kräuter (f. 1/3). Sarvavikārāṇām: aller Wandlungsformen; wörtl. sarva (all) + vikāra (Wandlung) (m. 6/3). Upalakṣaṇam: Kennzeichen, stellvertretende Nennung (n. 1/1). Yadā: wenn (avy.). Etat: dieses (pron. n. 1/1). Tadā: dann (avy.). Sṛṣṭaṃ: das Geschaffene (n. 1/1). Dṛśyate: wird sichtbar (laṭ III/1, karmaṇi).

Taittirīya-Brāhmaṇa mit Bhaṭṭabhāskara-Bhāṣya, Aṣṭaka 1, hrsg. A. Mahādeva Śāstrī, Mysore 1908, S. 246, Abschnitt 2 der Ausgabe. Am Seitenbild gelesen, nicht aus der OCR.

Die Formel ist ein Bild vom Wachsen: Wasser oben, Pflanzen unten, und dazwischen die Kraft, die aus dem einen das andere macht. Der Name der Kraft, rohaṇaśakti, ist vom Nakṣatra-Namen abgeleitet — rohiṇī und rohaṇa gehören zur selben Wurzel ruh, „wachsen, aufsteigen". Das Attribut kālātmikā, „zeitgestaltig", gehört zur Formel und fehlt in der gesamten modernen Wiedergabe.

Hier ist eine Berichtigung nötig. Die englischsprachige Nakṣatra-Literatur gibt für Rohiṇī regelmässig „above the plants, below the waters" — also genau umgekehrt. Der Fehler lässt sich am Grundtext nachweisen, nicht erst am Kommentar: das Taittirīya-Brāhmaṇa liest ā́paḥ parástād óṣadhayo ‘vástāt — die Wasser stehen beim parastāt, die Kräuter beim avastāt, ohne jede Unklarheit. Der Wortlaut steht unten bei den Versen. Bhaṭṭabhāskara folgt ihm, und die Sache selbst spricht ebenfalls dafür: der Regen kommt von oben, die Pflanze wächst von unten.

Die Verwechslung ist einer von drei Fehlern, die sich aus derselben Quelle fortgepflanzt haben — einem Aufsatz David Frawleys von 1998, der die Śakti-Formeln überhaupt erst ins Englische gebracht und ihre Herkunft (Taittirīya-Brāhmaṇa 1.5.1 samt Bhaṭṭabhāskaras Kommentar) korrekt angegeben hat. In der weiteren Verbreitung ist der Nachweis verlorengegangen, der Fehler nicht. Die beiden anderen betreffen die Gottheiten von Citrā und Śatabhiṣaj.

Der Steckbrief

Die folgenden Zuschreibungen stammen aus verschiedenen Schichten der Überlieferung. Die Spalte rechts sagt bei jeder, worauf sie sich stützt.

Himmelsabschnitt10°00′ bis 23°20′ Vṛṣabha, siderisch Rechnung; Vers zur Pāda-Verteilung
Fixsternedie Hyaden — α, θ¹, θ², ε, δ¹ und γ Tauri Sūrya-Siddhānta 8; SIMBAD
Yogatārāα Tauri (Aldebaran) — „die östliche", zugleich die hellste; kein Dissens Sūrya-Siddhānta 8.19; Burgess 1860
HerrscherCandra Viṃśottarī-Reihe
DevatāPrajāpati, der Herr der Geschöpfe Taittirīya-Saṃhitā 4.4.10; Taittirīya-Brāhmaṇa 1.5.1 und 3.1.1
Śaktirohaṇaśakti, „die Kraft des Aufwachsens" — oberhalb die Wasser, unterhalb die Pflanzen; Ergebnis: das Geschaffene wird sichtbar Bhaṭṭabhāskara zu Taittirīya-Brāhmaṇa 1.5.1
SymbolWagen; bei manchen der Tempel Lehrüberlieferung; indirekt śākaṭika in Bṛhat Saṃhitā 15.2
Namensbedeutung„die Rote" und „die Aufwachsende", zu ruh „wachsen, aufsteigen" Bhaṭṭabhāskara: rohaṇaṃ sṛṣṭiḥ
Wesensartdhruva (fest) / sthira (stehend) Bṛhat Saṃhitā 97.6; Muhūrta-Cintāmaṇi 2.2
Gaṇamanuṣya (menschlich) Muhūrta-Cintāmaṇi 6.29; Nārada-Saṃhitā 29.127
Yoni (Tier)Schlange (sarpa, ahi), geteilt mit Mṛgaśiras Muhūrta-Cintāmaṇi 6.25
Yoni-Geschlechtunbelegt kein klassischer Vers, siehe unten
Nāḍīantya (die letzte) Muhūrta-Cintāmaṇi 6.34; Nārada-Saṃhitā 29.141
Varṇavaiśya im Heiratsvergleich — kṛṣīvala (Ackerbauer) in der Gesellschaftszuordnung zwei verschiedene Systeme, siehe unten
GuṇaRajas im Nakṣatra-Guṇa-Schema (R/T/R) — Rajas auch im Navatārā-Schema eigenes Kursmaterial, zwei Systeme
TattvaPṛthivī (Erde) eigenes Kursmaterial
LokaBhū eigenes Kursmaterial
Mukhaūrdhvamukha (aufwärtsblickend) Muhūrta-Cintāmaṇi 2.9
Silbeno · वा · वी · वु vu Lehrüberlieferung
KörperteilStirn im Nakṣatrapuruṣa (Zählung ab Kṛttikā) eigenes Kursmaterial
PuruṣārthaDharma · Artha · Kāma · Mokṣa je Pāda Lehrüberlieferung
TätigkeitenWeihe, Besänftigungsritus, Baumpflanzung, Stadtgründung, Aussaat, Hausbau — alle dauerhaften Anfänge Bṛhat Saṃhitā 97.6; Muhūrta-Cintāmaṇi 2.2
MenschengruppenMenschen von gutem Gelübde, Fürsten, Reiche, Yoga-Geübte, Fuhrleute, Pflüger; Kühe, Stiere, Wassertiere Bṛhat Saṃhitā 15.2

Wo die Quellen auseinandergehen

Die Śakti: oben und unten sind in der modernen Literatur vertauscht. Der wichtigste Punkt steht schon oben. Belegt ist: Wasser oberhalb, Pflanzen unterhalb — so das Brāhmaṇa im Wortlaut, so Bhaṭṭabhāskara.

Der Name Rohiṇī kommt in der vedischen Liste zweimal vor. In der Reihe der Taittirīya-Saṃhitā steht rohiṇī an zwei Stellen: als zweiter Eintrag mit der Gottheit Prajāpati — das ist unser Nakṣatra — und als sechzehnter mit der Gottheit Indra. Der zweite ist das, was später Jyeṣṭhā heisst. Dasselbe im Brāhmaṇa, und Bhaṭṭabhāskara führt seinen achtzehnten Abschnitt ausdrücklich als „Jyeṣṭhā (rohiṇī)". Die Unterscheidung läuft ausschliesslich über die Gottheit. Der Grund ist vermutlich derselbe wie beim Namen: beide Abschnitte tragen einen auffällig roten Hauptstern — hier Aldebaran, dort Antares. Wer eine vedische Stelle mit rohiṇī findet, muss also die Gottheit mitlesen, sonst greift er ins falsche Nakṣatra.

Varṇa. Im Melāpaka, dem Heiratsvergleich, wird der Varṇa nach dem Rāśi vergeben, nicht nach dem Nakṣatra:

Muhūrta-Cintāmaṇi 6.22

द्विजा झषालिकर्कटास् ततो नृपा विशो ऽङ्घ्रिजाः

dvijā jhaṣālikarkaṭās tato nṛpā viśo 'ṅghrijāḥ

Brahmanen [sind] Mīna, Vṛścika und Karka; darauf die Fürsten [Kṣatriyas], die Vaiśyas, die Śūdras.

Dvijā: Brahmanen; wörtl. „zweimal Geborene" (m. 1/3). Jhaṣālikarkaṭās: Mīna, Vṛścika und Karka; wörtl. jhaṣa (Fisch = Mīna) + āli (Skorpion = Vṛścika) + karkaṭa (Krebs = Karka) (m. 1/3). Tato: darauf, danach (avy.). Nṛpā: Fürsten, Kṣatriyas; wörtl. nṛ (Mensch) + pa (schützend) (m. 1/3). Viśo: Vaiśyas, die Leute des dritten Standes (f. 1/3). 'ṅghrijāḥ: Śūdras; wörtl. aṅghri (Fuss) + ja (geboren) (m. 1/3).

Der Kommentar löst auf: vṛṣakanyāmakarā viśo vaiśyāḥ — „Vṛṣa, Kanyā und Makara sind die Vaiśyas."

Rohiṇī liegt ganz in Vṛṣabha, gehört im Melāpaka also zu den Vaiśyas. Die Bṛhat Saṃhitā ordnet Rohiṇī dagegen in 15.28 zusammen mit Revatī, Anurādhā und Maghā den kṛṣīvala, den Ackerbauern, zu — das ist die gesellschaftsprognostische Einteilung des Kapitels 15 in sieben Klassen, kein Kūṭa der Heiratsprüfung. Beide Angaben sind für sich richtig. Die moderne Tabellenangabe śūdra, die man für Rohiṇī häufig findet, liess sich dagegen aus keiner der beiden Quellen herleiten und bleibt unbelegt.

Guṇa. Das eigene Kursmaterial führt zwei nicht deckungsgleiche Systeme unter demselben Namen: ein dreiwertiges, das jedem Nakṣatra einen Guṇa je Loka-Ebene gibt (für Rohiṇī Rajas/Tamas/Rajas), und ein einwertiges nach dem Navatārā-Schema, das den Guṇa des Tārā-Herrschers ansetzt (für Rohiṇī Rajas, über Candra). Die Systeme beantworten verschiedene Fragen und werden regelmässig vermengt.

Yoni-Geschlecht. Die modernen Tabellen geben für Rohiṇī „Schlange, männlich". Das Tier ist belegt, das Geschlecht nicht. Die klassische Lehre kennt vierzehn Tiere für achtundzwanzig Nakṣatras und rechnet ausschliesslich mit Freundschaft und Feindschaft der Arten; der Kommentar zum Muhūrta-Cintāmaṇi zitiert dazu das Daivajñamanohara: aṣṭāviṃśatitārāṇāṃ yonayas tu caturdaśa. Rohiṇīs Gegenspieler ist nach der Bauform des Verses der Mungo, also Uttarāṣāḍhā und Abhijit.

Das Symbol des Wagens. Der Wagen gehört zu Rohiṇī — das ist gegen moderne Darstellungen festzuhalten, die ihn gelegentlich Aśvinī zuschreiben. Sowohl der eigene Fliesstext als auch die Symboltabelle führen ihn für Rohiṇī. Ein klassischer Vers, der „Wagen" sagt, liess sich allerdings nicht finden; die nächste Stütze ist śākaṭika, „Fuhrmann", in der Berufsliste der Bṛhat Saṃhitā 15.2. Das ist ein Indiz, kein Beleg.

Ein Versehen im eigenen Kursmaterial. Der Rohiṇī-Abschnitt schliesst mit dem Satz „Das andere Symbol von Kṛttikā ist ein Tempel". Gemeint ist erkennbar Rohiṇī: der Satz steht mitten im Rohiṇī-Block, erläutert dessen zweites Symbol, und Kṛttikās Symbole sind an anderer Stelle Messer und Speer. Ein Verschreiber, keine Lehrmeinungsdifferenz — hier vermerkt, weil das Material sonst als Beleg auftritt. Dieselbe Materialsammlung enthält überdies in der Herrschertabelle einen verifizierten Fehler (an Position 17 steht ein zweites Mal „8. Puṣya" statt Anurādhā); die Rohiṇī-Zeile ist davon nicht betroffen.

Wesensart und Tätigkeiten

Die Wahllehre teilt die Nakṣatras nach ihrer Wesensart ein, weil davon abhängt, welche Unternehmung unter ihnen gelingt. Rohiṇī gehört zur Klasse der festen, dhruva — und ist darin das einzige Mitglied, das nicht „Uttarā" heisst:

Bṛhat Saṃhitā 97.6 (in Kerns Zählung 98.6)

त्रीण्य् उत्तराणि तेभ्यो रोहिण्यश् च ध्रुवाणि तैः कुर्यात् अभिषेकशान्तितरुनगरधर्मबीजध्रुवारम्भान्

trīṇy uttarāṇi tebhyo rohiṇyaś ca dhruvāṇi taiḥ kuryāt abhiṣekaśāntitarunagaradharmabījadhruvārambhān

Die drei Uttarā und ausser ihnen Rohiṇī sind die festen [dhruva]; mit ihnen vollziehe man: Weihe, Besänftigungsritus, Baumpflanzung, Stadtgründung, Pflichtwerke, Aussaat und alle dauerhaften Anfänge.

Trīṇy: drei (n. 1/3). Uttarāṇi: die Uttarā (Uttaraphalgunī, Uttarāṣāḍhā, Uttarabhādrapadā); wörtl. „die späteren, die oberen" (n. 1/3). Tebhyo: ausser ihnen, von ihnen abgesehen (5/3). Rohiṇyaś: Rohiṇī, das 4. Nakṣatra (hier im Plural gesetzt) (f. 1/3). Ca: und (avy.). Dhruvāṇi: fest, feststehend - Name der Nakṣatra-Klasse (n. 1/3). Taiḥ: mit ihnen (3/3). Kuryāt: man vollziehe, man tue (vidhiliṅ I/1). Abhiṣekaśāntitarunagaradharmabījadhruvārambhān: Weihe, Besänftigungsritus, Baumpflanzung, Stadtgründung, Pflichtwerk, Aussaat und dauerhafte Anfänge; wörtl. abhiṣeka (Weihe) + śānti (Besänftigung) + taru (Baum) + nagara (Stadt) + dharma (Pflichtwerk) + bīja (Saatgut) + dhruvārambha (dauerhafter Anfang) (m. 2/3).

Ausgabe H. Kern, Kalkutta 1865, dort als 98.6. Der Kapitelversatz zwischen Kern und den neueren Ausgaben beginnt erst bei Kapitel 38; Kapitel 15 ist in allen geprüften Ausgaben Kapitel 15.

Die Tätigkeitsliste ist bemerkenswert einheitlich: alles darin dauert. Eine Weihe gilt lebenslang, eine Stadt bleibt stehen, ein Baum wächst Jahrzehnte, die Saat geht im nächsten Jahr auf. Varāhamihira fasst es am Schluss selbst zusammen: dhruvārambha, „dauerhafte Anfänge". Der Muhūrta-Cintāmaṇi verdichtet dieselbe Liste und trägt den zweiten Klassennamen sowie den Wochentag nach:

Muhūrta-Cintāmaṇi 2.2

उत्तरात्रयरोहिण्यो भास्करश् च ध्रुवं स्थिरम् तत्र स्थिरं बीजगेहशान्त्यारामादि सिद्धये

uttarātrayarohiṇyo bhāskaraś ca dhruvaṃ sthiram tatra sthiraṃ bījagehaśāntyārāmādi siddhaye

Die drei Uttarā und Rohiṇī, und der Sonntag, sind dhruva, „fest", und sthira, „stehend". Darin gelingt Feststehendes: Saatgut, Haus, Śānti-Ritus, Gartenanlage und dergleichen.

Uttarātrayarohiṇyo: die drei Uttarā und Rohiṇī; wörtl. uttarā + traya (Dreiheit) + rohiṇī (f. 1/3). Bhāskaraś: Bhāskara (Sūrya), der Sonntag; wörtl. bhās (Licht) + kara (machend) (m. 1/1). Ca: und (avy.). Dhruvaṃ: fest - Name der Nakṣatra-Klasse (n. 1/1). Sthiram: stehend, beständig - zweiter Name derselben Klasse (n. 1/1). Tatra: darin, dort (avy.). Sthiraṃ: Feststehendes, Bleibendes (n. 1/1). Bījagehaśāntyārāmādi: Saatgut, Haus, Śānti-Ritus, Gartenanlage und dergleichen; wörtl. bīja (Saatgut) + geha (Haus) + śānti (Besänftigungsritus) + ārāma (Hain, Garten) + ādi (und so fort) (n. 1/1). Siddhaye: zum Gelingen, zum Erfolg (f. 4/1).

Kollation aus drei Ausgaben; zwei lesen tatra sthiraṃ, eine tat sthiraṃ — inhaltlich folgenlos. Der Kommentar löst auf: bījaṃ yavādi („bīja heisst Gerste und dergleichen"), ārāmo nagaropakaṇṭhavartivanam („ārāma ist der Hain am Stadtrand"). Die Klasse erbt ausserdem die Tätigkeiten der mṛdu-Gruppe.

Zur Terminologie: sthira als Klassenname ist jünger als die Bṛhat Saṃhitā; Varāhamihira sagt nur dhruva. Dasselbe gilt für krūra, dāruṇa, kṣipra, maitra, sādhāraṇa und cara — keiner dieser Klassennamen steht bei Varāhamihira.

Ein anderes Kapitel der Bṛhat Saṃhitā ordnet den Nakṣatras Menschen- und Berufsgruppen zu — es geht dort um Vorzeichendeutung im grossen Massstab, nicht um Geburtsdeutung:

Bṛhat Saṃhitā 15.2

रोहिण्यां सुव्रतपण्यभूपधनियोगयुक्तशाकटिकाः गोवृषजलचरकर्षकशिलोच्चयैश्वर्यसम्पन्नाः

rohiṇyāṃ suvratapaṇyabhūpadhaniyogayuktaśākaṭikāḥ govṛṣajalacarakarṣakaśiloccayaiśvaryasampannāḥ

Bei Rohiṇī: Menschen von gutem Gelübde, Handelsware, Fürsten, Reiche, Yoga-Geübte, Fuhrleute; Kühe, Stiere, Wassertiere, Pflüger, Felsklippen und mit Herrschaft Ausgestattete.

Rohiṇyāṃ: bei Rohiṇī, im Nakṣatra Rohiṇī (f. 7/1). Suvratapaṇyabhūpadhaniyogayuktaśākaṭikāḥ: Menschen von gutem Gelübde, Handelsware, Fürsten, Reiche, Yoga-Geübte und Fuhrleute; wörtl. suvrata (von gutem Gelübde) + paṇya (Handelsware) + bhūpa (Erdhüter, Fürst) + dhanin (reich) + yogayukta (im Yoga geübt) + śākaṭika (Fuhrmann) (m. 1/3). Govṛṣajalacarakarṣakaśiloccayaiśvaryasampannāḥ: Kühe, Stiere, Wassertiere, Pflüger, Felsklippen und mit Herrschaft Ausgestattete; wörtl. go (Kuh) + vṛṣa (Stier) + jalacara (im Wasser gehend) + karṣaka (Pflüger) + śiloccaya (Felsklippe) + aiśvaryasampanna (mit Herrschaft versehen) (m. 1/3).

Ausgabe H. Kern, Kalkutta 1865. Das Kapitel zählt von Kṛttikā an; Rohiṇī steht deshalb als zweites, nicht als viertes.

Die Liste ist durchgehend wohlhabend und ländlich: Rind, Stier, Pflug, Wagen, Besitz, Herrschaft. Das passt zum Rāśi — Vṛṣabha ist der Stier — und zur dhruva-Wesensart, die alles Dauerhafte begünstigt. Ein Wort darin verdient Aufmerksamkeit: śākaṭika, „Fuhrmann, Wagenlenker". Es ist die einzige Stelle in den hier eingesehenen klassischen Texten, die sich mit dem überlieferten Symbol des Wagens berührt — ein Indiz, kein Beleg.

Mitzulesen sind die Schlussverse des Kapitels: 15.31 f. sagt ausdrücklich, dass die Zuordnungen Bedingungen haben — die Gruppe eines Nakṣatras gedeiht oder leidet je nach dem Planetenstand an ihrem Gestirn. Wer Bṛhat Saṃhitā 15 als statische Attributliste zitiert, zitiert diese Einschränkung weg.

Der Jātaka-Pārijāta schliesslich sagt, was ein unter Rohiṇī Geborener mitbekommt — und er reibt sich dabei merklich mit allem, was oben steht:

Jātaka-Pārijāta 9.84d (in der Kashi-Zählung 9.85)

रोहिण्यां पररन्ध्रवित् कृशतनुर् बोधी परस्त्रीरतः

rohiṇyāṃ pararandhravit kṛśatanur bodhī parastrīrataḥ

Unter Rohiṇī [wird man einer, der] die Blössen anderer kennt, von magerem Leib, einsichtig, fremden Frauen zugetan.

Rohiṇyāṃ: unter Rohiṇī, im Nakṣatra Rohiṇī (f. 7/1). Pararandhravit: der die Blössen anderer kennt; wörtl. para (ein anderer) + randhra (Lücke, Schwachstelle) + vid (wissend) (m. 1/1). Kṛśatanur: von magerem Leib; wörtl. kṛśa (mager) + tanu (Leib) (m. 1/1). Bodhī: einsichtig, wach, verständig (m. 1/1). Parastrīrataḥ: fremden Frauen zugetan; wörtl. para (fremd) + strī (Frau) + rata (hingegeben) (m. 1/1).

Ausgabe V. Subrahmanya Sastri 1932, Bd. I, S. 626; die Kashi Sanskrit Series zählt um eins höher und schreibt pararandhravitkṛśatanur zusammen. Der Vers behandelt in seinen vier Vierteln Aśvinī, Bharaṇī, Kṛttikā und Rohiṇī; hier steht das vierte. Sastris eigene englische Wiedergabe: „he will know the weak points of others, be lean, enlightened but addicted to women not his own."

Das ist zu benennen, nicht zu glätten: Das Nakṣatra des Wohlstands, der Rinderherden und der dauerhaften Anfänge bekommt in der Geburtsdeutung einen mageren, indiskreten Nativen. Die beiden Überlieferungen — die Wahllehre der Bṛhat Saṃhitā und die Prognoseformeln des Jātaka-Pārijāta — sind rund tausend Jahre und eine ganze Gattung voneinander entfernt, und sie stimmen nicht überein. Wer nur eine von beiden liest, bekommt ein glatteres Bild, als die Quellen hergeben.

Die Sterne des Asterismus

Die Hyaden im Abschnitt der Rohiṇī. Massstab in Länge und Breite gleich; die Gruppe steht wirklich zwei bis sechs Grad südlich der Ekliptik. Siderische Länge zum Stichjahr 2025,0 mit dem Ayanāṃśa nach Lahiri; ekliptikale Breite J2000,0. Punktgrösse nach scheinbarer Helligkeit — Aldebaran ist mit 0,9 Grössenklassen weit heller als alle übrigen. Der offene Kreis ist die Sollposition der Yogatārā nach dem Sūrya-Siddhānta. Die Hyaden im Abschnitt der Rohiṇī. Massstab in Länge und Breite gleich; die Gruppe steht wirklich zwei bis sechs Grad südlich der Ekliptik. Siderische Länge zum Stichjahr 2025,0 mit dem Ayanāṃśa nach Lahiri; ekliptikale Breite J2000,0. Punktgrösse nach scheinbarer Helligkeit — Aldebaran ist mit 0,9 Grössenklassen weit heller als alle übrigen. Der offene Kreis ist die Sollposition der Yogatārā nach dem Sūrya-Siddhānta.

Die Hyaden im Abschnitt der Rohiṇī. Massstab in Länge und Breite gleich; die Gruppe steht wirklich zwei bis sechs Grad südlich der Ekliptik. Siderische Länge zum Stichjahr 2025,0 mit dem Ayanāṃśa nach Lahiri; ekliptikale Breite J2000,0. Punktgrösse nach scheinbarer Helligkeit — Aldebaran ist mit 0,9 Grössenklassen weit heller als alle übrigen. Der offene Kreis ist die Sollposition der Yogatārā nach dem Sūrya-Siddhānta.

Koordinaten aus SIMBAD (Abruf 15. September 2026); Sollposition aus Sūrya-Siddhānta 8.2 und 8.6 nach Burgess 1860.

Welche Sterne gemeint sind, ist bei Rohiṇī so klar wie bei kaum einem anderen Nakṣatra: die Hyaden, der offene Sternhaufen im Kopf des Stiers, mit Aldebaran als hellstem Punkt. Die klassische Lehre gibt fünf Sterne — ε, δ¹, γ, θ und α Tauri —, und in keiner der geprüften Quellen findet sich ein Dissens darüber. Auch der Sūrya-Siddhānta ist mit sich einig: Vers 8.19 bestimmt für Rohiṇī die östliche als yogatārā, und das ist zugleich die hellste, nämlich Aldebaran. Lagebeschreibung und Zahlenangaben decken sich — bei Kṛttikā davor tun sie es nicht.

Die überlieferte Figur — der Wagen — ist dabei keine Sternfigur. Whitney hält für die Reihe insgesamt fest, dass die Bilder „zweifellos in Anspielung auf die waltenden Gottheiten und nicht aufgrund einer eingebildeten Ähnlichkeit" gewählt sind. Was die Hyaden tatsächlich zeigen, ist ein liegendes V.

Die einzige Stelle im ganzen Material, die eine Beobachtung beschreibt statt einer Zuschreibung, steht im Anrufungsvers des Brāhmaṇa:

Taittirīya-Brāhmaṇa 3.1.1, Nakṣatreṣṭi-Mantra für Rohiṇī (zweite Hälfte)

रोहिणी देव्य् उदगात् पुरस्तात् विश्वा रूपाणि प्रतिमोदमाना

rohiṇī́ devy údagāt purástāt víśvā rūpā́ṇi pratimódamānā

Die Göttin Rohiṇī ist im Osten aufgegangen, allen Formen entgegenjubelnd.

Rohiṇī: Rohiṇī, das 4. Nakṣatra (f. 1/1). Devy: die Göttin (f. 1/1). Udagāt: sie ist aufgegangen, sie ist emporgestiegen (luṅ I/1). Purastāt: im Osten, vorn, voran (avy.). Viśvā: alle (n. 2/3). Rūpāṇi: Formen, Gestalten (n. 2/3). Pratimodamānā: entgegenjubelnd, widerstrahlend (f. 1/1).

Wortlaut nach TITUS und sanskritdocuments.org. Die Devanāgarī-Ausgabe druckt an dieser Stelle rūpaṇi; gemeint ist rūpāṇi (so TITUS) — Druckfehler der Ausgabe. Pratimodamānā wörtlich „entgegenjubelnd"; die Übersetzungen geben es meist als „alle Formen widerspiegelnd".

Gemeint ist der heliakische Aufgang: das Gestirn erscheint in der Morgendämmerung erstmals wieder über dem östlichen Horizont. Das ist keine Metapher, sondern das, was man sieht.

Die Sterne im Katalog

SternEigennameHRHDHIPVSpektraltyp
α TauAldebaran145729139214210,86K5+III
θ² Tau141228319208943,41A7III
ε TauAin140928305208893,53G9.5III
γ TauPrima Hyadum134627371202053,65G9.5IIIab
δ¹ TauSecunda Hyadum137327697204553,76G9.5III
θ¹ Tau141128307208853,84G9III

Zwei Bemerkungen dazu. Erstens: θ¹ und θ² Tauri stehen nur wenige Bogenminuten auseinander und erscheinen dem blossen Auge fast als einer; die klassische Zählung von fünf Sternen fasst sie erkennbar zusammen. Zweitens, und das ist der interessantere Befund: Aldebaran gehört physisch nicht zu den Hyaden. Der Haufen steht rund 47 Parsec entfernt, Aldebaran nur etwa 20 — er steht zufällig davor, aus unserer Richtung gesehen. Die übrigen fünf sind ein echter Haufen, gemeinsam entstanden und gemeinsam unterwegs. Für die Überlieferung ist das folgenlos, aber es gehört gesagt: der auffälligste Stern des Abschnitts ist der einzige, der nicht dazugehört.

Wo die Sterne heute stehen

Um zu prüfen, ob die Sterne im Abschnitt Rohiṇī liegen, müssen ihre Positionen von J2000,0 auf ein Stichjahr fortgeschrieben und dann um den Ayanāṃśa vermindert werden. Für 2025,0 ergibt sich (alles siderische Längen in Vṛṣabha):

Ayanāṃśa (2025,0)γ Tauδ¹ Tauθ¹ Tauε Tauα Tau
Lahiri / Citrāpakṣa11° 57′13° 01′14° 06′14° 37′15° 56′
True Citrā11° 58′13° 02′14° 07′14° 38′15° 57′
Krishnamurti12° 03′13° 07′14° 12′14° 42′16° 02′
Raman13° 24′14° 28′15° 33′16° 03′17° 23′
Fagan / Bradley11° 04′12° 08′13° 13′13° 44′15° 03′

Rohiṇī reicht von 10°00′ bis 23°20′ Vṛṣabha. Alle sechs Sterne liegen bei jedem gebräuchlichen Ayanāṃśa innerhalb des Abschnitts. Und mehr noch: Aldebaran steht mit 15°56′ nach Lahiri fast genau in der Mitte — die Abschnittsmitte liegt bei 16°40′. Das ist die sauberste Übereinstimmung zwischen Stern und Abschnitt in der ganzen Reihe, zusammen mit Maghā. Auch die Sollposition des Sūrya-Siddhānta landet, in denselben Rahmen umgerechnet, bei 14° 20′ Vṛṣabha, im zweiten Pāda und rund einen Viertelgrad von θ Tauri entfernt.

Das ist bemerkenswert, weil es bei den meisten Nakṣatras anders aussieht: dort steht der Leitstern am Rand seines Abschnitts oder schon im vorhergehenden. Bei Rohiṇī sitzt er mitten darin — und das bei jedem der fünf geprüften Ayanāṃśas, obwohl zwischen Raman und Fagan/Bradley über zwei Grad liegen.

Sichtbarkeit

Von mitteleuropäischer Breite (rund 47° Nord) kulminieren die Hyaden zwischen 58,7 und 62,2 Grad hoch; Aldebaran erreicht 59,6 Grad. Um Mitternacht kulminieren sie um den 2. Dezember, in Sonnennähe stehen sie um den 31. Mai; etwa vier Wochen davor und danach sind sie unsichtbar.

Leichter zu finden ist kaum ein Gestirn. Aldebaran ist ein Stern erster Grösse und deutlich orange; das V der Hyaden öffnet sich von ihm aus nach Nordwesten, und keine zwölf Grad weiter stehen die Plejaden. Wer im Winterhalbjahr nach Süden schaut, hat Kṛttikā und Rohiṇī, das dritte und vierte Nakṣatra, unmittelbar nebeneinander im Blick — der einzige Abschnitt des Tierkreises, in dem zwei Nakṣatras so auffällig beieinander stehen.

Namen und Namensvarianten

Rohiṇī gehört zur Wurzel ruh, „wachsen, aufsteigen", und lässt sich auf zwei Weisen verstehen: als „die Aufwachsende" und als „die Rote" (über rohita). Beide Bedeutungen treffen die Sache. Bhaṭṭabhāskara entscheidet sich in seinem Kommentar für die erste und glossiert ausdrücklich rohaṇaṃ sṛṣṭiḥ — „rohaṇa ist das Aufwachsen, die Schöpfung"; darauf baut er die ganze Śakti-Formel. Am Himmel spricht alles für die zweite: Aldebaran ist ein oranger Riese, einer der farbigsten hellen Sterne überhaupt, und die Hyaden um ihn herum sind gelbliche Riesensterne.

Der Name kommt in der vedischen Reihe zweimal vor. Das ist beim Zitieren eine Falle. Die Taittirīya-Saṃhitā führt rohiṇī an zweiter Stelle mit der Gottheit Prajāpati — das ist unser Nakṣatra — und an sechzehnter Stelle mit der Gottheit Indra. Der zweite ist das, was die klassische Tradition Jyeṣṭhā nennt. Das Brāhmaṇa hält es ebenso, und Bhaṭṭabhāskara überschreibt seinen achtzehnten Abschnitt mit „Jyeṣṭhā (rohiṇī)". Die beiden lassen sich ausschliesslich über die Gottheit auseinanderhalten. Der Grund für die Doppelung dürfte wieder die Farbe sein: Jyeṣṭhās Hauptstern ist Antares, der zweite grosse rote Stern des Tierkreises. Zwei rote Gestirne, ein Name.

Die Verse

Die älteste Stelle, die Rohiṇī nennt, steht in der Taittirīya-Saṃhitā, in der Aufzählung der Nakṣatra-Feueraltarziegel — jeweils Nakṣatra und zugehörige Gottheit. Rohiṇī steht dort an zweiter Stelle, weil die Reihe bei Kṛttikā beginnt:

Taittirīya-Saṃhitā 4.4.10.1

रोहिणी नक्षत्रं प्रजापतिर् देवता

rohiṇī́ nákṣatram prajā́patir devátā

Rohiṇī ist das Nakṣatra, Prajāpati die Gottheit.

Rohiṇī: Rohiṇī, die Rote, die Aufwachsende; 4. Nakṣatra (f. 1/1). Nakṣatram: Nakṣatra, Gestirn, Mondhaus (n. 1/1). Prajāpatir: Prajāpati, der Herr der Geschöpfe; wörtl. prajā (Geschöpf) + pati (Herr) (m. 1/1). Devatā: Gottheit (f. 1/1).

Wortlaut nach TITUS (akzentuierte Umschrift); Devanāgarī-Ausgabe bei sanskritdocuments.org. Dieselbe Liste führt an sechzehnter Stelle ein zweites rohiṇī, dort mit der Gottheit Indra — das ist Jyeṣṭhā.

Das Taittirīya-Brāhmaṇa führt dieselbe Reihe, stellt aber die Gottheit in den Genitiv voran und fügt jedem Nakṣatra ein Begriffspaar bei — eines „oberhalb", eines „unterhalb":

Taittirīya-Brāhmaṇa 1.5.1.1

प्रजापते रोहिणी आपः परस्ताद् ओषधयो ऽवस्तात्

prajā́pate rohiṇī́ ā́paḥ parástād óṣadhayo 'vástāt

Des Prajāpati ist Rohiṇī. Die Wasser oberhalb, die Kräuter unterhalb.

Prajāpate: des Prajāpati, des Herrn der Geschöpfe (m. 6/1). Rohiṇī: Rohiṇī, das 4. Nakṣatra (f. 1/1). Āpaḥ: die Wasser (f. 1/3). Parastād: oberhalb, darüber, jenseits (avy.). Oṣadhayo: die Kräuter, die Heilpflanzen (f. 1/3). 'vastāt: unterhalb, darunter, diesseits (avy.).

Umschrift nach TITUS, Devanāgarī nach sanskritdocuments.org. Dieser Wortlaut entscheidet die Frage, ob die Wasser oben oder unten stehen: āpaḥ steht beim parastāt, oṣadhayaḥ beim avastāt. Wortglossar hier erstellt; das Werk liegt noch nicht in der Textdatenbank dieser Seite.

Dieses Begriffspaar ist die Grundlage der Śakti-Angabe weiter oben, und es ist zugleich der Beleg für die Berichtigung, die dort steht: die Reihenfolge ist im Grundtext eindeutig, und die moderne Literatur dreht sie um.

Aus der neueren Lehrüberlieferung stammen die Merkverse, mit denen die Reihe der Nakṣatra-Namen gelernt wird. Rohiṇī steht dort an vierter Stelle:

Ārambha-Kursverse, Nakṣatra-Abschnitt 1

अश्विनी भरणी चैव कृत्तिका रोहिणी मृगः आर्द्रा पुनर्वसुः पुष्यस् ततो ऽश्लेषा मघा तथा

aśvinī bharaṇī caiva kṛttikā rohiṇī mṛgaḥ ārdrā punarvasuḥ puṣyas tato 'śleṣā maghā tathā

Aśvinī, Bharaṇī und Kṛttikā, Rohiṇī, Mṛga[śiras]; Ārdrā, Punarvasu, Puṣya, darauf Āśleṣā und ebenso Maghā.

Aśvinī: Aśvinī, 1. Nakṣatra (f. 1/1). Bharaṇī: Bharaṇī, 2. Nakṣatra (f. 1/1). Ca: und (avy.). Eva: eben (avy.). Kṛttikā: Kṛttikā, 3. Nakṣatra (f. 1/1). Rohiṇī: Rohiṇī, 4. Nakṣatra (f. 1/1). Mṛgaḥ: Mṛga(śiras), 5. Nakṣatra (m. 1/1). Ārdrā: Ārdrā, 6. Nakṣatra (f. 1/1). Punarvasuḥ: Punarvasu, 7. Nakṣatra (m. 1/1). Puṣyas: Puṣya, 8. Nakṣatra (m. 1/1). Tato: darauf (avy.). 'śleṣā: Āśleṣā, 9. Nakṣatra (f. 1/1). Maghā: Maghā, 10. Nakṣatra (f. 1/1). Tathā: ebenso (avy.).

Quelle ungeklärt (Ārambha-Kursmaterial, Pt. Sanjay Rath)

Grammatikangaben im Glossar sind unter Grammatik-Abkürzungen erklärt.

Zur Quellenlage dieses Portraits

Die Angaben oben ruhen auf ungleichem Grund, und das soll sichtbar bleiben.

Sicher ist alles Rechnerische: die Gradgrenzen, die vier Pādas, ihre Navāṃśa-Zeichen. Das folgt aus der Einteilung selbst und ist gegen die eigene Berechnungsbibliothek geprüft. Sicher ist auch die Lage ganz im Rāśi Vṛṣabha, die der zitierte Vers ausspricht, und der Herrscher Candra aus der Viṃśottarī-Reihe.

Am Originalvers belegt sind: die Devatā Prajāpati (Taittirīya-Saṃhitā 4.4.10, Taittirīya-Brāhmaṇa 1.5.1 und 3.1.1), die Śakti samt ihren drei Gliedern (Bhaṭṭabhāskara zum Brāhmaṇa), die Wesensart dhruva/sthira und die zugehörigen Tätigkeiten (Bṛhat Saṃhitā 97.6, Muhūrta-Cintāmaṇi 2.2), die Menschengruppen (Bṛhat Saṃhitā 15.2), Gaṇa, Yoni und Nāḍī (Muhūrta-Cintāmaṇi 6.29, 6.25, 6.34), das Mukha (2.9), der Varṇa über den Rāśi (6.22) sowie die Geburtsdeutung (Jātaka-Pārijāta 9.84). Die Sternidentifikation ist belegt und unstrittig — in keiner geprüften Quelle findet sich ein abweichender Vorschlag.

Nicht belegt und deshalb markiert oder ganz weggelassen: das Geschlecht der Yoni, für das die klassische Lehre gar keinen Platz hat (vierzehn Tiere für achtundzwanzig Nakṣatras, gerechnet wird mit Artenfreundschaft); die Himmelsrichtung; die Namenssilben; und das Symbol des Wagens — es steht in der Lehrüberlieferung und hat in śākaṭika („Fuhrmann", Bṛhat Saṃhitā 15.2) ein Indiz, aber keinen Vers, der es aussprechen würde.

Berichtigt wurden drei Angaben, die durch die moderne Literatur laufen: die Śakti-Glieder — oberhalb die Wasser, unterhalb die Pflanzen, nicht umgekehrt, und das lässt sich am Wortlaut des Brāhmaṇa nachweisen; der Varṇa (im Heiratsvergleich vaiśya über den Rāśi Vṛṣabha, nicht śūdra, wofür sich überhaupt keine Quelle finden liess); und die Herkunft der Śakti-Formel (Bhaṭṭabhāskara, nicht Sāyaṇa).

Nicht verwendet wurde die Erzählliteratur der Purāṇas um Prajāpati und Rohiṇī. Sie gehört in andere Zusammenhänge und sagt über den Himmelsabschnitt nichts.

Nicht geglättet wurde der Widerspruch zwischen der Attribut- und der Prognoseüberlieferung: die Wahllehre macht Rohiṇī zum Nakṣatra des Dauerhaften und Wohlhabenden, der Jātaka-Pārijāta zeichnet den unter ihm Geborenen mager und indiskret. Beides steht hier nebeneinander.

Bei den Versen ist zu unterscheiden. Die Taittirīya-Stellen, der Kommentar Bhaṭṭabhāskaras und die Verse aus Bṛhat Saṃhitā, Muhūrta-Cintāmaṇi und Jātaka-Pārijāta sind edierter Text mit nachprüfbarer Fundstelle. Der Merkvers der Nakṣatra-Namen und der Vers zur Pāda-Verteilung dagegen stammen aus einem Kursmaterial, dessen Wortlaut keiner Stelle eines klassischen Werks zugeordnet werden konnte. Sie werden deshalb als das ausgewiesen, was sie sind: gelernte Verse einer lebendigen Lehrtradition, nicht edierter Text.

Was noch offen ist: Die Nārada-Saṃhitā und das Vivāha-vṛndāvana, die Gaṇa, Yoni und Nāḍī bestätigen, waren nur als Kontrollzitate greifbar, nicht in eigener Ausgabe. Für das Yoni-Geschlecht wurde kein Vers gefunden. Und woher die moderne Tabellenangabe śūdra für Rohiṇī stammt, konnte nicht geklärt werden — weder der Melāpaka-Vers noch die Bṛhat Saṃhitā stützen sie.