Mṛgaśiras

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मृगशिरस् 5. Nakṣatra · 23°20′ Vṛṣabha bis 6°40′ Mithuna (siderisch) · Herrscher Maṅgala

Mṛgaśiras heisst „Antilopenkopf", und ausnahmsweise trifft der Name die Sternfigur: gemeint sind die drei schwachen Sterne im Kopf des Orion. Die Gottheit ist Soma — der Mond und zugleich der Opfertrank. Das Taittirīya-Brāhmaṇa nennt diesen Abschnitt „das liebste der lieben"; kein anderes der 27 bekommt ein solches Wort.

Himmelsabschnitt und Pādas

Mṛgaśiras reicht von 23°20′ Vṛṣabha bis 6°40′ Mithuna. Es ist eines der neun Nakṣatras, die über eine Zeichengrenze hinwegreichen — und es tut das genau hälftig: zwei Pādas in Vṛṣabha, zwei in Mithuna. Die Zeichengrenze fällt mit der Grenze zwischen dem zweiten und dem dritten Pāda zusammen.

PādavonbisNavāṃśaPuruṣārthaSilbe
123°20′ Vṛṣabha26°40′ VṛṣabhaSiṃhaDharmaवे ve
226°40′ Vṛṣabha30°00′ VṛṣabhaKanyāArthaवो vo
30°00′ Mithuna3°20′ MithunaTulāKāmaका
43°20′ Mithuna6°40′ MithunaVṛścikaMokṣaकी

Die Gradgrenzen und die Navāṃśa-Zuordnung sind reine Arithmetik und gegen die eigene Berechnungsbibliothek geprüft. Die Silben stammen aus der Lehrüberlieferung; ein klassischer Vers, der sie festlegt, liess sich nicht nachweisen. Auffällig ist der Silbenwechsel mitten im Nakṣatra — die ersten beiden Pādas tragen v-Silben wie Rohiṇī davor, die letzten beiden k-Silben.

Die hälftige Teilung sprechen die Rāśi-Verse in zwei Hälften aus. Der Vṛṣabha-Vers gibt Mṛgaśiras die erste Hälfte:

Ārambha-Kursverse, Rāśi-Abschnitt (Vṛṣabha)

कृत्तिकायास् त्रयः पादा रोहिणी मृगशिरार्धं वृषभः

kṛttikāyās trayaḥ pādā rohiṇī mṛgaśirārdhaṃ vṛṣabhaḥ

Drei Pādas von Kṛttikā, [die vier von] Rohiṇī und die [erste] Hälfte von Mṛgaśirā [bilden] Vṛṣabha [den Stier].

Kṛttikāyās: von Kṛttikā, 3. Nakṣatra (f. 6/1). Trayaḥ: drei (m. 1/3). Pādā: Pādas, Viertel (m. 1/3). Rohiṇī: Rohiṇī, 4. Nakṣatra (f. 1/1). Mṛgaśirārdhaṃ: die Hälfte von Mṛgaśirā; wörtl. mṛgaśiras (5. Nakṣatra) + ardha (Hälfte) (n. 1/1). Vṛṣabhaḥ: Vṛṣabha, der Stier (2. Rāśi) (m. 1/1).

Quelle ungeklärt (Ārambha-Kursmaterial, Pt. Sanjay Rath)

Der Mithuna-Vers nimmt die zweite auf:

Ārambha-Kursverse, Rāśi-Abschnitt (Mithuna)

मृगशिरार्धम् आर्द्रा पुनर्वसुपादत्रयं मिथुनः

mṛgaśirārdham ārdrā punarvasupādatrayaṃ mithunaḥ

Die [zweite] Hälfte von Mṛgaśirā, [die vier Pādas von] Ārdrā und drei Pādas von Punarvasu [bilden] Mithuna [die Zwillinge].

Mṛgaśirārdham: die Hälfte von Mṛgaśirā; wörtl. mṛgaśiras (5. Nakṣatra) + ardha (Hälfte) (n. 1/1). Ārdrā: Ārdrā, 6. Nakṣatra (f. 1/1). Punarvasupādatrayaṃ: drei Pādas von Punarvasu; wörtl. punarvasu (7. Nakṣatra) + pāda (Viertel) + traya (Dreiheit) (n. 1/1). Mithunaḥ: Mithuna, die Zwillinge (3. Rāśi) (m. 1/1).

Quelle ungeklärt (Ārambha-Kursmaterial, Pt. Sanjay Rath)

Dass Mṛgaśiras, Citrā und Dhaniṣṭhā — die drei hälftig geteilten Nakṣatras — alle von Maṅgala beherrscht werden, ist keine Lehrmeinung, sondern Arithmetik: sie sind das fünfte, vierzehnte und dreiundzwanzigste Nakṣatra, stehen also in der neungliedrigen Viṃśottarī-Reihe an derselben Stelle, und ihre Lage zur Zeichengrenze wiederholt sich im selben Rhythmus.

Die Devatā

Über Mṛgaśiras herrscht Soma. Der Name meint beides zugleich: den Mond und den Opfertrank, der aus der gepressten Pflanze gewonnen wird — im Veda sind die beiden nicht zu trennen. Beide vedischen Listen nennen Soma als Gottheit dieses Abschnitts, die Gottheitsliste der Bṛhat Saṃhitā bestätigt es ein halbes Jahrtausend später.

Der Anrufungsvers des Taittirīya-Brāhmaṇa ist unter allen Nakṣatra-Mantras der wärmste:

Taittirīya-Brāhmaṇa 3.1.1, Nakṣatreṣṭi-Mantra für Mṛgaśīrṣa

सोमो राजा मृगशीर्षेण आगन् शिवं नक्षत्रं प्रियम् अस्य धाम

sómo rā́jā mr̥gaśīrṣéṇa ā́gan śiváṃ nákṣatraṃ priyám asya dhā́ma

König Soma ist mit Mṛgaśīrṣa gekommen — ein heilvolles Nakṣatra, seine liebe Stätte.

Somo: Soma, der Mondgott und Opfertrank (m. 1/1). Rājā: König (m. 1/1). Mṛgaśīrṣeṇa: mit Mṛgaśīrṣa; wörtl. mṛga (Antilope) + śīrṣa (Kopf) (n. 3/1). Āgan: er ist gekommen, er ist herangenaht (luṅ I/1). Śivaṃ: heilvoll, günstig, freundlich (n. 1/1). Nakṣatraṃ: Nakṣatra, Gestirn (n. 1/1). Priyam: lieb, teuer (n. 1/1). Asya: sein, dieses (m. 6/1). Dhāma: Stätte, Wohnsitz, Setzung (n. 1/1).

Wortlaut nach TITUS und sanskritdocuments.org; in der Mysore-Ausgabe Abschnitt 3. Der Mantra umfasst acht Zeilen; hier stehen die ersten beiden. Weiter heisst es yát te nákṣatraṃ mr̥gaśīrṣám ásti | priyám̐ rājan priyátamaṃ priyā́ṇām — „Dein Nakṣatra Mṛgaśīrṣa, König, das liebste der lieben."

Śiva, „heilvoll", und priyatamaṃ priyāṇām, „das liebste der lieben" — kein anderes der 27 Nakṣatras bekommt in diesen Mantras ein solches Wort. Die Fortsetzung des Verses bittet um retas und prajā, Samen und Nachkommenschaft, und nennt Soma āpyāyamāna, „vielfach anschwellend unter den Menschen" — das Wort, mit dem sonst das Wachsen des Mondes beschrieben wird.

Die Śakti

Jedem Nakṣatra wird eine Śakti zugeschrieben, eine Wirkkraft, in dreigliedriger Form: ein Begriff für die Kraft, dazu etwas „oberhalb" und etwas „unterhalb", und aus dem Zusammentreffen der drei ein Ergebnis. Die Wurzel liegt im Taittirīya-Brāhmaṇa; das mittlere Glied und das Ergebnis stehen erst im Kommentar des Bhaṭṭabhāskara Miśra — nicht bei Sāyaṇa, wie häufig angenommen wird.

Bei Mṛgaśiras ist das Bild ein Webstuhl:

Bhaṭṭabhāskara Miśra, Bhāṣyadīpikā zu Taittirīya-Brāhmaṇa 1.5.1

सोमस्येन्वका मृगशीर्षः इति वासोभिर् जगत् प्रीणयितुः सोमस्य त्रयं भवति परस्ताद् विततानि तन्तुरूपाणि मध्ये कालात्मिका प्रीणनशक्तिः अवस्ताद् वयन्तः वास उत्पादयन्तः एवम् एतत्त्रयसन्निपाते तज् जगत् प्रीणनसमर्थं भवति

somasyenvakā mṛgaśīrṣaḥ iti vāsobhir jagat prīṇayituḥ somasya trayaṃ bhavati parastād vitatāni tanturūpāṇi madhye kālātmikā prīṇanaśaktiḥ avastād vayantaḥ vāsa utpādayantaḥ evam etattrayasannipāte taj jagat prīṇanasamarthaṃ bhavati

„Somas ist invakā" — das heisst Mṛgaśīrṣa. Von Soma also, der die Welt durch Gewänder erfreut, gibt es eine Dreiheit: oberhalb die Ausgespannten, nämlich die Fäden [des Aufzugs]; in der Mitte die zeitgestaltige Kraft des Erfreuens; unterhalb die Webenden, die das Gewand hervorbringen. Wenn diese drei so zusammentreffen, wird jene Welt fähig zu erfreuen.

Somasyenvakā: Somas ist invakā; wörtl. somasya (des Soma) + invakā (ältere Namensform von Mṛgaśīrṣa) (f. 1/3). Mṛgaśīrṣaḥ: Mṛgaśīrṣa, der Antilopenkopf (m. 1/1). Iti: das heisst, so (avy.). Vāsobhir: durch Gewänder (n. 3/3). Jagat: die Welt, was sich regt (n. 2/1). Prīṇayituḥ: des Erfreuenden, dessen, der erfreut (m. 6/1). Somasya: des Soma (m. 6/1). Trayaṃ: eine Dreiheit (n. 1/1). Bhavati: es gibt, entsteht (laṭ III/1). Parastād: oberhalb, darüber (avy.). Vitatāni: die Ausgespannten, die aufgespannten Fäden (n. 1/3). Tanturūpāṇi: in Gestalt von Fäden; wörtl. tantu (Faden) + rūpa (Gestalt) (n. 1/3). Madhye: in der Mitte (n. 7/1). Kālātmikā: zeitgestaltig, deren Wesen die Zeit ist; wörtl. kāla (Zeit) + ātmikā (wesenhaft) (f. 1/1). Prīṇanaśaktiḥ: die Kraft des Erfreuens; wörtl. prīṇana (Erfreuen, Sättigen) + śakti (Kraft) (f. 1/1). Avastād: unterhalb, darunter (avy.). Vayantaḥ: die Webenden (m. 1/3). Vāsa: das Gewand (n. 2/1). Utpādayantaḥ: die hervorbringen (Part. Präs. Kaus., m. 1/3). Evam: so, auf diese Weise (avy.). Etattrayasannipāte: beim Zusammentreffen dieser drei; wörtl. etad (dies) + traya (Dreiheit) + sannipāta (Zusammentreffen) (m. 7/1). Taj: jene (pron. n. 1/1). Jagat: die Welt (n. 1/1). Prīṇanasamarthaṃ: fähig zu erfreuen; wörtl. prīṇana (Erfreuen) + samartha (fähig) (n. 1/1). Bhavati: wird (laṭ III/1).

Taittirīya-Brāhmaṇa mit Bhaṭṭabhāskara-Bhāṣya, Aṣṭaka 1, hrsg. A. Mahādeva Śāstrī, Mysore 1908, S. 246, Abschnitt 3 der Ausgabe. Ein grammatischer Exkurs zwischen dem Lemma und iti ist hier ausgelassen. Am Seitenbild gelesen, nicht aus der OCR.

Warum ausgerechnet ein Webstuhl? Bhaṭṭabhāskara sagt es selbst: er stützt sich auf den Satz saumyaṃ vai vāsaḥ, „das Gewand gehört Soma" (die Ausgabe verweist auf brā. 2-2-9). Von dort baut er die Erklärung: Soma erfreut die Welt durch Gewänder; oben hängen die gespannten Kettfäden, unten sitzen die Weber, dazwischen wirkt die Kraft, die aus Faden Gewand macht.

Bemerkenswert ist, dass dieses Bild zweimal unabhängig vorkommt. Die Wesensart-Überlieferung, die aus einer ganz anderen Gattung stammt, nennt für Mṛgaśiras unter den günstigen Tätigkeiten ebenfalls vastra und ambara — Kleid und Gewand. Bhaṭṭabhāskara kommentiert im elften Jahrhundert das Brāhmaṇa, Varāhamihira schreibt im sechsten eine Wahllehre; sie sind sich hier einig, ohne voneinander zu wissen.

Das Attribut kālātmikā, „zeitgestaltig", gehört zur Formel und fehlt in der gesamten modernen Wiedergabe.

Der Steckbrief

Die folgenden Zuschreibungen stammen aus verschiedenen Schichten der Überlieferung. Die Spalte rechts sagt bei jeder, worauf sie sich stützt.

Himmelsabschnitt23°20′ Vṛṣabha bis 6°40′ Mithuna, siderisch Rechnung; zwei Verse zur Pāda-Verteilung
Fixsterneλ, φ¹ und φ² Orionis — der Kopf des Orion Sūrya-Siddhānta 8; SIMBAD
Yogatārāλ Orionis (Meissa) — „die nördliche"; kein Dissens Sūrya-Siddhānta 8.16; Burgess 1860
HerrscherMaṅgala Viṃśottarī-Reihe
DevatāSoma, der Mond und der Opfertrank Taittirīya-Saṃhitā 4.4.10; Taittirīya-Brāhmaṇa 1.5.1 und 3.1.1
Śaktiprīṇanaśakti, „die Kraft des Erfreuens" — oberhalb die gespannten Fäden, unterhalb die Webenden; Ergebnis: die Welt wird fähig zu erfreuen Bhaṭṭabhāskara zu Taittirīya-Brāhmaṇa 1.5.1
SymbolAntilopenkopf; im eigenen Kursmaterial das Geweih Name selbst; Lehrüberlieferung
Namensbedeutungmṛga (Antilope, Wild) + śīrṣa (Kopf); ältere Namensform im Brāhmaṇa: invakā Taittirīya-Saṃhitā; Taittirīya-Brāhmaṇa 1.5.1
Wesensartmṛdu (sanft) / maitra (freundlich) Bṛhat Saṃhitā 97.10; Muhūrta-Cintāmaṇi 2.7
Gaṇadeva (göttlich) Muhūrta-Cintāmaṇi 6.29; Nārada-Saṃhitā 29.127
Yoni (Tier)Schlange (sarpa, ahi), geteilt mit Rohiṇī Muhūrta-Cintāmaṇi 6.25
Yoni-Geschlechtunbelegt kein klassischer Vers, siehe unten
Nāḍīmadhya (die mittlere) Muhūrta-Cintāmaṇi 6.34; Nārada-Saṃhitā 29.141
Varṇaim Heiratsvergleich vaiśya in den Pādas 1–2, śūdra in den Pādas 3–4 — Herrschaft über das Dienervolk in der Gesellschaftszuordnung zwei verschiedene Systeme, siehe unten
GuṇaRajas im Nakṣatra-Guṇa-Schema (R/T/T) — Tamas im Navatārā-Schema eigenes Kursmaterial, zwei Systeme
TattvaPṛthivī (Erde) eigenes Kursmaterial
LokaBhū eigenes Kursmaterial
Mukhatiryaṅmukha (querblickend) Muhūrta-Cintāmaṇi 2.9
Silbenवे ve · वो vo · का · की Lehrüberlieferung
KörperteilAugenbrauen im Nakṣatrapuruṣa (Zählung ab Kṛttikā) eigenes Kursmaterial
PuruṣārthaDharma · Artha · Kāma · Mokṣa je Pāda Lehrüberlieferung
TätigkeitenFreundschaft, Vollzug der Liebe, Kleider, Schmuck, Glückszeremonien, Gesang, Spiel Bṛhat Saṃhitā 97.10; Muhūrta-Cintāmaṇi 2.7
MenschengruppenDuftstoffe, Gewänder, Lotosse, Blüten, Früchte, Edelsteine, Waldbewohner, Vögel, Gazellen, Somatrinker, Musiker, Verliebte, Briefboten Bṛhat Saṃhitā 15.3

Wo die Quellen auseinandergehen

Der Name im Brāhmaṇa ist ein anderer. Die Taittirīya-Saṃhitā nennt das Nakṣatra mṛgaśīrṣa, das Taittirīya-Brāhmaṇa dagegen invakā, im Plural. Bhaṭṭabhāskara setzt beide in seinem Kommentar ausdrücklich gleich: somasyenvakā mṛgaśīrṣaḥ. Was invakā bedeutet, ist nicht geklärt — die Lexikographie führt das Wort als Nakṣatra-Namen ohne durchsichtige Etymologie, und es wird hier nicht geraten. Mṛgaśiras ist einer von vier Fällen, in denen Saṃhitā und Brāhmaṇa verschiedene Namen führen; die übrigen sind bāhū für Ārdrā, niṣṭyā für Svātī und mūlavarhaṇī für Mūla.

Varṇa. Im Melāpaka, dem Heiratsvergleich, wird der Varṇa nach dem Rāśi vergeben, nicht nach dem Nakṣatra:

Muhūrta-Cintāmaṇi 6.22

द्विजा झषालिकर्कटास् ततो नृपा विशो ऽङ्घ्रिजाः

dvijā jhaṣālikarkaṭās tato nṛpā viśo 'ṅghrijāḥ

Brahmanen [sind] Mīna, Vṛścika und Karka; darauf die Fürsten [Kṣatriyas], die Vaiśyas, die Śūdras.

Dvijā: Brahmanen; wörtl. „zweimal Geborene" (m. 1/3). Jhaṣālikarkaṭās: Mīna, Vṛścika und Karka; wörtl. jhaṣa (Fisch = Mīna) + āli (Skorpion = Vṛścika) + karkaṭa (Krebs = Karka) (m. 1/3). Tato: darauf, danach (avy.). Nṛpā: Fürsten, Kṣatriyas; wörtl. nṛ (Mensch) + pa (schützend) (m. 1/3). Viśo: Vaiśyas, die Leute des dritten Standes (f. 1/3). 'ṅghrijāḥ: Śūdras; wörtl. aṅghri (Fuss) + ja (geboren) (m. 1/3).

Der Kommentar löst auf: vṛṣakanyāmakarā viśo vaiśyāḥ, mithunatulākumbhā aṅghrijāḥ śūdrāḥ — „Vṛṣa, Kanyā und Makara sind die Vaiśyas; Mithuna, Tulā und Kumbha die Śūdras."

Mṛgaśiras liegt zur Hälfte in Vṛṣabha und zur Hälfte in Mithuna. Im Aṣṭakūṭa ist es damit vaiśya in den Pādas 1–2 und śūdra in den Pādas 3–4 — zwei Werte für dasselbe Nakṣatra, und zwar zu gleichen Teilen. Das ist keine Ungenauigkeit der Überlieferung, sondern folgt zwingend aus dem Vers. Die Bṛhat Saṃhitā ordnet Mṛgaśiras dagegen in 15.30 zusammen mit Jyeṣṭhā, Citrā und Dhaniṣṭhā denen zu, die „zur Herrschaft über das Dienervolk gelangt sind" — eine gesellschaftsprognostische Einteilung in sieben Klassen, kein Kūṭa der Heiratsprüfung. Dass Varāhamihira das System Gaṇa/Yoni/Nāḍī/Varṇa überhaupt nicht kennt, macht die Vermengung der beiden Quellen erst recht unzulässig.

Guṇa. Das eigene Kursmaterial führt zwei nicht deckungsgleiche Systeme unter demselben Namen: ein dreiwertiges, das jedem Nakṣatra einen Guṇa je Loka-Ebene gibt (für Mṛgaśiras Rajas/Tamas/Tamas), und ein einwertiges nach dem Navatārā-Schema, das den Guṇa des Tārā-Herrschers ansetzt (für Mṛgaśiras Tamas, über Maṅgala). Die beiden geben hier verschiedene Werte. Sie widersprechen einander nicht wirklich — sie beantworten verschiedene Fragen —, werden aber regelmässig vermengt.

Yoni-Geschlecht. Die modernen Tabellen geben für Mṛgaśiras „Schlange, weiblich". Das Tier ist belegt, das Geschlecht nicht. Die klassische Lehre kennt vierzehn Tiere für achtundzwanzig Nakṣatras und rechnet ausschliesslich mit Freundschaft und Feindschaft der Arten; der Kommentar zum Muhūrta-Cintāmaṇi zitiert dazu das Daivajñamanohara: aṣṭāviṃśatitārāṇāṃ yonayas tu caturdaśa. Die Aufteilung des Paares Rohiṇī/Mṛgaśiras in eine männliche und eine weibliche Schlange ist eine spätere Ausdifferenzierung, für die sich kein Vers finden liess. Mṛgaśiras’ Gegenspieler ist nach der Bauform des Verses der Mungo, also Uttarāṣāḍhā und Abhijit.

Zwei Symbolformen. Der eigene Fliesstext nennt als Symbol das Geweih, die Astronomie-Übersicht den Antilopenkopf. Das ist kein Widerspruch — das Geweih ist der Teil, der Kopf das Ganze —, aber es ist festzuhalten, dass kein klassischer Vers ein Symbol nennt. Der einzige Beleg ist der Name selbst, und der sagt „Antilopenkopf".

Ein Fehler in der eigenen Herrschertabelle. Der Herrscher Maṅgala stützt sich auf die Viṃśottarī-Reihe und wird von der eigenen Herrscherliste bestätigt. Dieselbe Liste führt aber an Position 17, wo Anurādhā stehen müsste, ein zweites Mal „8. Puṣya". Die Mṛgaśiras-Zeile ist davon nicht betroffen; der Fehler gehört trotzdem genannt, weil die Tabelle hier als Beleg auftritt.

Wesensart und Tätigkeiten

Die Wahllehre teilt die Nakṣatras nach ihrer Wesensart ein, weil davon abhängt, welche Unternehmung unter ihnen gelingt. Mṛgaśiras gehört zur sanften Gruppe, dem mṛduvarga:

Bṛhat Saṃhitā 97.10 (in Kerns Zählung 98.10)

मृदुवर्गो ऽनूराधाचित्रापौष्णैन्दवानि मित्रार्थे सुरतविधिवस्त्रभूषणमङ्गलगीतेषु च हितानि

mṛduvargo 'nūrādhācitrāpauṣṇaindavāni mitrārthe suratavidhivastrabhūṣaṇamaṅgalagīteṣu ca hitāni

Die sanfte Gruppe: Anurādhā, Citrā, das Pūṣan-Gestirn [Revatī] und das Mond-Gestirn [Mṛgaśiras]. Sie sind günstig für die Freundschaft, für den Vollzug der Liebe, für Kleider, Schmuck, Glückszeremonien und Gesang.

Mṛduvargo: die sanfte Gruppe; wörtl. mṛdu (sanft) + varga (Gruppe) (m. 1/1). 'nūrādhācitrāpauṣṇaindavāni: Anurādhā, Citrā, das Pūṣan-Gestirn (Revatī) und das Mond-Gestirn (Mṛgaśiras); wörtl. anūrādhā + citrā + pauṣṇa (dem Pūṣan gehörend) + aindava (dem Mond gehörend) (n. 1/3). Mitrārthe: für die Freundschaft, zum Zweck des Freundes; wörtl. mitra (Freund) + artha (Zweck) (m. 7/1). Suratavidhivastrabhūṣaṇamaṅgalagīteṣu: beim Vollzug der Liebe, bei Kleidern, Schmuck, Glückszeremonien und Gesang; wörtl. surata (Liebesvereinigung) + vidhi (Vollzug) + vastra (Kleid) + bhūṣaṇa (Schmuck) + maṅgala (Glücksritus) + gīta (Gesang) (n. 7/3). Ca: und (avy.). Hitāni: günstig, zuträglich (n. 1/3).

Ausgabe H. Kern, Kalkutta 1865, dort als 98.10. Kern liest mṛduvargas tv anurādhā…; Tripāṭhīs Lesart verlangt ein metrisch gedehntes anūrādhā, Kerns nicht. Sachlich identisch. — Das Nakṣatra wird hier als aindava, „dem Mond gehörend", umschrieben, also über die Gottheit Soma.

Der Muhūrta-Cintāmaṇi schreibt dieselbe Gruppe aus, trägt den zweiten Klassennamen und den Wochentag nach und verdichtet die Tätigkeitsliste:

Muhūrta-Cintāmaṇi 2.7

मृगान्त्यचित्रामित्रर्क्षं मृदु मैत्रं भृगुस् तथा तत्र गीताम्बरक्रीडामित्रकार्यं विभूषणम्

mṛgāntyacitrāmitrarkṣaṃ mṛdu maitraṃ bhṛgus tathā tatra gītāmbarakrīḍāmitrakāryaṃ vibhūṣaṇam

Mṛgaśiras, das letzte [Revatī], Citrā und das Mitra-Nakṣatra [Anurādhā], ebenso der Venustag [Freitag], sind mṛdu, „sanft", und maitra, „freundlich". Darin: Gesang, Kleidung, Spiel, Freundesdienst, Schmuck.

Mṛgāntyacitrāmitrarkṣaṃ: Mṛgaśiras, das letzte (Revatī), Citrā und das Mitra-Gestirn (Anurādhā); wörtl. mṛga (Mṛgaśiras) + antya (das letzte) + citrā + mitrarkṣa (Gestirn des Mitra) (n. 1/1). Mṛdu: sanft - Name der Nakṣatra-Klasse (n. 1/1). Maitraṃ: freundlich, dem Mitra gehörend - zweiter Name derselben Klasse (n. 1/1). Bhṛgus: Bhṛgu (Śukra), der Freitag (m. 1/1). Tathā: ebenso (avy.). Tatra: darin, dort (avy.). Gītāmbarakrīḍāmitrakāryaṃ: Gesang, Kleidung, Spiel und Freundesdienst; wörtl. gīta (Gesang) + ambara (Gewand) + krīḍā (Spiel) + mitrakārya (Freundeswerk) (n. 1/1). Vibhūṣaṇam: Schmuck, Zierat (n. 1/1).

Kollation aus drei Ausgaben, buchstabengleich. Der Kommentar löst auf: krīḍā striyā saha krīḍā („krīḍā ist das Spiel mit einer Frau"), mitrasyeṣṭasya kāryaṃ („das Werk für den geliebten Freund"). Die Klasse erbt ausserdem die Tätigkeiten der dhruva-Gruppe.

Zur Terminologie: maitra als Klassenname ist jünger als die Bṛhat Saṃhitā; Varāhamihira sagt mṛdu beziehungsweise mṛduvarga. Dasselbe gilt für sthira, dāruṇa, krūra, kṣipra, sādhāraṇa und cara — keiner dieser Klassennamen steht bei Varāhamihira.

Und hier ist der Gleichklang zu bemerken, der weiter oben schon angesprochen wurde: Kleid und Gewand stehen an zwei ganz verschiedenen Stellen der Überlieferung. Varāhamihira nennt vastra, der Muhūrta-Cintāmaṇi ambara — und Bhaṭṭabhāskara baut die ganze Śakti-Formel auf dem Weben auf. Die beiden Stränge sind unabhängig voneinander: der eine kommentiert ein vedisches Brāhmaṇa, der andere schreibt eine Wahllehre, und zwischen ihnen liegen Jahrhunderte. Dass sie beim selben Bild landen, ist bemerkenswert.

Ein anderes Kapitel der Bṛhat Saṃhitā ordnet den Nakṣatras Menschen- und Berufsgruppen zu — es geht dort um Vorzeichendeutung im grossen Massstab, nicht um Geburtsdeutung:

Bṛhat Saṃhitā 15.3

मृगशिरसि सुरभिवस्त्राब्जकुसुमफलरत्नवनचरविहङ्गाः मृगसोमपीथिगान्धर्वकामुका लेखहाराश् च

mṛgaśirasi surabhivastrābjakusumaphalaratnavanacaravihaṅgāḥ mṛgasomapīthigāndharvakāmukā lekhahārāś ca

Bei Mṛgaśiras: Duftstoffe, Gewänder, Lotosse, Blüten, Früchte, Edelsteine, Waldbewohner, Vögel; Gazellen, Somatrinker, Musiker, Verliebte — und Briefboten.

Mṛgaśirasi: bei Mṛgaśiras; wörtl. mṛga (Antilope) + śiras (Kopf) (n. 7/1). Surabhivastrābjakusumaphalaratnavanacaravihaṅgāḥ: Duftstoffe, Gewänder, Lotosse, Blüten, Früchte, Edelsteine, Waldbewohner und Vögel; wörtl. surabhi (Duftstoff) + vastra (Gewand) + abja (Lotos) + kusuma (Blüte) + phala (Frucht) + ratna (Edelstein) + vanacara (Waldbewohner) + vihaṅga (Vogel) (m. 1/3). Mṛgasomapīthigāndharvakāmukā: Gazellen, Somatrinker, Musiker und Verliebte; wörtl. mṛga (Gazelle) + somapīthin (Somatrinker) + gāndharva (Musiker) + kāmuka (Verliebter) (m. 1/3). Lekhahārāś: Briefboten; wörtl. lekha (Schrift, Brief) + hāra (tragend) (m. 1/3). Ca: und (avy.).

Ausgabe H. Kern, Kalkutta 1865. Das Kapitel zählt von Kṛttikā an; Mṛgaśiras steht deshalb als drittes, was hier zufällig mit der heutigen Nummer nicht übereinstimmt — dort wäre es das fünfte.

Es ist die sinnlichste Liste des ganzen Kapitels. Kein Handwerk, kein Amt, keine Gewalt: Duft, Gewand, Blüte, Frucht, Edelstein, Gesang, Liebe. Zweimal steht darin das Wort mṛga — einmal im Namen des Nakṣatras, einmal als Gazelle in der Aufzählung —, und einmal soma: der somapīthin, der Somatrinker, ist derjenige, der am Opfer teilhat. Der einzige Beruf in der Reihe ist der Briefbote, lekhahāra. Wer die Muhūrta-Literatur daneben liest, findet dieselbe Welt: Gesang, Kleid, Spiel, Freundesdienst.

Mitzulesen sind die Schlussverse des Kapitels: 15.31 f. sagt ausdrücklich, dass die Zuordnungen Bedingungen haben — die Gruppe eines Nakṣatras gedeiht oder leidet je nach dem Planetenstand an ihrem Gestirn. Wer Bṛhat Saṃhitā 15 als statische Attributliste zitiert, zitiert diese Einschränkung weg.

Der Jātaka-Pārijāta schliesslich sagt, was ein unter Mṛgaśiras Geborener mitbekommt:

Jātaka-Pārijāta 9.85a (in der Kashi-Zählung 9.86)

चान्द्रे सौम्यमनो ऽटनः कुटिलदृक् कामातुरो रोगवान्

cāndre saumyamano 'ṭanaḥ kuṭiladṛk kāmāturo rogavān

Unter dem Mond-Gestirn [Mṛgaśiras wird man] sanften Sinnes, umherziehend, von schiefem Blick, liebeskrank und kränklich.

Cāndre: unter dem Mond-Gestirn, unter Mṛgaśiras; wörtl. „dem Candra gehörend" (n. 7/1). Saumyamano: von sanftem Sinn; wörtl. saumya (sanft, mondhaft) + manas (Sinn) (m. 1/1). 'ṭanaḥ: umherziehend, wandernd (m. 1/1). Kuṭiladṛk: von schiefem Blick; wörtl. kuṭila (krumm) + dṛś (Blick) (m. 1/1). Kāmāturo: liebeskrank; wörtl. kāma (Liebe) + ātura (leidend) (m. 1/1). Rogavān: kränklich, mit Krankheit behaftet (m. 1/1).

Ausgabe V. Subrahmanya Sastri 1932, Bd. I, S. 627; die Kashi Sanskrit Series zählt um eins höher. Sastris Druck schreibt saumyamanoṭanaḥ ohne Avagraha; aufzulösen als saumyamanāḥ + aṭanaḥ. Die Kashi-Ausgabe setzt den Avagraha und bestätigt die Auflösung. Sastris eigene englische Wiedergabe: „soft-hearted, wandering, squint-eyed, love-sick and ailing."

Der erste Zug, saumyamanas, ist wörtlich „von Soma-Sinn": es ist das Adjektiv zur Gottheit dieses Abschnitts. Der Vers spielt also mit demselben Wort, mit dem er das Nakṣatra benennt — er sagt cāndra, „das Mondliche", und dann saumya, „das Somahafte". Das ist keine Wiederholung, sondern Technik: die Jātaka-Literatur leitet den Charakter aus dem Namen der Gottheit ab.

Die Sterne des Asterismus

Der Kopf des Orion im Abschnitt der Mṛgaśiras. Massstab in Länge und Breite gleich; die Ekliptik liegt acht Grad über dem oberen Bildrand, weil die Gruppe dreizehn bis vierzehn Grad südlich von ihr steht. Siderische Länge zum Stichjahr 2025,0 mit dem Ayanāṃśa nach Lahiri; ekliptikale Breite J2000,0. Punktgrösse nach scheinbarer Helligkeit. Der offene Kreis ist die Sollposition der Yogatārā nach dem Sūrya-Siddhānta; Betelgeuse ist eingezeichnet, weil er heute rechnerisch in diesem Abschnitt steht, obwohl ihn die Überlieferung zu Ārdrā zählt. Der Kopf des Orion im Abschnitt der Mṛgaśiras. Massstab in Länge und Breite gleich; die Ekliptik liegt acht Grad über dem oberen Bildrand, weil die Gruppe dreizehn bis vierzehn Grad südlich von ihr steht. Siderische Länge zum Stichjahr 2025,0 mit dem Ayanāṃśa nach Lahiri; ekliptikale Breite J2000,0. Punktgrösse nach scheinbarer Helligkeit. Der offene Kreis ist die Sollposition der Yogatārā nach dem Sūrya-Siddhānta; Betelgeuse ist eingezeichnet, weil er heute rechnerisch in diesem Abschnitt steht, obwohl ihn die Überlieferung zu Ārdrā zählt.

Der Kopf des Orion im Abschnitt der Mṛgaśiras. Massstab in Länge und Breite gleich; die Ekliptik liegt acht Grad über dem oberen Bildrand, weil die Gruppe dreizehn bis vierzehn Grad südlich von ihr steht. Siderische Länge zum Stichjahr 2025,0 mit dem Ayanāṃśa nach Lahiri; ekliptikale Breite J2000,0. Punktgrösse nach scheinbarer Helligkeit. Der offene Kreis ist die Sollposition der Yogatārā nach dem Sūrya-Siddhānta; Betelgeuse ist eingezeichnet, weil er heute rechnerisch in diesem Abschnitt steht, obwohl ihn die Überlieferung zu Ārdrā zählt.

Koordinaten aus SIMBAD (Abruf 15. September 2026); Sollposition aus Sūrya-Siddhānta 8.2 und 8.6 nach Burgess 1860.

Welche Sterne gemeint sind, ist bei Mṛgaśiras unstrittig: λ, φ¹ und φ² Orionis, das kleine Dreieck schwacher Sterne im Kopf des Orion. Alle Autoritäten geben drei, und das Sūrya-Siddhānta bestimmt in 8.16 die nördliche als yogatārā — das ist λ Orionis, Meissa. Lagebeschreibung und Zahlenangaben decken sich; bei Kṛttikā zwei Abschnitte davor tun sie es nicht.

Der Name trifft hier ausnahmsweise die Sternfigur. Mṛgaśīrṣa heisst „Antilopenkopf", und das Dreieck der drei Sterne sitzt tatsächlich dort, wo man am Orion den Kopf ansetzt. Whitney hält für die Reihe insgesamt fest, dass die Figuren gewöhnlich „in Anspielung auf die waltenden Gottheiten und nicht aufgrund einer eingebildeten Ähnlichkeit" gewählt sind; bei Mṛgaśiras ist die Ähnlichkeit da.

Ein Fehler, in dem sich alle Autoritäten einig sind. Burgess merkt an, die indische Breitenangabe sei bei diesem Nakṣatra „far from accurate": das Sūrya-Siddhānta gibt −9°48′, tatsächlich sind es −13°22′ — ein Fehler von 3°34′. Und er fügt hinzu, „in this erroneous determination of the latitude all authorities agree". Es ist also kein Abschreibfehler einer einzelnen Handschrift, sondern ein gemeinsamer Zug der ganzen Überlieferung. Woher er kommt, ist nicht geklärt.

Die Sterne im Katalog

λ Oriφ¹ Oriφ² Oriα Ori
EigennameMeissaBetelgeuse
HR1879187619072061
HD36861368223716039801
HIP26207261762636627989
Helligkeit V3,664,414,090,42
SpektraltypO8IIIf + B0.5VB0.2IVG9.5IIIbM1-M2Ia-Iab
Ekl. Länge J200083° 42′83° 36′84° 08′88° 45′
Ekl. Breite J2000−13° 22′−13° 49′−14° 02′−16° 02′

λ Orionis ist ein Doppelstern aus einem O- und einem B-Stern, einer der heissesten Sterne, die mit blossem Auge sichtbar sind — und er steckt in einem eigenen Nebel, der ihn umgibt. φ¹ ist ebenfalls ein blauer B-Stern, φ² dagegen ein gelblicher Riese; die drei gehören räumlich nicht zusammen. Betelgeuse steht in der Tabelle, weil er weiter unten eine Rolle spielt: er ist ein roter Überriese, einer der grössten bekannten Sterne überhaupt, und mit 0,4 Grössenklassen weit heller als alles andere in dieser Gegend.

Wo die Sterne heute stehen

Um zu prüfen, ob die Sterne im Abschnitt Mṛgaśiras liegen, müssen ihre Positionen von J2000,0 auf ein Stichjahr fortgeschrieben und dann um den Ayanāṃśa vermindert werden. Für 2025,0 ergibt sich:

Ayanāṃśa (2025,0)φ¹ Oriλ Oriφ² Oriα Ori (Betelgeuse)
Lahiri / Citrāpakṣa29° 45′ Vṛṣabha29° 51′ Vṛṣabha0° 16′ Mithuna4° 54′ Mithuna
True Citrā29° 46′ Vṛṣabha29° 52′ Vṛṣabha0° 17′ Mithuna4° 55′ Mithuna
Krishnamurti29° 51′ Vṛṣabha29° 57′ Vṛṣabha0° 22′ Mithuna5° 00′ Mithuna
Raman1° 12′ Mithuna1° 18′ Mithuna1° 43′ Mithuna6° 21′ Mithuna
Fagan / Bradley28° 52′ Vṛṣabha28° 58′ Vṛṣabha29° 23′ Vṛṣabha4° 01′ Mithuna

Mṛgaśiras reicht von 23°20′ Vṛṣabha bis 6°40′ Mithuna. Alle drei Sterne der Gruppe liegen bei jedem gebräuchlichen Ayanāṃśa innerhalb des Abschnitts. φ² Orionis steht mit 0°16′ Mithuna noch 6°24′ vor der Grenze zu Ārdrā; erst ein Ayanāṃśa unter 17°49′ brächte ihn hinaus, was für keinen gebräuchlichen Wert zutrifft.

Bemerkenswert ist die Lage innerhalb des Abschnitts. Die Sternfigur sitzt nicht in dessen Mitte, sondern an seinem Ende: λ und φ¹ stehen im zweiten Pāda, φ² schon im dritten, und der vierte Pāda ist sternleer. Die Sollposition des Sūrya-Siddhānta landet dagegen, in denselben Rahmen umgerechnet, bei 27°14′ Vṛṣabha, also im ersten Pāda — zweieinhalb Grad westlich der Sterne. Das ist die Folge des Breitenfehlers, den Burgess anmerkt.

Betelgeuse steht heute in Mṛgaśiras

Das ist der auffälligste Einzelbefund dieses Abschnitts — und er betrifft eigentlich das Nachbarnakṣatra.

Ārdrā besteht nach allen Autoritäten aus einem einzigen Stern, und die Standardzuordnung — Colebrooke, Whitney und Burgess, die moderne Tabellenliteratur — nennt α Orionis, Betelgeuse. Rechnet man Betelgeuse auf 2025,0 fort und zieht den Ayanāṃśa ab, so steht der Stern bei 4°54′ Mithuna nach Lahiri. Das ist in Mṛgaśiras, 1°46′ vor dessen Ende — und zwar bei allen fünf geprüften Ayanāṃśas, wie die Tabelle oben zeigt. Erst ein Ayanāṃśa unter 22°26′ brächte Betelgeuse in Ārdrā hinein; Raman kommt mit 22°46′ am nächsten und reicht doch nicht.

Wie ist das einzuordnen? Nicht als Fehler der Tradition. Es ist die Rahmendifferenz zwischen dem Sūrya-Siddhānta und dem heutigen Lahiri-Rahmen, und sie betrifft mehrere Nakṣatras — bei etlichen steht der überlieferte Leitstern heute im vorhergehenden Abschnitt. Bei Ārdrā kommt allerdings hinzu, dass schon Burgess die Zuordnung für unerklärlich hielt: „We confess ourselves unable to account for the confusion existing with regard to this asterism, of which al-Bīrūnī also could obtain no intelligible account from his Indian teachers." Eine Arbeit von 2024 (Shylaja und Pai im Journal of Astronomical History and Heritage) schlägt aus den Koordinaten der indischen Astrolabien-Handbücher statt Betelgeuse γ Geminorum (Alhena) für Ārdrā vor; γ Gem liegt bei allen fünf Ayanāṃśas bequem in Ārdrā.

Für dieses Portrait gilt beides nebeneinander: rechnerisch steht Betelgeuse in Mṛgaśiras, in der lebenden Tradition gehört er zu Ārdrā. Nichts davon wird hier aufgelöst — die Sache gehört ins Ārdrā-Portrait, und dort ist sie auch nicht entschieden. Die Grafik oben zeigt den Stern mit dieser doppelten Beschriftung.

Sichtbarkeit

Von mitteleuropäischer Breite (rund 47° Nord) kulminiert die Gruppe zwischen 52,3 und 52,9 Grad hoch. Um Mitternacht kulminiert sie um den 16. Dezember, in Sonnennähe steht sie um den 15. Juni; etwa vier Wochen davor und danach ist sie unsichtbar.

Das Auffinden ist eine Übung in Geduld. Der Orion selbst ist das bekannteste Wintersternbild überhaupt, und Betelgeuse steht als heller oranger Punkt an seiner Schulter — aber die drei Sterne, um die es geht, sind mit 3,7ᵐ bis 4,4ᵐ lichtschwach und stehen dicht beieinander oberhalb der Schultern. Unter Stadthimmel bleibt der Kopf des Orion unsichtbar, obwohl Gürtel und Schultern unübersehbar sind. Wer ihn findet, hat einen ordentlichen Himmel.

Namen und Namensvarianten

Mṛgaśīrṣa setzt sich zusammen aus mṛga, „Antilope, Wild", und śīrṣa, „Kopf". Die Bedeutung ist durchsichtig, und die Sternfigur stützt sie. Daneben laufen die Nebenformen mṛgaśiras (mit dem Stammwort śiras statt śīrṣa; so die Bṛhat Saṃhitā) und mṛgaśirā; die Merkverse der Lehrüberlieferung kürzen zu mṛga. Sachlich ist das dasselbe Wort.

Das Taittirīya-Brāhmaṇa führt einen ganz anderen Namen. Statt mṛgaśīrṣa steht dort invakā, im Plural, und zwar in beiden Digitalisaten. Bhaṭṭabhāskara setzt die beiden in seinem Kommentar ausdrücklich gleich: somasyenvakā mṛgaśīrṣaḥ — „Somas ist invakā, das heisst Mṛgaśīrṣa." Was invakā bedeutet, lässt sich nicht sagen: die Lexikographie führt das Wort als Nakṣatra-Namen ohne durchsichtige Etymologie, und es wird hier nicht geraten.

Mṛgaśiras ist damit einer von vier Fällen, in denen die Taittirīya-Saṃhitā und das Taittirīya-Brāhmaṇa verschiedene Namen für dasselbe Nakṣatra führen; die übrigen sind bāhū („die beiden Arme") für Ārdrā, niṣṭyā für Svātī und mūlavarhaṇī für Mūla. In allen vier Fällen hat sich die Form der Saṃhitā durchgesetzt.

Eine dritte Bezeichnung läuft über die Gottheit: die Attributverse nennen das Nakṣatra regelmässig aindava oder cāndra, „das dem Mond Gehörende" — so Bṛhat Saṃhitā 97.10 und Jātaka-Pārijāta 9.85. Das ist kein eigener Name, sondern die übliche Umschreibungstechnik dieser Texte.

Die Verse

Die älteste Stelle, die Mṛgaśiras nennt, steht in der Taittirīya-Saṃhitā, in der Aufzählung der Nakṣatra-Feueraltarziegel — jeweils Nakṣatra und zugehörige Gottheit. Mṛgaśiras steht dort an dritter Stelle, weil die Reihe bei Kṛttikā beginnt:

Taittirīya-Saṃhitā 4.4.10.1

मृगशीर्षं नक्षत्रं सोमो देवता

mr̥gaśīrṣáṃ nákṣatraṁ sómo devátā

Mṛgaśīrṣa ist das Nakṣatra, Soma die Gottheit.

Mṛgaśīrṣaṃ: Mṛgaśīrṣa, der Antilopenkopf; 5. Nakṣatra; wörtl. mṛga (Antilope, Wild) + śīrṣa (Kopf) (n. 1/1). Nakṣatraṃ: Nakṣatra, Gestirn, Mondhaus (n. 1/1). Somo: Soma, der Mondgott und der Opfertrank (m. 1/1). Devatā: Gottheit (f. 1/1).

Wortlaut nach TITUS (akzentuierte Umschrift); Devanāgarī-Ausgabe bei sanskritdocuments.org. Im fortlaufenden Text schliesst sich unmittelbar der nächste Eintrag an (ārdrā), dessen Anfang durch Sandhi mit devátā verschmilzt.

Das Taittirīya-Brāhmaṇa führt dieselbe Reihe, stellt aber die Gottheit in den Genitiv voran, fügt jedem Nakṣatra ein Begriffspaar bei — eines „oberhalb", eines „unterhalb" — und benutzt hier den anderen Namen:

Taittirīya-Brāhmaṇa 1.5.1.1

सोमस्येन्वका विततानि परस्ताद् वयन्तो ऽवस्तात्

sómasyenvakā́ vítatāni parástād váyanto 'vástāt

Des Soma sind die Invakās. Die Ausgespannten oberhalb, die Webenden unterhalb.

Somasya: des Soma (m. 6/1). Invakā: die Invakās, ältere Namensform von Mṛgaśīrṣa (f. 1/3). Vitatāni: die Ausgespannten, die aufgespannten Fäden des Aufzugs (n. 1/3). Parastād: oberhalb, darüber, jenseits (avy.). Vayanto: die Webenden (m. 1/3). 'vastāt: unterhalb, darunter, diesseits (avy.).

Umschrift nach TITUS, Devanāgarī nach sanskritdocuments.org. Die Devanāgarī-Ausgabe setzt vitatāni noch an das Ende des ersten Satzes und beginnt den zweiten mit parastāt; das ist ein Segmentierungsartefakt des Satzes, keine Lesart. Wortglossar hier erstellt; das Werk liegt noch nicht in der Textdatenbank dieser Seite.

Dieses Begriffspaar ist die Grundlage der Śakti-Angabe weiter oben: vítatāni und váyanto sind das „oberhalb" und „unterhalb" der Formel. Was das Brāhmaṇa nüchtern nebeneinanderstellt — aufgespannte Fäden und Webende —, deutet Bhaṭṭabhāskara als Kettfaden und Weber und trägt das mittlere Glied, die Kraft des Erfreuens, erst ein.

Aus der neueren Lehrüberlieferung stammen die Merkverse, mit denen die Reihe der Nakṣatra-Namen gelernt wird. Mṛgaśiras steht dort an fünfter Stelle, gekürzt zu mṛga:

Ārambha-Kursverse, Nakṣatra-Abschnitt 1

अश्विनी भरणी चैव कृत्तिका रोहिणी मृगः आर्द्रा पुनर्वसुः पुष्यस् ततो ऽश्लेषा मघा तथा

aśvinī bharaṇī caiva kṛttikā rohiṇī mṛgaḥ ārdrā punarvasuḥ puṣyas tato 'śleṣā maghā tathā

Aśvinī, Bharaṇī und Kṛttikā, Rohiṇī, Mṛga[śiras]; Ārdrā, Punarvasu, Puṣya, darauf Āśleṣā und ebenso Maghā.

Aśvinī: Aśvinī, 1. Nakṣatra (f. 1/1). Bharaṇī: Bharaṇī, 2. Nakṣatra (f. 1/1). Ca: und (avy.). Eva: eben (avy.). Kṛttikā: Kṛttikā, 3. Nakṣatra (f. 1/1). Rohiṇī: Rohiṇī, 4. Nakṣatra (f. 1/1). Mṛgaḥ: Mṛga(śiras), 5. Nakṣatra (m. 1/1). Ārdrā: Ārdrā, 6. Nakṣatra (f. 1/1). Punarvasuḥ: Punarvasu, 7. Nakṣatra (m. 1/1). Puṣyas: Puṣya, 8. Nakṣatra (m. 1/1). Tato: darauf (avy.). 'śleṣā: Āśleṣā, 9. Nakṣatra (f. 1/1). Maghā: Maghā, 10. Nakṣatra (f. 1/1). Tathā: ebenso (avy.).

Quelle ungeklärt (Ārambha-Kursmaterial, Pt. Sanjay Rath)

Grammatikangaben im Glossar sind unter Grammatik-Abkürzungen erklärt.

Zur Quellenlage dieses Portraits

Die Angaben oben ruhen auf ungleichem Grund, und das soll sichtbar bleiben.

Sicher ist alles Rechnerische: die Gradgrenzen, die vier Pādas, ihre Navāṃśa-Zeichen, die hälftige Aufteilung auf Vṛṣabha und Mithuna. Das folgt aus der Einteilung selbst, ist gegen die eigene Berechnungsbibliothek geprüft und wird von den beiden zitierten Rāśi-Versen bestätigt. Sicher ist auch der Herrscher Maṅgala aus der Viṃśottarī-Reihe.

Am Originalvers belegt sind: die Devatā Soma und beide Namensformen (Taittirīya-Saṃhitā 4.4.10, Taittirīya-Brāhmaṇa 1.5.1 und 3.1.1), die Śakti samt ihren drei Gliedern (Bhaṭṭabhāskara zum Brāhmaṇa), die Wesensart mṛdu/maitra und die zugehörigen Tätigkeiten (Bṛhat Saṃhitā 97.10, Muhūrta-Cintāmaṇi 2.7), die Menschengruppen (Bṛhat Saṃhitā 15.3), Gaṇa, Yoni und Nāḍī (Muhūrta-Cintāmaṇi 6.29, 6.25, 6.34), das Mukha (2.9), der Varṇa über den Rāśi (6.22) sowie die Geburtsdeutung (Jātaka-Pārijāta 9.85). Die Sternidentifikation ist belegt und unstrittig.

Nicht belegt und deshalb markiert oder ganz weggelassen: das Geschlecht der Yoni, für das die klassische Lehre gar keinen Platz hat (vierzehn Tiere für achtundzwanzig Nakṣatras, gerechnet wird mit Artenfreundschaft); die Himmelsrichtung; die Namenssilben; das Symbol als solches — ein klassischer Vers, der „Geweih" oder „Antilopenkopf" als Zeichen nennt, liess sich nicht finden, und der einzige Beleg ist der Name selbst; und die Bedeutung von invakā, die offen bleibt.

Berichtigt wurde die Herkunft der Śakti-Formel: sie stammt von Bhaṭṭabhāskara Miśra, nicht von Sāyaṇa. Dazu kommt das Attribut kālātmikā, „zeitgestaltig", das zur Formel gehört und in der modernen Wiedergabe durchweg fehlt.

Nicht geglättet wurden zwei Dinge. Erstens der Breitenfehler des Sūrya-Siddhānta von 3°34′, in dem nach Burgess „alle Autoritäten einig" sind — er bleibt unerklärt. Zweitens, und wichtiger: Betelgeuse steht heute rechnerisch in Mṛgaśiras, obwohl die Überlieferung ihn zu Ārdrā zählt. Beides steht hier nebeneinander; die Entscheidung gehört nicht in dieses Portrait.

Bei den Versen ist zu unterscheiden. Die Taittirīya-Stellen, der Kommentar Bhaṭṭabhāskaras und die Verse aus Bṛhat Saṃhitā, Muhūrta-Cintāmaṇi und Jātaka-Pārijāta sind edierter Text mit nachprüfbarer Fundstelle. Der Merkvers der Nakṣatra-Namen und die beiden Verse zur Pāda-Verteilung dagegen stammen aus einem Kursmaterial, dessen Wortlaut keiner Stelle eines klassischen Werks zugeordnet werden konnte. Sie werden deshalb als das ausgewiesen, was sie sind: gelernte Verse einer lebendigen Lehrtradition, nicht edierter Text.

Was noch offen ist: Die Nārada-Saṃhitā und das Vivāha-vṛndāvana, die Gaṇa, Yoni und Nāḍī bestätigen, waren nur als Kontrollzitate greifbar, nicht in eigener Ausgabe. Für das Yoni-Geschlecht wurde kein Vers gefunden. Und die Bedeutung von invakā liess sich nicht klären — weder Monier-Williams noch die eingesehenen Kommentare geben mehr her als „Name eines Nakṣatras".