Citrā

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चित्रा 14. Nakṣatra · 23°20′ Kanyā bis 6°40′ Tulā (siderisch) · Herrscher Maṅgala

Citrā heisst „die Glänzende", „die Bunte", „die Auffallende" — ein Name, der zum Stern passt wie bei kaum einem anderen Nakṣatra: Spica ist der hellste Stern der Jungfrau und einer der hellsten der ganzen Ekliptik. Citrā steht genau in der Mitte der Nakṣatra-Reihe, es liegt mit seiner Hälfte in Kanyā und mit seiner Hälfte in Tulā, und es ist der einzige Abschnitt, an dem der siderische Tierkreis selbst aufgehängt ist — das gebräuchlichste Ayanāṃśa heisst nach ihm.

Himmelsabschnitt und Pādas

Citrā reicht von 173°20′ bis 186°40′ siderischer Länge. Die Zeichengrenze zwischen Kanyā (Jungfrau) und Tulā (Waage) liegt bei 180°00′ und fällt damit genau auf die Mitte des Abschnitts: die Pādas 1 und 2 liegen in Kanyā, die Pādas 3 und 4 in Tulā. Von den neun Nakṣatras, die über eine Zeichengrenze hinwegliegen, ist Citrā das einzige, das sie sauber halbiert.

PādavonbisNavāṃśaPuruṣārthaSilbe
123°20′ Kanyā26°40′ KanyāSiṃhaDharmaपे pe
226°40′ Kanyā30°00′ KanyāKanyāArthaपो po
30°00′ Tulā3°20′ TulāTulāKāmaरा
43°20′ Tulā6°40′ TulāVṛścikaMokṣaरी

Die Gradgrenzen und die Navāṃśa-Zuordnung sind reine Arithmetik und gegen die eigene Berechnungsbibliothek geprüft. Die Silben stammen aus der Lehrüberlieferung; ein klassischer Vers, der sie festlegt, liess sich nicht nachweisen. Nach der überlieferten Namensgebung beginnt der Rufname eines Kindes mit der Silbe des Pādas, in dem der Mond zur Geburt stand.

Dass Citrā auf zwei Zeichen verteilt ist, sagen zwei Verse der Merkreihe — einer für jede Hälfte:

Ārambha-Kursverse, Rāśi-Abschnitt (Kanyā)

उत्तराफाल्गुन्यास् त्रयः पादा हस्तश् चित्रार्धं कन्या

uttarāphālgunyās trayaḥ pādā hastaś citrārdhaṃ kanyā

Drei Pādas von Uttarāphālgunī, [die vier von] Hasta und die [erste] Hälfte von Citrā [bilden] Kanyā [die Jungfrau].

Uttarāphālgunyās: von Uttarāphālgunī, 12. Nakṣatra (f. 6/1). Trayaḥ: drei (m. 1/3). Pādā: Pādas, Viertel (m. 1/3). Hastaś: Hasta, 13. Nakṣatra (m. 1/1). Citrārdhaṃ: die Hälfte von Citrā; wörtl. citrā (14. Nakṣatra) + ardha (Hälfte) (n. 1/1). Kanyā: Kanyā, die Jungfrau (6. Rāśi) (f. 1/1).

Quelle ungeklärt (Ārambha-Kursmaterial, Pt. Sanjay Rath)

Ārambha-Kursverse, Rāśi-Abschnitt (Tulā)

चित्रार्धं स्वाती विशाखापादत्रयं तुला

citrārdhaṃ svātī viśākhāpādatrayaṃ tulā

Die [zweite] Hälfte von Citrā, [die vier Pādas von] Svātī und drei Pādas von Viśākhā [bilden] Tulā [die Waage].

Citrārdhaṃ: die Hälfte von Citrā; wörtl. citrā (14. Nakṣatra) + ardha (Hälfte) (n. 1/1). Svātī: Svātī, 15. Nakṣatra (f. 1/1). Viśākhāpādatrayaṃ: drei Pādas von Viśākhā; wörtl. viśākhā (16. Nakṣatra) + pāda (Viertel) + traya (Dreiheit) (n. 1/1). Tulā: Tulā, die Waage (7. Rāśi) (f. 1/1).

Quelle ungeklärt (Ārambha-Kursmaterial, Pt. Sanjay Rath)

Die Devatā

Hier liegt der interessanteste Befund dieses Portraits, und er ist ein Widerspruch: dasselbe Werk nennt für Citrā zwei verschiedene Gottheiten.

Die vedischen Nakṣatra-Listen sagen Indra. Die Taittirīya-Saṃhitā führt in ihrer Reihe der Nakṣatra-Ziegel citrā́ nákṣatram índro devátā, „Citrā ist das Nakṣatra, Indra die Gottheit"; das Taittirīya-Brāhmaṇa wiederholt es in derselben Ordnung mit índrasya citrā́, „des Indra ist Citrā". Beide Stellen stehen unten bei den Versen.

Ein anderes Kapitel desselben Brāhmaṇa, die Nakṣatreṣṭi in TB 3.1, sagt dagegen Tvaṣṭr̥ — und zwar in einem eigens für Citrā gedichteten Mantra, das Tvaṣṭr̥ ausdrücklich als den Bildner anspricht, „der die Gestalten ausmeisselt". Auch Varāhamihira nennt in Bṛhat Saṃhitā 97.4 tvaṣṭṛ, und die heutige Lehrtabelle folgt ihm.

Zweierlei ist dabei festzuhalten. Erstens: beide Angaben sind primär. Es geht nicht um eine alte gegen eine junge Fassung, sondern um zwei Stellen desselben Textkorpus, die einander widersprechen. Zweitens: die verbreitete Harmonisierung ist Kommentar, nicht Text. Bhaṭṭabhāskara Miśra löst den Widerspruch auf, indem er indra an dieser Stelle als īśvara liest, „der Herr" — also nicht als den Götterkönig, sondern als Gottesbezeichnung schlechthin. Das ist eine elegante Auskunft, aber sie steht im Kommentar und nicht im Brāhmaṇa. Genau derselbe Fall liegt übrigens bei Śatabhiṣaj vor: TB 1.5.1 nennt dort Indra, TB 3.1.2 Varuṇa.

Tvaṣṭr̥ ist der göttliche Bildner der vedischen Götterwelt, der Zimmerer und Former — er schmiedet Indras Keule, er gestaltet die Leibesformen der Lebewesen im Mutterschoss. Sein Name gehört zur Wurzel tvakṣ, „zimmern, zurechthauen". Wer die Attributreihe von Citrā ansieht — Schmuck, Edelsteine, Färberei, Weberei, Schrift, Parfüm —, erkennt darin ohne Mühe das Handwerk des Formenden.

Die Śakti

Jedem Nakṣatra wird eine Śakti zugeschrieben, eine Wirkkraft, und zwar in einer dreigliedrigen Form: ein Begriff für die Kraft selbst, dazu etwas „oberhalb" und etwas „unterhalb", und aus dem Zusammentreffen der drei ein Ergebnis. Die beiden äusseren Glieder stehen wörtlich im Taittirīya-Brāhmaṇa — für Citrā ṛta, die Ordnung, und satya, die Wahrheit. Das mittlere Glied und das Ergebnis fehlen dort; sie stehen erst im Kommentar, und zwar nicht bei Sāyaṇa, wie häufig angenommen wird, sondern bei Bhaṭṭabhāskara Miśra, dessen Bhāṣyadīpikā älter ist als Sāyaṇas Bhāṣya:

Bhaṭṭabhāskara Miśra, Bhāṣyadīpikā zu Taittirīya-Brāhmaṇa 1.5.1

इन्द्रस्य चित्रा चायनीयशक्तिः इन्द्र ईश्वरः यतः चित्रा चायनीयशक्तिः पूजनीयान् कुर्वतः पूजायां त्रयं भवति परस्तात् ऋतं मनसा अमोघत्वम् मध्ये कालात्मा चायनीयशक्तिः अवस्तात् सत्यं वाचिकं यो वाचः फलविसंवादः एतत्त्रयसंपत्तौ कर्ता पूजाम् अधिगच्छति

indrasya citrā cāyanīyaśaktiḥ indra īśvaraḥ yataḥ citrā cāyanīyaśaktiḥ pūjanīyān kurvataḥ pūjāyāṃ trayaṃ bhavati parastād ṛtaṃ manasā amoghatvam madhye kālātmā cāyanīyaśaktiḥ avastāt satyaṃ vācikaṃ yo vācaḥ phalavisaṃvādaḥ etat-traya-saṃpattau kartā pūjām adhigacchati

Indras ist Citrā, die Kraft des Ehrens. Indra ist der Herr. Weil Citrā die Kraft des Ehrens ist, gibt es bei der Ehrung dessen, der Ehrwürdiges schafft, ein Dreifaches: oberhalb das ṛta, die Unfehlbarkeit im Denken; in der Mitte die zeitgestaltige Kraft des Ehrens; unterhalb die satya, die des Wortes — das Einstimmen der Rede mit der Frucht. Wenn diese drei zusammentreffen, erlangt der Handelnde Ehre.

Indrasya: des Indra (m. 6/1). Citrā: Citrā, 14. Nakṣatra (f. 1/1). Cāyanīyaśaktiḥ: die Kraft des Ehrens, des Ansammelns; wörtl. cāyanīya (zu ehren, zu sammeln) + śakti (Kraft) (f. 1/1). Indra: Indra (m. 1/1). Īśvaraḥ: der Herr, der Mächtige (m. 1/1). Yataḥ: weil, da (avy.). Pūjanīyān: die zu Ehrenden, das Ehrwürdige (Gerundiv von √pūj) (m. 2/3). Kurvataḥ: dessen, der schafft (Part. Präs. von √kṛ) (m. 6/1). Pūjāyāṃ: bei der Ehrung, Verehrung (f. 7/1). Trayaṃ: eine Dreiheit, ein Dreifaches (n. 1/1). Bhavati: es gibt, entsteht (laṭ III/1). Parastād: oberhalb, darüber (avy.). Ṛtaṃ: die (kosmische) Ordnung, das Rechte (n. 1/1). Manasā: mit dem Denken, im Geiste (n. 3/1). Amoghatvam: die Unfehlbarkeit; wörtl. a- (un-) + mogha (vergeblich) + -tva (-heit) (n. 1/1). Madhye: in der Mitte (n. 7/1). Kālātmā: zeitgestaltig, dessen Wesen die Zeit ist; wörtl. kāla (Zeit) + ātman (Wesen) (m. 1/1). Avastāt: unterhalb, darunter (avy.). Satyaṃ: die Wahrheit, das Wirkliche (n. 1/1). Vācikaṃ: das die Rede betreffende, sprachliche (n. 1/1). Yo: welcher (m. 1/1). Vācaḥ: der Rede (f. 6/1). Phalavisaṃvādaḥ: das Übereinstimmen (bzw. Nichtabweichen) mit der Frucht; wörtl. phala (Frucht, Ergebnis) + visaṃvāda (Widerspruch, Abweichung) (m. 1/1). Etat-traya-saṃpattau: beim Zusammentreffen dieser drei; wörtl. etad (dies) + traya (Dreiheit) + saṃpatti (Zusammentreffen) (f. 7/1). Kartā: der Handelnde, der Täter (m. 1/1). Pūjām: Ehre, Verehrung (f. 2/1). Adhigacchati: erlangt, erreicht (laṭ III/1).

Taittirīya-Brāhmaṇa mit Bhaṭṭabhāskara-Bhāṣya, Aṣṭaka 1, hrsg. A. Mahādeva Śāstrī, Mysore 1908, S. 249, Kommentarabschnitt 12. Am Seitenbild gelesen. Phalavisaṃvādaḥ steht dort so; sachlich wäre phalāvisaṃvādaḥ, „das Nichtabweichen", zu erwarten — hier nicht stillschweigend berichtigt.

Die Formel lautet also: kālātmā cāyanīyaśaktiḥ, „die zeitgestaltige Kraft des Ehrens". Drei Dinge, die in der modernen Wiedergabe regelmässig untergehen, sind daran bemerkenswert.

Erstens steht in jeder der 27 Formeln das Attribut kālātmikā oder kālātmā, „zeitgestaltig": die Kraft ist ausdrücklich die des Zeitlaufs an dieser Himmelsstelle, nicht eine Eigenschaft des Sterns. In der englischsprachigen Literatur fehlt dieses Wort durchweg.

Zweitens ist das Wortspiel sichtbar: ṛta ist das Rechte im Denken, satya das Wahre im Sprechen, und das Ergebnis ist pūjā, die Ehre. Wer richtig denkt und wahr spricht, wird geehrt — das ist die ganze Formel, und sie hängt nicht am Glanz, sondern an der Übereinstimmung von Wort und Sache.

Drittens gibt Bhaṭṭabhāskara hier — anders als bei den meisten Nakṣatras — dem Lemma eine kleine Ausdeutung mit: indra īśvaraḥ. Genau dieser Halbsatz ist es, der den Widerspruch zwischen den beiden Gottheitsangaben zudeckt.

Der Steckbrief

Die folgenden Zuschreibungen stammen aus verschiedenen Schichten der Überlieferung. Die Spalte rechts sagt bei jeder, worauf sie sich stützt. Wo eine Angabe in den hier greifbaren Quellen keinen Beleg hat, steht das ausdrücklich da, statt sie stillschweigend mitzuführen.

Himmelsabschnitt23°20′ Kanyā bis 6°40′ Tulā, siderisch Rechnung; Verse zur Pāda-Verteilung
Fixsternα Virginis (Spica) — ein einziger Stern, kein Dissens in irgendeiner geprüften Quelle Sūrya-Siddhānta 8; Whitney in Burgess 1860
HerrscherMaṅgala Viṃśottarī-Reihe
DevatāTvaṣṭr̥, der göttliche Bildner — im Brāhmaṇa selbst konkurriert Indra, siehe unten Taittirīya-Brāhmaṇa 3.1.1 und Bṛhat Saṃhitā 97.4 gegen Taittirīya-Saṃhitā 4.4.10 und Taittirīya-Brāhmaṇa 1.5.1
Śaktikālātmā cāyanīyaśaktiḥ, „die zeitgestaltige Kraft des Ehrens" — oberhalb ṛta, die Unfehlbarkeit im Denken, unterhalb satya, die Wahrheit des Wortes; Ergebnis: der Handelnde erlangt Ehre Bhaṭṭabhāskara zu Taittirīya-Brāhmaṇa 1.5.1
Symbolscheinende Perle; die Figurentafel der Siddhānta-Literatur nennt Perle oder Lampe eigenes Kursmaterial; Burgess 1860
Namensbedeutungcitrā „die Glänzende, Bunte, Auffallende" Wortbedeutung; der Name ist in beiden vedischen Listen derselbe
Wesensartmṛdu / maitra (sanft, freundlich) Bṛhat Saṃhitā 97.10; Muhūrta-Cintāmaṇi 2.7
Gaṇarākṣasa Muhūrta-Cintāmaṇi 6.29; Nārada-Saṃhitā 29.127
Yoni (Tier)Tiger (vyāghra), geteilt mit Viśākhā Muhūrta-Cintāmaṇi 6.26
Yoni-Geschlechtunbelegt — die klassische Lehre kennt kein Geschlecht der Yoni, siehe unten Negativbefund, siehe unten
Nāḍīmadhya (die mittlere) Muhūrta-Cintāmaṇi 6.34; Nārada-Saṃhitā 29.141
Varṇaim Heiratsvergleich vaiśya für die Pādas 1–2 (Kanyā), śūdra für die Pādas 3–4 (Tulā) — in der Gesellschaftszuordnung dagegen sevājana, das Dienervolk zwei verschiedene Systeme, siehe unten
GuṇaTamas/Tamas/Tamas im Nakṣatra-Guṇa-Schema — Tamas auch im Navatārā-Schema eigenes Kursmaterial, zwei Systeme
TattvaAgni (Feuer) eigenes Kursmaterial
LokaBhuva eigenes Kursmaterial
Mukhatiryaṅmukha (querblickend) Muhūrta-Cintāmaṇi 2.9
Silbenपे pe · पो po · रा · री Lehrüberlieferung
KörperteilNacken — im Schema des Nakṣatrapuruṣa, das ab Kṛttikā zählt eigenes Kursmaterial
Puruṣārthaje Pāda Dharma, Artha, Kāma, Mokṣa Lehrüberlieferung
TätigkeitenFreundschaft, Liebesvollzug, Kleider, Schmuck, Glückszeremonien, Gesang; ferner Schur, Saṃskāra und Dīkṣā, Ohrendurchbohrung Bṛhat Saṃhitā 97.10, 97.12, 97.15, Kern 98.17; Muhūrta-Cintāmaṇi 2.7
MenschengruppenKenner von Schmuck, Edelsteinen, Färberei, Schrift, Musik und Parfümbereitung; Rechner, Weber, Staroperateure; Königsgetreide Bṛhat Saṃhitā 15.12
Geburtsdeutungauf ein sehr verborgenes Wesen bedacht, stolz, an fremden Frauen hängend; bunte Gewänder und Kränze tragend, mit schönen Augen und Gliedern Jātaka-Pārijāta 9.87; Bṛhat Saṃhitā 100.8

Wo die Quellen auseinandergehen

Die Devatā. Das ist der gewichtigste Fall und oben ausführlich behandelt: Taittirīya-Saṃhitā 4.4.10 und Taittirīya-Brāhmaṇa 1.5.1 nennen Indra, Taittirīya-Brāhmaṇa 3.1.1 und Bṛhat Saṃhitā 97.4 nennen Tvaṣṭr̥. Beide Angaben sind primär; die heutige Tabelle folgt der zweiten, ohne das zu sagen. Bhaṭṭabhāskaras Auskunft, indra meine hier īśvara, „den Herrn", ist Kommentar und löst den Textbefund nicht auf.

Varṇa. Wie bei allen Nakṣatras liegen hier zwei Systeme übereinander, und bei Citrā kommt eine dritte Schwierigkeit hinzu. Im Heiratsvergleich, dem Melāpaka, wird der Varṇa nach dem Rāśi vergeben, nicht nach dem Nakṣatra:

Muhūrta-Cintāmaṇi 6.22

द्विजा झषालिकर्कटास् ततो नृपा विशो ऽङ्घ्रिजाः

dvijā jhaṣālikarkaṭās tato nṛpā viśo 'ṅghrijāḥ

Brahmanen [sind] Mīna, Vṛścika und Karka; darauf die Fürsten [Kṣatriyas], die Vaiśyas, die Śūdras.

Dvijā: Brahmanen; wörtl. „zweimal Geborene" (m. 1/3). Jhaṣālikarkaṭās: Mīna, Vṛścika und Karka; wörtl. jhaṣa (Fisch = Mīna) + āli (Skorpion = Vṛścika) + karkaṭa (Krebs = Karka) (m. 1/3). Tato: darauf, danach (avy.). Nṛpā: Fürsten, Kṣatriyas; wörtl. nṛ (Mensch) + pa (schützend) (m. 1/3). Viśo: Vaiśyas, die Leute des dritten Standes (f. 1/3). 'ṅghrijāḥ: Śūdras; wörtl. aṅghri (Fuss) + ja (geboren) (m. 1/3).

Der Kommentar löst auf: vṛṣakanyāmakarā viśo vaiśyāḥ, mithunatulākumbhā aṅghrijāḥ śūdrāḥ — „Vṛṣabha, Kanyā und Makara sind die Vaiśyas; Mithuna, Tulā und Kumbha die Śūdras."

Weil Citrā zur Hälfte in Kanyā und zur Hälfte in Tulā liegt, hat es im Melāpaka zwei Varṇa-Werte: die Pādas 1 und 2 sind vaiśya, die Pādas 3 und 4 śūdra. Wer mit dem Aṣṭakūṭa rechnet, muss also erst wissen, in welchem Pāda der Mond stand.

Die modernen Tabellen führen für Citrā stattdessen meist śūdra schlechthin oder — noch häufiger — die Sozialklasse aus Bṛhat Saṃhitā 15.30, wo Citrā mit Mṛgaśiras, Jyeṣṭhā und Dhaniṣṭhā dem sevājana, dem Dienervolk, zugeordnet wird. Das ist eine gesellschaftsprognostische Zuordnung mit sieben Klassen, kein Kūṭa der Heiratsprüfung. Beide Angaben sind für sich richtig; verwechselt werden dürfen sie nicht.

Yoni-Geschlecht. Die modernen Tabellen geben für Citrā „Tiger, weiblich". Das Tier ist belegt, das Geschlecht nicht. Die klassische Lehre kennt vierzehn Tiere für achtundzwanzig Nakṣatras — jedes Tier also zweimal — und rechnet ausschliesslich mit Freundschaft und Feindschaft der Arten; der Kommentar zum Muhūrta-Cintāmaṇi zitiert dazu das Daivajñamanohara: aṣṭāviṃśatitārāṇāṃ yonayas tu caturdaśa, „von den achtundzwanzig Sternen sind der Yonis vierzehn". Eine gezielte Suche in den Volltexten des Muhūrta-Cintāmaṇi und der Nārada-Saṃhitā nach puṃyoni, strīyoni und verwandten Ausdrücken ergab null Treffer.

Was die Yoni dagegen wirklich leistet, ist eine Feindschaftsrechnung. Muhūrta-Cintāmaṇi 6.26 nennt in jedem Versviertel genau zwei Tiere, und genau diese beiden sind einander feind. Citrā teilt sich den Tiger mit Viśākhā; im selben Versviertel steht die Kuh von Uttara-Phalgunī und Uttara-Bhādrapadā. Tiger und Kuh sind damit das Feindpaar — eine Verbindung zwischen diesen Nakṣatras gilt als zu meiden.

Guṇa. Zwei Systeme des eigenen Kursmaterials liegen übereinander. Das eine ordnet den Nakṣatras Guṇas nach ihrer Stellung im Dreierschritt der Lokas zu und ergibt für Citrā die Folge Tamas/Tamas/Tamas; das andere zählt im Navatārā-Schema und ergibt ebenfalls Tamas. Ausnahmsweise stimmen die beiden hier überein — bei anderen Nakṣatras tun sie das nicht.

Wesensart und Tätigkeiten

Die Wahllehre teilt die Nakṣatras nach ihrer Wesensart ein, weil davon abhängt, welche Unternehmung unter ihnen gelingt. Citrā gehört zur sanften Gruppe:

Bṛhat Saṃhitā 97.10 (in Kerns Zählung 98.10)

मृदुवर्गोऽनूराधाचित्रापौष्णैन्दवानि मित्रार्थे सुरतविधिवस्त्रभूषणमङ्गलगीतेषु च हितानि

mṛduvargo 'nūrādhācitrāpauṣṇaindavāni mitrārthe suratavidhivastrabhūṣaṇamaṅgalagīteṣu ca hitāni

Die sanfte Gruppe [mṛduvarga]: Anurādhā, Citrā, das Pūṣan-Gestirn [Revatī] und das Mond-Gestirn [Mṛgaśiras]. Sie sind günstig für die Freundschaft, für den Vollzug der Liebe, für Kleider, Schmuck, Glückszeremonien und Gesang.

Mṛduvargo: die sanfte Gruppe; wörtl. mṛdu (sanft) + varga (Gruppe) (m. 1/1). 'nūrādhācitrāpauṣṇaindavāni: Anurādhā, Citrā, das Pūṣan-Gestirn (Revatī) und das Mond-Gestirn (Mṛgaśiras); wörtl. anūrādhā + citrā + pauṣṇa (dem Pūṣan gehörend) + aindava (dem Mond gehörend) (n. 1/3). Mitrārthe: für die Freundschaft, zum Zweck des Freundes; wörtl. mitra (Freund) + artha (Zweck) (m. 7/1). Suratavidhivastrabhūṣaṇamaṅgalagīteṣu: beim Vollzug der Liebe, bei Kleidern, Schmuck, Glückszeremonien und Gesang; wörtl. surata (Liebesvereinigung) + vidhi (Vollzug) + vastra (Kleid) + bhūṣaṇa (Schmuck) + maṅgala (Glücksritus) + gīta (Gesang) (n. 7/3). Ca: und (avy.). Hitāni: günstig, zuträglich (n. 1/3).

Ausgabe H. Kern, Kalkutta 1865; Kapitelzählung dort 98, bei Tripāṭhī 97. Kern liest mṛduvargas tv anurādhā…; Tripāṭhīs Lesart verlangt ein metrisch gedehntes anūrādhā. Sachlich gleich.

Ein Wort zur Klassenbezeichnung. Varāhamihira sagt mṛdu; die spätere Muhūrta-Literatur setzt maitra, „freundlich", als zweiten Namen daneben. Die geläufigen Namen sthira, dāruṇa, krūra, kṣipra, sādhāraṇa und cara als Klassennamen sind jünger als die Bṛhat Saṃhitā — wer sie benutzt, zitiert den Muhūrta-Cintāmaṇi, nicht Varāhamihira.

Der Muhūrta-Cintāmaṇi schreibt die Stelle praktisch aus und fügt den Wochentag hinzu:

Muhūrta-Cintāmaṇi 2.7

मृगान्त्यचित्रामित्रर्क्षं मृदु मैत्रं भृगुस् तथा तत्र गीताम्बरक्रीडामित्रकार्यं विभूषणम्

mṛgāntyacitrāmitrarkṣaṃ mṛdu maitraṃ bhṛgus tathā tatra gītāmbarakrīḍāmitrakāryaṃ vibhūṣaṇam

Mṛgaśiras, das letzte [Revatī], Citrā und das Mitra-Nakṣatra [Anurādhā], ebenso der Venustag [Freitag], sind mṛdu „sanft" und maitra „freundlich". Darin [gelingen]: Gesang, Kleidung, Spiel, Freundesdienst, Schmuck.

Mṛgāntyacitrāmitrarkṣaṃ: Mṛgaśiras, das letzte (Revatī), Citrā und das Mitra-Gestirn (Anurādhā); wörtl. mṛga (Mṛgaśiras) + antya (das letzte) + citrā + mitrarkṣa (Gestirn des Mitra) (n. 1/1). Mṛdu: sanft - Name der Nakṣatra-Klasse (n. 1/1). Maitraṃ: freundlich, dem Mitra gehörend - zweiter Name derselben Klasse (n. 1/1). Bhṛgus: Bhṛgu (Śukra), der Freitag (m. 1/1). Tathā: ebenso (avy.). Tatra: darin, dort (avy.). Gītāmbarakrīḍāmitrakāryaṃ: Gesang, Kleidung, Spiel und Freundesdienst; wörtl. gīta (Gesang) + ambara (Gewand) + krīḍā (Spiel) + mitrakārya (Freundeswerk) (n. 1/1). Vibhūṣaṇam: Schmuck, Zierat (n. 1/1).

Kollationiert aus drei Ausgaben (Jyotiṣa-Siddhānta-Saṅgraha mit Pīyūṣadhārā, Chaukhambā, Nirṇaya-Sāgara); keine Lesartdifferenz an dieser Stelle. Der Kommentar löst auf: mṛgaḥ, antyaṃ revatī, citrā, mitrarkṣam anurādhā, bhṛguḥ śukraḥ.

Ein anderes Kapitel der Bṛhat Saṃhitā ordnet den Nakṣatras Menschen- und Berufsgruppen zu — es geht dort um Vorzeichendeutung im grossen Massstab, nicht um Geburtsdeutung. Die Liste für Citrā ist eine der sprechendsten der ganzen Reihe:

Bṛhat Saṃhitā 15.12

त्वाष्ट्रे भूषणमणिरागलेख्यगान्धर्वगन्धयुक्तिज्ञाः गणितपटुतन्तुवायाः शालाक्या राजधान्यानि

tvāṣṭre bhūṣaṇamaṇirāgalekhyagāndharvagandhayuktijñāḥ gaṇitapaṭutantuvāyāḥ śālākyā rājadhānyāni

Beim Tvaṣṭr̥-Gestirn [Citrā]: Kenner von Schmuck, Edelsteinen, Färberei, Schrift, Musik und Parfümbereitung; im Rechnen Gewandte, Weber, Staroperateure und Königsgetreide.

Tvāṣṭre: beim Tvaṣṭr̥-Gestirn, unter Citrā (n. 7/1). Bhūṣaṇamaṇirāgalekhyagāndharvagandhayuktijñāḥ: Kenner von Schmuck, Edelsteinen, Färberei, Schrift, Musik und Parfümbereitung; wörtl. bhūṣaṇa (Schmuck) + maṇi (Edelstein) + rāga (Farbe, Färberei) + lekhya (Schrift) + gāndharva (Musik) + gandhayukti (Parfümbereitung) + jña (kundig) (m. 1/3). Gaṇitapaṭutantuvāyāḥ: im Rechnen Gewandte und Weber; wörtl. gaṇita (Rechnen) + paṭu (gewandt) + tantuvāya (Weber) (m. 1/3). Śālākyā: Staroperateure, Augenärzte (zu śalākā, der Operationsnadel) (m. 1/3). Rājadhānyāni: Königsgetreide; wörtl. rāja (König) + dhānya (Getreide) (n. 1/3).

Ausgabe H. Kern, Kalkutta 1865. Das Kapitel zählt von Kṛttikā an, Citrā steht deshalb als zwölftes. Kapitel 15 trägt in allen geprüften Ausgaben dieselbe Nummer — der bekannte Kern-Versatz beginnt erst bei Kapitel 38.

Die Reihe ist bemerkenswert einheitlich: alles darin ist formendes Handwerk — Schmuck, Edelstein, Farbe, Schrift, Weberei, Parfüm — und die śālākya, die Staroperateure, gehören dazu, weil sie mit der feinen Nadel arbeiten. Wer den Namen der Devatā kennt, liest die Liste als deren Auslegung: Tvaṣṭr̥ ist der Bildner, und unter seinem Gestirn stehen die Bildenden.

Der Jātaka-Pārijāta fasst in einem Vers zusammen, was ein unter Hasta, Citrā, Svātī oder Viśākhā Geborener mitbekommt:

Jātaka-Pārijāta 9.87 (in anderer Zählung 9.88)

हस्तर्क्षे यदि कामधर्मनिरतः प्राज्ञोपकर्ता धनी चित्रायाम् अतिगुप्तशीलनिरतो मानी परस्त्रीरतः स्वात्यां देवमहीसुरप्रियकरो भोगी धनी मन्दधीः गर्वी दारवशो जितारिर् अधिकक्रोधी विशाखोद्भवः

hastarkṣe yadi kāmadharmanirataḥ prājñopakartā dhanī citrāyām atiguptaśīlanirato mānī parastrīrataḥ svātyāṃ devamahīsurapriyakaro bhogī dhanī mandadhīḥ garvī dāravaśo jitārir adhikakrodhī viśākhodbhavaḥ

Steht [der Mond] im Hasta-Gestirn, so ist man der Liebe und der Pflicht ergeben, den Weisen hilfreich, vermögend; unter Citrā auf ein sehr verborgenes Wesen bedacht, stolz, an fremden Frauen hängend; unter Svātī tut man Göttern und Brahmanen Angenehmes, ist geniesserisch und vermögend, aber schwachen Verstandes; hochmütig, der Gattin hörig, die Feinde besiegend und überaus zornig ist der unter Viśākhā Geborene.

Hastarkṣe: im Hasta-Gestirn; wörtl. hasta (13. Nakṣatra) + ṛkṣa (Gestirn) (n. 7/1). Yadi: wenn (avy.). Kāmadharmanirataḥ: der Liebe und der Pflicht ergeben; wörtl. kāma (Liebe) + dharma (Pflicht) + nirata (hingegeben) (m. 1/1). Prājñopakartā: den Weisen hilfreich; wörtl. prājña (weise) + upakartṛ (Helfer) (m. 1/1). Dhanī: vermögend, reich (m. 1/1). Citrāyām: unter Citrā, im Nakṣatra Citrā (f. 7/1). Atiguptaśīlanirato: auf ein sehr verborgenes Wesen bedacht; wörtl. ati (über) + gupta (verborgen) + śīla (Wesensart) + nirata (hingegeben) (m. 1/1). Mānī: stolz, auf Ehre bedacht (m. 1/1). Parastrīrataḥ: an fremden Frauen hängend; wörtl. para (fremd) + strī (Frau) + rata (zugetan) (m. 1/1). Svātyāṃ: unter Svātī, im Nakṣatra Svātī (f. 7/1). Devamahīsurapriyakaro: Göttern und Brahmanen Angenehmes tuend; wörtl. deva (Gott) + mahīsura (Erdgott = Brahmane) + priya (angenehm) + kara (machend) (m. 1/1). Bhogī: geniesserisch, den Genüssen zugetan (m. 1/1). Mandadhīḥ: schwachen Verstandes; wörtl. manda (träge, schwach) + dhī (Einsicht) (m. 1/1). Garvī: hochmütig, stolz (m. 1/1). Dāravaśo: der Gattin hörig; wörtl. dāra (Gattin) + vaśa (untertan) (m. 1/1). Jitārir: die Feinde besiegend; wörtl. jita (besiegt) + ari (Feind) (m. 1/1). Adhikakrodhī: überaus zornig; wörtl. adhika (übermässig) + krodhin (zornig) (m. 1/1). Viśākhodbhavaḥ: der unter Viśākhā Geborene; wörtl. viśākhā (16. Nakṣatra) + udbhava (Entstehung, Geburt) (m. 1/1).

Ausgabe V. Subrahmanya Sastri 1932, Bd. I, S. 628; Kashi Sanskrit Series 10 zählt denselben Vers als 9.88. Sastri übersetzt für Citrā „very wary, good natured" — „good natured" hat keine Entsprechung im Sanskrit und ist Zutat des Übersetzers.

Die ältere und knappere Fassung derselben Sache steht bei Varāhamihira, und zwar zweimal: als Bṛhajjātaka 16.8 und als Bṛhat Saṃhitā 100.8.

Bṛhat Saṃhitā 100.8 = Bṛhajjātaka 16.8 (in Kerns Zählung 101.8)

citrāmbaramālyadharaḥ sulocanāṅgaś ca citrāyām dānto vaṇik tṛṣāluḥ priyavāg dharmāśritaḥ svātau

Unter Citrā: bunte Gewänder und Kränze tragend, mit schönen Augen und Gliedern. Unter Svātī: gezügelt, Kaufmann, durstig [Lesart Kerns und des Bṛhajjātaka: mitleidig], freundlich redend, der Pflicht anhängend.

Citrāmbaramālyadharaḥ: bunte Gewänder und Kränze tragend; wörtl. citra (bunt) + ambara (Gewand) + mālya (Kranz) + dhara (tragend) (m. 1/1). Sulocanāṅgaś: mit schönen Augen und Gliedern; wörtl. su (schön) + locana (Auge) + aṅga (Glied) (m. 1/1). Ca: und (avy.). Citrāyām: unter Citrā, im Nakṣatra Citrā (f. 7/1). Dānto: gezügelt, gebändigt (m. 1/1). Vaṇik: Kaufmann, Händler (m. 1/1). Tṛṣāluḥ: durstig, gierig (Lesart Kern und Bṛhajjātaka: kṛpāluḥ, mitleidig) (m. 1/1). Priyavāg: freundlich redend; wörtl. priya (lieb) + vāc (Rede) (m. 1/1). Dharmāśritaḥ: der Pflicht anhängend; wörtl. dharma (Pflicht) + āśrita (angelehnt) (m. 1/1). Svātau: unter Svātī, im Nakṣatra Svātī (f. 7/1).

Wortlaut nach dem GRETIL-Text der Ausgabe A. V. Tripāṭhī (mit Kerns Apparat) und der Bṛhajjātaka-Ausgabe Oriental Books Reprint Corporation 1979. Kern liest in der Citrā-Hälfte bhavati citrāyām, ebenso das Bṛhajjātaka. Die Devanāgarī dieses Kapitels ist in der benutzten Quelle nicht mitgeführt und deshalb hier nicht wiedergegeben.

Die Sterne des Asterismus

Citrā hat nur einen Stern: Spica. Die Grafik zeigt seine Lage im Abschnitt, dazu die Sollposition der Yogatārā nach Sūrya-Siddhānta als offenen Kreis. Die beiden gestrichelten Marken sind Sterne anderer Nakṣatras, die heute in der Länge in diesen Abschnitt fallen; ihre ekliptikale Breite liegt weit ausserhalb des Ausschnitts. Massstab in Länge und Breite gleich. Siderische Länge zum Stichjahr 2025,0 mit dem Ayanāṃśa nach Lahiri; ekliptikale Breite J2000,0. Citrā hat nur einen Stern: Spica. Die Grafik zeigt seine Lage im Abschnitt, dazu die Sollposition der Yogatārā nach Sūrya-Siddhānta als offenen Kreis. Die beiden gestrichelten Marken sind Sterne anderer Nakṣatras, die heute in der Länge in diesen Abschnitt fallen; ihre ekliptikale Breite liegt weit ausserhalb des Ausschnitts. Massstab in Länge und Breite gleich. Siderische Länge zum Stichjahr 2025,0 mit dem Ayanāṃśa nach Lahiri; ekliptikale Breite J2000,0.

Citrā hat nur einen Stern: Spica. Die Grafik zeigt seine Lage im Abschnitt, dazu die Sollposition der Yogatārā nach Sūrya-Siddhānta als offenen Kreis. Die beiden gestrichelten Marken sind Sterne anderer Nakṣatras, die heute in der Länge in diesen Abschnitt fallen; ihre ekliptikale Breite liegt weit ausserhalb des Ausschnitts. Massstab in Länge und Breite gleich. Siderische Länge zum Stichjahr 2025,0 mit dem Ayanāṃśa nach Lahiri; ekliptikale Breite J2000,0.

Koordinaten aus SIMBAD (Abruf 15. September 2026); Sollposition der Yogatārā aus Sūrya-Siddhānta 8.2 und 8.6 nach Burgess 1860.

Anders als bei den meisten Nakṣatras gibt es hier nichts zu streiten. Citrā hat einen einzigen Stern, und alle Autoritäten meinen denselben: α Virginis, mit dem arabischen Namen Spica („Ähre"), der hellste Stern der Jungfrau und mit 0,97 Grössenklassen der fünfzehnthellste Stern des Himmels. Citrā gehört damit zu den vierzehn Nakṣatras, bei denen keine der geprüften Quellen eine abweichende Identifikation kennt.

Das heisst nicht, dass der Text fehlerfrei wäre. Das Sūrya-Siddhānta gibt als dhruvaka, als polare Länge, 180°00′; Burgess nennt diese Zahl „very erroneously" — „höchst fehlerhaft". Alle anderen Autoritäten ausser der Cākalya-Saṃhitā geben 183° und beheben den Fehler damit. Die einzige Breitenvariante ist 1°45′ statt 2° im Siddhānta-Śiromaṇi. Rechnet man die Sollposition aus den Zahlen des Sūrya-Siddhānta zurück, ergibt sich für das Jahr 560 eine ekliptikale Länge von 180°48′ bei einer Breite von −1°50′ — Whitneys eigene Reduktion in Burgess’ Ausgabe lautet 180°48′ und 1°50′ S, die Übereinstimmung liegt also unter einer Bogenminute.

Der Stern im Katalog

Bayerα Virginis
EigennameSpica
HR5056
HD116658
HIP65474
Helligkeit V0,97
SpektraltypB1V
Rektaszension13ʰ 25ᵐ 11,6ˢ
Deklination−11° 09′ 40,7″
Ekl. Länge J2000203° 50′
Ekl. Breite J2000−2° 03′
Ekl. Länge 2025,0204° 11′

Rektaszension und Deklination gelten für Äquinoktium und Epoche J2000,0; die Werte stammen aus SIMBAD. Die Entfernung und die Flamsteed-Nummer sind in der hier benutzten Erhebung nicht mitgeführt und stehen deshalb nicht in der Tabelle.

Der Stern, an dem das Ayanāṃśa hängt

Citrā ist der einzige Abschnitt der Reihe, der in die Definition des siderischen Tierkreises selbst eingeht. Das gebräuchlichste Ayanāṃśa — die Differenz zwischen tropischer und siderischer Länge — heisst Citrāpakṣa, „nach der Seite der Citrā", und ist so festgelegt, dass Spica genau auf 180°00′ steht, also exakt am Beginn von Tulā und damit in der Mitte des Citrā-Abschnitts.

Ayanāṃśa (2025,0)Wertα Vir (Spica)
True Citrā24° 11′ 21″0° 00′ Tulā
Lahiri / Citrāpakṣa (mittel)24° 12′ 23″29° 59′ Kanyā
Krishnamurti24° 06′ 34″0° 05′ Tulā
Raman22° 45′ 36″1° 26′ Tulā
Fagan / Bradley25° 05′ 23″29° 06′ Kanyā

Mit dem True-Citrā-Ayanāṃśa kommt Spica auf exakt 180°00′ — das ist nicht Zufall, sondern die Definition dieses Ayanāṃśa. Für die eigene Rechnung ist dieses Ergebnis die beste Gegenprobe, die es gibt: die ganze Kette aus Katalogposition, Eigenbewegung, Umrechnung in ekliptikale Koordinaten, Präzession auf 2025,0 und Abzug des Ayanāṃśa reproduziert eine unabhängig gesetzte Randbedingung auf die Bogensekunde.

Die mittlere Lahiri-Zählung, die in Indien amtlich ist, bringt Spica dagegen auf 29°59′ Kanyā, also eine Bogenminute vor den Zeichenbeginn. Der Unterschied ist kein Fehler: „true" heisst, dass der wahre Ort Spicas jederzeit den Nullpunkt bestimmt, „mittel" heisst, dass der Nullpunkt einer gleichförmigen Präzessionsformel folgt und deshalb um Bruchteile einer Bogenminute schwankt.

Spica liegt bei jedem der fünf geprüften Ayanāṃśas innerhalb von Citrā — das ist bei weitem nicht bei allen Nakṣatras so. Die Sollposition des Sūrya-Siddhānta landet im Lahiri-Rahmen bei 26°59′ Kanyā, also ebenfalls in Citrā, aber gut drei Grad vor dem heutigen Ort des Sterns. Diese Differenz ist der bekannte Rahmenversatz: das Sūrya-Siddhānta zählt von einem Nullpunkt, den Whitney mit dem Frühlingspunkt von 560 n. Chr. gleichsetzt, die Lahiri-Zählung von einem rund 270 Jahre früheren.

Ein Wort zur Genauigkeit dieser Zahlen: der Ayanāṃśa ist keine Naturkonstante, sondern eine Festlegung. Die Lahiri-Zählung geht auf den Beschluss des indischen Calendar Reform Committee von 1955 zurück; die Spanne zwischen den Schulen ist erheblich — zwischen Raman und Fagan/Bradley liegen über zwei Grad, und das verschiebt einen Stern um mehr als einen halben Pāda.

Zwei fremde Sterne im Abschnitt

Umgekehrt steht Citrā heute nicht allein da. Zwei Sterne, die nach der Überlieferung zu anderen Nakṣatras gehören, fallen mit ihrer siderischen Länge in diesen Abschnitt:

  • α Bootis (Arcturus), die Yogatārā von Svātī, steht auf 0°23′ Tulā — und zwar bei allen fünf Ayanāṃśas. Er verfehlt seinen eigenen Abschnitt um 6°17′. Der Grund ist nicht die Rahmenverschiebung allein, sondern seine extreme ekliptikale Breite von über 30 Grad: bei solchen Breiten laufen polare und ekliptikale Länge weit auseinander.
  • β Corvi (Kraz), ein Gruppenstern von Hasta, steht auf 23°31′ Kanyā, also ganz am Anfang von Citrā — bei vier der fünf Ayanāṃśas; nur mit Fagan/Bradley bliebe er in Hasta.

In der Grafik oben stehen beide nur als gestrichelte Längenmarken: ihre Breite liegt mit −14°30′ und +30°44′ weit ausserhalb des gezeigten Streifens.

Sichtbarkeit

Von mitteleuropäischer Breite — rund 47° Nord — kulminiert Spica 31,7 Grad hoch. Das ist niedrig, aber der Stern ist hell genug, um auch in dieser Höhe mühelos gefunden zu werden; die alte Merkregel „dem Bogen des Grossen Wagens folgend zu Arcturus, und weiter zu Spica" führt sicher hin. Um Mitternacht kulminiert Spica um den 14. April, die Sonnenkonjunktion fällt auf den 17. Oktober; rund vier Wochen davor und danach ist der Stern unsichtbar. Zirkumpolar ist er nicht, und er geht auch nicht unter den Horizont — er steht mit einer Deklination von −11,3° sicher über der Aufgangsgrenze.

Die Verse

Die älteste Stelle, die Citrā nennt, steht in der Taittirīya-Saṃhitā. Sie gehört zur Aufzählung der Nakṣatra-Feueraltarziegel, jeweils Nakṣatra und zugehörige Gottheit — ein ritueller, kein astrologischer Text:

Taittirīya-Saṃhitā 4.4.10.2

चित्रा नक्षत्रम् इन्द्रो देवता

citrā́ nákṣatram índro devátā

Citrā ist das Nakṣatra, Indra die Gottheit.

Citrā: Citrā, „die Glänzende", 14. Nakṣatra (f. 1/1). Nakṣatram: Nakṣatra, Gestirn, Mondhaus (n. 1/1). Indro: Indra, der Götterkönig (m. 1/1). Devatā: Gottheit (f. 1/1).

Wortlaut nach TITUS (akzentuierte Umschrift, auf Grundlage der Ausgabe Albrecht Weber, Leipzig 1871–72); Devanāgarī-Ausgabe bei sanskritdocuments.org. Die Liste beginnt mit Kṛttikā; Citrā steht als zwölftes.

Das Taittirīya-Brāhmaṇa führt dieselbe Reihe, stellt aber die Gottheit in den Genitiv voran und fügt jedem Nakṣatra ein Begriffspaar bei — eines „oberhalb", eines „unterhalb":

Taittirīya-Brāhmaṇa 1.5.1.3

इन्द्रस्य चित्रा ऋतं परस्तात् सत्यम् अवस्तात्

índrasya citrā́ r̥táṃ parástāt satyám avástāt

Des Indra ist Citrā. Die Ordnung oberhalb, die Wahrheit unterhalb.

Indrasya: des Indra (m. 6/1). Citrā: Citrā, „die Glänzende", 14. Nakṣatra (f. 1/1). Ṛtaṃ: die (kosmische) Ordnung, das Rechte (n. 1/1). Parastāt: oberhalb, darüber, jenseits (avy.). Satyam: die Wahrheit, das Wirkliche (n. 1/1). Avastāt: unterhalb, darunter, diesseits (avy.).

Umschrift nach TITUS, Devanāgarī nach sanskritdocuments.org. Dieses Begriffspaar ist die Grundlage der Śakti-Formel weiter oben.

Die stärkste Primärstelle, die es zu einem Nakṣatra überhaupt gibt, ist das Mantra der Nakṣatreṣṭi — des Opfers an die Nakṣatra-Gottheiten — im dritten Aṣṭaka desselben Brāhmaṇa. Für Citrā ist es an Tvaṣṭr̥ gerichtet:

Taittirīya-Brāhmaṇa 3.1.1 (Nakṣatreṣṭi, Mantra 12a)

त्वष्टा नक्षत्रम् अभ्येति चित्राम् सुभंससं युवतिं रोचमानाम् निवेशयन्न् अमृतान् मर्त्यांश् च रूपाणि पिंशन् भुवनानि विश्वा

tváṣṭā nákṣatram abhyèti citrā́m subhám̐sasaṃ yuvatím̐ rócamānām niveśáyann amŕ̥tān mártyām̐ś ca rūpā́ṇi pim̐śán bhúvanāni víśvā

Tvaṣṭr̥ tritt heran an das Nakṣatra Citrā, die schönlendige, junge, leuchtende — der die Unsterblichen und die Sterblichen zur Ruhe bettet, der die Gestalten ausmeisselt, alle Welten.

Tvaṣṭā: Tvaṣṭr̥, der göttliche Bildner, „der Zimmerer" (m. 1/1). Nakṣatram: Nakṣatra, Gestirn (n. 2/1). Abhyeti: tritt heran, geht zu (laṭ III/1). Citrām: Citrā, „die Glänzende", 14. Nakṣatra (f. 2/1). Subhaṃsasaṃ: die schönlendige; wörtl. su (schön) + bhaṃsas (Lende, Hinterteil) (f. 2/1). Yuvatiṃ: die junge Frau, die Jugendliche (f. 2/1). Rocamānām: die leuchtende, strahlende (Part. Präs. med. von √ruc) (f. 2/1). Niveśayann: zur Ruhe bettend, heimgehen lassend (Part. Präs. Kausativ von ni-√viś) (m. 1/1). Amṛtān: die Unsterblichen, die Götter (m. 2/3). Martyāṃś: die Sterblichen, die Menschen (m. 2/3). Ca: und (avy.). Rūpāṇi: die Gestalten, Formen (n. 2/3). Piṃśan: ausmeisselnd, zurechthauend (Part. Präs. von √piś) (m. 1/1). Bhuvanāni: die Welten, Wesen (n. 2/3). Viśvā: alle, sämtliche (n. 2/3).

Umschrift nach TITUS; Devanāgarī mit Svaras nach sanskritdocuments.org (nakṣatrasūktam). Die zweite Hälfte des Mantras — hier nicht mitgesetzt — bittet, Tvaṣṭr̥ und Citrā mögen den Opfernden ansehen, das Nakṣatra reich geben, heldenreiche Nachkommenschaft gewinnen und das Opfer mit Rindern und Rossen salben.

Der Merkvers, mit dem die Reihe der Nakṣatra-Namen gelernt wird, führt Citrā an vierter Stelle seiner zweiten Zeile:

Ārambha-Kursverse, Nakṣatra-Abschnitt 2

पूर्वाफाल्गुनिका तस्माद् उत्तराफाल्गुनी ततः हस्तश् चित्रा तथा स्वाती विशाखा तदनन्तरम्

pūrvāphālgunikā tasmād uttarāphālgunī tataḥ hastaś citrā tathā svātī viśākhā tadanantaram

Danach Pūrvāphālgunī, darauf Uttarāphālgunī; Hasta, Citrā und ebenso Svātī, danach Viśākhā.

Pūrvāphālgunikā: Pūrvāphālgunī, 11. Nakṣatra (f. 1/1). Tasmād: danach, darauf (Ablativ) (n. 5/1). Uttarāphālgunī: Uttarāphālgunī, 12. Nakṣatra (f. 1/1). Tataḥ: darauf (avy.). Hastaś: Hasta, 13. Nakṣatra (m. 1/1). Citrā: Citrā, 14. Nakṣatra (f. 1/1). Tathā: ebenso (avy.). Svātī: Svātī, 15. Nakṣatra (f. 1/1). Viśākhā: Viśākhā, 16. Nakṣatra (f. 1/1). Tadanantaram: danach, unmittelbar darauf (avy.).

Quelle ungeklärt (Ārambha-Kursmaterial, Pt. Sanjay Rath)

Grammatikangaben im Glossar sind unter Grammatik-Abkürzungen erklärt.

Zur Quellenlage dieses Portraits

Die Angaben oben ruhen auf ungleichem Grund, und das soll sichtbar bleiben.

Sicher ist alles Rechnerische: die Gradgrenzen, die vier Pādas, ihre Navāṃśa-Zeichen, die Verteilung auf Kanyā und Tulā. Das folgt aus der Einteilung selbst und ist gegen die eigene Berechnungsbibliothek geprüft. Sicher ist auch die Zuordnung des Herrschers Maṅgala, die sich aus der Viṃśottarī-Reihe ergibt.

Am Originalvers belegt sind: die beiden konkurrierenden Devatā-Angaben (Taittirīya-Saṃhitā 4.4.10 und Taittirīya-Brāhmaṇa 1.5.1 gegen Taittirīya-Brāhmaṇa 3.1.1), die Śakti samt ihren drei Gliedern (Bhaṭṭabhāskara zum Brāhmaṇa), die Wesensart mṛdu/maitra und die zugehörigen Tätigkeiten (Bṛhat Saṃhitā 97.10, Muhūrta-Cintāmaṇi 2.7), die Berufsgruppen (Bṛhat Saṃhitā 15.12), Gaṇa, Yoni und Nāḍī (Muhūrta-Cintāmaṇi 6.29, 6.26, 6.34, bestätigt durch Nārada-Saṃhitā und Vivāha-vṛndāvana), das Mukha (Muhūrta-Cintāmaṇi 2.9) sowie die Geburtsdeutung (Jātaka-Pārijāta 9.87 und Bṛhat Saṃhitā 100.8).

Die Sternidentifikation ist gesichert — das ist bei den Nakṣatras die Ausnahme, nicht die Regel. Sūrya-Siddhānta, Colebrooke, Whitney, Pingree und die modernen Tabellen meinen alle α Virginis. Strittig ist nur der Zahlwert der polaren Länge im Sūrya-Siddhānta, den Burgess selbst für fehlerhaft hält.

Nicht belegt und deshalb markiert oder ganz weggelassen: das Geschlecht der Yoni, für das die klassische Lehre gar keinen Platz hat (vierzehn Tiere für achtundzwanzig Nakṣatras, gerechnet wird mit Artenfreundschaft); die Himmelsrichtung, für die sich hier keine belegbare Angabe fand; die Namenssilben; das Symbol der Perle als solches — die Verbindung zum Glanz steckt im Namen, ein Vers, der „Perle" sagt, liess sich nicht nachweisen.

Widersprüche, die stehen bleiben. Erstens die Devatā: Indra gegen Tvaṣṭr̥, beides primär, beides im selben Textkorpus. Bhaṭṭabhāskaras Gleichsetzung indra = īśvara ist als Kommentar gekennzeichnet und nicht als Textbefund ausgegeben. Zweitens der Varṇa: zwei Systeme, und weil Citrā über die Zeichengrenze liegt, im Melāpaka zwei Werte. Drittens die Lesart phalavisaṃvādaḥ im Kommentar, die sachlich nach einer Verschreibung aussieht und trotzdem nicht berichtigt wurde.

Nicht verwendet wurde die ausführliche Mythologie, die moderne Nakṣatra-Bücher um Tvaṣṭr̥ und um Viśvakarman legen. Sie stammt aus Purāṇas, wird dort in anderem Zusammenhang erzählt und sagt über den Himmelsabschnitt nichts.

Bei den Versen ist zu unterscheiden. Die Taittirīya-Stellen, der Kommentar Bhaṭṭabhāskaras und die Verse aus Bṛhat Saṃhitā, Muhūrta-Cintāmaṇi und Jātaka-Pārijāta sind edierter Text mit nachprüfbarer Fundstelle. Der Merkvers der Nakṣatra-Namen und die beiden Verse zur Pāda-Verteilung dagegen stammen aus einem Kursmaterial, dessen Wortlaut keiner Stelle eines klassischen Werks zugeordnet werden konnte. Sie werden deshalb als das ausgewiesen, was sie sind: gelernte Verse einer lebendigen Lehrtradition, nicht edierter Text.

Was noch offen ist: Sāyaṇas Wortlaut zu Taittirīya-Brāhmaṇa 1.5.1 wurde für Citrā nicht eingesehen; erst damit liesse sich sagen, ob auch er den Widerspruch zwischen Indra und Tvaṣṭr̥ bemerkt und wie er ihn behandelt. Die Entfernung Spicas und seine Flamsteed-Nummer wurden in der zugrundeliegenden Erhebung nicht erfasst und deshalb nicht angegeben.