Bharaṇī

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भरणी 2. Nakṣatra · 13°20′ bis 26°40′ Meṣa (siderisch) · Herrscher Śukra

Bharaṇī ist das zweite Nakṣatra in der heute üblichen Zählung und das letzte in der ältesten: die vedischen Listen beginnen bei Kṛttikā und enden bei Bharaṇī. Der Name heisst dort auch nicht bharaṇī, sondern apabharaṇīḥ — ein Plural, „die Wegtragenden". Über den Abschnitt herrscht Yama, der Herr der Toten. Von allen 27 Nakṣatras ist es dasjenige, dessen Überlieferung am unverblümtesten von Ende, Abtrennung und Fortschaffen spricht.

Himmelsabschnitt und Pādas

Bharaṇī reicht von 13°20′ bis 26°40′ und liegt damit vollständig im Rāśi Meṣa (Widder) — wie Aśvinī davor und anders als Kṛttikā danach. Die vier Pādas zu je 3°20′ tragen die Navāṃśa-Zeichen Siṃha, Kanyā, Tulā und Vṛścika.

PādavonbisNavāṃśaPuruṣārthaSilbe
113°20′16°40′SiṃhaDharmaली
216°40′20°00′KanyāArthaलू
320°00′23°20′TulāKāmaले le
423°20′26°40′VṛścikaMokṣaले/पो lo

Die Gradgrenzen und die Navāṃśa-Zuordnung sind reine Arithmetik und gegen die eigene Berechnungsbibliothek geprüft. Die Silben stammen aus der Lehrüberlieferung; ein klassischer Vers, der sie festlegt, liess sich nicht nachweisen — und ausgerechnet bei der vierten steht in der eigenen Silbentabelle ein Widerspruch, der unten eigens besprochen wird.

Dass Bharaṇī ganz in Meṣa liegt, sagt derselbe Vers, der auch Aśvinī dort verortet:

Ārambha-Kursverse, Rāśi-Abschnitt (Meṣa)

अश्विनी भरणी कृत्तिकापादम् एकं मेषः

aśvinī bharaṇī kṛttikāpādam ekaṃ meṣaḥ

[Die vier Pādas von] Aśvinī, [die vier von] Bharaṇī und ein Pāda von Kṛttikā [bilden] Meṣa [den Widder].

Aśvinī: Aśvinī, 1. Nakṣatra (f. 1/1). Bharaṇī: Bharaṇī, 2. Nakṣatra (f. 1/1). Kṛttikāpādam: ein Pāda von Kṛttikā; wörtl. kṛttikā (3. Nakṣatra) + pāda (Viertel) (n. 1/1). Ekaṃ: ein, eines (n. 1/1). Meṣaḥ: Meṣa, der Widder (1. Rāśi) (m. 1/1).

Quelle ungeklärt (Ārambha-Kursmaterial, Pt. Sanjay Rath)

Die Devatā

Über Bharaṇī herrscht Yama. Beide vedischen Nakṣatra-Listen sagen es knapp und ohne Beiwerk: das Nakṣatra ist das Yamas. Yama ist im Veda nicht der spätere Höllenrichter der Purāṇas, sondern zunächst der erste Sterbliche, der den Weg gefunden hat — und darum derjenige, der ihn weist. Sein Name gehört zu yam, „bändigen, zügeln, festhalten".

Wie eng der Abschnitt mit dem Fortschaffen verbunden gedacht ist, sagt das Taittirīya-Brāhmaṇa selbst — und zwar zweimal, an zwei ganz verschiedenen Stellen. In der Nakṣatra-Liste stehen als Begriffspaar die Wegziehenden oben und die Wegfahrenden unten; im Nakṣatreṣṭi-Mantra heisst es ápa pāpmā́naṃ bháraṇīr bharantu, „das Übel sollen die Bharaṇīs forttragen". Dieses Verb — ápa … bharantu — ist die Etymologie des Namens, im Text selbst ausgesprochen. Bhaṭṭabhāskara nimmt sie in seinem Kommentar wörtlich auf: apabharaṇaṃ māraṇam, „apabharaṇa ist das Töten".

Zweierlei ist dabei auseinanderzuhalten. Dass Yama die Devatā dieses Abschnitts ist, gehört zu den ältesten und bestbezeugten Zuschreibungen der ganzen Reihe — sie steht in der Taittirīya-Saṃhitā, im Taittirīya-Brāhmaṇa an zwei Stellen und in der Gottheitsliste der Bṛhat Saṃhitā. Die ausgemalten Yama-Erzählungen der Purāṇa-Literatur dagegen gehören nicht hierher; sie sagen über den Himmelsabschnitt nichts und bleiben deshalb aussen vor.

Die Śakti

Jedem Nakṣatra wird eine Śakti zugeschrieben, eine Wirkkraft, in einer eigentümlich dreigliedrigen Form: ein Begriff für die Kraft selbst, dazu etwas „oberhalb" und etwas „unterhalb", und aus dem Zusammentreffen der drei ein Ergebnis. Die Wurzel liegt im Taittirīya-Brāhmaṇa, das zu jedem Nakṣatra ein Paar parastāt und avastāt nennt; das mittlere Glied und das Ergebnis fehlen dort und stehen erst im Kommentar — und zwar nicht bei Sāyaṇa, wie häufig angenommen wird, sondern bei Bhaṭṭabhāskara Miśra, dessen Bhāṣyadīpikā älter ist als Sāyaṇas Bhāṣya:

Bhaṭṭabhāskara Miśra, Bhāṣyadīpikā zu Taittirīya-Brāhmaṇa 1.5.1

यमस्यापभरणीः अपभरणं मारणम् यमस्य मारयतः प्रजास् त्रयं भवति परस्ताद् अपकर्षन्तः शरीरात् प्राणान् अपकर्षन्तः मध्ये कालात्मिका अपभरणी शक्तिः अवस्ताद् अपवहन्तः अवाच्छिद्य पितृलोकं प्रापयन्तः एतत्त्रयसंपत्तौ परेताः प्रजा भवन्ति

yamasyāpabharaṇīḥ apabharaṇaṃ māraṇam yamasya mārayataḥ prajās trayaṃ bhavati parastād apakarṣantaḥ śarīrāt prāṇān apakarṣantaḥ madhye kālātmikā apabharaṇī śaktiḥ avastād apavahantaḥ avācchidya pitṛlokaṃ prāpayantaḥ etattrayasaṃpattau paretāḥ prajā bhavanti

„Yamas sind die Apabharaṇīs." Apabharaṇa ist das Töten. Von Yama, der die Geschöpfe sterben lässt, gibt es eine Dreiheit: oberhalb die Wegziehenden — die die Lebenshauche aus dem Körper wegziehen; in der Mitte die zeitgestaltige Kraft des Wegtragens; unterhalb die Wegführenden — die den Toten abtrennen und in die Väterwelt bringen. Beim Zusammentreffen dieser drei sind die Geschöpfe dahingegangen.

Yamasyāpabharaṇīḥ: Yamas sind die Apabharaṇīs; wörtl. yamasya (des Yama) + apabharaṇī (die Wegtragende) (f. 1/3). Apabharaṇaṃ: das Wegtragen (n. 1/1). Māraṇam: das Töten, das Sterbenlassen (n. 1/1). Yamasya: des Yama (m. 6/1). Mārayataḥ: der sterben lässt, des Tötenden (Part. Präs. Kaus., m. 6/1). Prajās: die Geschöpfe, die Lebewesen (f. 2/3). Trayaṃ: eine Dreiheit (n. 1/1). Bhavati: es gibt, entsteht (laṭ III/1). Parastād: oberhalb, darüber (avy.). Apakarṣantaḥ: die Wegziehenden, die Fortreissenden (Part. Präs., m. 1/3). Śarīrāt: aus dem Körper (n. 5/1). Prāṇān: die Lebenshauche (m. 2/3). Madhye: in der Mitte (n. 7/1). Kālātmikā: zeitgestaltig, deren Wesen die Zeit ist; wörtl. kāla (Zeit) + ātmikā (wesenhaft) (f. 1/1). Apabharaṇī: wegtragend — zugleich der Name des Nakṣatras (f. 1/1). Śaktiḥ: Kraft, Vermögen (f. 1/1). Avastād: unterhalb, darunter (avy.). Apavahantaḥ: die Wegführenden, die Forttragenden (Part. Präs., m. 1/3). Avācchidya: abgetrennt habend, losgelöst habend (Abs.). Pitṛlokaṃ: in die Väterwelt; wörtl. pitṛ (Vater, Ahn) + loka (Welt) (m. 2/1). Prāpayantaḥ: die hinbringen, die gelangen lassen (Part. Präs. Kaus., m. 1/3). Etattrayasaṃpattau: beim Zusammentreffen dieser drei; wörtl. etad (dies) + traya (Dreiheit) + saṃpatti (Zustandekommen) (f. 7/1). Paretāḥ: dahingegangen, verstorben (f. 1/3). Prajā: die Geschöpfe (f. 1/3). Bhavanti: sie werden, sie sind (laṭ III/3).

Taittirīya-Brāhmaṇa mit Bhaṭṭabhāskara-Bhāṣya, Aṣṭaka 1, hrsg. A. Mahādeva Śāstrī, Mysore 1908, S. 253, Abschnitt 27 der Ausgabe. Am Seitenbild gelesen, nicht aus der OCR.

Zwei Beobachtungen dazu, die in der modernen Wiedergabe untergehen.

Der Śakti-Name ist der Nakṣatra-Name selbst. Bhaṭṭabhāskara prägt hier ausnahmsweise kein eigenes Wort: die Kraft heisst schlicht apabharaṇī śakti, „die wegtragende Kraft". Bei Rohiṇī bildet er rohaṇaśakti, bei Mṛgaśīrṣa prīṇanaśakti — hier fällt Name und Kraft zusammen. Dasselbe geschieht in der ganzen Reihe nur noch einmal, bei Niṣṭyā/Svāti.

Das Attribut kālātmikā gehört zur Formel. Die Kraft ist nicht irgendeine Kraft, sondern „die zeitgestaltige" — die des Zeitlaufs an dieser Himmelsstelle. Das Wort steht bei allen Formeln, die eine haben, und fehlt in der gesamten modernen Wiedergabe.

Der Steckbrief

Die folgenden Zuschreibungen stammen aus verschiedenen Schichten der Überlieferung. Die Spalte rechts sagt bei jeder, worauf sie sich stützt. Wo eine Angabe in den hier greifbaren Quellen keinen Beleg hat, steht das ausdrücklich da.

Himmelsabschnitt13°20′ bis 26°40′ Meṣa, siderisch Rechnung; Vers zur Pāda-Verteilung
Fixsterne35, 39 und 41 Arietis (das Dreieck der Musca Borealis) Sūrya-Siddhānta 8; SIMBAD
Yogatārādie südliche — nach Whitney 35 Ari, nach dem Gegenargument 41 Ari Sūrya-Siddhānta 8.18; Burgess 1860, siehe unten
HerrscherŚukra Viṃśottarī-Reihe
DevatāYama, der Herr der Toten Taittirīya-Saṃhitā 4.4.10; Taittirīya-Brāhmaṇa 1.5.1 und 3.1.2
Śaktiapabharaṇī śakti, „die wegtragende Kraft" — oberhalb die, die den Lebenshauch fortziehen, unterhalb die, die in die Väterwelt geleiten; Ergebnis: die Geschöpfe sind dahingegangen Bhaṭṭabhāskara zu Taittirīya-Brāhmaṇa 1.5.1
SymbolYoni, der Mutterschoss Lehrüberlieferung
Namensbedeutungältere Form apabharaṇīḥ (Plural) „die Wegtragenden", zu apa-bhṛ „fortschaffen"; jüngere Form bharaṇī Taittirīya-Saṃhitā; Taittirīya-Brāhmaṇa 3.1.2
Wesensartugra (schrecklich) / krūra (grausam) Bṛhat Saṃhitā 97.8; Muhūrta-Cintāmaṇi 2.4
Gaṇamanuṣya (menschlich) Muhūrta-Cintāmaṇi 6.29; Nārada-Saṃhitā 29.127
Yoni (Tier)Elefant (gaja, kuñjara), geteilt mit Revatī Muhūrta-Cintāmaṇi 6.25
Yoni-Geschlechtunbelegt kein klassischer Vers, siehe unten
Nāḍīmadhya (die mittlere) Muhūrta-Cintāmaṇi 6.34; Nārada-Saṃhitā 29.141
Varṇakṣatriya im Heiratsvergleich — caṇḍāla in der Gesellschaftszuordnung zwei verschiedene Systeme, siehe unten
GuṇaRajas im Nakṣatra-Guṇa-Schema (R/R/T) — Rajas auch im Navatārā-Schema eigenes Kursmaterial, zwei Systeme
TattvaPṛthivī (Erde) eigenes Kursmaterial
LokaBhū eigenes Kursmaterial
Mukhaadhomukha (abwärtsblickend) Muhūrta-Cintāmaṇi 2.9
Silbenली · लू · ले le · lo Lehrüberlieferung; Tabellenfehler, siehe unten
KörperteilFusssohlen im Nakṣatrapuruṣa (Zählung ab Kṛttikā) eigenes Kursmaterial
PuruṣārthaDharma · Artha · Kāma · Mokṣa je Pāda Lehrüberlieferung
TätigkeitenAusrottung, Vernichtung, Betrug; Fesselung, Gift, Brandlegung, Waffengewalt Bṛhat Saṃhitā 97.8; Muhūrta-Cintāmaṇi 2.4
MenschengruppenBlut- und Fleischesser, Grausame, dem Töten und Fesseln Zugetane, Spelzgetreide, Niedriggeborene Bṛhat Saṃhitā 15.27

Wo die Quellen auseinandergehen

Die Silbe des vierten Pāda. Die eigene Silbentabelle druckt für den vierten Pāda das Devanāgarī पो — also po — und transliteriert es im selben Feld als „Lo". Beides zusammen kann nicht stimmen. Die in der Lehrüberlieferung geläufige Reihe lautet lī · lū · le · lo, und dazu passt die Umschrift, nicht das Devanāgarī. Welches der beiden Felder irrt, lässt sich aus der Tabelle allein nicht entscheiden, und es wird hier auch nicht entschieden: der Widerspruch steht so im Material und wird hier benannt, nicht stillschweigend in eine Richtung aufgelöst. Dass für die Silben ohnehin kein klassischer Vers greifbar ist, kommt hinzu.

Varṇa. Auch hier liegen zwei Systeme übereinander, und die modernen Tabellen mischen sie. Im Melāpaka, dem Heiratsvergleich, wird der Varṇa nicht nach dem Nakṣatra, sondern nach dem Rāśi vergeben:

Muhūrta-Cintāmaṇi 6.22

द्विजा झषालिकर्कटास् ततो नृपा विशो ऽङ्घ्रिजाः

dvijā jhaṣālikarkaṭās tato nṛpā viśo 'ṅghrijāḥ

Brahmanen [sind] Mīna, Vṛścika und Karka; darauf die Fürsten [Kṣatriyas], die Vaiśyas, die Śūdras.

Dvijā: Brahmanen; wörtl. „zweimal Geborene" (m. 1/3). Jhaṣālikarkaṭās: Mīna, Vṛścika und Karka; wörtl. jhaṣa (Fisch = Mīna) + āli (Skorpion = Vṛścika) + karkaṭa (Krebs = Karka) (m. 1/3). Tato: darauf, danach (avy.). Nṛpā: Fürsten, Kṣatriyas; wörtl. nṛ (Mensch) + pa (schützend) (m. 1/3). Viśo: Vaiśyas, die Leute des dritten Standes (f. 1/3). 'ṅghrijāḥ: Śūdras; wörtl. aṅghri (Fuss) + ja (geboren) (m. 1/3).

Der Kommentar löst auf: meṣasiṃhadhanūrāśayo nṛpāḥ kṣatriyāḥ — „Meṣa, Siṃha und Dhanus sind die Fürsten, die Kṣatriyas."

Bharaṇī liegt ganz in Meṣa, gehört im Melāpaka also zu den Kṣatriyas. Die modernen Tabellen dagegen führen für Bharaṇī gewöhnlich śūdra oder gleich caṇḍāla, und auch das hat eine Quelle — nur eine andere: Bṛhat Saṃhitā 15.30 ordnet Āśleṣā, Viśākhā, Śravaṇa und Bharaṇī der Caṇḍāla-Kaste zu. Das ist eine gesellschaftsprognostische Einteilung in sieben Klassen, wie sie das ganze Kapitel 15 vornimmt, und kein Kūṭa der Heiratsprüfung. Beide Angaben sind für sich richtig; wer mit dem Aṣṭakūṭa rechnet, muss kṣatriya ansetzen. Dass Varāhamihira das System Gaṇa/Yoni/Nāḍī/Varṇa überhaupt nicht kennt — weder hier noch im Bṛhajjātaka —, macht die Vermengung erst recht unzulässig.

Guṇa. Das eigene Kursmaterial führt zwei nicht deckungsgleiche Systeme unter demselben Namen: ein dreiwertiges, das jedem Nakṣatra einen Guṇa je Loka-Ebene gibt (für Bharaṇī Rajas/Rajas/Tamas), und ein einwertiges nach dem Navatārā-Schema, das den Guṇa des Tārā-Herrschers ansetzt (für Bharaṇī Rajas, über Śukra). Bei Bharaṇī laufen beide zufällig auf Rajas hinaus; bei anderen Nakṣatras tun sie das nicht. Die Systeme beantworten verschiedene Fragen und werden regelmässig vermengt.

Yoni-Geschlecht. Die modernen Tabellen geben für Bharaṇī „Elefant, männlich". Das Tier ist belegt, das Geschlecht nicht. Die klassische Lehre kennt vierzehn Tiere für achtundzwanzig Nakṣatras — jedes Tier also zweimal — und rechnet ausschliesslich mit Freundschaft und Feindschaft der Arten. Der Kommentar zum Muhūrta-Cintāmaṇi zitiert dazu das Daivajñamanohara: aṣṭāviṃśatitārāṇāṃ yonayas tu caturdaśa. Die Aufteilung des Paares Bharaṇī/Revatī in einen männlichen und einen weiblichen Elefanten ist eine spätere Ausdifferenzierung, für die sich kein Vers finden liess.

Ein Fehler in der eigenen Herrschertabelle. Der Herrscher Śukra stützt sich hier auf die Viṃśottarī-Reihe und wird von der eigenen Herrscherliste bestätigt. Dieselbe Liste enthält aber an anderer Stelle einen verifizierten Fehler: an Position 17, wo Anurādhā stehen müsste, steht ein zweites Mal „8. Puṣya". Die Bharaṇī-Zeile ist davon nicht betroffen — der Fehler gehört trotzdem genannt, weil die Tabelle hier als Beleg auftritt.

Wesensart und Tätigkeiten

Die Wahllehre teilt die Nakṣatras nach ihrer Wesensart ein, weil davon abhängt, welche Unternehmung unter ihnen gelingt. Bharaṇī gehört zur Klasse der schrecklichen, ugra — und die Tätigkeitsliste, die Varāhamihira ihr zuordnet, ist die dunkelste des Kapitels:

Bṛhat Saṃhitā 97.8 (in Kerns Zählung 98.8)

उग्राणि पूर्वभरणीपित्र्याण्य् उत्सादनाशशाठ्येषु योज्यानि बन्धविषदहनशस्त्रघातादिषु च सिद्ध्यै

ugrāṇi pūrvabharaṇīpitryāṇy utsādanāśaśāṭhyeṣu yojyāni bandhaviṣadahanaśastraghātādiṣu ca siddhyai

Die Pūrvā, Bharaṇī und das Väter-Gestirn [Maghā] sind die schrecklichen [ugra]; sie sind bei Ausrottung, Vernichtung und Betrug anzusetzen, und zum Gelingen bei Fesselung, Gift, Brandlegung, Waffengewalt und dergleichen.

Ugrāṇi: schrecklich, grimmig - Name der Nakṣatra-Klasse (n. 1/3). Pūrvabharaṇīpitryāṇy: die Pūrvā, Bharaṇī und das Väter-Gestirn; wörtl. pūrva (die vorderen) + bharaṇī + pitrya (den Vätern gehörend) (n. 1/3). Utsādanāśaśāṭhyeṣu: bei Ausrottung, Vernichtung und Tücke; wörtl. utsāda (Ausrottung) + nāśa (Vernichtung) + śāṭhya (Betrug) (n. 7/3). Yojyāni: anzusetzen, zu verwenden (n. 1/3). Bandhaviṣadahanaśastraghātādiṣu: bei Fesselung, Gift, Brandlegung, Waffengewalt und dergleichen; wörtl. bandha (Fesselung) + viṣa (Gift) + dahana (Brennen) + śastraghāta (Waffenschlag) + ādi (und so fort) (n. 7/3). Ca: und (avy.). Siddhyai: zum Gelingen, zum Erfolg (f. 4/1).

Ausgabe H. Kern, Kalkutta 1865, dort als 98.8. Der Kapitelversatz zwischen Kern und den neueren Ausgaben beginnt erst bei Kapitel 38; Kapitel 15 ist in allen geprüften Ausgaben Kapitel 15.

Das ist nicht als Empfehlung zu lesen, sondern als Auskunft: die Wahllehre sagt, wozu eine Zeit taugt, nicht was man tun soll. Der Muhūrta-Cintāmaṇi schreibt Varāhamihira aus, verdichtet die Liste und fügt den Klassennamen krūra sowie den zugehörigen Wochentag hinzu:

Muhūrta-Cintāmaṇi 2.4

पूर्वात्रयं याम्यमघे उग्रं क्रूरं कुजस् तथा तस्मिन् घाताग्निशाठ्यानि विषशस्त्रादि सिद्ध्यति

pūrvātrayaṃ yāmyamaghe ugraṃ krūraṃ kujas tathā tasmin ghātāgniśāṭhyāni viṣaśastrādi siddhyati

Die drei Pūrvā, Bharaṇī [das Yama-Gestirn] und Maghā, ebenso der Marstag [Dienstag], sind ugra, „grimmig", und krūra, „grausam". Darin gelingen Totschlag, Feuer, Tücke, Gift, Waffe und dergleichen.

Pūrvātrayaṃ: die drei Pūrvā; wörtl. pūrvā (die vordere) + traya (Dreiheit) (n. 1/1). Yāmyamaghe: Bharaṇī (das Yama-Gestirn) und Maghā; wörtl. yāmya (dem Yama gehörend) + maghā (f. 1/2). Ugraṃ: grimmig - Name der Nakṣatra-Klasse (n. 1/1). Krūraṃ: grausam - zweiter Name derselben Klasse (n. 1/1). Kujas: Kuja (Maṅgala), der Dienstag; wörtl. ku (Erde) + ja (geboren) (m. 1/1). Tathā: ebenso (avy.). Tasmin: unter diesem [Nakṣatra]. Ghātāgniśāṭhyāni: Totschlag, Feuer und Tücke; wörtl. ghāta (Erschlagen) + agni (Feuer) + śāṭhya (Tücke) (n. 1/3). Viṣaśastrādi: Gift, Waffe und dergleichen; wörtl. viṣa (Gift) + śastra (Waffe) + ādi (und so fort) (n. 1/1). Siddhyati: es gelingt (laṭ I/1).

Kollation aus drei Ausgaben. Zwei davon lesen im Mūla vātā° statt ghātā°; der Kommentar glossiert das Wort in beiden Ausgaben als hananam, „Töten" — ein vāta („Wind") mit dieser Bedeutung gibt es nicht. Ghātā° ist die richtige Lesart.

Zur Terminologie: Varāhamihira sagt nur ugra. Krūra als Klassenname ist jünger und gehört der Muhūrta-Literatur — wer „krūra" schreibt, zitiert den Muhūrta-Cintāmaṇi, nicht die Bṛhat Saṃhitā. Dasselbe gilt für sthira, dāruṇa, kṣipra, maitra, sādhāraṇa und cara; keiner dieser Klassennamen steht bei Varāhamihira.

Ein anderes Kapitel der Bṛhat Saṃhitā ordnet den Nakṣatras Menschen- und Berufsgruppen zu — es geht dort um Vorzeichendeutung im grossen Massstab, nicht um Geburtsdeutung. Bharaṇī steht dort ganz am Schluss:

Bṛhat Saṃhitā 15.27

याम्ये ऽसृक्पिशितभुजः क्रूरा वधबन्धताडनासक्ताः तुषधान्यं नीचकुलोद्भवा विहीनाश् च सत्त्वेन

yāmye 'sṛkpiśitabhujaḥ krūrā vadhabandhatāḍanāsaktāḥ tuṣadhānyaṃ nīcakulodbhavā vihīnāś ca sattvena

Beim Yama-Gestirn: Blut- und Fleischesser, Grausame, dem Töten, Fesseln und Schlagen Zugetane; Spelzgetreide, aus niedriger Familie Geborene — und die, denen es an Wesenskraft [sattva] fehlt.

Yāmye: beim Yama-Gestirn, unter Bharaṇī; wörtl. „dem Yama gehörend" (n. 7/1). 'sṛkpiśitabhujaḥ: Blut- und Fleischesser; wörtl. asṛj (Blut) + piśita (Fleisch) + bhuj (essend) (m. 1/3). Krūrā: Grausame, Rohe (m. 1/3). Vadhabandhatāḍanāsaktāḥ: dem Töten, Fesseln und Schlagen zugetan; wörtl. vadha (Tötung) + bandha (Fesselung) + tāḍana (Schlagen) + āsakta (anhänglich) (m. 1/3). Tuṣadhānyaṃ: Spelzgetreide; wörtl. tuṣa (Spelze) + dhānya (Korn) (n. 1/1). Nīcakulodbhavā: aus niedriger Familie Geborene; wörtl. nīca (niedrig) + kula (Familie) + udbhava (Hervorgang) (m. 1/3). Vihīnāś: beraubt, ermangelnd (m. 1/3). Ca: und (avy.). Sattvena: an Wesenskraft, an Mut (n. 3/1).

Ausgabe H. Kern, Kalkutta 1865. Das Kapitel zählt von Kṛttikā an; Bharaṇī steht deshalb als siebenundzwanzigstes und letztes.

Zwei Dinge dazu. Erstens nennt der Vers Bharaṇī nicht beim Namen, sondern als yāmya, „das dem Yama Gehörende" — eine Umschreibung über die Gottheit, wie sie das ganze Kapitel benutzt. Zweitens sind die Schlussverse des Kapitels mitzulesen: 15.31 f. sagt ausdrücklich, dass die Zuordnungen Bedingungen haben — die Gruppe eines Nakṣatras gedeiht oder leidet je nach dem Planetenstand an ihrem Gestirn. Wer Bṛhat Saṃhitā 15 als statische Attributliste zitiert, zitiert diese Einschränkung weg.

Der Jātaka-Pārijāta schliesslich sagt, was ein unter Bharaṇī Geborener mitbekommt — und er sagt es unfreundlich:

Jātaka-Pārijāta 9.84b (in der Kashi-Zählung 9.85)

याम्यर्क्षे विकलो ऽन्यदारनिरतः क्रूरः कृतघ्नो धनी

yāmyarkṣe vikalo 'nyadāranirataḥ krūraḥ kṛtaghno dhanī

Unter dem Yama-Gestirn [Bharaṇī wird man] an einem Glied geschädigt, der Frau eines anderen ergeben, grausam, undankbar — und vermögend.

Yāmyarkṣe: unter dem Yama-Gestirn, unter Bharaṇī; wörtl. yāmya (dem Yama gehörend) + ṛkṣa (Gestirn) (n. 7/1). Vikalo: verkrüppelt, an einem Glied geschädigt (m. 1/1). 'nyadāranirataḥ: der Frau eines anderen ergeben; wörtl. anya (ein anderer) + dāra (Gattin) + nirata (hingegeben) (m. 1/1). Krūraḥ: grausam, roh (m. 1/1). Kṛtaghno: undankbar; wörtl. kṛta (das Getane) + ghna (vernichtend) (m. 1/1). Dhanī: vermögend, reich (m. 1/1).

Ausgabe V. Subrahmanya Sastri 1932, Bd. I, S. 626; die Kashi Sanskrit Series zählt um eins höher. Der Vers behandelt in seinen vier Vierteln Aśvinī, Bharaṇī, Kṛttikā und Rohiṇī; hier steht nur das zweite.

Der Wortlaut steht hier ungemildert, weil das die Quelle ist. Was er nicht ist: ein Urteil über Menschen. Die Jātaka-Literatur des 15. bis 17. Jahrhunderts arbeitet mit einem Katalog knapper Prognoseformeln, die über die 27 Nakṣatras verteilt sind; ihre Sprache ist die einer Standeslehre, nicht die einer Anthropologie. Bemerkenswert ist eher, dass im selben Atemzug dhanī, „vermögend", steht — die Reihe ist nicht durchweg negativ, sondern gemischt, und das gilt für fast alle 27.

Die Sterne des Asterismus

Das Sterndreieck der Bharaṇī nördlich des Widderrückens. Massstab in Länge und Breite gleich; die drei Sterne stehen wirklich elf bis zwölfeinhalb Grad nördlich der Ekliptik. Siderische Länge zum Stichjahr 2025,0 mit dem Ayanāṃśa nach Lahiri; ekliptikale Breite J2000,0. Punktgrösse nach scheinbarer Helligkeit. Der offene Kreis ist die Sollposition der Yogatārā nach dem Sūrya-Siddhānta. Das Sterndreieck der Bharaṇī nördlich des Widderrückens. Massstab in Länge und Breite gleich; die drei Sterne stehen wirklich elf bis zwölfeinhalb Grad nördlich der Ekliptik. Siderische Länge zum Stichjahr 2025,0 mit dem Ayanāṃśa nach Lahiri; ekliptikale Breite J2000,0. Punktgrösse nach scheinbarer Helligkeit. Der offene Kreis ist die Sollposition der Yogatārā nach dem Sūrya-Siddhānta.

Das Sterndreieck der Bharaṇī nördlich des Widderrückens. Massstab in Länge und Breite gleich; die drei Sterne stehen wirklich elf bis zwölfeinhalb Grad nördlich der Ekliptik. Siderische Länge zum Stichjahr 2025,0 mit dem Ayanāṃśa nach Lahiri; ekliptikale Breite J2000,0. Punktgrösse nach scheinbarer Helligkeit. Der offene Kreis ist die Sollposition der Yogatārā nach dem Sūrya-Siddhānta.

Koordinaten aus SIMBAD (Abruf 15. September 2026); Sollposition aus Sūrya-Siddhānta 8.2 und 8.6 nach Burgess 1860.

Welche Sterne gemeint sind, ist bei Bharaṇī ungewöhnlich klar. Alle Autoritäten geben drei Sterne, und die Gruppe ist zweifelsfrei das kleine Dreieck schwacher Sterne nördlich des Widderrückens: 35, 39 und 41 Arietis. Manche Himmelsatlanten des 17. und 18. Jahrhunderts führen es als eigenes Sternbild, Musca Borealis, die nördliche Fliege; heute gehört es zum Widder.

Der Streit betrifft nur, welcher der drei die yogatārā ist — der „Verbindungsstern", nach dem der Abschnitt vermessen wird. Das Sūrya-Siddhānta sagt in 8.18, es sei die südliche. Whitney entscheidet sich in seinem Kommentar zu Burgess’ Übersetzung für 35 Arietis: „the defined position … agrees better with 35". Er hält aber selbst fest, dass die Wahl „not altogether unambiguous" sei, weil 35 und 41 im Jahr 560 fast gleich weit vom Äquator standen — und dass der Längenfehler gegenüber 41 Arietis „greater than that of any other star in the series" wäre. Für 41 spricht, dass er der hellste der drei ist und näher an der Ekliptik steht; das Graha-Lāghava gibt Bharaṇī überdies ein Grad mehr polare Länge, was den Fehler um ebenso viel verkleinerte. Beide Positionen stehen bei benannten Autoritäten; hier wird keine davon zur alleinigen erklärt. Die moderne Standardtabelle nennt schlicht alle drei Sterne und drückt sich um die Frage.

Die Sterne im Katalog

35 Ari39 Ari41 Ari
HR801824838
HD169081736117573
HIP127191306113209
Helligkeit V4,674,513,59
SpektraltypB3VK0.5IIIbB8Vn
Rektaszension02ʰ 43ᵐ 27,1ˢ02ʰ 47ᵐ 54,5ˢ02ʰ 49ᵐ 59,0ˢ
Deklination+27° 42′ 25,7″+29° 14′ 49,6″+27° 15′ 37,8″
Ekl. Länge J200046° 56′48° 22′48° 12′
Ekl. Breite J2000+11° 19′+12° 29′+10° 27′

Rektaszension und Deklination gelten für Äquinoktium und Epoche J2000,0. Die drei sind sehr verschiedene Sterne: 35 und 41 Arietis sind heisse blaue B-Sterne, 39 Arietis ist ein oranger Riese. Dass sie am Himmel ein sauberes Dreieck bilden, ist reine Perspektive — räumlich haben sie miteinander nichts zu tun.

Wo die Sterne heute stehen

Um zu prüfen, ob die Sterne im Abschnitt Bharaṇī liegen, müssen ihre Positionen von J2000,0 auf ein Stichjahr fortgeschrieben und dann um den Ayanāṃśa vermindert werden. Für 2025,0 ergibt sich:

Ayanāṃśa (2025,0)35 Ari41 Ari39 Ari
Lahiri / Citrāpakṣa23° 05′24° 21′24° 31′
True Citrā23° 06′24° 22′24° 32′
Krishnamurti23° 10′24° 27′24° 36′
Raman24° 31′25° 48′25° 57′
Fagan / Bradley22° 12′23° 28′23° 38′

Alle Werte sind siderische Längen in Meṣa; Bharaṇī reicht von 13°20′ bis 26°40′.

Das Ergebnis ist unspektakulär, und genau das ist bemerkenswert: alle drei Sterne liegen bei jedem gebräuchlichen Ayanāṃśa innerhalb von Bharaṇī, und zwar mit mehreren Grad Abstand zu beiden Grenzen. Bei Aśvinī fällt α Arietis je nach Ayanāṃśa heraus, bei Ārdrā liegt der Standardstern überhaupt im Nachbarabschnitt — bei Bharaṇī gibt es nichts dergleichen. Auch die Sollposition des Sūrya-Siddhānta landet, in denselben Rahmen umgerechnet, bei 20° 47′ Meṣa, also mitten im dritten Pāda. Der Streit um die yogatārā ist für die Abschnittsfrage folgenlos; er betrifft die Vermessung, nicht die Zuordnung.

Ein Wort zur Genauigkeit dieser Zahlen: der Ayanāṃśa ist keine Naturkonstante, sondern eine Festlegung. Zwischen Raman und Fagan/Bradley liegen über zwei Grad, und das verschiebt einen Stern um mehr als einen halben Pāda. Bei Bharaṇī ist die Spanne folgenlos, weil die Gruppe so weit von beiden Rändern entfernt steht — bei anderen Nakṣatras entscheidet sie darüber, in welchem Abschnitt ein Stern überhaupt liegt.

Sichtbarkeit

Von mitteleuropäischer Breite (rund 47° Nord) kulminiert die Gruppe zwischen 70,4 und 72,3 Grad hoch — sehr günstig, weit über der horizontnahen Dunstschicht. Um Mitternacht kulminiert sie um den 9. November, in Sonnennähe steht sie um den 8. Mai; etwa vier Wochen davor und danach ist sie unsichtbar.

Leicht zu finden ist sie trotzdem nicht. Mit 3,6ᵐ bis 4,7ᵐ sind alle drei Sterne lichtschwach; 41 Arietis ist unter halbwegs dunklem Himmel noch gut zu sehen, 35 und 39 verlangen schon eine Nacht ohne Stadtbeleuchtung. Wer die Plejaden und den Widderkopf kennt, findet das Dreieck zwischen beiden — es steht etwa auf halbem Weg, deutlich nördlich der Verbindungslinie.

Namen und Namensvarianten

Der älteste Name ist nicht bharaṇī, sondern apabharaṇīḥ — und zwar im Plural. So steht er in der Taittirīya-Saṃhitā und im Taittirīya-Brāhmaṇa 1.5.1, beidemal als Bezeichnung einer Mehrheit, nicht einer einzelnen Erscheinung. Das passt zum Befund am Himmel: es sind drei Sterne, keiner davon auffällig, und der Name bezeichnet die Gruppe.

Die Bildung ist durchsichtig: apa-bhṛ, „fortschaffen, wegtragen". Das Brāhmaṇa selbst spielt sie aus, wenn es im Nakṣatreṣṭi-Mantra ápa pāpmā́naṃ bháraṇīr bharantu sagt — „das Übel sollen die Bharaṇīs forttragen". Bemerkenswert dabei: an dieser Stelle fehlt das apa- im Namen. Dasselbe Werk führt also beide Formen, hundert Seiten auseinander, ohne die Differenz zu erklären. Die spätere Tradition hat sich für die kürzere entschieden; apabharaṇī ist danach nur noch lexikalisch bezeugt.

Ob der Name ursprünglich mit dem Tragen eines Kindes zu tun hat — so legt es das überlieferte Symbol, die Yoni, nahe — oder mit dem Fortschaffen des Toten, wie es der Kontext des Yama und die Brāhmaṇa-Etymologie verlangen, lässt sich aus den Texten nicht entscheiden. Beide Lesungen stecken in derselben Wurzel bhṛ, „tragen". Die Quellen, die hier greifbar waren, sprechen ausnahmslos vom Fortschaffen; das Symbol der Yoni stammt aus der Lehrüberlieferung und hat in keinem der eingesehenen klassischen Verse einen Beleg.

Warum Bharaṇī am Ende der ältesten Listen steht

Dass die Reihe der Nakṣatras mit Aśvinī beginnt, ist nicht alt. Die ältesten Listen beginnen mit Kṛttikā und enden folgerichtig mit Bharaṇī: die Taittirīya-Saṃhitā, das Taittirīya-Brāhmaṇa in 1.5.1 und noch einmal in 3.1.1 f., der Atharvaveda, das Vedāṅga-Jyotiṣa. Das Taittirīya-Brāhmaṇa sagt den Grund sogar ausdrücklich: múkhaṃ vā́ etán nákṣatrāṇām | yát kŕ̥ttikāḥ — „Dies ist der Mund der Nakṣatras, nämlich die Kṛttikās."

Für Bharaṇī hat das eine praktische Folge, die beim Zitieren regelmässig schiefgeht: Bṛhat Saṃhitā 15 zählt ebenfalls ab Kṛttikā. Der Bharaṇī-Vers ist dort deshalb 15.27, der letzte des Kapitels — und nicht 15.2, wie man bei einer Zählung ab Aśvinī erwarten würde. Wer den zweiten Vers für das zweite Nakṣatra hält, liegt um fünfundzwanzig Stellen daneben. Im selben Werk zählt Kapitel 97 dagegen ausdrücklich von Aśvinī an (kramaśo ‘śvinyādīnām). Dieselbe Schrift benutzt also beide Anfangspunkte; das ist kein Überlieferungsfehler, sondern Befund.

Die Verse

Die älteste Stelle, die Bharaṇī nennt, steht in der Taittirīya-Saṃhitā, in der Aufzählung der Nakṣatra-Feueraltarziegel — jeweils Nakṣatra und zugehörige Gottheit. Bharaṇī bildet dort den Abschluss der Reihe:

Taittirīya-Saṃhitā 4.4.10.3

अपभरणीर् नक्षत्रं यमो देवता

apabháraṇīr nákṣatraṃ yamó devátā

Die Apabharaṇīs sind das Nakṣatra, Yama die Gottheit.

Apabharaṇīr: die Apabharaṇīs, ältere Namensform von Bharaṇī; wörtl. apa (weg) + bharaṇī (die Tragende) (f. 1/3). Nakṣatraṃ: Nakṣatra, Gestirn, Mondhaus (n. 1/1). Yamo: Yama, der Herr der Toten, der Bändiger (m. 1/1). Devatā: Gottheit (f. 1/1).

Wortlaut nach TITUS (akzentuierte Umschrift); Devanāgarī-Ausgabe bei sanskritdocuments.org. Im fortlaufenden Text steht davor ein devátā, das zum vorhergehenden Eintrag (Aśvayujau) gehört und durch Sandhi an den Namen gezogen wird.

Das Taittirīya-Brāhmaṇa führt dieselbe Reihe, stellt aber die Gottheit in den Genitiv voran und fügt jedem Nakṣatra ein Begriffspaar bei — eines „oberhalb", eines „unterhalb":

Taittirīya-Brāhmaṇa 1.5.1.5

यमस्यापभरणीः अपकर्षन्तः परस्ताद् अपवहन्तो ऽवस्तात्

yamásyāpabháraṇīḥ apakárṣantaḥ parástād apaváhanto 'vástāt

Des Yama sind die Apabharaṇīs. Die Wegziehenden oberhalb, die Wegfahrenden unterhalb.

Yamasyā: des Yama, des Herrn der Toten (m. 6/1). Apabharaṇīḥ: die Apabharaṇīs, ältere Namensform von Bharaṇī (f. 1/3). Apakarṣantaḥ: die Wegziehenden, die Fortreissenden (m. 1/3). Parastād: oberhalb, darüber, jenseits (avy.). Apavahanto: die Wegfahrenden, die Forttragenden (m. 1/3). 'vastāt: unterhalb, darunter, diesseits (avy.).

Umschrift nach TITUS, Devanāgarī nach sanskritdocuments.org. Wortglossar hier erstellt; das Werk liegt noch nicht in der Textdatenbank dieser Seite.

Dieses Begriffspaar ist die Grundlage der Śakti-Angabe weiter oben: apakárṣantaḥ und apaváhanto sind das „oberhalb" und „unterhalb" der Formel. Was das Brāhmaṇa nüchtern nebeneinanderstellt, deutet Bhaṭṭabhāskara als das Wegziehen des Lebenshauchs und das Geleiten in die Väterwelt — und trägt das mittlere Glied, die Śakti selbst, erst ein.

An einer dritten Stelle, in den Nakṣatreṣṭi-Mantras des dritten Aṣṭaka, bekommt Bharaṇī einen eigenen Anrufungsvers. Er ist der einzige der klassischen Bharaṇī-Belege, der nicht von Tod und Abtrennung spricht, sondern von Reinigung:

Taittirīya-Brāhmaṇa 3.1.2, Nakṣatreṣṭi-Mantra für Bharaṇī

अप पाप्मानं भरणीर् भरन्तु तद् यमो राजा भगवान् विचष्टाम्

ápa pāpmā́naṃ bháraṇīr bharantu tád yamó rā́jā bhágavān vícaṣṭām

Das Übel sollen die Bharaṇīs forttragen. Das möge König Yama, der Erhabene, ansehen.

Apa: weg, fort (avy.). Pāpmānaṃ: das Übel, das Böse, die Schuld (m. 2/1). Bharaṇīr: die Bharaṇīs, das 2. Nakṣatra (f. 1/3). Bharantu: sie sollen tragen (loṭ I/3). Tad: das, dies (n. 2/1). Yamo: Yama, der Herr der Toten (m. 1/1). Rājā: König (m. 1/1). Bhagavān: der Erhabene, der Herrliche (m. 1/1). Vicaṣṭām: er möge ansehen, wahrnehmen (loṭ I/1).

Wortlaut nach TITUS und sanskritdocuments.org; in der Mysore-Ausgabe Abschnitt 29. Der Mantra umfasst acht Zeilen und schliesst mit derselben Zeile, mit der er beginnt; hier stehen die ersten beiden.

Aus der neueren Lehrüberlieferung stammen die Merkverse, mit denen die Reihe der Nakṣatra-Namen gelernt wird. Bharaṇī steht dort an zweiter Stelle:

Ārambha-Kursverse, Nakṣatra-Abschnitt 1

अश्विनी भरणी चैव कृत्तिका रोहिणी मृगः आर्द्रा पुनर्वसुः पुष्यस् ततो ऽश्लेषा मघा तथा

aśvinī bharaṇī caiva kṛttikā rohiṇī mṛgaḥ ārdrā punarvasuḥ puṣyas tato 'śleṣā maghā tathā

Aśvinī, Bharaṇī und Kṛttikā, Rohiṇī, Mṛga[śiras]; Ārdrā, Punarvasu, Puṣya, darauf Āśleṣā und ebenso Maghā.

Aśvinī: Aśvinī, 1. Nakṣatra (f. 1/1). Bharaṇī: Bharaṇī, 2. Nakṣatra (f. 1/1). Ca: und (avy.). Eva: eben (avy.). Kṛttikā: Kṛttikā, 3. Nakṣatra (f. 1/1). Rohiṇī: Rohiṇī, 4. Nakṣatra (f. 1/1). Mṛgaḥ: Mṛga(śiras), 5. Nakṣatra (m. 1/1). Ārdrā: Ārdrā, 6. Nakṣatra (f. 1/1). Punarvasuḥ: Punarvasu, 7. Nakṣatra (m. 1/1). Puṣyas: Puṣya, 8. Nakṣatra (m. 1/1). Tato: darauf (avy.). 'śleṣā: Āśleṣā, 9. Nakṣatra (f. 1/1). Maghā: Maghā, 10. Nakṣatra (f. 1/1). Tathā: ebenso (avy.).

Quelle ungeklärt (Ārambha-Kursmaterial, Pt. Sanjay Rath)

Grammatikangaben im Glossar sind unter Grammatik-Abkürzungen erklärt.

Zur Quellenlage dieses Portraits

Die Angaben oben ruhen auf ungleichem Grund, und das soll sichtbar bleiben.

Sicher ist alles Rechnerische: die Gradgrenzen, die vier Pādas, ihre Navāṃśa-Zeichen. Das folgt aus der Einteilung selbst und ist gegen die eigene Berechnungsbibliothek geprüft. Sicher ist auch die Lage ganz im Rāśi Meṣa, die der zitierte Vers ausspricht, und die Zuordnung des Herrschers Śukra, die sich aus der Viṃśottarī-Reihe ergibt.

Am Originalvers belegt sind: die Devatā Yama und die ältere Namensform apabharaṇīḥ (Taittirīya-Saṃhitā 4.4.10, Taittirīya-Brāhmaṇa 1.5.1 und 3.1.2), die Śakti samt ihren drei Gliedern (Bhaṭṭabhāskara zum Brāhmaṇa), die Wesensart ugra/krūra und die zugehörigen Tätigkeiten (Bṛhat Saṃhitā 97.8, Muhūrta-Cintāmaṇi 2.4), die Menschengruppen (Bṛhat Saṃhitā 15.27), Gaṇa, Yoni und Nāḍī (Muhūrta-Cintāmaṇi 6.29, 6.25, 6.34, kontrolliert an der Nārada-Saṃhitā), das Mukha (Muhūrta-Cintāmaṇi 2.9) sowie die Geburtsdeutung (Jātaka-Pārijāta 9.84). Die Sternidentifikation ist belegt und im Umfang der Gruppe sogar unstrittig; nur welcher der drei Sterne die yogatārā ist, bleibt offen.

Nicht belegt und deshalb markiert oder ganz weggelassen: das Geschlecht der Yoni, für das die klassische Lehre gar keinen Platz hat (vierzehn Tiere für achtundzwanzig Nakṣatras, gerechnet wird mit Artenfreundschaft); die Himmelsrichtung; die Namenssilben, und bei der vierten überdies der offene Widerspruch zwischen Devanāgarī und Umschrift in der eigenen Tabelle; das Symbol der Yoni, das aus der Lehrüberlieferung stammt und in keinem der eingesehenen klassischen Verse vorkommt.

Berichtigt wurden drei Angaben, die durch die moderne Literatur laufen: der Varṇa (im Heiratsvergleich kṣatriya, nicht śūdra oder caṇḍāla — das ist die Sozialklasse aus Bṛhat Saṃhitā 15.30), die Herkunft der Śakti-Formel (Bhaṭṭabhāskara, nicht Sāyaṇa) und die Vorstellung, der Śakti-Name sei eine eigene Wortprägung — er ist der Nakṣatra-Name selbst.

Nicht verwendet wurde die ausgemalte Yama-Mythologie der Purāṇa-Literatur. Sie gehört in andere Zusammenhänge und sagt über den Himmelsabschnitt nichts.

Bei den Versen ist zu unterscheiden. Die Taittirīya-Stellen, der Kommentar Bhaṭṭabhāskaras und die Verse aus Bṛhat Saṃhitā, Muhūrta-Cintāmaṇi und Jātaka-Pārijāta sind edierter Text mit nachprüfbarer Fundstelle. Der Merkvers der Nakṣatra-Namen und der Vers zur Pāda-Verteilung dagegen stammen aus einem Kursmaterial, dessen Wortlaut keiner Stelle eines klassischen Werks zugeordnet werden konnte. Sie werden deshalb als das ausgewiesen, was sie sind: gelernte Verse einer lebendigen Lehrtradition, nicht edierter Text.

Was noch offen ist: Die Nārada-Saṃhitā und das Vivāha-vṛndāvana, die Gaṇa, Yoni und Nāḍī bestätigen, waren nur als Kontrollzitate greifbar, nicht in eigener Ausgabe. Für das Yoni-Geschlecht wurde kein Vers gefunden; falls einer auftaucht, kommt er nach. Und ob die eigene Silbentabelle im Devanāgarī oder in der Umschrift irrt, ist nicht entschieden — dazu bräuchte es eine klassische Fundstelle für die Pāda-Silben überhaupt, und die fehlt für alle 27.