Puṣya
Studien-PDF herunterladenपुष्य 8. Nakṣatra · 3°20′ bis 16°40′ Karka (siderisch) · Herrscher Śani
Puṣya gehört zur Wurzel puṣ-, „nähren, gedeihen lassen, mehren" — „das Nährende", „die Blüte". Der ältere Name aber lautet Tiṣya, und so heisst der Abschnitt in beiden vedischen Listen, im Nakṣatreṣṭi-Vers, bei Bhaṭṭabhāskara und noch im Jātaka-Pārijāta. Über ihn herrscht Bṛhaspati, der Priester der Götter. Unter den 27 Abschnitten ist dieser der am häufigsten empfohlene: die Bṛhat Saṃhitā nennt Puṣya in mehr Listen günstiger Unternehmungen als jedes andere Nakṣatra.
Himmelsabschnitt und Pādas
Puṣya reicht von 3°20′ bis 16°40′ Karka und liegt damit vollständig im Rāśi Karka (Krebs). Die vier Pādas zu je 3°20′ tragen die Navāṃśa-Zeichen Siṃha, Kanyā, Tulā und Vṛścika — Karka ist ein bewegliches Zeichen (cara), seine Navāṃśa-Reihe beginnt deshalb bei ihm selbst, und Puṣya setzt mit dem zweiten Pāda des Zeichens ein.
| Pāda | von | bis | Navāṃśa | Puruṣārtha | Silbe |
|---|---|---|---|---|---|
| 1 | 3°20′ Karka | 6°40′ Karka | Siṃha | Dharma | हु hu |
| 2 | 6°40′ Karka | 10°00′ Karka | Kanyā | Artha | हे he |
| 3 | 10°00′ Karka | 13°20′ Karka | Tulā | Kāma | हो ho |
| 4 | 13°20′ Karka | 16°40′ Karka | Vṛścika | Mokṣa | ड ḍa |
Die Gradgrenzen und die Navāṃśa-Zuordnung sind reine Arithmetik und gegen die eigene Berechnungsbibliothek geprüft. Die Silben stammen aus der Lehrüberlieferung; ein klassischer Vers, der sie festlegt, liess sich nicht nachweisen.
Ein Hinweis zu den Gradgrenzen, weil er im eigenen Kursmaterial falsch steht: dort ist die obere Grenze mit 16°20′ angegeben. Richtig ist 16°40′ — 3°20′ plus die Nakṣatra-Spanne von 13°20′ ergibt 16°40′. Ein Zahlendreher, keine Lehrmeinungsdifferenz.
Dass Puṣya ganz in Karka liegt, sagt der Merkvers der Rāśi-Verteilung aus dem Kursmaterial:
पुनर्वसुपादम् एकं पुष्यम् आश्लेषान्तं कर्कः ।
punarvasupādam ekaṃ puṣyam āśleṣāntaṃ karkaḥ ।
Ein Pāda von Punarvasu, Puṣya und [alles weitere] bis zum Ende von Āśleṣā [bilden] Karka [den Krebs].
Punarvasupādam: ein Pāda von Punarvasu; wörtl. punarvasu (7. Nakṣatra) + pāda (Viertel) (n. 1/1). Ekaṃ: ein, eines (n. 1/1). Puṣyam: Puṣya, 8. Nakṣatra (n. 1/1). Āśleṣāntaṃ: mit Āśleṣā (9. Nakṣatra) endend, bis zum Ende von Āśleṣā; wörtl. āśleṣā + anta (Ende) (n. 1/1). Karkaḥ: Karka, der Krebs (4. Rāśi) (m. 1/1).
Quelle ungeklärt (Ārambha-Kursmaterial, Pt. Sanjay Rath)
Die Devatā
Über Puṣya herrscht Bṛhaspati. Beide vedischen Nakṣatra-Listen sagen es übereinstimmend: die Taittirīya-Saṃhitā mit tiṣyò nákṣatram bŕ̥haspátir devátā, das Taittirīya-Brāhmaṇa mit bŕ̥haspátes tiṣyàḥ, „des Bṛhaspati ist Tiṣya".
Bṛhaspati — „Herr des Wortes", „Herr der heiligen Rede" — ist im Ṛgveda der Priester der Götter, der durch die Kraft der Formel wirkt. Er ist später mit dem Planeten Jupiter gleichgesetzt worden, und weil Jupiter in Karka erhöht steht, gilt Puṣya in der Wahllehre als ausserordentlich günstig.
Der Nakṣatreṣṭi-Vers des Taittirīya-Brāhmaṇa (unten bei den Versen) stellt Bṛhaspati als erstgeborenen und siegreichen Gott vor, der „über dem Nakṣatra Tiṣya entstanden" ist, und bittet um Schutz nach allen Richtungen.
Ein Widerspruch, den der Kommentar selbst aufmacht. Bhaṭṭabhāskara zitiert zur Erläuterung eine Saṃhitā-Stelle, die er mit „Saṃhitā 2.2.10" nachweist: rudro vai tiṣyas somaḥ pūrṇamāsaḥ — „Rudra fürwahr ist Tiṣya, Soma ist der Vollmond". Dort ist Tiṣya also Rudra gleichgesetzt, nicht Bṛhaspati. Der Kommentator benutzt die Stelle nicht, um die Gottheit zu ändern, sondern um zu begründen, warum Tiṣya die Ursache des brahmavarcasa, des Brahmanenglanzes, sei — die zitierte Stelle endet mit eben diesem Wort. Der Befund bleibt trotzdem stehen: das ältere Schrifttum kennt für diesen Abschnitt noch eine zweite Zuordnung.
Die Śakti
Das Taittirīya-Brāhmaṇa nennt für Tiṣya das Begriffspaar júhvataḥ parástāt und yájamānā avástāt — „die Opfergiessenden oberhalb, die Opferherren unterhalb". Beides sind Rollen im Opfer: der hotṛ, der die Gabe ins Feuer giesst, und der yajamāna, der das Opfer veranstalten lässt und dem sein Verdienst zufällt. Das mittlere Glied und das Ergebnis stehen erst im Kommentar Bhaṭṭabhāskara Miśras, nicht bei Sāyaṇa:
बृहस्पतेस् तिष्यः । „रुद्रो वै तिष्यस् सोमः पूर्णमासस् साक्षाद् एव ब्रह्मवर्चसम् अवरुन्धे" इति ब्रह्मवर्चसहेतुस् तिष्यः । बृहस्पतेस् तद् उत्पादयतस् त्रयं भवति — परस्तात् जुह्वतः । मध्ये कालात्मिका तदुत्पादनशक्तिः । अवस्तात् यजमानाः । एतत्त्रयोपपत्तौ ब्रह्मवर्चसं संपन्नं भवति ॥
bṛhaspates tiṣyaḥ । „rudro vai tiṣyas somaḥ pūrṇamāsas sākṣād eva brahmavarcasam avarundhe" iti brahmavarcasahetus tiṣyaḥ । bṛhaspates tad utpādayatas trayaṃ bhavati — parastāt juhvataḥ । madhye kālātmikā tadutpādanaśaktiḥ । avastād yajamānāḥ । etattrayopapattau brahmavarcasaṃ saṃpannaṃ bhavati ॥
„Bṛhaspatis ist Tiṣya." Nach dem Wort „Rudra fürwahr ist Tiṣya, Soma ist der Vollmond; er gewinnt unmittelbar den Brahmanenglanz" ist Tiṣya die Ursache des Brahmanenglanzes. Von Bṛhaspati, der diesen hervorbringt, gibt es eine Dreiheit: oberhalb die Opfergiessenden; in der Mitte die zeitgestaltige Kraft, ihn hervorzubringen; unterhalb die Opferherren. Beim Zusammentreffen dieser drei ist der Brahmanenglanz erlangt.
Bṛhaspates: des Bṛhaspati (m. 6/1). Tiṣyaḥ: Tiṣya, ältere Namensform des 8. Nakṣatras (m. 1/1). Rudro: Rudra (m. 1/1). Vai: fürwahr (avy.). Tiṣyas: Tiṣya (m. 1/1). Somaḥ: Soma (m. 1/1). Pūrṇamāsas: der Vollmond (m. 1/1). Sākṣād: unmittelbar, mit eigenen Augen (avy.). Eva: eben (avy.). Brahmavarcasam: den Brahmanenglanz; wörtl. brahman (heilige Kraft, Formel) + varcas (Glanz) (n. 2/1). Avarundhe: gewinnt, erlangt (laṭ III/1). Iti: so [endet das Zitat] (avy.). Brahmavarcasahetus: Ursache des Brahmanenglanzes; wörtl. brahmavarcasa (Brahmanenglanz) + hetu (Grund) (m. 1/1). Tiṣyaḥ: Tiṣya (m. 1/1). Bṛhaspates: des Bṛhaspati (m. 6/1). Tad: diesen [Brahmanenglanz] (n. 2/1). Utpādayatas: des Hervorbringenden (m. 6/1). Trayaṃ: eine Dreiheit (n. 1/1). Bhavati: es gibt, entsteht (laṭ III/1). Parastāt: oberhalb, darüber (avy.). Juhvataḥ: die Opfergiessenden (m. 1/3). Madhye: in der Mitte (n. 7/1). Kālātmikā: zeitgestaltig, deren Wesen die Zeit ist; wörtl. kāla (Zeit) + ātmikā (wesenhaft) (f. 1/1). Tadutpādanaśaktiḥ: die Kraft, jenen hervorzubringen; wörtl. tad (jenes) + utpādana (Hervorbringen) + śakti (Kraft) (f. 1/1). Avastāt: unterhalb, darunter (avy.). Yajamānāḥ: die Opferherren (m. 1/3). Etattrayopapattau: beim Zusammentreffen dieser drei; wörtl. etad (dies) + traya (Dreiheit) + upapatti (Zustandekommen) (f. 7/1). Brahmavarcasaṃ: der Brahmanenglanz (n. 1/1). Saṃpannaṃ: erlangt, zustande gekommen (n. 1/1). Bhavati: wird (laṭ III/1).
Taittirīya-Brāhmaṇa mit Bhaṭṭabhāskara-Bhāṣya, Aṣṭaka 1, hrsg. A. Mahādeva Śāstrī, Mysore 1908, S. 247. Am Seitenbild gelesen. Den Nachweis des eingelegten Zitats gibt die Ausgabe selbst mit „saṃ. 2-2-10" an. Keine Lesartvariante zu dieser Stelle.
Die Formel lautet damit tad-utpādana-śakti, „die Kraft, jenen hervorzubringen" — und „jener" ist der brahmavarcasa, der Brahmanenglanz, jene Ausstrahlung, die aus dem Wissen und dem rechtmässig vollzogenen Opfer kommt. Das Bild ist durchweg priesterlich: oben die, die die Gabe ins Feuer giessen, unten die, für die geopfert wird, in der Mitte die Kraft, die aus beidem den Glanz entstehen lässt.
Die moderne Literatur gibt die Formel meist als „the power to create spiritual energy" wieder, ohne Quelle. Der Sanskritwortlaut steht bei Bhaṭṭabhāskara, und er ist genauer: es geht nicht um „spirituelle Energie" schlechthin, sondern um einen bestimmten Begriff der vedischen Opferlehre. Das Attribut kālātmikā („zeitgestaltig"), das die Kraft ausdrücklich als die des Zeitlaufs an dieser Himmelsstelle bestimmt, fehlt in der modernen Wiedergabe vollständig.
Anders als bei Ārdrā trägt dieser Kommentarabschnitt keine Lesartvariante der Ausgabe und keine am Druckbild unsichere Stelle.
Der Steckbrief
Die folgenden Zuschreibungen stammen aus verschiedenen Schichten der Überlieferung. Die Spalte rechts sagt bei jeder, worauf sie sich stützt.
| Himmelsabschnitt | 3°20′ bis 16°40′ Karka, siderisch Rechnung; Vers zur Pāda-Verteilung |
|---|---|
| Fixsterne | δ Cancri als Yogatārā, dazu γ Cancri und als dritter η oder θ Cancri Sūrya-Siddhānta 8.18; Whitney/Burgess 1860 gegen die moderne Standardtabelle |
| Herrscher | Śani Viṃśottarī-Reihe |
| Devatā | Bṛhaspati, der Priester der Götter Taittirīya-Saṃhitā 4.4.10; Taittirīya-Brāhmaṇa 1.5.1 |
| Śakti | tad-utpādana-śakti, „die Kraft, jenen [den Brahmanenglanz] hervorzubringen" — oberhalb die Opfergiessenden, unterhalb die Opferherren; Ergebnis: der Brahmanenglanz ist erlangt Bhaṭṭabhāskara zu Taittirīya-Brāhmaṇa 1.5.1 |
| Symbol | Lotus und Kuheuter; in der modernen Fachliteratur auch Mondsichel oder Pfeilspitze eigenes Kursmaterial; moderne Fachliteratur |
| Namensbedeutung | puṣya „das Nährende, die Blüte", zu puṣ- „gedeihen lassen"; ältere Namensform tiṣya Taittirīya-Saṃhitā 4.4.10; Taittirīya-Brāhmaṇa 1.5.1 und 3.1.1 |
| Wesensart | laghu / kṣipra (leicht, rasch) Bṛhat Saṃhitā 97.9; Muhūrta-Cintāmaṇi 2.6 |
| Gaṇa | deva (göttlich) Muhūrta-Cintāmaṇi 6.29 |
| Yoni (Tier) | Widder (meṣa), geteilt mit Kṛttikā Muhūrta-Cintāmaṇi 6.25 |
| Yoni-Geschlecht | in den klassischen Versen nicht vergeben siehe unten |
| Nāḍī | madhya (die mittlere) Muhūrta-Cintāmaṇi 6.34 |
| Varṇa | brāhmaṇa im Heiratsvergleich (nach dem Rāśi Karka) — rājan / Kṣatriya in der Gesellschaftszuordnung Muhūrta-Cintāmaṇi 6.22 gegen Bṛhat Saṃhitā 15.28 |
| Guṇa | Rajas–Sattva–Tamas im Nakṣatra-Guṇa-Schema — Tamas im Navatārā-Schema zwei verschiedene Systeme, eigenes Kursmaterial |
| Tattva | Jala (Wasser) eigenes Kursmaterial |
| Loka | Bhū eigenes Kursmaterial |
| Mukha | ūrdhvamukha (aufwärts blickend) Muhūrta-Cintāmaṇi 2.9 |
| Richtung | unbelegt in den eingesehenen Quellen kein Vers |
| Silben | हु hu · हे he · हो ho · ड ḍa Lehrüberlieferung |
| Körperteil | Gesicht — im Nakṣatrapuruṣa-Schema, das ab Kṛttikā zählt eigenes Kursmaterial; anderes Schema, andere Antwort |
| Puruṣārtha | Dharma (Pāda 1), Artha, Kāma, Mokṣa Lehrüberlieferung |
| Tätigkeiten | Handel, Liebeslust, Wissen, Schmuck, Künste, Handwerk, Heilmittel, Fahrzeuge; dazu Haarschur, Saṃskāra und Initiation, Ohrendurchbohrung Bṛhat Saṃhitā 97.9, 97.12, 97.15, Kern 98.17; Muhūrta-Cintāmaṇi 2.6 |
| Menschengruppen | Ratgeber, Fürsten, vom Wasser Lebende, Rechtschaffene, dem Opfer Zugetane; Gerste, Weizen, Reis, Zuckerrohr Bṛhat Saṃhitā 15.6 |
| Geburtsdeutung | Brahmanen und Göttern zugetan, mit Vermögen und Verstand, dem König lieb, reich an Verwandten Jātaka-Pārijāta 9.85 |
Wo die Quellen auseinandergehen
Der Name. Die älteren Texte sagen durchweg tiṣya: die Taittirīya-Saṃhitā, das Taittirīya-Brāhmaṇa an beiden Stellen, Bhaṭṭabhāskara, das Sūrya-Siddhānta (dort als bārhaspatya, „das dem Bṛhaspati gehörende"), und noch der Jātaka-Pārijāta setzt tiṣye. Die Form puṣya ist jünger; Varāhamihira und der Muhūrta-Cintāmaṇi haben sie, und sie hat sich durchgesetzt. Beide Namen bezeichnen dasselbe. Eine dritte Form, sidhya, läuft durch die moderne Literatur; sie liess sich in den hier eingesehenen Quellen nicht nachweisen.
Der dritte Stern der Gruppe. Die Gruppe besteht aus drei Sternen — darin sind sich die Autoritäten einig, nur das Khaṇḍa-Kaṭaka scheint einen einzigen zu geben. Über zwei davon besteht ebenfalls Einigkeit: δ und γ Cancri. Der dritte ist strittig: Whitney und Burgess (1860) nennen η Cancri, die moderne Standardtabelle nennt θ Cancri. Für die Lage des Abschnitts hat das keine Folgen — beide liegen bei allen fünf gebräuchlichen Ayanāṃśas in Puṣya —, für die Gestalt des Asterismus aber schon. Näheres unten bei den Sternen.
Varṇa — hier geht es wirklich auseinander. Im Heiratsvergleich, dem Melāpaka, wird der Varṇa nach dem Rāśi vergeben (Muhūrta-Cintāmaṇi 6.22): Karka ergibt brāhmaṇa, und Puṣya liegt ganz in Karka. Die Bṛhat Saṃhitā dagegen weist Puṣya in 15.28 ausdrücklich den Königen zu — rājñāṃ tu puṣyeṇa sahottarāṇi, „die Uttarā aber samt Puṣya den Königen". Das ist nicht dieselbe Frage: die Bṛhat Saṃhitā ordnet in Kapitel 15 Gestirnen Menschengruppen zu, mit sieben Klassen, und tut das zu Zwecken der Vorzeichendeutung im grossen Massstab. Der Varṇa-Kūṭa der Heiratsprüfung hat vier Klassen und geht über den Rāśi. Beide Angaben sind für sich richtig; wer mit dem Aṣṭakūṭa rechnet, muss brāhmaṇa ansetzen. Die Verwechslung ist bei Puṣya besonders leicht zu übersehen, weil beide Werte hoch stehen — nur eben nicht derselbe.
Die Gottheit im eingelegten Zitat. Bhaṭṭabhāskara führt eine Saṃhitā-Stelle an, die Tiṣya mit Rudra gleichsetzt, nicht mit Bṛhaspati. Er benutzt sie, um die Verbindung zum Brahmanenglanz zu begründen, nicht um die Devatā zu wechseln — aber die zweite Zuordnung steht damit im Text und wird hier nicht weggelassen.
Symbol. Das eigene Kursmaterial nennt „Lotus, Kuheuter", die moderne Fachliteratur meist eine Mondsichel oder eine Pfeilspitze; Burgess erwägt die Pfeilfigur ausdrücklich und knüpft daran eine andere Sternzuordnung. Ein klassischer Vers, der Puṣya ein Symbol zuweist, liess sich nicht finden.
Yoni-Geschlecht. Die modernen Tabellen geben „Widder, männlich". Das Tier ist belegt — Muhūrta-Cintāmaṇi 6.25 nennt Puṣya (dort als devapurohita, „Gestirn des Götterpriesters") und Kṛttikā als das Widderpaar —, das Geschlecht nicht. Die klassische Lehre kennt vierzehn Tiere für achtundzwanzig Nakṣatras und rechnet ausschliesslich mit Freundschaft und Feindschaft der Arten.
Gaṇa — eine Kette, die man kennen muss. Der Vers Muhūrta-Cintāmaṇi 6.29 nennt Puṣya nicht beim Namen. Er schliesst die Devagaṇa-Liste mit dem Wort marullaghūni, „Svātī und die laghu-Nakṣatras" — und verweist damit auf seine eigene Klasse aus 2.6 zurück, also auf Hasta, Aśvinī und Puṣya. Nur diese Lesart ergibt die Zahl neun; zwei der drei kollationierten Ausgaben hatten das Wort unlesbar. Wer den Vers ohne diesen Rückverweis liest, findet Puṣya darin nicht.
Körperteil. Die Angabe „Gesicht" gehört zum Schema des Nakṣatrapuruṣa, das bei Kṛttikā mit dem Kopf beginnt. Wer stattdessen ab Aśvinī zählt, bekommt ein anderes Glied.
Die Sterne des Asterismus
Die Sterne des Krebses im Abschnitt der Puṣya. Massstab in Länge und Breite gleich. Der offene Kreis ist die Sollposition der Yogatārā nach dem Sūrya-Siddhānta; sie liegt auf der Ekliptik, denn der vikṣepa dieses Abschnitts ist null. η und θ Cancri stehen beide im Bild, weil strittig ist, welcher von beiden der dritte Stern der Gruppe ist. Siderische Länge zum Stichjahr 2025,0 mit dem Ayanāṃśa nach Lahiri; ekliptikale Breite J2000,0. Punktgrösse nach scheinbarer Helligkeit.
Koordinaten aus SIMBAD (Abruf 15. September 2026); Sollposition der Yogatārā aus Sūrya-Siddhānta 8.2 und 8.6 nach Burgess 1860; Rechnung in quellen/nakshatra/rechnung/alle27_sterne.py.
Das Sūrya-Siddhānta bestimmt in 8.18 für Jyeṣṭhā, Śravaṇa, Maitra (Anurādhā) und Bārhaspatya — also Puṣya — die mittlere der Gruppensterne als Yogatārā. Die Sollposition, die sich aus dem dhruvaka von 106°00′ und dem vikṣepa von 0°00′ errechnet, liegt genau auf der Ekliptik; dieser Abschnitt ist einer der drei, für die das Sūrya-Siddhānta gar keine Breite angibt. Gemeint ist danach δ Cancri, Asellus Australis, und darüber besteht kein Streit.
Strittig ist der dritte Gruppenstern. Whitney und Burgess setzen die Gruppe als γ, δ und η Cancri an; die moderne Standardtabelle nennt γ, δ und θ Cancri. Beide Kandidaten sind lichtschwach (5,3ᵐ) und liegen nahe beieinander, η etwas weiter nördlich, θ knapp südlich der Ekliptik. Eine Entscheidung ist aus den Quellen nicht zu gewinnen; beide stehen deshalb in der Grafik.
Burgess erwägt ausserdem eine ganz andere Fassung: wäre die Pfeilfigur die einzige überlieferte Gestalt — „Were the arrow the only figure given …" —, dann läge es näher, θ und β Cancri samt der Praesepe zu nehmen, und die Yogatārā wäre β Cancri, Altarf. Er gibt das selbst nur als Möglichkeit; sie steht hier mit, weil sie eine andere Yogatārā ergäbe.
Eine Bemerkung zur Gegend: zwischen γ und δ Cancri steht die Praesepe, die Krippe (Messier 44), ein offener Sternhaufen, der mit blossem Auge als schwacher Nebelfleck erscheint. Die beiden Sterne heissen im Westen deshalb „Eselchen", Asellus Borealis und Asellus Australis — die Esel an der Krippe. Die indischen Quellen nennen den Haufen an dieser Stelle nicht; Burgess bringt ihn nur in seiner Alternativlesart ins Spiel.
Die Sterne im Katalog
| δ Cnc | γ Cnc | η Cnc | θ Cnc | β Cnc | |
|---|---|---|---|---|---|
| Eigenname | Asellus Australis | Asellus Borealis | — | — | Altarf |
| Rolle | Yogatārā | Gruppenstern | dritter Stern? | dritter Stern? | Yogatārā in Burgess' Alternative |
| HR | 3461 | 3449 | 3366 | 3357 | 3249 |
| HD | 74442 | 74198 | 72292 | 72094 | 69267 |
| HIP | 42911 | 42806 | 41909 | 41822 | 40526 |
| Helligkeit V | 3,94 | 4,65 | 5,33 | 5,34 | 3,52 |
| Spektraltyp | K0+ IIIb | A1 Va | K3 III | K5 III | K4 III |
| Ekl. Länge J2000 | 128° 43′ | 127° 32′ | 125° 24′ | 125° 44′ | 124° 15′ |
| Ekl. Breite J2000 | +0° 05′ | +3° 11′ | +1° 34′ | −0° 46′ | −10° 17′ |
Die Koordinaten gelten für Äquinoktium und Epoche J2000,0, abgerufen aus SIMBAD. Bemerkenswert ist die Lage von δ Cancri: mit fünf Bogenminuten ekliptikaler Breite steht dieser Stern praktisch auf der Ekliptik — er wird deshalb regelmässig vom Mond bedeckt und gelegentlich von Planeten. Dass gerade er die Yogatārā eines Abschnitts ist, dessen vikṣepa im Sūrya-Siddhānta mit null angegeben wird, ist kein Zufall, sondern eine Bestätigung der Zuordnung.
Wo die Sterne heute stehen
Puṣya reicht von 3°20′ bis 16°40′ Karka:
| Ayanāṃśa (2025,0) | δ Cnc | γ Cnc | η Cnc | θ Cnc | β Cnc |
|---|---|---|---|---|---|
| Lahiri / Citrāpakṣa | 14° 52′ ✓ | 13° 41′ ✓ | 11° 33′ ✓ | 11° 52′ ✓ | 10° 24′ ✓ |
| True Citrā | 14° 53′ ✓ | 13° 42′ ✓ | 11° 34′ ✓ | 11° 53′ ✓ | 10° 25′ ✓ |
| Krishnamurti | 14° 58′ ✓ | 13° 47′ ✓ | 11° 39′ ✓ | 11° 58′ ✓ | 10° 30′ ✓ |
| Raman | 16° 19′ ✓ | 15° 08′ ✓ | 13° 00′ ✓ | 13° 19′ ✓ | 11° 51′ ✓ |
| Fagan / Bradley | 13° 59′ ✓ | 12° 48′ ✓ | 10° 40′ ✓ | 10° 59′ ✓ | 9° 31′ ✓ |
Alle Werte sind siderische Längen in Karka.
Alle fünf gerechneten Sterne liegen bei allen fünf Ayanāṃśas in Puṣya. Die Identifikationsfrage hat hier also keine Folgen für die Abschnittslage — anders als bei Ārdrā, wo sie über alles entscheidet, und anders als bei Āśleṣā gleich nebenan, wo die Gruppe quer über einer Grenze liegt. Puṣya ist in dieser Hinsicht der ruhigste Fall der ganzen Nachbarschaft.
Eine Zahl bleibt zu erklären: die Sollposition des Sūrya-Siddhānta liegt im heutigen Lahiri-Rahmen bei 12°12′ Karka, δ Cancri bei 14°52′ — 2°40′ Unterschied. Das ist nicht viel, aber mehr als bei Punarvasu. Der Grund liegt weniger beim Stern als beim Rahmen: der Nullpunkt des Sūrya-Siddhānta und der des Lahiri-Ayanāṃśa sind um rund 3°45′ gegeneinander verschoben, und was davon im Einzelfall durchschlägt, hängt davon ab, wie genau die alte Messung war. Bei Puṣya schlägt es zugunsten des Sterns durch: die Sollposition liegt tiefer im Abschnitt, der Stern höher, beide bequem innerhalb.
Sichtbarkeit
Von mitteleuropäischer Breite (rund 47° Nord) kulminieren die Sterne der Gruppe zwischen 52,1° und 64,4° Höhe; δ Cancri selbst erreicht 61,1°. Zirkumpolar ist keiner. Um Mitternacht kulminiert der Krebs um den 29. Januar, die Sonnenkonjunktion fällt auf etwa den 1. August; rund vier Wochen davor und danach ist der Abschnitt unsichtbar.
Der Krebs ist ein lichtschwaches Sternbild — kein Stern heller als dritter Grösse. δ und β Cancri sind mit blossem Auge unter einigermassen dunklem Himmel gut zu finden, γ Cancri schon schwerer; η und θ mit 5,3ᵐ verlangen einen wirklich dunklen Himmel und sind in einer beleuchteten Agglomeration nicht zu sehen. Die Praesepe zwischen γ und δ ist mit blossem Auge ein Nebelfleck, im Fernglas ein prächtiger Haufen — der wohl beste Anhaltspunkt, um sich in dieser Gegend zurechtzufinden.
Wesensart und Tätigkeiten
Die Wahllehre teilt die Nakṣatras nach ihrer Wesensart ein, weil davon abhängt, welche Unternehmung unter ihnen gelingt. Puṣya gehört zur Klasse der leichten, raschen — Varāhamihira nennt sie laghu, die Muhūrta-Literatur meist kṣipra, und in beiden Versen steht Puṣya neben Hasta und Aśvinī:
लघु हस्ताश्विनपुष्याः पण्यरतिज्ञानभूषणकलासु । शिल्पौषधयानादिषु सिद्धिकराणि प्रदिष्टानि ॥
laghu hastāśvinapuṣyāḥ paṇyaratijñānabhūṣaṇakalāsu । śilpauṣadhayānādiṣu siddhikarāṇi pradiṣṭāni ॥
Leicht [laghu] sind Hasta, Aśvinī und Puṣya; sie gelten als erfolgbringend für Handel, Liebeslust, Wissen, Schmuck, Künste, für Handwerk, Heilmittel, Fahrzeuge und dergleichen.
Laghu: leicht, rasch - Name der Nakṣatra-Klasse (n. 1/1). Hastāśvinapuṣyāḥ: Hasta, Aśvinī und Puṣya; wörtl. hasta + aśvin + puṣya (m. 1/3). Paṇyaratijñānabhūṣaṇakalāsu: bei Handel, Liebeslust, Wissen, Schmuck und Künsten; wörtl. paṇya (Ware, Handel) + rati (Liebeslust) + jñāna (Wissen) + bhūṣaṇa (Schmuck) + kalā (Kunst) (f. 7/3). Śilpauṣadhayānādiṣu: bei Handwerk, Heilmitteln, Fahrzeugen und dergleichen; wörtl. śilpa (Handwerk) + auṣadha (Heilkraut, Arznei) + yāna (Fahrzeug) + ādi (und so fort) (n. 7/3). Siddhikarāṇi: erfolgbringend, zum Gelingen führend; wörtl. siddhi (Gelingen) + kara (machend) (n. 1/3). Pradiṣṭāni: sind angegeben, sind gelehrt (n. 1/3).
Ausgaben H. Kern (Kalkutta 1865) und Tripāṭhī. Der Vers nennt Puṣya als drittes der drei laghu-Nakṣatras.
हस्ताश्विपुष्याभिजितः क्षिप्रं लघु गुरुस् तथा । तस्मिन् पण्यरतिज्ञानभूषाशिल्पकलादिकम् ॥
hastāśvipuṣyābhijitaḥ kṣipraṃ laghu gurus tathā । tasmin paṇyaratijñānabhūṣāśilpakalādikam ॥
Hasta, Aśvinī, Puṣya und Abhijit [sind] kṣipra, „rasch“, ebenso laghu, „leicht“, und dazu der Donnerstag. Unter ihnen [gelingt] Handel, Liebeslust, Wissen, Schmuck, Handwerk, Künste und dergleichen.
Hastāśvipuṣyābhijitaḥ: Hasta, Aśvinī, Puṣya und Abhijit; wörtl. hasta + aśvin + puṣya + abhijit (m. 1/3). Kṣipraṃ: rasch - Name der Nakṣatra-Klasse (n. 1/1). Laghu: leicht - zweiter Name derselben Klasse (n. 1/1). Gurus: Guru (Bṛhaspati), der Donnerstag (m. 1/1). Tathā: ebenso (avy.). Tasmin: unter diesem [Nakṣatra]. Paṇyaratijñānabhūṣāśilpakalādikam: Handel, Liebeslust, Wissen, Schmuck, Handwerk, Künste und dergleichen; wörtl. paṇya (Ware, Handel) + rati (Liebeslust) + jñāna (Wissen) + bhūṣā (Schmuck) + śilpa (Handwerk) + kalā (Kunst) + ādika (und so fort) (n. 1/1).
Ausgaben Chaukhambā (Haridās Sanskrit Series 185) und Nirṇaya-Sāgara, buchstabengleich. Der einzige Vers in MC 2.2–2.8, der Abhijit ausdrücklich nennt.
Dass der Muhūrta-Cintāmaṇi hier auch noch den Donnerstag nennt, ist kein Zufall: der Donnerstag ist der Tag des Guru, und Guru ist Bṛhaspati, die Devatā des Puṣya. Wochentag und Nakṣatra zeigen in dieselbe Richtung.
Zur Kapitelzahl: man findet die Stelle als 97.9 und als 98.9 zitiert. Beides ist richtig — Kerns Ausgabe von 1865 zählt in diesem Bereich um eins höher als die neueren. Die Faustregel „Kern immer plus eins" stimmt allerdings nicht: der Versatz beginnt erst bei Kerns Zusatzkapitel 38; Kapitel 15 ist in allen geprüften Ausgaben Kapitel 15.
Puṣya ist das am häufigsten empfohlene Nakṣatra der Bṛhat Saṃhitā. Über die Klassenzugehörigkeit hinaus steht es in vier weiteren Listen: bei der Haarschur (97.12), bei Saṃskāra, Dīkṣā und Initiation (97.15), bei der Ohrendurchbohrung (Kern 98.17, in Tripāṭhīs Zählung 99.6) und unter den Gestirnen mit „männlich benanntem" Charakter (nur Kern 98.15). Kein anderes der 27 kommt so oft vor — Hasta und Mṛgaśiras sind die nächsten. Varāhamihira setzt dazu in 97.15 eigens hinzu, dass für Initiation und Ohrendurchbohrung das Gestirn „des Götterpriesters", also eben Puṣya, besonders tauge.
Ein anderes Kapitel der Bṛhat Saṃhitā ordnet den Nakṣatras Menschen- und Berufsgruppen zu; es geht dort um Vorzeichendeutung im grossen Massstab, nicht um Geburtsdeutung:
पुष्ये यवगोधूमाः शालीक्षुवनानि मन्त्रिणो भूपाः । सलिलोपजीविनः साधवश् च यज्ञेष्टिसक्ताश् च ॥
puṣye yavagodhūmāḥ śālīkṣuvanāni mantriṇo bhūpāḥ । salilopajīvinaḥ sādhavaś ca yajñeṣṭisaktāś ca ॥
Bei Puṣya: Gerste und Weizen, Reis- und Zuckerrohrbestände, Ratgeber, Fürsten; die vom Wasser leben, die Rechtschaffenen und die dem Opfer und der Iṣṭi Zugetanen.
Puṣye: bei Puṣya, unter Puṣya (n. 7/1). Yavagodhūmāḥ: Gerste und Weizen; wörtl. yava (Gerste) + godhūma (Weizen) (m. 1/3). Śālīkṣuvanāni: Reis- und Zuckerrohrbestände; wörtl. śāli (Reis) + ikṣu (Zuckerrohr) + vana (Bestand, Hain) (n. 1/3). Mantriṇo: Ratgeber, Minister (m. 1/3). Bhūpāḥ: Fürsten; wörtl. bhū (Erde) + pa (schützend) (m. 1/3). Salilopajīvinaḥ: die vom Wasser Lebenden; wörtl. salila (Wasser) + upajīvin (sich nährend von) (m. 1/3). Sādhavaś: die Rechtschaffenen, die Guten (m. 1/3). Ca: und (avy.). Yajñeṣṭisaktāś: die dem Opfer und der Iṣṭi Zugetanen; wörtl. yajña (Opfer) + iṣṭi (Opferhandlung) + sakta (anhängend) (m. 1/3). Ca: und (avy.).
Ausgabe H. Kern, Kalkutta 1865. Das Kapitel zählt von Kṛttikā an, Puṣya steht deshalb als sechstes.
Die Liste ist in sich stimmig und passt zur Devatā: mantrin und bhūpa, Ratgeber und Fürsten, sind die Menschen des Hofes — Bṛhaspati ist der purohita, der Hauspriester der Götter, und dieselbe Zuordnung steht hinter der Angabe der Bṛhat Saṃhitā 15.28, dass Puṣya zu den Königsgestirnen gehöre. Die yajñeṣṭisakta, die dem Opfer Zugetanen, greifen genau die Śakti-Formel auf: oben die Opfergiessenden, unten die Opferherren.
Der Jātaka-Pārijāta sagt, was ein unter Puṣya Geborener mitbekommt — und er benutzt noch den alten Namen:
तिष्ये विप्रसुरप्रियः सधनधीः राजप्रियो बन्धुमान् ॥
tiṣye viprasurapriyaḥ sadhanadhīḥ rājapriyo bandhumān ॥
Unter Tiṣya [Puṣya wird man] Brahmanen und Göttern zugetan, mit Vermögen und Verstand, dem König lieb und reich an Verwandten.
Tiṣye: unter Tiṣya, im Nakṣatra Puṣya (m. 7/1). Viprasurapriyaḥ: Brahmanen und Göttern zugetan; wörtl. vipra (Brahmane) + sura (Gott) + priya (lieb, zugetan) (m. 1/1). Sadhanadhīḥ: mit Vermögen und Verstand versehen; wörtl. sa- (mit) + dhana (Vermögen) + dhī (Verstand) (m. 1/1). Rājapriyo: dem König lieb; wörtl. rājan (König) + priya (lieb) (m. 1/1). Bandhumān: reich an Verwandten; wörtl. bandhu (Verwandter) + -mant (versehen mit) (m. 1/1).
Ausgabe V. Subrahmanya Sastri 1932, Bd. I, S. 627. Der Druck hat sadhanadhīḥ rājapriyo mit erhaltenem Visarga; die Kashi-Ausgabe sandhiert nach Schulorthographie zu sadhanadhī rājapriyo und zählt den Vers als 9.86. Nur der Sanskrit-Wortlaut ist hier wiedergegeben; die Aussage ist die des Textes, nicht die dieser Seite.
Die Parallelüberlieferung in Bṛhat Saṃhitā 100.5ab sagt dasselbe mit anderen Worten: śāntātmā subhagaḥ paṇḍito dhanī dharmasaṃśritaḥ puṣye — „von ruhigem Wesen, anmutig, gelehrt, reich, der Pflicht ergeben". Unter allen 27 Geburtsdeutungen des Jātaka-Pārijāta gehört die von Puṣya zu den wenigen, die ohne jeden Vorbehalt günstig ausfallen.
Die Verse
Die älteste Stelle, die diesen Abschnitt nennt, steht in der Taittirīya-Saṃhitā — und sie nennt ihn Tiṣya:
तिष्यो नक्षत्रं बृहस्पतिर् देवता
tiṣyò nákṣatram bŕ̥haspátir devátā
Tiṣya ist das Nakṣatra, Bṛhaspati die Gottheit.
Tiṣyo: Tiṣya, ältere Namensform des 8. Nakṣatras Puṣya (m. 1/1). Nakṣatram: Nakṣatra, Gestirn, Mondhaus (n. 1/1). Bṛhaspatir: Bṛhaspati, „Herr des heiligen Wortes", Priester der Götter (m. 1/1). Devatā: Gottheit (f. 1/1).
Wortlaut nach TITUS (akzentuierte Umschrift); Devanāgarī-Ausgabe bei sanskritdocuments.org. Die Liste zählt von Kṛttikā an, Tiṣya steht dort als sechstes. Im laufenden Text schliesst der nächste Eintrag durch Sandhi unmittelbar an.
Das Taittirīya-Brāhmaṇa führt dieselbe Reihe, stellt aber die Gottheit in den Genitiv voran und fügt jedem Eintrag ein Begriffspaar bei — eines „oberhalb", eines „unterhalb":
बृहस्पतेस् तिष्यः । जुह्वतः परस्ताद् यजमाना अवस्तात् ।
bŕ̥haspátes tiṣyàḥ । júhvataḥ parástād yájamānā avástāt ।
Des Bṛhaspati [ist] Tiṣya. Die Opfergiessenden [sind] oberhalb, die Opferherren unterhalb.
Bṛhaspates: des Bṛhaspati (m. 6/1). Tiṣyaḥ: Tiṣya, ältere Namensform von Puṣya (m. 1/1). Juhvataḥ: die Opfergiessenden, die die Gabe ins Feuer Giessenden (m. 1/3). Parastāt: oberhalb, darüber, jenseits (avy.). Yajamānā: die Opferherren, die das Opfer Veranstaltenden (m. 1/3). Avastāt: unterhalb, darunter, diesseits (avy.).
Umschrift nach TITUS, Devanāgarī nach sanskritdocuments.org. Wortglossar hier erstellt.
Dieses Begriffspaar ist die Grundlage der Śakti-Angabe weiter oben. Auffällig ist, dass beide Glieder hier aus derselben Sphäre stammen — dem Opfer —, während sie bei anderen Nakṣatras aus ganz verschiedenen Bereichen kommen. Oben der Priester, der die Gabe giesst, unten der, für den sie gegossen wird; das Nakṣatra steht zwischen beiden.
An anderer Stelle, in den Nakṣatreṣṭi-Versen des dritten Aṣṭaka, wird Bṛhaspati angerufen:
बृहस्पतिः प्रथमं जायमानः । तिष्यं नक्षत्रम् अभि संबभूव । श्रेष्ठो देवानां पृतनासु जिष्णुः । दिशो ऽनु सर्वा अभयं नो अस्तु ॥
bŕ̥haspátiḥ prathamáṃ jā́yamānaḥ । tiṣyàṃ nákṣatram abhí sáṃbabhūva । śréṣṭho devā́nāṃ pŕ̥tanāsu jiṣṇúḥ । díśó 'nu sárvā ábhayaṃ no astu ॥
Bṛhaspati, als erster geboren, ist über dem Nakṣatra Tiṣya entstanden — der beste der Götter, siegreich in den Schlachten. Nach allen Richtungen hin sei uns Furchtlosigkeit.
Bṛhaspatiḥ: Bṛhaspati (m. 1/1). Prathamaṃ: als erster, zuerst (avy.). Jāyamānaḥ: geboren werdend (m. 1/1). Tiṣyaṃ: Tiṣya (m. 2/1). Nakṣatram: das Nakṣatra (n. 2/1). Abhi: über - hin (Präverb zu saṃbabhūva) (avy.). Saṃbabhūva: ist entstanden, hat sich erhoben (liṭ III/1). Śreṣṭho: der beste, vorzüglichste (m. 1/1). Devānāṃ: der Götter (m. 6/3). Pṛtanāsu: in den Schlachten (f. 7/3). Jiṣṇuḥ: siegreich (m. 1/1). Diśo: die Richtungen (f. 2/3). Anu: entlang, nach - hin (avy.). Sarvā: alle (f. 2/3). Abhayaṃ: Furchtlosigkeit; wörtl. a- (un-) + bhaya (Furcht) (n. 1/1). No: uns (4/3). Astu: sei (loṭ III/1).
Umschrift nach TITUS, Devanāgarī nach sanskritdocuments.org. Hier sind vier der acht Pādas des Mantras wiedergegeben; die übrigen bitten Tiṣya und Bṛhaspati um Schutz von vorn, aus der Mitte und von hinten. Der Name lautet auch hier tiṣya, nicht puṣya.
Aus der neueren Lehrüberlieferung stammt der Merkvers, mit dem die Reihe der Nakṣatra-Namen gelernt wird; Puṣya steht darin an achter Stelle, und dort mit dem jüngeren Namen:
अश्विनी भरणी चैव कृत्तिका रोहिणी मृगः । आर्द्रा पुनर्वसुः पुष्यस् ततो ऽश्लेषा मघा तथा ॥
aśvinī bharaṇī caiva kṛttikā rohiṇī mṛgaḥ । ārdrā punarvasuḥ puṣyas tato 'śleṣā maghā tathā ॥
Aśvinī, Bharaṇī und Kṛttikā, Rohiṇī, Mṛga[śiras]; Ārdrā, Punarvasu, Puṣya, darauf Āśleṣā und ebenso Maghā.
Aśvinī: Aśvinī, 1. Nakṣatra (f. 1/1). Bharaṇī: Bharaṇī, 2. Nakṣatra (f. 1/1). Ca: und (avy.). Eva: eben (avy.). Kṛttikā: Kṛttikā, 3. Nakṣatra (f. 1/1). Rohiṇī: Rohiṇī, 4. Nakṣatra (f. 1/1). Mṛgaḥ: Mṛga(śiras), 5. Nakṣatra (m. 1/1). Ārdrā: Ārdrā, 6. Nakṣatra (f. 1/1). Punarvasuḥ: Punarvasu, 7. Nakṣatra (m. 1/1). Puṣyas: Puṣya, 8. Nakṣatra (m. 1/1). Tato: darauf (avy.). 'śleṣā: Āśleṣā, 9. Nakṣatra (f. 1/1). Maghā: Maghā, 10. Nakṣatra (f. 1/1). Tathā: ebenso (avy.).
Quelle ungeklärt (Ārambha-Kursmaterial, Pt. Sanjay Rath)
Grammatikangaben im Glossar sind unter Grammatik-Abkürzungen erklärt.
Zur Quellenlage dieses Portraits
Die Angaben oben ruhen auf ungleichem Grund, und das soll sichtbar bleiben.
Sicher ist alles Rechnerische: die Gradgrenzen, die vier Pādas, ihre Navāṃśa-Zeichen, die Stellung im Rāśi Karka und der Herrscher Śani aus der Viṃśottarī-Reihe. Das ist gegen die eigene Berechnungsbibliothek geprüft — und dabei ist ein Zahlendreher im eigenen Kursmaterial aufgefallen, das die obere Grenze mit 16°20′ statt 16°40′ angibt.
Am Originalvers belegt sind: die Devatā Bṛhaspati und die ältere Namensform Tiṣya (Taittirīya-Saṃhitā 4.4.10, Taittirīya-Brāhmaṇa 1.5.1 und 3.1.1), das Begriffspaar juhvataḥ / yajamānāḥ (ebenda), die Wesensart laghu / kṣipra und die zugehörigen Tätigkeiten (Bṛhat Saṃhitā 97.9, Muhūrta-Cintāmaṇi 2.6), die vier weiteren Tätigkeitslisten (Bṛhat Saṃhitā 97.12, 97.15, Kern 98.15 und 98.17), die Menschengruppen (Bṛhat Saṃhitā 15.6), Gaṇa, Yoni und Nāḍī (Muhūrta-Cintāmaṇi 6.29, 6.25, 6.34), das Mukha (Muhūrta-Cintāmaṇi 2.9) und die Geburtsdeutung (Jātaka-Pārijāta 9.85).
Im Kommentar belegt: die Śakti-Formel tad-utpādana-śakti (Bhaṭṭabhāskara). Dieser Abschnitt ist ohne Lesartvarianten der Ausgabe und ohne unsichere Stellen am Druckbild. Das darin eingelegte Zitat, das Tiṣya mit Rudra gleichsetzt, weist die Ausgabe selbst nach; es ist hier mitgegeben und nicht weggelassen.
Die Sternidentifikation ist belegt und in der Hauptsache unstrittig: das Sūrya-Siddhānta bestimmt in 8.18 die mittlere als Yogatārā, das ist δ Cancri, und die Rechnung bestätigt sie. Strittig ist allein der dritte Gruppenstern — η Cancri bei Whitney und Burgess, θ Cancri in der modernen Standardtabelle —, und diese Frage hat für die Lage des Abschnitts keine Folgen, weil beide Kandidaten bei allen fünf gebräuchlichen Ayanāṃśas in Puṣya liegen. Burgess’ Alternativlesart (β Cancri als Yogatārā) ist mitgegeben, weil sie eine andere Antwort ergäbe; er selbst gibt sie nur als Möglichkeit.
Nicht belegt und deshalb markiert oder weggelassen: die Himmelsrichtung; das Geschlecht der Yoni; die Namenssilben; das Symbol, sei es Lotus, Kuheuter, Mondsichel oder Pfeilspitze; die Namensform sidhya, die in der modernen Literatur läuft und sich hier nicht nachweisen liess.
Festzuhalten, nicht zu glätten ist der Varṇa-Widerspruch: im Melāpaka brāhmaṇa über den Rāśi Karka, in der Bṛhat Saṃhitā 15.28 rājan über die Nakṣatra-Liste. Beide Angaben sind für sich richtig und beantworten verschiedene Fragen; wer mit dem Aṣṭakūṭa rechnet, braucht die erste.
Was noch offen ist: ob sich der dritte Gruppenstern aus einer indischen Quelle entscheiden lässt, statt aus der Plausibilität der Figur; und ob die Namensform sidhya irgendwo einen Textbeleg hat.