Mūla
Studien-PDF herunterladenमूल 19. Nakṣatra · 0°00′ bis 13°20′ Dhanus (siderisch) · Herrscher Ketu
Mūla heisst „Wurzel". Der Abschnitt liegt am Anfang des Schützen, dort, wo der Schwanz des Skorpions am tiefsten über dem südlichen Horizont steht — und genau daher, vermutet Whitney, komme der Name. Mūla ist unter den 27 Nakṣatras dasjenige, bei dem die Quellen am weitesten auseinandergehen: über den Namen, über die Gottheit, über die Zahl der Sterne, und in den modernen Tabellen auch über die Sterne selbst.
Himmelsabschnitt und Pādas
Mūla beginnt bei 0°00′ Dhanus und reicht bis 13°20′; es liegt damit vollständig im Rāśi Dhanus (Schütze) und eröffnet dieses Zeichen. Die vier Pādas zu je 3°20′ tragen die Navāṃśa-Zeichen Meṣa, Vṛṣabha, Mithuna und Karka — Dhanus ist ein zweikörperliches Zeichen, seine Navāṃśa-Reihe beginnt deshalb beim fünften Zeichen von ihm aus, also bei Meṣa.
| Pāda | von | bis | Navāṃśa | Puruṣārtha | Silbe |
|---|---|---|---|---|---|
| 1 | 0°00′ | 3°20′ | Meṣa | Dharma | ये ye |
| 2 | 3°20′ | 6°40′ | Vṛṣabha | Artha | यो yo |
| 3 | 6°40′ | 10°00′ | Mithuna | Kāma | भा bhā |
| 4 | 10°00′ | 13°20′ | Karka | Mokṣa | भी bhī |
Die Gradgrenzen und die Navāṃśa-Zuordnung sind reine Arithmetik und gegen die eigene Berechnungsbibliothek geprüft. Die Silben stammen aus der Lehrüberlieferung; ein klassischer Vers, der sie festlegt, liess sich nicht nachweisen.
Dass Mūla ganz in Dhanus liegt und dieses Zeichen eröffnet, sagt der Vers, der die Pādas auf die Zeichen verteilt:
मूलं च पूर्वाषाढोत्तराषाढापादम् एकं धनुः ।
mūlaṃ ca pūrvāṣāḍhottarāṣāḍhāpādam ekaṃ dhanuḥ ।
[Die vier Pādas von] Mūla und [die vier von] Pūrvāṣāḍhā sowie ein Pāda von Uttarāṣāḍhā [bilden] Dhanus [den Schützen].
Mūlaṃ: Mūla, 19. Nakṣatra (n. 1/1). Ca: und (avy.). Pūrvāṣāḍhottarāṣāḍhāpādam: Pūrvāṣāḍhā und ein Pāda von Uttarāṣāḍhā; wörtl. pūrvāṣāḍhā (20. Nakṣatra) + uttarāṣāḍhā (21. Nakṣatra) + pāda (Viertel) (n. 1/1). Ekaṃ: ein, eines (n. 1/1). Dhanuḥ: Dhanus, der Schütze (9. Rāśi) (n. 1/1).
Quelle ungeklärt (Ārambha-Kursmaterial, Pt. Sanjay Rath)
Der Anfang von Mūla ist zugleich der Übergang vom Wasserzeichen Vṛścika in das Feuerzeichen Dhanus. Diese Nahtstelle heisst in der Muhūrta-Lehre gaṇḍānta, und für Mūla ist sie — anders als für Jyeṣṭhā — auch klassisch belegt; die Stelle steht unten.
Die Devatā — und hier gehen die Veden auseinander
Über Mūla herrscht Nirṛti, die Göttin des Verderbens, der Auflösung und des Unheils. So sagt es das Taittirīya-Brāhmaṇa an beiden Stellen, an denen es die Nakṣatra-Reihe führt, und so sagt es Varāhamihira.
Die Taittirīya-Saṃhitā sagt etwas anderes. Bei ihr heisst dieser Abschnitt nicht mūlavarhaṇī, sondern vicṛtau, „die beiden Löserinnen" — ein Dual —, und seine Gottheit sind nicht Nirṛti, sondern die pitaraḥ, die Väter, die Ahnen.
Das ist die einzige echte Gottheitsdifferenz zwischen den beiden vedischen Listen. Bei allen übrigen 26 Nakṣatras stimmen Taittirīya-Saṃhitā und Taittirīya-Brāhmaṇa in der Devatā überein; sie unterscheiden sich nur in Namensformen (invakā gegen mṛgaśīrṣa, bāhū gegen ārdrā, niṣṭyā gegen svātī). Nur bei Mūla weichen sie in der Sache ab. Wer pauschal „TS/TB" als Beleg für die Devatā angibt, sagt hier je nach Text etwas anderes.
Hinzu kommt, dass die Väter als Devatā nicht ohne Weiteres ein Fehler sein können: sie sind in derselben Liste bereits Maghā zugeordnet, und eine Doppelvergabe ist in diesen Listen nichts Ungewöhnliches — auch rohiṇī, phalgunī, aṣāḍhā und proṣṭhapadā kommen je zweimal vor, und Indra ist dreimal Gottheit. Die Saṃhitā-Lesart lässt sich also nicht als Schreibfehler abtun. Beide Angaben stehen hier nebeneinander; die spätere Tradition ist der Brāhmaṇa-Lesart gefolgt.
Das Nakṣatra-Sūkta des Brāhmaṇa (3.1.2) zeigt, wie mit einer solchen Gottheit umgegangen wird: der Opferspruch für Mūla bittet nicht um Nirṛtis Gunst, sondern schickt sie fort. „Abgewandt gehe Nirṛti von dannen … Mit der Rede stosse ich Nirṛti abgewandt fort." Der Wortlaut steht unten bei den Versen.
Die Śakti
Die dreigliedrige Śakti-Formel steht — wie bei allen 27 — im Kommentar des Bhaṭṭabhāskara Miśra zu Taittirīya-Brāhmaṇa 1.5.1, nicht bei Sāyaṇa und nicht im Brāhmaṇa selbst. Die beiden äusseren Glieder sind Mūla-Text, das mittlere Glied und das Ergebnis sind Kommentar:
निरृत्यै मूलवर्हणी । वृहू उद्यमने । उद्वर्हणम् उन्मूलविनाशनम् । निरृतिः पापदेवता अलक्ष्मीः । उन्मूलयन्त्यास् त्रयं भवति — परस्तात् प्रतिभञ्जन्तः प्रत्येकं भञ्जयन्तो विरुद्धाः पदार्थाः । मध्ये कालात्मा वर्हणशक्तिः । अवस्तात् प्रतिशृणन्तः संघर्षेण प्रतीपं हिंसन्तः मारयन्तः । एतत्त्रयसंपत्तौ निरृतिगृहीतं नश्यति ॥
nirṛtyai mūlavarhaṇī । vṛhū udyamane । udvarhaṇam unmūlavināśanam । nirṛtiḥ pāpadevatā alakṣmīḥ । unmūlayantyās trayaṃ bhavati — parastāt pratibhañjantaḥ pratyekaṃ bhañjayanto viruddhāḥ padārthāḥ । madhye kālātmā varhaṇaśaktiḥ । avastāt pratiśṛṇantaḥ saṃgharṣeṇa pratīpaṃ hiṃsantaḥ mārayantaḥ । etattrayasaṃpattau nirṛtigṛhītaṃ naśyati ॥
„Der Nirṛti [gehört] Mūlavarhaṇī." [Die Wurzel] vṛh [bedeutet] „emporheben"; udvarhaṇa ist das Entwurzeln und Vernichten. Nirṛti ist die Unheilsgottheit, das Unglück. Von ihr, die entwurzelt, gibt es dreierlei: oberhalb die Zerbrechenden — einander widerstreitende Dinge, die jedes einzelne zerbrechen; in der Mitte die zeitgestaltige Kraft des Ausreissens; unterhalb die Gegen-Zermalmenden, die durch Reibung entgegenwirkend verletzen und töten. Wenn diese drei zusammentreffen, geht das von Nirṛti Ergriffene zugrunde.
Nirṛtyai: der Nirṛti (f. 6/1). Mūlavarhaṇī: die Wurzelausreisserin — das Lemma aus dem Brāhmaṇa (f. 1/1). Vṛhū: die Wurzel vṛh — so im Dhātupāṭha angesetzt (f. 1/1). Udyamane: in der Bedeutung „emporheben, ausreissen" (n. 7/1). Udvarhaṇam: das Herausreissen (n. 1/1). Unmūlavināśanam: Entwurzeln und Vernichten; wörtl. unmūla (entwurzelt) + vināśana (Vernichtung) (n. 1/1). Nirṛtiḥ: Nirṛti (f. 1/1). Pāpadevatā: die Unheilsgottheit; wörtl. pāpa (Übel) + devatā (Gottheit) (f. 1/1). Alakṣmīḥ: das Unglück, die Un-Lakṣmī; wörtl. a- (un-) + lakṣmī (Glück) (f. 1/1). Unmūlayantyās: von ihr, die entwurzelt (Partizip Präsens, feminin) (f. 6/1). Trayaṃ: eine Dreiheit, dreierlei (n. 1/1). Bhavati: es gibt, es entsteht (laṭ III/1). Parastāt: oberhalb, darüber (avy.). Pratibhañjantaḥ: die Zerbrechenden (m. 1/3). Pratyekaṃ: jedes einzelne, eines nach dem anderen (avy.). Bhañjayanto: zerbrechend (Partizip Präsens, Kausativ) (m. 1/3). Viruddhāḥ: einander widerstreitende (m. 1/3). Padārthāḥ: Dinge, Sachen; wörtl. pada (Wort) + artha (Bedeutung, Gegenstand) (m. 1/3). Madhye: in der Mitte (n. 7/1). Kālātmā: zeitgestaltig, dessen Wesen die Zeit ist; wörtl. kāla (Zeit) + ātman (Wesen) (m. 1/1). Varhaṇaśaktiḥ: die Kraft des Ausreissens; wörtl. varhaṇa (Ausreissen) + śakti (Kraft) (f. 1/1). Avastāt: unterhalb, darunter (avy.). Pratiśṛṇantaḥ: die Gegen-Zermalmenden (m. 1/3). Saṃgharṣeṇa: durch Reibung, durch Aneinanderreiben (m. 3/1). Pratīpaṃ: entgegen, gegenläufig (avy.). Hiṃsantaḥ: verletzend (Partizip Präsens) (m. 1/3). Mārayantaḥ: tötend (Partizip Präsens, Kausativ) (m. 1/3). Etattrayasaṃpattau: beim Zusammentreffen dieser drei; wörtl. etad (dies) + traya (Dreiheit) + saṃpatti (Zusammentreffen) (f. 7/1). Nirṛtigṛhītaṃ: das von Nirṛti Ergriffene; wörtl. nirṛti (Nirṛti) + gṛhīta (ergriffen) (n. 1/1). Naśyati: geht zugrunde (laṭ III/1).
Taittirīya-Brāhmaṇa mit Bhaṭṭabhāskara-Bhāṣya, Aṣṭaka 1, hrsg. A. Mahādeva Śāstrī, Mysore 1908, S. 250, Kommentarabschnitt 17; am Seitenbild gelesen.
Die Formel lautet also varhaṇa-śakti, „die Kraft des Ausreissens" — oberhalb die einander zerbrechenden Dinge, unterhalb die gegeneinander mahlenden Kräfte, und aus dem Zusammentreffen der drei geht zugrunde, was Nirṛti ergriffen hat. Bhaṭṭabhāskara gewinnt sie, wie überall, aus dem Namen: mūla-varhaṇī ist die, die an der Wurzel ausreisst, und darum heisst die Kraft varhaṇa.
Zu beachten: Bhaṭṭabhāskara schreibt kālātmā, „zeitgestaltig" — die Kraft ist die des Zeitlaufs an dieser Himmelsstelle. Dieses Wort fehlt in der gesamten modernen Wiedergabe, und die Zuschreibung der Formel an Sāyaṇa ist falsch.
Der Steckbrief
| Himmelsabschnitt | 0°00′ bis 13°20′ Dhanus, siderisch Rechnung; Vers zur Pāda-Verteilung |
|---|---|
| Fixsterne | die Sterne des Skorpionschwanzes; Yogatārā ist die östliche, also λ Scorpii (Shaula) Sūrya-Siddhānta 8.19; Whitney in Burgess 1860 |
| Sternzahl | elf Bṛhat Saṃhitā 97.1 (rudra = 11) — nach der Cākalya-Saṃhitā neun, nach dem Khaṇḍa-Kaṭaka zwei Burgess 1860, siehe unten |
| Herrscher | Ketu Viṃśottarī-Reihe |
| Devatā | Nirṛti — nach der Taittirīya-Saṃhitā dagegen die pitaraḥ, die Väter Taittirīya-Brāhmaṇa 1.5.1 und 3.1.2, Bṛhat Saṃhitā 97.5 gegen Taittirīya-Saṃhitā 4.4.10, siehe unten |
| Śakti | varhaṇa-śakti, „die Kraft des Ausreissens" — oberhalb die einander zerbrechenden Dinge, unterhalb die gegeneinander mahlenden; Ergebnis: das von Nirṛti Ergriffene geht zugrunde Bhaṭṭabhāskara zu Taittirīya-Brāhmaṇa 1.5.1 |
| Symbol | Aṅkuśa, der Elefantenstachel; auch ein Bündel Wurzeln Lehrüberlieferung |
| Namensbedeutung | mūla „Wurzel"; Brāhmaṇa-Form mūlavarhaṇī „die Wurzelausreisserin"; Saṃhitā-Form vicṛtau „die beiden Löserinnen" Taittirīya-Saṃhitā 4.4.10; Taittirīya-Brāhmaṇa 1.5.1 |
| Wesensart | tīkṣṇa (scharf), in der Muhūrta-Literatur auch dāruṇa (schrecklich) Bṛhat Saṃhitā 97.7; Muhūrta-Cintāmaṇi 2.8 |
| Gaṇa | rākṣasa Muhūrta-Cintāmaṇi 6.29; Nārada-Saṃhitā 27.142 ff. |
| Yoni (Tier) | Hund (śvan), geteilt mit Ārdrā; Feindtier ist die Antilope (Anurādhā, Jyeṣṭhā) Muhūrta-Cintāmaṇi 6.26 |
| Yoni-Geschlecht | in den klassischen Quellen nicht vergeben siehe unten |
| Nāḍī | ādi (die erste) Muhūrta-Cintāmaṇi 6.34 |
| Varṇa | kṣatriya im Heiratsvergleich (nach dem Rāśi Dhanus) — ugrajāti, die „grausame Kaste", in der Gesellschaftszuordnung Muhūrta-Cintāmaṇi 6.22 gegen Bṛhat Saṃhitā 15.29, siehe unten |
| Guṇa | Sattva/Rajas/Rajas im dreistufigen Nakṣatra-Guṇa-Schema — Tamas im Navatārā-Schema zwei verschiedene Systeme des eigenen Kursmaterials, siehe unten |
| Loka | Svarga eigenes Kursmaterial |
| Tattva | Vāyu (Luft) eigenes Kursmaterial |
| Mukha | adhomukha (abwärts blickend) Muhūrta-Cintāmaṇi 2.9 |
| Silben | ये ye · यो yo · भा bhā · भी bhī Lehrüberlieferung |
| Körperteil | rechte Rumpfseite im Nakṣatrapuruṣa-Schema, das ab Kṛttikā zählt eigenes Kursmaterial; anderes Ergebnis bei anderem Zählbeginn |
| Puruṣārtha | je Pāda Dharma, Artha, Kāma, Mokṣa Lehrüberlieferung |
| Tätigkeiten | Anschlag, Zauberspruch, Beschwörung, Fesselung, Tötung, Entzweiung, Tierbändigung; ausserdem Hochzeit Bṛhat Saṃhitā 97.7 und 99.7; Muhūrta-Cintāmaṇi 2.8 |
| Menschengruppen | Heilmittel und Ärzte, Scharenhäupter, Blumen-, Wurzel- und Fruchthändler, sehr Reiche, Wurzelesser; Saatgut Bṛhat Saṃhitā 15.17 |
| Gaṇḍamūla | Untergang der väterlichen und der mütterlichen Linie — im vierten Pāda dagegen Wohlstand Phaladīpikā 13.8 |
Wo die Quellen auseinandergehen
Die Devatā — der einzige echte Gottheitsunterschied der beiden vedischen Listen. Taittirīya-Saṃhitā 4.4.10 nennt vicṛtau mit den Vätern als Gottheit, Taittirīya-Brāhmaṇa 1.5.1 nennt mūlavarhaṇī mit Nirṛti. Bei allen übrigen 26 Nakṣatras stimmen die beiden Listen in der Devatā überein. Diese eine Abweichung ist deshalb festzuhalten und nicht zu glätten: „nach der Taittirīya-Saṃhitā die Väter, nach dem Taittirīya-Brāhmaṇa Nirṛti" ist die genaue Auskunft, und „so überliefern es die Veden" wäre die ungenaue.
Der Name, dritte Fassung. Taittirīya-Brāhmaṇa-Text und Devanāgarī lesen beide mūlavárhaṇī mit v. Monier-Williams lemmatisiert für dieselbe Stelle dagegen mūla-barhaṇa mit b, „uprooting". Beide Schreibungen sind damit belegt; welche Ausgabe Monier-Williams vor sich hatte, wurde hier nicht geprüft.
Die Sternzahl. Drei Angaben stehen nebeneinander: elf (Bṛhat Saṃhitā 97.1, Zahlwort rudra), neun (Cākalya-Saṃhitā, nach Burgess) und zwei (Khaṇḍa-Kaṭaka, nach al-Bīrūnī). Sie widersprechen einander weniger, als es scheint — die Elferzählung entsteht daraus, dass ρ und ζ Scorpii je als zwei Sterne gerechnet werden, und die Zweierzählung bezieht sich auf das arabische aš-Šaula, den Stachel, also auf λ und υ Scorpii allein. Bemerkenswert ist, dass Varāhamihiras Zahl und die Rechnung zusammenpassen: die Zweiergruppe λ + υ ist die einzige, die heute geschlossen im Abschnitt Mūla liegt.
Ein Katalogfehler in den modernen Tabellen. Die heute umlaufende Standardtabelle führt für Mūla „ε, ζ, η, θ, ι, κ, λ, μ und ν Scorpii". Das ist mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Verschreiber: Burgess hat an dieser Stelle υ Scorpii (Lesath), und die Rechnung entscheidet die Sache. ν Scorpii steht bei Lahiri auf 10°47′ Vṛścika, also im Abschnitt Anurādhā und rund vierzehn Grad von Shaula entfernt — es gehört gar nicht in den Skorpionschwanz. υ Scorpii dagegen steht 35 Bogenminuten neben Shaula. Ein Buchstabe, der sich fortgepflanzt hat.
Varṇa. Die modernen Tabellen geben für Mūla regelmässig rākṣasa oder „grausam" und berufen sich damit, meist ohne es zu sagen, auf Bṛhat Saṃhitā 15.29: dort gehören Mūla, Ārdrā, Svātī und Śatabhiṣaj zur ugrajāti. Das ist eine gesellschaftsprognostische Zuordnung mit sieben Klassen, kein Kūṭa der Heiratsprüfung. Der Varṇa des Melāpaka wird nach dem Rāśi vergeben:
द्विजा झषालिकर्कटास् ततो नृपा विशो ऽङ्घ्रिजाः ।
dvijā jhaṣālikarkaṭās tato nṛpā viśo 'ṅghrijāḥ ।
Brahmanen [sind] Mīna, Vṛścika und Karka; darauf die Fürsten [Kṣatriyas], die Vaiśyas, die Śūdras.
Dvijā: Brahmanen; wörtl. „zweimal Geborene" (m. 1/3). Jhaṣālikarkaṭās: Mīna, Vṛścika und Karka; wörtl. jhaṣa (Fisch = Mīna) + āli (Skorpion = Vṛścika) + karkaṭa (Krebs = Karka) (m. 1/3). Tato: darauf, danach (avy.). Nṛpā: Fürsten, Kṣatriyas; wörtl. nṛ (Mensch) + pa (schützend) (m. 1/3). Viśo: Vaiśyas, die Leute des dritten Standes (f. 1/3). 'ṅghrijāḥ: Śūdras; wörtl. aṅghri (Fuss) + ja (geboren) (m. 1/3).
Der Kommentar Pīyūṣadhārā löst auf: meṣasiṃhadhanūrāśayo nṛpāḥ kṣatriyāḥ — „Meṣa, Siṃha und Dhanus sind die Fürsten, die Kṣatriyas."
Mūla liegt ganz in Dhanus, gehört im Melāpaka also zu den Kṣatriyas. Wer mit dem Aṣṭakūṭa rechnet, muss diesen Wert ansetzen; ugrajāti ist gar kein Varṇa, sondern eine der sieben Klassen von Bṛhat Saṃhitā 15.
Yoni-Geschlecht. Die modernen Tabellen geben für Mūla „Hund, männlich". Das Tier ist belegt, das Geschlecht nicht. Die klassische Lehre kennt vierzehn Tiere für achtundzwanzig Nakṣatras und rechnet ausschliesslich mit Freundschaft und Feindschaft der Arten; eine Durchsuchung des Muhūrta-Cintāmaṇi und der Nārada-Saṃhitā nach puṃyoni, strīyoni und verwandten Ausdrücken ergab in Mūla wie Kommentar null Treffer.
Guṇa. Zwei Systeme liegen übereinander, beide im selben eigenen Kursmaterial: das dreistufige Loka-Schema ergibt für Mūla Sattva/Rajas/Rajas, das Navatārā-Schema ergibt Tamas (über den Tārā-Herrscher Ketu). Sie beantworten verschiedene Fragen, werden aber regelmässig vermengt.
Eine Stelle, die nur bei Kern steht. Kerns Bṛhat-Saṃhitā-Ausgabe hat in 98.15 einen Vers, der bei Tripāṭhī und im GRETIL-Text fehlt: Hasta, Mūla, Śravaṇa, Punarvasu, Mṛgaśiras und Puṣya seien günstig für Handlungen „mit männlicher Bezeichnung". Das ist die einzige Stelle des Kapitels, die den Nakṣatras überhaupt ein Geschlecht zuschreibt — und sie steht nur in einer Ausgabe. Wer sie benutzt, muss das mitsagen.
Wesensart und Tätigkeiten
Mūla steht in der Wahllehre an der Spitze der Klasse der scharfen; Varāhamihira nennt es im Vers sogar zuerst:
मूलशिवशक्रभुजगाधिपानि तीक्ष्णानि तेषु सिद्ध्यन्ति । अभिघातमन्त्रवेतालबन्धवधभेदसंबन्धाः ॥
mūlaśivaśakrabhujagādhipāni tīkṣṇāni teṣu siddhyanti । abhighātamantravetālabandhavadhabhedasaṃbandhāḥ ॥
Mūla, das Śiva-Gestirn [Ārdrā], das Śakra-Gestirn [Jyeṣṭhā] und das des Schlangenherrn [Āśleṣā] sind die scharfen [tīkṣṇa]; in ihnen gelingen Anschlag, Zauberspruch, Vetāla-Beschwörung, Fesselung, Tötung, Entzweiung — und was damit zusammenhängt.
Mūlaśivaśakrabhujagādhipāni: Mūla, das Śiva-Gestirn (Ārdrā), das Śakra-Gestirn (Jyeṣṭhā) und das des Schlangenherrn (Āśleṣā); wörtl. mūla (19. Nakṣatra) + śiva (Rudra) + śakra (Indra) + bhujagādhipa (Schlangenherr) (n. 1/3). Tīkṣṇāni: die scharfen - Name der Nakṣatra-Klasse (n. 1/3). Teṣu: in ihnen (n. 7/3). Siddhyanti: gelingen (laṭ III/3). Abhighātamantravetālabandhavadhabhedasaṃbandhāḥ: Anschlag, Zauberspruch, Vetāla-Beschwörung, Fesselung, Tötung, Entzweiung und was damit zusammenhängt; wörtl. abhighāta (Schlag, Anschlag) + mantra (Zauberspruch) + vetāla (Leichendämon) + bandha (Fesselung) + vadha (Tötung) + bheda (Entzweiung) + saṃbandha (Zusammenhang) (m. 1/3).
Ausgabe H. Kern, Kalkutta 1865, S. 476 f.; Kapitelzählung dort 98, in den neueren Ausgaben (Tripāṭhī) 97. Varāhamihira sagt tīkṣṇa; der jüngere Klassenname dāruṇa steht erst in der Muhūrta-Literatur.
Der Muhūrta-Cintāmaṇi nennt dieselbe Vierergruppe und stellt Mūla ebenfalls voran:
मूलेन्द्रार्द्राहिभं सौरिस् तीक्ष्णं दारुणसंज्ञकम् । तत्राभिचारघातोग्रभेदाः पशुदमादिकम् ॥
mūlendrārdrāhibhaṃ sauris tīkṣṇaṃ dāruṇasaṃjñakam । tatrābhicāraghātograbhedāḥ paśudamādikam ॥
Mūla, das Indra-Nakṣatra [Jyeṣṭhā], Ārdrā und das Schlangen-Nakṣatra [Āśleṣā] sowie der Saturntag heissen tīkṣṇa, „scharf", und dāruṇa, „schrecklich". Darin: Schadenzauber, Totschlag, Grausames, Entzweiung, Tierbändigung und dergleichen.
Mūlendrārdrāhibhaṃ: Mūla, das Indra-Nakṣatra (Jyeṣṭhā), Ārdrā und das Schlangen-Nakṣatra (Āśleṣā); wörtl. mūla + indra + ārdrā + ahi (Schlange) + bha (Gestirn) (n. 1/1). Sauris: Sauri (Śani), der Samstag (m. 1/1). Tīkṣṇaṃ: scharf - Name der Nakṣatra-Klasse (n. 1/1). Dāruṇasaṃjñakam: mit dem Namen dāruṇa („schrecklich"); wörtl. dāruṇa (schrecklich) + saṃjñaka (so benannt) (n. 1/1). Tatra: darin, unter ihnen (avy.). Abhicāraghātograbhedāḥ: Schadenzauber, Totschlag, Grausames und Entzweiung; wörtl. abhicāra (Schadenzauber) + ghāta (Totschlag) + ugra (Grausames) + bheda (Entzweiung) (m. 1/3). Paśudamādikam: Tierbändigung und dergleichen; wörtl. paśu (Vieh) + dama (Zähmung) + ādika (und so fort) (n. 1/1).
Kollationiert aus drei Ausgaben. Der Kommentar Pīyūṣadhārā präzisiert: bheda meint das Entzweien zweier Menschen, paśudama das Zureiten und Fesseln von Elefanten und Pferden.
Und dann steht bei Varāhamihira ein Vers, der alles wieder in Frage stellt, was man aus der Wesensart schliessen möchte: die Menschen- und Berufsgruppen, die er Mūla zuordnet, sind nicht Zerstörer, sondern Heiler.
मूले भेषजभिषजो गणमुख्याः कुसुममूलफलवार्ताः । बीजान्य् अतिधनयुक्ताः फलमूलैर् ये च वर्तन्ते ॥
mūle bheṣajabhiṣajo gaṇamukhyāḥ kusumamūlaphalavārtāḥ । bījāny atidhanayuktāḥ phalamūlair ye ca vartante ॥
Bei Mūla: Heilmittel und Ärzte, Scharenhäupter, der Erwerb mit Blüten, Wurzeln und Früchten; Saatgut, überaus Vermögende und die, die von Früchten und Wurzeln leben.
Mūle: bei Mūla, im Nakṣatra Mūla (n. 7/1). Bheṣajabhiṣajo: Heilmittel und Ärzte; wörtl. bheṣaja (Heilmittel) + bhiṣaj (Arzt) (m. 1/3). Gaṇamukhyāḥ: Scharenhäupter, Anführer von Gruppen; wörtl. gaṇa (Schar) + mukhya (Haupt) (m. 1/3). Kusumamūlaphalavārtāḥ: der Erwerb mit Blüten, Wurzeln und Früchten; wörtl. kusuma (Blüte) + mūla (Wurzel) + phala (Frucht) + vārtā (Erwerb, Lebensunterhalt) (f. 1/3). Bījāny: Saatgut, Samen (n. 1/3). Atidhanayuktāḥ: überaus Vermögende; wörtl. ati (über) + dhana (Vermögen) + yukta (versehen mit) (m. 1/3). Phalamūlair: von Früchten und Wurzeln; wörtl. phala (Frucht) + mūla (Wurzel) (n. 3/3). Ye: welche, die (1/3). Ca: und (avy.). Vartante: sie leben, sie fristen ihr Dasein (laṭ III/3).
Ausgabe H. Kern, Kalkutta 1865; Kern schreibt vārttāḥ mit doppeltem t — reine Orthographie. Das Kapitel zählt von Kṛttikā an, Mūla steht dort als siebzehntes.
Der Vers spielt mit dem Namen: mūla heisst „Wurzel", und die Wurzel ist in Indien zuerst ein Heilmittel. Varāhamihira setzt deshalb bheṣaja und bhiṣaj an den Anfang — Arznei und Arzt — und lässt die Reihe über Blüten-, Wurzel- und Fruchthändler bis zu denen laufen, die von Wurzeln und Früchten leben, also den Asketen. Dasselbe Wortfeld, das die Śakti-Formel auf das Ausreissen hin auslegt, wird hier auf das Ausgraben hin gelesen.
Und noch eine Auskunft, die man bei einem tīkṣṇa-Gestirn nicht erwartet: Mūla steht bei Varāhamihira unter den Nakṣatras, in denen geheiratet wird.
रोहिण्युत्तररेवतीमृगशिरोमूलानुराधामघाहस्तस्वातिषु षष्ठतौलिमिथुनेषूद्यत्सु पाणिग्रहः ।
rohiṇyuttararevatīmṛgaśiromūlānurādhāmaghāhastasvātiṣu ṣaṣṭhataulimithuneṣūdyatsu pāṇigrahaḥ ।
In Rohiṇī, den Uttarā, Revatī, Mṛgaśiras, Mūla, Anurādhā, Maghā, Hasta und Svātī — wenn Jungfrau, Waage oder Zwillinge aufgehen — [findet] die Handnahme [statt].
Rohiṇyuttararevatīmṛgaśiromūlānurādhāmaghāhastasvātiṣu: in Rohiṇī, den Uttarā, Revatī, Mṛgaśiras, Mūla, Anurādhā, Maghā, Hasta und Svātī; wörtl. rohiṇī + uttarā + revatī + mṛgaśiras + mūla + anurādhā + maghā + hasta + svāti (f. 7/3). Ṣaṣṭhataulimithuneṣu: in Kanyā (dem sechsten Zeichen), Tulā und Mithuna; wörtl. ṣaṣṭha (der sechste) + tauli (Waage) + mithuna (Zwillinge) (m. 7/3). Udyatsu: wenn sie aufgehen (Partizip Präsens, Lokativ absolutus) (m. 7/3). Pāṇigrahaḥ: die Handnahme, die Eheschliessung; wörtl. pāṇi (Hand) + graha (Ergreifen) (m. 1/1).
uttara steht im Kompositum im Singular und ist mehrdeutig: liest man es als Sammelbezeichnung der drei Uttarā, kommt man auf elf Nakṣatras, sonst auf neun. Die Muhūrta-Tradition liest drei; der Vers entscheidet es nicht. Nur die erste Vershälfte nennt Nakṣatras; die Fortsetzung gibt Planetenbedingungen.
Das ist kein Widerspruch im Text, sondern einer in den Systemen: die Wesensart-Einteilung von Kapitel 97 und die Hochzeitsliste von Kapitel 99 sind zwei verschiedene Auswahlen, die Varāhamihira nicht gegeneinander abgleicht. Die spätere Muhūrta-Literatur, die Mūla wegen des Gaṇḍānta für die Hochzeit meidet, folgt nicht diesem Vers.
Gaṇḍamūla — die eine klassische Stelle
Der Beginn von Mūla ist eine gaṇḍānta-Stelle: Ende eines Wasserzeichens, Anfang eines Feuerzeichens. Die Phaladīpikā des Mantreśvara nennt für fünf Nakṣatras ausdrücklich eine Wirkung, und Mūla gehört dazu:
मृत्युः स्याद् दिनमृत्युरुग्विषघटीकाले ऽथ तिष्ये ऽम्बुभे । ताताम्बासुतमातुलान् पदवशात् त्वाष्ट्रे च हन्यात् तथा ॥ मूलर्क्षे पितृमातृवंशविलयं तस्यान्त्यपादे श्रियं । सार्पे व्यस्तम् इदं फलं न शुभसम्बन्धं विलग्नं यदि ॥
mṛtyuḥ syād dinamṛtyurugviṣaghaṭīkāle 'tha tiṣye 'mbubhe । tātāmbāsutamātulān padavaśāt tvāṣṭre ca hanyāt tathā ॥ mūlarkṣe pitṛmātṛvaṃśavilayaṃ tasyāntyapāde śriyaṃ । sārpe vyastam idaṃ phalaṃ na śubhasambandhaṃ vilagnaṃ yadi ॥
Tod tritt ein zur Zeit von Dinamṛtyu, Dinaroga und Viṣaghaṭī; und wer in Tiṣya [Puṣya], im Wassergestirn [Pūrvāṣāḍhā] und in Citrā geboren ist, tötet — je nach dem Pāda — Vater, Mutter, Kind oder Onkel mütterlicherseits. Im Mūla-Gestirn: Untergang der väterlichen und der mütterlichen Linie; in dessen letztem Pāda dagegen Wohlstand. Bei Āśleṣā kehrt sich diese Wirkung um — sofern das Lagna keine Verbindung zu Wohltätern hat.
Mṛtyuḥ: Tod (m. 1/1). Syād: er wäre, tritt ein (vidhiliṅ III/1). Dinamṛtyurugviṣaghaṭīkāle: zur Zeit von Dinamṛtyu, Dinaroga und Viṣaghaṭī; wörtl. dina (Tag) + mṛtyu (Tod) + ruj (Krankheit) + viṣa (Gift) + ghaṭī (Zeitmass von 24 Minuten) + kāla (Zeit) (m. 7/1). 'tha: sodann, und (avy.). Tiṣye: in Tiṣya, d. h. Puṣya (m. 7/1). 'mbubhe: im Wassergestirn, d. h. Pūrvāṣāḍhā; wörtl. ambu (Wasser) + bha (Gestirn) (n. 7/1). Tātāmbāsutamātulān: Vater, Mutter, Kind und Onkel mütterlicherseits; wörtl. tāta (Vater) + ambā (Mutter) + suta (Kind) + mātula (Mutterbruder) (m. 2/3). Padavaśāt: je nach dem Pāda; wörtl. pada (Viertel) + vaśa (Macht, Massgabe) (m. 5/1). Tvāṣṭre: im Tvaṣṭṛ-Gestirn, d. h. Citrā (n. 7/1). Ca: und (avy.). Hanyāt: er würde töten, er schlägt (vidhiliṅ III/1). Tathā: ebenso (avy.). Mūlarkṣe: im Mūla-Gestirn; wörtl. mūla (Mūla) + ṛkṣa (Gestirn) (n. 7/1). Pitṛmātṛvaṃśavilayaṃ: den Untergang der väterlichen und der mütterlichen Linie; wörtl. pitṛ (Vater) + mātṛ (Mutter) + vaṃśa (Geschlecht) + vilaya (Auflösung) (m. 2/1). Tasyāntyapāde: in dessen letztem Pāda; wörtl. tasya (dessen) + antya (letzt) + pāda (Viertel) (m. 7/1). Śriyaṃ: Wohlstand, Glanz (f. 2/1). Sārpe: im Schlangengestirn, d. h. Āśleṣā (n. 7/1). Vyastam: umgekehrt, vertauscht (n. 1/1). Idaṃ: dies (1/1). Phalaṃ: Frucht, Wirkung (n. 1/1). Na: nicht (avy.). Śubhasambandhaṃ: mit Wohltätern verbunden; wörtl. śubha (Wohltäter) + sambandha (Verbindung) (n. 1/1). Vilagnaṃ: der Aszendent (n. 1/1). Yadi: wenn, sofern (avy.).
Ausgaben Ojhā, S. 252, und V. Subrahmanya Sastri 1950, S. 132, beide am Seitenbild gelesen; Versnummer 13.8 in allen Zeugen. Der Vers nennt fünf Nakṣatras, nicht 27.
Zwei Dinge daran sind wichtig. Erstens ist die Wirkung an Bedingungen geknüpft: der Schlusssatz nimmt sie zurück, wenn das Lagna mit Wohltätern verbunden ist. Zweitens gilt für den vierten Pāda von Mūla das Gegenteil — dort steht śrī, Wohlstand. Die verbreitete Rede davon, unter Mūla geboren zu sein sei ohne Weiteres ein Unglück, geht an beidem vorbei.
Wie es einem Kind unter Mūla ergeht
Hier stehen die beiden klassischen Fassungen so scharf gegeneinander wie kaum sonst in der Reihe. Varāhamihira:
ज्येष्ठासु न बहुमित्रः सन्तुष्टो धर्मकृत् प्रचुरकोपः । मूले मानी धनवान् सुखी न हिंस्रः स्थिरो भोगी ॥
jyeṣṭhāsu na bahumitraḥ santuṣṭo dharmakṛt pracurakopaḥ । mūle mānī dhanavān sukhī na hiṃsraḥ sthiro bhogī ॥
Unter Jyeṣṭhā: ohne viele Freunde, zufrieden, pflichttreu, sehr zornig. Unter Mūla: stolz, vermögend, glücklich, nicht grausam, beständig, geniessend.
Jyeṣṭhāsu: unter Jyeṣṭhā (Plural, wie der Name im Veda) (f. 7/3). Na: nicht (avy.). Bahumitraḥ: mit vielen Freunden; wörtl. bahu (viel) + mitra (Freund) (m. 1/1). Santuṣṭo: zufrieden, genügsam (m. 1/1). Dharmakṛt: pflichttreu, das Rechte tuend; wörtl. dharma (Pflicht) + kṛt (tuend) (m. 1/1). Pracurakopaḥ: sehr zornig; wörtl. pracura (reichlich) + kopa (Zorn) (m. 1/1). Mūle: unter Mūla (n. 7/1). Mānī: stolz, auf Ehre bedacht (m. 1/1). Dhanavān: vermögend, reich (m. 1/1). Sukhī: glücklich, wohlbehalten (m. 1/1). Na: nicht (avy.). Hiṃsraḥ: grausam, verletzend (m. 1/1). Sthiro: beständig, fest (m. 1/1). Bhogī: geniessend, Genüsse habend (m. 1/1).
Der Vers deckt zwei Nakṣatras ab, Jyeṣṭhā in der ersten, Mūla in der zweiten Hälfte. Ausgabe Tripāṭhī; Kern zählt das Kapitel als 101.
Der Jātaka-Pārijāta, rund tausend Jahre jünger, sagt das Gegenteil:
मैत्रे सुप्रियवाक् धनी सुखरतः पूज्यो यशस्वी विभुः । ज्येष्ठायाम् अतिकोपवान् परवधूसक्तो विभुर् धार्मिकः ॥ मूलर्क्षे पटुवाग्विधूतकुशलो धूर्तः कृतघ्नो धनी । पूर्वाषाढभवो ऽविकारचरितो मानी सुखी शान्तधीः ॥
maitre supriyavāk dhanī sukharataḥ pūjyo yaśasvī vibhuḥ । jyeṣṭhāyām atikopavān paravadhūsakto vibhur dhārmikaḥ ॥ mūlarkṣe paṭuvāgvidhūtakuśalo dhūrtaḥ kṛtaghno dhanī । pūrvāṣāḍhabhavo 'vikāracarito mānī sukhī śāntadhīḥ ॥
Unter dem Mitra-Gestirn [Anurādhā]: von sehr freundlicher Rede, vermögend, dem Behagen ergeben, ehrwürdig, ruhmvoll, mächtig. Unter Jyeṣṭhā: überaus jähzornig, an fremden Frauen hängend, mächtig, rechtschaffen. Unter dem Mūla-Gestirn: redegewandt, aber um sein Wohlergehen gebracht, betrügerisch, undankbar, vermögend. Unter Pūrvāṣāḍhā geboren: von unwandelbarem Wandel, auf Ehre bedacht, glücklich, ruhigen Sinnes.
Maitre: beim Mitra-Gestirn, d. h. unter Anurādhā (n. 7/1). Supriyavāk: von sehr freundlicher Rede; wörtl. su (gut) + priya (lieb) + vāc (Rede) (m. 1/1). Dhanī: vermögend (m. 1/1). Sukharataḥ: dem Behagen ergeben; wörtl. sukha (Behagen) + rata (ergeben) (m. 1/1). Pūjyo: ehrwürdig, zu verehren (m. 1/1). Yaśasvī: ruhmvoll (m. 1/1). Vibhuḥ: mächtig, weit reichend (m. 1/1). Jyeṣṭhāyām: unter Jyeṣṭhā (f. 7/1). Atikopavān: überaus jähzornig; wörtl. ati (über) + kopa (Zorn) + -vat (versehen mit) (m. 1/1). Paravadhūsakto: an fremden Frauen hängend; wörtl. para (fremd) + vadhū (Frau) + sakta (anhängend) (m. 1/1). Vibhur: mächtig (m. 1/1). Dhārmikaḥ: rechtschaffen, pflichttreu (m. 1/1). Mūlarkṣe: im Mūla-Gestirn; wörtl. mūla (Mūla) + ṛkṣa (Gestirn) (n. 7/1). Paṭuvāgvidhūtakuśalo: redegewandt, aber um sein Wohlergehen gebracht; wörtl. paṭu (gewandt) + vāc (Rede) + vidhūta (abgeschüttelt) + kuśala (Wohlergehen) (m. 1/1). Dhūrtaḥ: betrügerisch, verschlagen (m. 1/1). Kṛtaghno: undankbar; wörtl. kṛta (Getanes) + ghna (vernichtend) (m. 1/1). Dhanī: vermögend (m. 1/1). Pūrvāṣāḍhabhavo: unter Pūrvāṣāḍhā geboren; wörtl. pūrvāṣāḍhā (Pūrvāṣāḍhā) + bhava (entstanden) (m. 1/1). 'vikāracarito: von unwandelbarem Wandel; wörtl. a- (un-) + vikāra (Veränderung) + carita (Wandel) (m. 1/1). Mānī: auf Ehre bedacht, stolz (m. 1/1). Sukhī: glücklich (m. 1/1). Śāntadhīḥ: ruhigen Sinnes; wörtl. śānta (beruhigt) + dhī (Sinn) (m. 1/1).
Ausgabe V. Subrahmanya Sastri, 1932, Bd. I, S. 628; die Kashi-Ausgabe zählt durchgehend um eins höher. Der Druck hat für Mūla am Pāda-Ende in beiden Ausgaben dhanī, „vermögend"; Sastri übersetzt aber „indigent", mittellos. Das setzte adhanī voraus, das kein Textzeuge hat — der Widerspruch bleibt stehen.
Varāhamihira sagt „vermögend, glücklich, nicht grausam, beständig"; Vaidyanātha sagt „betrügerisch, undankbar, um sein Wohlergehen gebracht". Beides steht in einem klassischen Text; beides gehört genannt. In den Portraits steht die ältere Fassung zuerst.
Die Sterne des Asterismus
Der Schwanz des Skorpions über der Grenze Jyeṣṭhā/Mūla. Massstab in Länge und Breite gleich; die Gruppe steht wirklich 11 bis 20 Grad südlich der Ekliptik — der Grund, weshalb sie von der Schweiz aus kaum je zu sehen ist. Der offene Kreis ist die Sollposition der Yogatārā nach dem Sūrya-Siddhānta, in denselben siderischen Rahmen gestellt. Siderische Länge zum Stichjahr 2025,0 mit dem Ayanāṃśa nach Lahiri; ekliptikale Breite für 2025,0. Punktgrösse nach scheinbarer Helligkeit.
Koordinaten aus SIMBAD (Abruf 15. September 2026), eigene Präzessionsrechnung; Sollposition aus Sūrya-Siddhānta 8.2 und 8.6 nach Burgess 1860.
Der Asterismus ist der Schwanz des Skorpions samt Stachel. Der Sūrya-Siddhānta sagt in 8.19, die yogatārā sei bei Mūla „die östliche", und das ist λ Scorpii, arabisch Shaula — der Stachel selbst.
Über den Umfang der Gruppe gehen die Autoritäten weit auseinander:
| Autorität | Gruppe | Sternzahl |
|---|---|---|
| Bṛhat Saṃhitā 97.1 | — | elf (rudra) |
| Cākalya-Saṃhitā (nach Burgess) | ε, μ, ζ, η, θ, ι, κ, λ, υ Scorpii | neun |
| Khaṇḍa-Kaṭaka (nach al-Bīrūnī) | λ + υ Scorpii = arab. aš-Šaula | zwei |
| Taittirīya-Saṃhitā (vicṛtau, Dual) | zwei Sterne im Stachel | zwei |
| moderne Standardtabelle | ε, ζ, η, θ, ι, κ, λ, μ und ν Scorpii | neun |
Zwei Beobachtungen dazu. Erstens spricht auch hier die Sprache mit: der Saṃhitā-Name steht im Dual (vicṛtau, „die beiden Löserinnen") — wie schon bei Aśvinī ein Hinweis darauf, dass der Abschnitt ursprünglich zweisternig gedacht war. Das deckt sich mit dem Khaṇḍa-Kaṭaka und mit dem arabischen Namen.
Zweitens ist die moderne Standardangabe an einer Stelle falsch. Sie führt ν Scorpii. Der Stern steht bei Lahiri auf 10°47′ Vṛścika, also im Abschnitt Anurādhā und rund vierzehn Grad von Shaula entfernt; er gehört nicht in den Skorpionschwanz. Gemeint ist υ Scorpii (Lesath), das 35 Bogenminuten neben Shaula steht — so hat es Burgess, und so ergibt es die Rechnung. Der Verschreiber ν/υ hat sich durch die Tabellenliteratur fortgepflanzt.
Eine letzte Bemerkung zum Namen. Bentley hat behauptet, Mūla sei ursprünglich das erste Nakṣatra gewesen — daher „Wurzel" im Sinne von „Anfang". Burgess weist das mit ungewöhnlicher Schärfe als „characteristic recklessness" zurück und vermutet stattdessen, der Name komme von der äussersten Südlage der Gruppe: Mūla ist die Wurzel des Himmels, nicht der Zählung. Entschieden ist die Frage nicht; belegt ist nur, dass die ältesten Listen bei Kṛttikā beginnen, nicht bei Mūla.
Die Sterne im Katalog
| Stern | Eigenname | V | Spektraltyp | HD | Rektaszension | Deklination |
|---|---|---|---|---|---|---|
| λ Sco | Shaula (Yogatārā) | 1,63 | B2IV + DA7.9 | 158926 | 17ʰ 33ᵐ 36,52ˢ | −37° 06′ 13,8″ |
| υ Sco | Lesath | 2,65 | B2IV | 158408 | 17ʰ 30ᵐ 45,84ˢ | −37° 17′ 44,9″ |
| θ Sco | Sargas | 1,85 | F1III | 159532 | 17ʰ 37ᵐ 19,13ˢ | −42° 59′ 52,2″ |
| κ Sco | — | 2,39 | B1.5III | 160578 | 17ʰ 42ᵐ 29,28ˢ | −39° 01′ 47,9″ |
| ι¹ Sco | — | 2,99 | F2Ia | 161471 | 17ʰ 47ᵐ 35,08ˢ | −40° 07′ 37,2″ |
| G Sco | — | 3,21 | K2III | 161892 | 17ʰ 49ᵐ 51,48ˢ | −37° 02′ 35,8″ |
| ε Sco | — | 2,29 | K1III | 151680 | 16ʰ 50ᵐ 09,81ˢ | −34° 17′ 35,6″ |
| μ¹ Sco | — | 2,98 | B1V + B | 151890 | 16ʰ 51ᵐ 52,23ˢ | −38° 02′ 50,6″ |
| ζ² Sco | — | 3,62 | K3III | 152334 | 16ʰ 54ᵐ 35,00ˢ | −42° 21′ 40,7″ |
| η Sco | — | 3,33 | F5IV | 155203 | 17ʰ 12ᵐ 09,19ˢ | −43° 14′ 21,1″ |
| ν Sco | — (Fehleintrag) | 4,0 | B2V | 145502 | 16ʰ 11ᵐ 59,74ˢ | −19° 27′ 38,5″ |
Rektaszension und Deklination gelten für Äquinoktium und Epoche J2000,0. λ Scorpii ist in Wirklichkeit ein Dreifachsystem mit einem Weissen Zwerg; ζ Scorpii ist ein weit getrenntes Paar (ζ¹ und ζ²), das mit blossem Auge als zwei Sterne erscheint — daher die Zählung elf statt neun.
Wo die Sterne heute stehen
| Stern | siderisch 2025,0 (Lahiri) | liegt in |
|---|---|---|
| ν Sco | 10° 47′ Vṛścika | Anurādhā — nicht im Skorpionschwanz |
| ε Sco | 21° 28′ Vṛścika | Jyeṣṭhā |
| μ¹ Sco | 22° 18′ Vṛścika | Jyeṣṭhā |
| ζ² Sco | 23° 23′ Vṛścika | Jyeṣṭhā |
| η Sco | 26° 53′ Vṛścika | Jyeṣṭhā |
| υ Sco | 0° 09′ Dhanus | Mūla |
| λ Sco | 0° 44′ Dhanus | Mūla |
| θ Sco | 1° 45′ Dhanus | Mūla |
| κ Sco | 2° 37′ Dhanus | Mūla |
| ι¹ Sco | 3° 40′ Dhanus | Mūla |
| G Sco | 4° 04′ Dhanus | Mūla |
Die Gruppe liegt also quer über der Grenze Jyeṣṭhā/Mūla: sechs Sterne diesseits, vier jenseits. λ Scorpii selbst steht nur 44 Bogenminuten hinter der Grenze — beim Ayanāṃśa von Fagan und Bradley fällt es sogar heraus und liegt dann in Jyeṣṭhā, ebenso υ Scorpii. Damit ist die Zweisternfassung des Khaṇḍa-Kaṭaka (λ + υ) die einzige, die geschlossen im eigenen Abschnitt liegt — bei vier der fünf gebräuchlichen Ayanāṃśas.
Die Sollposition des Sūrya-Siddhānta liegt im Lahiri-Rahmen bei 29°04′ Vṛścika, also selbst noch vor der Grenze. Auch hier ist die Ursache die Rahmenverschiebung von rund 3°50′ zwischen dem Nullpunkt des Sūrya-Siddhānta (Frühlingspunkt 560) und dem Lahiri-Nullpunkt, nicht ein Fehler der Identifikation.
Sichtbarkeit
Und hier steht der Satz, der für einen Beobachter in der Schweiz praktisch alles entscheidet: Mūla ist von 47° Nord aus so gut wie nicht zu beobachten.
Die Yogatārā λ Scorpii kulminiert 5,9 Grad über dem Horizont — das ist tiefer als jede andere Yogatārā der ganzen Reihe und tief genug, dass schon ein Hügelzug, ein Waldrand oder gewöhnlicher Dunst den Stern verschluckt. Zwei Gruppensterne, η und θ Scorpii, erreichen von dieser Breite gar keine positive Kulminationshöhe mehr: sie gehen nicht auf. ζ² Scorpii streift nur den Horizont.
Um Mitternacht kulminiert die Gruppe um den 16. Juni, in Sonnennähe steht sie Mitte Dezember. Wer sie sehen will, braucht einen völlig freien Südhorizont — Meer, Ebene oder eine Bergkante nach Süden — und eine klare, dunkle Juninacht. In Mitteleuropa ist das eine Ausnahme; südlich der Alpen und erst recht in Indien ist der Skorpionschwanz ein vertrauter Anblick. Der Unterschied ist nicht klein: von Ujjain aus kulminiert Shaula rund 29 Grad hoch.
Namen und Namensvarianten
| Form | Wo | Bedeutung |
|---|---|---|
| vicṛtau | Taittirīya-Saṃhitā 4.4.10 | „die beiden Löserinnen", Dual; zu vi-cṛt „losbinden" |
| mūlavarhaṇī | Taittirīya-Brāhmaṇa 1.5.1 | „die Wurzelausreisserin" |
| mūlabarhaṇa | Monier-Williams, für dieselbe Stelle | „uprooting" — abweichende Schreibung mit b |
| mūla | Taittirīya-Brāhmaṇa 3.1.2, Bṛhat Saṃhitā, Sūrya-Siddhānta | „Wurzel" |
| nairṛta | in Nakṣatra-Listen über die Gottheit Nirṛti | „das der Nirṛti gehörende" |
Die Namensgeschichte läuft also von einem Dual über ein Kompositum zu einem einfachen Wort. Was in allen drei Stufen bleibt, ist die Vorstellung des Lösens und Ausreissens: vi-cṛt heisst „losbinden", varhaṇa heisst „ausreissen", und mūla ist die Wurzel, an der man ausreisst. Bhaṭṭabhāskara baut seine Śakti-Formel genau darauf.
Die Verse
Die älteste Stelle, die diesen Abschnitt nennt, steht in der Taittirīya-Saṃhitā — und sie nennt ihn anders, als man erwartet:
विचृतौ नक्षत्रं पितरो देवता
vicŕ̥tau nákṣatram pitáro devátā
Die beiden Vicṛt sind das Nakṣatra, die Väter sind die Gottheit.
Vicṛtau: „die beiden Löserinnen" — der Name des Nakṣatras Mūla in der Taittirīya-Saṃhitā; wörtl. vi- (auseinander) + cṛt (binden, knüpfen) (f. 1/2). Nakṣatraṃ: Nakṣatra, Gestirn, Mondhaus (n. 1/1). Pitaro: die Väter, die Ahnen (m. 1/3). Devatā: Gottheit (f. 1/1).
Akzentuierte Umschrift nach TITUS (Grundlage: Ausgabe A. Weber, Leipzig 1871/72), Devanāgarī nach sanskritdocuments.org. Monier-Williams bestätigt das Lemma: vi-cṛ́t f. du. „N. of two stars, AV.; of the 17th Nakṣatra, TS." — die Zählung 17 ergibt sich daraus, dass die Liste bei Kṛttikā beginnt.
Das Taittirīya-Brāhmaṇa führt dieselbe Reihe, nennt aber einen anderen Namen und eine andere Gottheit:
निरृत्यै मूलवर्हणी । प्रतिभञ्जन्तः परस्तात् प्रतिशृणन्तो ऽवस्तात् ॥
nírr̥tyai mūlavárhaṇī । pratibhañjántaḥ parástāt pratiśr̥ṇánto 'vástāt ॥
Der Nirṛti [gehört] Mūlavarhaṇī, „die Wurzelausreisserin". Die Zerbrechenden [sind] oberhalb, die Gegen-Zermalmenden unterhalb.
Nirṛtyai: der Nirṛti, der Unheilsgöttin (bei femininen ī-Stämmen fallen Genitiv und Dativ zusammen) (f. 6/1). Mūlavarhaṇī: „die Wurzelausreisserin" — der Name des Nakṣatras im Brāhmaṇa; wörtl. mūla (Wurzel) + varhaṇa (Ausreissen) (f. 1/1). Pratibhañjantaḥ: die Zerbrechenden (Partizip Präsens zu prati-bhañj) (m. 1/3). Parastāt: oberhalb, darüber, jenseits (avy.). Pratiśṛṇanto: die Gegen-Zermalmenden (Partizip Präsens zu prati-śṝ) (m. 1/3). 'vastāt: unterhalb, darunter, diesseits (avy.).
Umschrift nach TITUS, Devanāgarī nach sanskritdocuments.org. Beide Digitalisate lesen mūlavárhaṇī mit v; Monier-Williams setzt für dieselbe Stelle mūla-barhaṇa mit b an. Übersetzung hier erstellt.
Im Nakṣatra-Sūkta des dritten Aṣṭaka steht der Opferspruch für Mūla. Er ist die stärkste Primärstelle, die dieses Portrait hat — und er zeigt, wie mit einer Unheilsgottheit umgegangen wird: man bittet sie nicht, man schickt sie fort.
मूलं प्रजां वीरवतीं विदेय । पराच्य् एतु निरृतिः पराचा ॥ गोभिर् नक्षत्रं पशुभिः समक्तम् । अहर् भूयाद् यजमानाय मह्यम् ॥ अहर् नो अद्य सुविते दधातु । मूलं नक्षत्रम् इति यद् वदन्ति । पराचीं वाचा निरृतिं नुदामि । शिवं प्रजायै शिवम् अस्तु मह्यम् ॥
mū́laṃ prajā́ṃ vīrávatīṃ videya । párācy etu nírr̥tiḥ parācā́ ॥ góbhir nákṣatraṃ paśúbhiḥ sámaktam । áhar bhūyād yájamānāya máhyam ॥ áhar no adyá suvité dadhātu । mū́laṃ nákṣatram íti yád vádanti । párācīṃ vācā́ nírr̥tiṃ nudāmi । śiváṃ prajā́yai śivám astu máhyam ॥
Durch Mūla möge ich heldenreiche Nachkommenschaft finden. Abgewandt gehe Nirṛti von dannen. Mit Rindern, mit Vieh ist das Nakṣatra gesalbt; ein Glückstag werde es mir, dem Opferherrn. Der Tag setze uns heute in gute Fahrt — was sie „das Nakṣatra Mūla" nennen. Mit der Rede stosse ich Nirṛti abgewandt fort. Heil sei der Nachkommenschaft, Heil sei mir.
Mūlaṃ: Mūla, „die Wurzel" — das Nakṣatra (n. 2/1). Prajāṃ: Nachkommenschaft, Kinder (f. 2/1). Vīravatīṃ: heldenreiche; wörtl. vīra (Held) + -vat (versehen mit) (f. 2/1). Videya: möge ich finden, erlangen (vidhiliṅ I/1). Parācy: abgewandt, fortgewandt (f. 1/1). Etu: sie gehe (loṭ III/1). Nirṛtiḥ: Nirṛti, die Göttin des Verderbens und der Auflösung (f. 1/1). Parācā: in die Ferne, hinweg (avy.). Gobhir: mit Rindern (m. 3/3). Nakṣatraṃ: das Nakṣatra (n. 1/1). Paśubhiḥ: mit Vieh (m. 3/3). Samaktam: gesalbt, geschmückt (Partizip zu sam-añj) (n. 1/1). Ahar: Tag, Glückstag (n. 1/1). Bhūyād: es möge werden (āśīrliṅ III/1). Yajamānāya: dem Opferherrn (m. 4/1). Mahyam: mir (4/1). Ahar: der Tag (n. 1/1). No: uns (2/3). Adya: heute (avy.). Suvite: in gutes Fortkommen, in gute Fahrt (n. 7/1). Dadhātu: er setze, er stelle (loṭ III/1). Mūlaṃ: Mūla (n. 1/1). Nakṣatram: Nakṣatra (n. 1/1). Iti: so — schliesst das Zitat ab (avy.). Yad: was (2/1). Vadanti: sie nennen, sie sagen (laṭ III/3). Parācīṃ: die Abgewandte, Hinweggewandte (f. 2/1). Vācā: mit der Rede, durch das Wort (f. 3/1). Nirṛtiṃ: Nirṛti (f. 2/1). Nudāmi: ich stosse fort, ich dränge weg (laṭ I/1). Śivaṃ: Heil, Segensreiches (n. 1/1). Prajāyai: der Nachkommenschaft (f. 4/1). Śivam: Heil (n. 1/1). Astu: sei (loṭ III/1). Mahyam: mir (4/1).
Akzentuierte Umschrift nach TITUS. Die Devanāgarī-Fassung von sanskritdocuments.org liest an zwei Stellen abweichend (dadātu für dadhātu, prajayai für prajāyai); hier steht die Umschrift-Lesart, die Abweichung ist hiermit ausgewiesen.
Aus der neueren Lehrüberlieferung stammt der Merkvers der Nakṣatra-Namen; Mūla steht dort an dritter Stelle des dritten Verses:
अनुराधा ततो ज्येष्ठा ततो मूलं निगद्यते । पूर्वाषाढोत्तराषाढस् त्व् अभिजिच् छ्रवणस् तथा ॥
anurādhā tato jyeṣṭhā tato mūlaṃ nigadyate । pūrvāṣāḍhottarāṣāḍhas tv abhijic chravaṇas tathā ॥
Anurādhā, darauf Jyeṣṭhā, darauf wird Mūla genannt; Pūrvāṣāḍhā und Uttarāṣāḍhā, dann Abhijit und ebenso Śravaṇa.
Anurādhā: Anurādhā, 17. Nakṣatra (f. 1/1). Tato: darauf (avy.). Jyeṣṭhā: Jyeṣṭhā, 18. Nakṣatra (f. 1/1). Tato: darauf (avy.). Mūlaṃ: Mūla, 19. Nakṣatra (n. 1/1). Nigadyate: wird genannt (Passiv von ni-√gad) (laṭ karmaṇi III/1). Pūrvāṣāḍhottarāṣāḍhas: Pūrvāṣāḍhā und Uttarāṣāḍhā, 20. und 21. Nakṣatra (Dvandva) (m. 1/1). Tv: aber, dann (avy.). Abhijic: Abhijit, das eingeschobene 28. Nakṣatra (m. 1/1). Chravaṇas: Śravaṇa, 22. Nakṣatra (m. 1/1). Tathā: ebenso (avy.).
Quelle ungeklärt (Ārambha-Kursmaterial, Pt. Sanjay Rath)
Grammatikangaben im Glossar sind unter Grammatik-Abkürzungen erklärt.
Zur Quellenlage dieses Portraits
Sicher ist alles Rechnerische: die Gradgrenzen, die vier Pādas, ihre Navāṃśa-Zeichen und die Zuordnung des Herrschers Ketu aus der Viṃśottarī-Reihe. Sicher ist auch die Lage ganz im Rāśi Dhanus.
Am Originalvers belegt sind: beide Namensformen und beide Gottheitsangaben (Taittirīya-Saṃhitā 4.4.10 gegen Taittirīya-Brāhmaṇa 1.5.1), der Opferspruch (Taittirīya-Brāhmaṇa 3.1.2), die Śakti samt ihren drei Gliedern (Bhaṭṭabhāskara zum Brāhmaṇa), die Wesensart tīkṣṇa und die zugehörigen Tätigkeiten (Bṛhat Saṃhitā 97.7, Muhūrta-Cintāmaṇi 2.8), die Sternzahl elf (Bṛhat Saṃhitā 97.1), die Berufsgruppen (Bṛhat Saṃhitā 15.17), die Aufnahme unter die Hochzeits-Nakṣatras (Bṛhat Saṃhitā 99.7), Gaṇa, Yoni-Tier, Nāḍī und Mukha (Muhūrta-Cintāmaṇi 6.29, 6.26, 6.34, 2.9), die Geburtsdeutung in zwei Fassungen (Bṛhat Saṃhitā 100.10, Jātaka-Pārijāta 9.88) und die Gaṇḍamūla-Wirkung samt ihrer Ausnahme im vierten Pāda (Phaladīpikā 13.8).
Nicht belegt und deshalb markiert oder weggelassen: das Geschlecht der Yoni; die Himmelsrichtung; die Namenssilben; das Symbol des Aṅkuśa — es steht im Kursmaterial und in der modernen Fachliteratur, ein klassischer Vers dazu liess sich nicht finden.
Widersprüche, die stehen bleiben:
- Devatā. Taittirīya-Saṃhitā: die Väter. Taittirīya-Brāhmaṇa: Nirṛti. Das ist die einzige echte Gottheitsdifferenz zwischen den beiden vedischen Listen und wird hier nicht aufgelöst.
- Name. mūlavarhaṇī (beide Digitalisate) gegen mūlabarhaṇa (Monier-Williams) — v gegen b, für dieselbe Stelle.
- Sternzahl. Elf (Varāhamihira), neun (Cākalya), zwei (Khaṇḍa-Kaṭaka und der Saṃhitā-Dual).
- Geburtsdeutung. Bṛhat Saṃhitā 100.10 und Jātaka-Pārijāta 9.88 widersprechen einander glatt; dazu kommt, dass Sastri seinen eigenen Text an dieser Stelle gegen den Druck übersetzt (dhanī „vermögend" gegen „indigent").
Berichtigt wurden drei Angaben der modernen Tabellenliteratur: der Sterneintrag ν statt υ Scorpii, der Varṇa (im Heiratsvergleich kṣatriya nach dem Rāśi, nicht ugrajāti nach Bṛhat Saṃhitā 15.29) und die Zuschreibung der Śakti-Formel an Sāyaṇa statt an Bhaṭṭabhāskara.
Was noch offen ist: Sāyaṇas Wortlaut zu Taittirīya-Brāhmaṇa 1.5.1 wurde für Mūla nicht eingesehen. Der Sanskrit-Wortlaut der Cākalya-Saṃhitā und des Khaṇḍa-Kaṭaka, auf die sich die Sternzahlen neun und zwei stützen, wurde nicht beschafft; beide stehen hier nur nach Burgess’ Referat. Und ob Bentleys These, Mūla sei ursprünglich das erste Nakṣatra gewesen, über Burgess’ Zurückweisung hinaus je geprüft worden ist, wurde hier nicht verfolgt.