Aśvinī

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अश्विनी 1. Nakṣatra · 0°00′ bis 13°20′ Meṣa (siderisch) · Herrscher Ketu

Aśvinī ist das erste der 27 Nakṣatras — jedenfalls in der Zählung, die sich seit der klassischen Zeit durchgesetzt hat. In den ältesten vedischen Listen steht es nicht an dieser Stelle; dazu unten mehr. Der Name gehört zu aśva, „Pferd", und verweist auf die Aśvinau, das göttliche Zwillingspaar, das den Abschnitt beherrscht.

Himmelsabschnitt und Pādas

Aśvinī beginnt am siderischen Nullpunkt und reicht bis 13°20′; es liegt damit vollständig im Rāśi Meṣa (Widder) — anders als neun der 27 Nakṣatras, die über eine Zeichengrenze hinweg liegen. Die vier Pādas zu je 3°20′ tragen die Navāṃśa-Zeichen Meṣa, Vṛṣabha, Mithuna und Karka — Meṣa ist ein bewegliches Zeichen, seine Navāṃśa-Reihe beginnt deshalb bei ihm selbst.

PādavonbisNavāṃśaPuruṣārthaSilbe
10°00′3°20′MeṣaDharmaचु cu
23°20′6°40′VṛṣabhaArthaचे ce
36°40′10°00′MithunaKāmaचो co
410°00′13°20′KarkaMokṣaला

Die Gradgrenzen und die Navāṃśa-Zuordnung sind reine Arithmetik und gegen die eigene Berechnungsbibliothek geprüft. Die Silben stammen aus der Lehrüberlieferung; ein klassischer Vers, der sie festlegt, liess sich hier nicht nachweisen. Nach der überlieferten Namensgebung beginnt der Rufname eines Kindes mit der Silbe des Pādas, in dem der Mond zur Geburt stand.

Dass Aśvinī ganz in Meṣa liegt, sagt der Vers, der die Pādas auf die Zeichen verteilt:

Ārambha-Kursverse, Rāśi-Abschnitt (Meṣa)

अश्विनी भरणी कृत्तिकापादम् एकं मेषः

aśvinī bharaṇī kṛttikāpādam ekaṃ meṣaḥ

[Die vier Pādas von] Aśvinī, [die vier von] Bharaṇī und ein Pāda von Kṛttikā [bilden] Meṣa [den Widder].

Aśvinī: Aśvinī, 1. Nakṣatra (f. 1/1). Bharaṇī: Bharaṇī, 2. Nakṣatra (f. 1/1). Kṛttikāpādam: ein Pāda von Kṛttikā; wörtl. kṛttikā (3. Nakṣatra) + pāda (Viertel) (n. 1/1). Ekaṃ: ein, eines (n. 1/1). Meṣaḥ: Meṣa, der Widder (1. Rāśi) (m. 1/1).

Quelle ungeklärt (Ārambha-Kursmaterial, Pt. Sanjay Rath)

Die Devatā

Über den Abschnitt herrschen die Aśvinau, das Zwillingspaar der vedischen Götterwelt — im Dual gedacht und fast nie einzeln genannt. Sie fahren einen Wagen, gelten als die Ärzte der Götter und erscheinen im Ṛgveda immer wieder als Retter aus Not: sie heilen, geben die Sehkraft zurück, verjüngen. Das Taittirīya-Brāhmaṇa nennt sie „die beiden Ärzte der Götter, die Opferfahrer, die beiden Boten des Alls, die Hüter der Unsterblichkeit". Ihr Name gehört zu aśva, „Pferd"; die Lehrüberlieferung, aus der dieses Portrait sonst schöpft, nennt sie pferdeköpfig, und das Symbol des Nakṣatras ist ein Pferdekopf.

Gern liest man, die beiden hiessen Dasra und Nāsatya — je einer der Zwillinge. Das ist so nicht haltbar: im Amarakośa stehen nāsatyau, aśvinau, dasrau und āśvineyau nebeneinander als Synonyme, und zwar alle im Dual, also als Namen für das Paar, nicht für den einzelnen. Die Aufteilung auf zwei Personen ist eine spätere Bequemlichkeit.

Zweierlei ist dabei auseinanderzuhalten. Dass die Aśvinau die Devatā dieses Abschnitts sind, ist die älteste und am besten gesicherte seiner Zuschreibungen: die Götterzuordnung steht bereits in den vedischen Nakṣatra-Listen und ist nicht erst astrologische Schuldoktrin. Die ausführlichen Erzählungen dagegen, die in der modernen Nakṣatra-Literatur um dieses Paar gelegt werden, gehören nicht hierher — sie stammen aus verschiedenen Purāṇas und Upaniṣaden, werden dort in ganz anderem Zusammenhang erzählt und sagen über den Himmelsabschnitt nichts aus. Sie bleiben deshalb aussen vor.

Die Śakti

Jedem Nakṣatra wird eine Śakti zugeschrieben, eine Wirkkraft, und zwar in einer eigentümlich dreigliedrigen Form: ein Begriff für die Kraft selbst, dazu etwas „oberhalb" und etwas „unterhalb", und aus dem Zusammentreffen der drei ein Ergebnis. Diese Angabe läuft durch die gesamte moderne Nakṣatra-Literatur, fast immer ohne Quelle. Sie ist aber nicht erfunden.

Die Wurzel liegt im Taittirīya-Brāhmaṇa, das zu jedem Nakṣatra ein Paar parastāt („oberhalb") und avastāt („unterhalb") nennt — für Aśvinī grāma, das Dorf, und senā, das Heer (der Wortlaut steht unten bei den Versen). Das mittlere Glied und das Ergebnis fehlen dort. Sie stehen erst im Kommentar, und zwar nicht bei Sāyaṇa, wie häufig angenommen wird, sondern bei Bhaṭṭabhāskara Miśra, dessen Bhāṣyadīpikā älter ist als Sāyaṇas Bhāṣya:

Bhaṭṭabhāskara Miśra, Bhāṣyadīpikā zu Taittirīya-Brāhmaṇa 1.5.1

अश्विनोरश्वयुजौ अश्विनौ भिषजौ तयोर् भिषज्यतोस् त्रयं भवति परस्ताद् ग्रामः चिकित्सितव्याः प्रजा देवा मनुष्याश् च मध्ये कालात्मिका शीघ्रव्यापिनी शक्तिः अवस्तात् सेना दिव्यौषधसंहतिः एतत्त्रयोपपत्तौ विश्वं जगद् अरोगं भवति

aśvinor aśvayujau aśvinau bhiṣajau tayor bhiṣajyatos trayaṃ bhavati parastād grāmaḥ cikitsitavyāḥ prajā devā manuṣyāś ca madhye kālātmikā śīghravyāpinī śaktiḥ avastāt senā divyauṣadhasaṃhatiḥ etattrayopapattau viśvaṃ jagad arogaṃ bhavati

„Der beiden Aśvins [sind] die Aśvayujau." Die Aśvins sind die beiden Ärzte. Für die beiden Heilenden gibt es eine Dreiheit: oberhalb das Dorf — die zu behandelnden Geschöpfe, Götter und Menschen; in der Mitte die zeitgestaltige, schnell durchdringende Kraft; unterhalb das Heer — die Schar der göttlichen Heilkräuter. Beim Zusammentreffen dieser drei wird die ganze Welt frei von Krankheit.

Aśvinor: der beiden Aśvins (m. 6/2). Aśvayujau: die beiden Rossegespannten, das Nakṣatra Aśvinī (f. 1/2). Aśvinau: die beiden Aśvins (m. 1/2). Bhiṣajau: die beiden Ärzte (m. 1/2). Tayor: der beiden (pron. 6/2). Bhiṣajyatos: der beiden Heilenden, während sie heilen (Part. Präs., m. 6/2). Trayaṃ: eine Dreiheit (n. 1/1). Bhavati: es gibt, entsteht (laṭ III/1). Parastād: oberhalb, darüber (avy.). Grāmaḥ: Dorf, Gemeinschaft (m. 1/1). Cikitsitavyāḥ: die zu Behandelnden (Gerundiv, f. 1/3). Prajā: Geschöpfe, Lebewesen (f. 1/3). Devā: Götter (m. 1/3). Manuṣyāś: Menschen (m. 1/3). Ca: und (avy.). Madhye: in der Mitte (n. 7/1). Kālātmikā: zeitgestaltig, deren Wesen die Zeit ist; wörtl. kāla (Zeit) + ātmikā (wesenhaft) (f. 1/1). Śīghravyāpinī: schnell durchdringend; wörtl. śīghra (schnell) + vyāpin (durchdringend) (f. 1/1). Śaktiḥ: Kraft, Vermögen (f. 1/1). Avastāt: unterhalb, darunter (avy.). Senā: Heer, Schar (f. 1/1). Divyauṣadhasaṃhatiḥ: die Schar der göttlichen Heilkräuter; wörtl. divya (göttlich) + auṣadha (Heilkraut) + saṃhati (Zusammenballung) (f. 1/1). Etattrayopapattau: beim Zusammentreffen dieser drei; wörtl. etad (dies) + traya (Dreiheit) + upapatti (Zustandekommen) (f. 7/1). Viśvaṃ: all, ganz (n. 1/1). Jagad: Welt, was sich regt (n. 1/1). Arogaṃ: frei von Krankheit; wörtl. a- (un-) + roga (Krankheit) (n. 1/1). Bhavati: wird (laṭ III/1).

Taittirīya-Brāhmaṇa mit Bhaṭṭabhāskara-Bhāṣya, Aṣṭaka 1, hrsg. A. Mahādeva Śāstrī, Mysore 1908, S. 253. Ein Wort der Handschrift zwischen senā und divyauṣadha° ist unsicher und in der Ausgabe selbst mit einer Lesartvariante versehen; es ist hier weggelassen.

Damit ist die Formel geklärt: śīghravyāpinī śakti, „die schnell durchdringende Kraft" — und zwar deshalb, weil ein Arzt schnell zur Stelle sein muss. Die in moderner Literatur kursierende Schreibung „shidhra vyapani" ist eine Verballhornung von śīghra.

Zur Einordnung gehört noch dies: die Formel in dieser Gestalt geht auf einen Aufsatz David Frawleys von 1998 zurück, der sie ins Englische gebracht hat — und der die Herkunft dort korrekt angibt, nämlich Taittirīya-Brāhmaṇa 1.5.1 samt Bhaṭṭabhāskaras Kommentar. In der weiteren Verbreitung ist dieser Nachweis verlorengegangen. Zwei Fehler haben sich dabei fortgepflanzt: bei Rohiṇī sind „oben" und „unten" vertauscht, und bei Citrā und Śatabhiṣaj weicht die Gottheit von der des Brāhmaṇa ab.

Der Steckbrief

Die folgenden Zuschreibungen stammen aus verschiedenen Schichten der Überlieferung. Die Spalte rechts sagt bei jeder, worauf sie sich stützt. Wo eine Angabe in den hier greifbaren Quellen keinen Beleg hat, steht das ausdrücklich da, statt sie stillschweigend mitzuführen.

Himmelsabschnitt0°00′ bis 13°20′ Meṣa, siderisch Rechnung; Vers zur Pāda-Verteilung
Fixsterneβ und γ Arietis, nach einer zweiten Überlieferung auch α Arietis Sūrya-Siddhānta 8; Whitney gegen Colebrooke
HerrscherKetu Viṃśottarī-Reihe
Devatādie Aśvinau, das Zwillingspaar, Ärzte der Götter Taittirīya-Saṃhitā 4.4.10; Taittirīya-Brāhmaṇa 1.5.1
Śaktiśīghravyāpinī śakti, „die schnell durchdringende Kraft" — oberhalb die zu heilenden Wesen, unterhalb die Schar der göttlichen Heilkräuter; Ergebnis: die Welt wird frei von Krankheit Bhaṭṭabhāskara zu Taittirīya-Brāhmaṇa 1.5.1
SymbolPferdekopf Lehrüberlieferung
Namensbedeutungältere Form aśvayujau „die beiden Rossegespannten" (Dual); jüngere Form aśvinī zu aśva „Pferd" Taittirīya-Saṃhitā; Amarakośa 1.3.218
Wesensartlaghu / kṣipra (leicht, rasch) Bṛhat Saṃhitā 97.9; Muhūrta-Cintāmaṇi 2.6
Gaṇadeva (göttlich) Muhūrta-Cintāmaṇi 6.29; Nārada-Saṃhitā 29.127
Yoni (Tier)Pferd (aśva, haya), geteilt mit Śatabhiṣaj Muhūrta-Cintāmaṇi 6.25
Yoni-Geschlechtmännlich siehe unten
Nāḍīādi (die erste) Muhūrta-Cintāmaṇi 6.34; Nārada-Saṃhitā 29.141
Varṇakṣatriya im Heiratsvergleich — vaiśya in der Gesellschaftszuordnung zwei verschiedene Systeme, siehe unten
GuṇaRajas im Nakṣatra-Guṇa-Schema — Tamas im Navatārā-Schema zwei verschiedene Systeme, siehe unten
TattvaPṛthivī (Erde) eigenes Kursmaterial
RichtungSüden moderne Fachliteratur
Mukhatiryaṅmukha (seitwärts blickend) moderne Fachliteratur
Silbenचु cu · चे ce · चो co · ला Lehrüberlieferung
Körperteilumstritten — siehe unten drei abweichende Angaben
PuruṣārthaDharma Lehrüberlieferung
TätigkeitenHandel, Liebeslust, Wissen, Schmuck, Künste, Handwerk, Heilmittel, Fahrzeuge Bṛhat Saṃhitā 97.9
MenschengruppenPferdediebe, Heerführer, Ärzte, Diener, Reiter, Kaufleute, Wohlgestaltete, Pferdewärter Bṛhat Saṃhitā 15.26

Wo die Quellen auseinandergehen

Körperteil. Drei Angaben stehen nebeneinander, und sie lassen sich nicht zusammenbringen. Das Schema des Nakṣatrapuruṣa, das ab Kṛttikā zählt und dort den Kopf ansetzt, weist Aśvinī den Fussrücken zu. Die moderne Nakṣatra-Literatur nennt teils Knie und oberen Fuss, teils — im Kālapuruṣa-Zusammenhang, der ab Aśvinī zählt — Kopf und Gehirn. Der Unterschied ist kein Überlieferungsfehler, sondern eine Folge des Zählbeginns: wer bei Kṛttikā ansetzt, bekommt zwangsläufig ein anderes Glied als wer bei Aśvinī ansetzt. Welches Schema gemeint ist, muss also immer mitgesagt werden.

Guṇa. Auch hier liegen zwei Systeme übereinander. Das eine ordnet den Nakṣatras Guṇas nach ihrer Stellung im Dreierschritt der Lokas zu und ergibt für Aśvinī Rajas; das andere zählt im Navatārā-Schema und ergibt Tamas. Beide stehen im selben eigenen Kursmaterial, an verschiedenen Stellen. Sie widersprechen einander nicht wirklich — sie beantworten verschiedene Fragen —, werden aber regelmässig vermengt.

Varṇa. Der interessanteste Fall, weil hier fast alle modernen Tabellen dasselbe Falsche sagen. Sie geben für Aśvinī vaiśya, die Händlerschaft. Im Heiratsvergleich, dem Melāpaka, wo das Varṇa-Kūṭa seinen Ort hat, wird der Varṇa aber nicht nach dem Nakṣatra, sondern nach dem Rāśi vergeben. Der Muhūrta-Cintāmaṇi sagt es ausdrücklich:

Muhūrta-Cintāmaṇi 6.22

द्विजा झषालिकर्कटास् ततो नृपा विशो ऽङ्घ्रिजाः

dvijā jhaṣālikarkaṭās tato nṛpā viśo 'ṅghrijāḥ

Brahmanen [sind] Mīna, Vṛścika und Karka; darauf die Fürsten [Kṣatriyas], die Vaiśyas, die Śūdras.

Dvijā: Brahmanen; wörtl. „zweimal Geborene" (m. 1/3). Jhaṣālikarkaṭās: Mīna, Vṛścika und Karka; wörtl. jhaṣa (Fisch = Mīna) + āli (Skorpion = Vṛścika) + karkaṭa (Krebs = Karka) (m. 1/3). Tato: darauf, danach (avy.). Nṛpā: Fürsten, Kṣatriyas; wörtl. nṛ (Mensch) + pa (schützend) (m. 1/3). Viśo: Vaiśyas, die Leute des dritten Standes (f. 1/3). 'ṅghrijāḥ: Śūdras; wörtl. aṅghri (Fuss) + ja (geboren) (m. 1/3).

Der Kommentar löst auf: meṣasiṃhadhanūrāśayo nṛpāḥ kṣatriyāḥ — „Meṣa, Siṃha und Dhanus sind die Fürsten, die Kṣatriyas."

Aśvinī liegt ganz in Meṣa, gehört im Melāpaka also zu den Kṣatriyas. Woher kommt dann vaiśya? Aus einer ganz anderen Stelle: Die Bṛhat Saṃhitā ordnet in 15.29 Punarvasu, Hasta, Abhijit und Aśvinī den vaṇigjana, den Kaufleuten, zu — das ist eine gesellschaftsprognostische Zuordnung, wie sie das ganze Kapitel 15 vornimmt, kein Kūṭa der Heiratsprüfung. Die modernen Tabellen führen Gaṇa, Yoni und Nāḍī als echte Nakṣatra-Kūṭas auf und füllen die Varṇa-Spalte mit der Sozialklasse aus Bṛhat Saṃhitā 15 — weil nur diese nach Nakṣatras geordnet ist. Beide Angaben sind für sich richtig; wer mit dem Aṣṭakūṭa rechnet, muss kṣatriya ansetzen.

Yoni-Geschlecht. Die modernen Tabellen geben für Aśvinī „Pferd, männlich". Das Tier ist belegt, das Geschlecht nicht. Die klassische Lehre kennt vierzehn Tiere für achtundzwanzig Nakṣatras — jedes Tier also zweimal — und rechnet ausschliesslich mit Freundschaft und Feindschaft der Arten; der Kommentar zum Muhūrta-Cintāmaṇi zitiert dazu das Daivajñamanohara: aṣṭāviṃśatitārāṇāṃ yonayas tu caturdaśa. Die Aufteilung des Paares Aśvinī/Śatabhiṣaj in ein männliches und ein weibliches Pferd ist eine spätere Ausdifferenzierung, für die sich kein Vers finden liess.

Wesensart und Tätigkeiten

Die Wahllehre teilt die Nakṣatras nach ihrer Wesensart ein, weil davon abhängt, welche Unternehmung unter ihnen gelingt. Aśvinī gehört zur Klasse der leichten, raschen — Varāhamihira nennt sie laghu, die Muhūrta-Literatur meist kṣipra:

Bṛhat Saṃhitā 97.9 (in Kerns Zählung 98.9)

लघु हस्ताश्विनपुष्याः पण्यरतिज्ञानभूषणकलासु शिल्पौषधयानादिषु सिद्धिकराणि प्रदिष्टानि

laghu hastāśvinapuṣyāḥ paṇyaratijñānabhūṣaṇakalāsu śilpauṣadhayānādiṣu siddhikarāṇi pradiṣṭāni

Leicht [laghu] sind Hasta, Aśvinī und Puṣya; sie gelten als erfolgbringend für Handel, Liebeslust, Wissen, Schmuck, Künste, für Handwerk, Heilmittel, Fahrzeuge und dergleichen.

Laghu: leicht, rasch - Name der Nakṣatra-Klasse (n. 1/1). Hastāśvinapuṣyāḥ: Hasta, Aśvinī und Puṣya; wörtl. hasta + aśvin + puṣya (m. 1/3). Paṇyaratijñānabhūṣaṇakalāsu: bei Handel, Liebeslust, Wissen, Schmuck und Künsten; wörtl. paṇya (Ware, Handel) + rati (Liebeslust) + jñāna (Wissen) + bhūṣaṇa (Schmuck) + kalā (Kunst) (f. 7/3). Śilpauṣadhayānādiṣu: bei Handwerk, Heilmitteln, Fahrzeugen und dergleichen; wörtl. śilpa (Handwerk) + auṣadha (Heilkraut, Arznei) + yāna (Fahrzeug) + ādi (und so fort) (n. 7/3). Siddhikarāṇi: erfolgbringend, zum Gelingen führend; wörtl. siddhi (Gelingen) + kara (machend) (n. 1/3). Pradiṣṭāni: sind angegeben, sind gelehrt (n. 1/3).

Ausgabe H. Kern, Kalkutta 1865; Kapitelzählung dort 98, in den neueren Ausgaben 97

Zur Kapitelzahl: man findet die Stelle als 97.9 und als 98.9 zitiert. Beides ist richtig — Kerns Ausgabe von 1865 zählt um eins höher als die neueren, weil sie zwei Verse mehr führt und ein späteres Kapitelpaar zusammenfasst. Wer eine der beiden Zahlen liest, sollte die andere mitdenken.

Der Muhūrta-Cintāmaṇi schreibt Varāhamihira hier praktisch aus — die Tätigkeitsliste ist dieselbe, nur verdichtet:

Muhūrta-Cintāmaṇi 2.6

हस्ताश्विपुष्याभिजितः क्षिप्रं लघु गुरुस् तथा तस्मिन् पण्यरतिज्ञानभूषाशिल्पकलादिकम्

hastāśvipuṣyābhijitaḥ kṣipraṃ laghu gurus tathā tasmin paṇyaratijñānabhūṣāśilpakalādikam

Hasta, Aśvinī, Puṣya und Abhijit [sind] kṣipra, „rasch", ebenso laghu, „leicht", und dazu der Donnerstag. Unter ihnen [gelingt] Handel, Liebeslust, Wissen, Schmuck, Handwerk, Künste und dergleichen.

Hastāśvipuṣyābhijitaḥ: Hasta, Aśvinī, Puṣya und Abhijit; wörtl. hasta + aśvin + puṣya + abhijit (m. 1/3). Kṣipraṃ: rasch - Name der Nakṣatra-Klasse (n. 1/1). Laghu: leicht - zweiter Name derselben Klasse (n. 1/1). Gurus: Guru (Bṛhaspati), der Donnerstag (m. 1/1). Tathā: ebenso (avy.). Tasmin: unter diesem [Nakṣatra]. Paṇyaratijñānabhūṣāśilpakalādikam: Handel, Liebeslust, Wissen, Schmuck, Handwerk, Künste und dergleichen; wörtl. paṇya (Ware, Handel) + rati (Liebeslust) + jñāna (Wissen) + bhūṣā (Schmuck) + śilpa (Handwerk) + kalā (Kunst) + ādika (und so fort) (n. 1/1).

Ausgaben Chaukhambā (Haridās Sanskrit Series 185) und Nirṇaya-Sāgara, buchstabengleich

Ein anderes Kapitel der Bṛhat Saṃhitā ordnet den Nakṣatras Menschen- und Berufsgruppen zu — es geht dort um Vorzeichendeutung im grossen Massstab, nicht um Geburtsdeutung:

Bṛhat Saṃhitā 15.26

अश्विन्याम् अश्वहराः सेनापतिवैद्यसेवकास् तुरगाः तुरगारोहाश् च वणिग्रूपोपेतास् तुरगरक्षाः

aśvinyām aśvaharāḥ senāpativaidyasevakās turagāḥ turagārohāś ca vaṇigrūpopetās turagarakṣāḥ

Unter Aśvinī: Pferdediebe, Heerführer, Ärzte, Diener, Pferde, Reiter, Kaufleute, Wohlgestaltete, Pferdewärter.

Aśvinyām: unter Aśvinī, im Nakṣatra Aśvinī (f. 7/1). Aśvaharāḥ: Pferdediebe; wörtl. aśva (Pferd) + hara (raubend, wegnehmend) (m. 1/3). Senāpativaidyasevakās: Heerführer, Ärzte und Diener; wörtl. senāpati (Heerführer) + vaidya (Arzt) + sevaka (Diener) (m. 1/3). Turagāḥ: Pferde; wörtl. tura (rasch) + ga (gehend) (m. 1/3). Turagārohāś: Reiter; wörtl. turaga (Pferd) + āroha (aufsteigend) (m. 1/3). Ca: und (avy.). Vaṇigrūpopetās: Kaufleute und Wohlgestaltete; wörtl. vaṇij (Kaufmann) + rūpopeta (mit [schöner] Gestalt versehen) (m. 1/3). Turagarakṣāḥ: Pferdewärter; wörtl. turaga (Pferd) + rakṣa (hütend) (m. 1/3).

Ausgabe H. Kern, Kalkutta 1865. Das Kapitel zählt von Kṛttikā an, Aśvinī steht deshalb als sechsundzwanzigstes.

Zwei Beobachtungen dazu. Erstens steht vaidya, „Arzt", hier mitten in der Aufzählung — Varāhamihira hält also dieselbe Verbindung zur Heilkunst fest wie die vedischen Texte, in denen die Aśvins die Ärzte der Götter sind. Zweitens heisst aśvahara wörtlich „Pferde-Nehmer", also Pferdedieb, und nicht, wie man gelegentlich übersetzt findet, Pferdehändler; die Händler stecken in vaṇij am Ende des Verses.

Der Jātaka-Pārijāta schliesslich sagt, was ein unter Aśvinī Geborener mitbekommt:

Jātaka-Pārijāta 9.84 (in anderer Zählung 9.85)

अश्विन्याम् अतिबुद्धिवित्तविनयप्रज्ञायशस्वी सुखी

aśvinyām atibuddhivittavinayaprajñāyaśasvī sukhī

Unter Aśvinī [wird man] reich an Verstand, Vermögen, Bescheidenheit, Einsicht und Ruhm, und glücklich.

Aśvinyām: unter Aśvinī, im Nakṣatra Aśvinī (f. 7/1). Atibuddhivittavinayaprajñāyaśasvī: reich an überragendem Verstand, Vermögen, Bescheidenheit, Einsicht und Ruhm; wörtl. ati (über) + buddhi (Verstand) + vitta (Vermögen) + vinaya (Bescheidenheit) + prajñā (Einsicht) + yaśasvin (ruhmvoll) (m. 1/1). Sukhī: glücklich, wohlbehalten (m. 1/1).

Kashi Sanskrit Series 10 und Ausgabe V. Subrahmanya Sastri 1932; die beiden Ausgaben zählen um eins verschieden. Nur der Sanskrit-Wortlaut ist hier wiedergegeben.

Die Sterne des Asterismus

Die Sterne des Widderkopfes im Abschnitt der Aśvinī. Massstab in Länge und Breite gleich; die Sterne stehen wirklich sieben bis zehn Grad nördlich der Ekliptik. Siderische Länge zum Stichjahr 2025,0 mit dem Ayanāṃśa nach Lahiri; ekliptikale Breite J2000,0. Punktgrösse nach scheinbarer Helligkeit. Die Sterne des Widderkopfes im Abschnitt der Aśvinī. Massstab in Länge und Breite gleich; die Sterne stehen wirklich sieben bis zehn Grad nördlich der Ekliptik. Siderische Länge zum Stichjahr 2025,0 mit dem Ayanāṃśa nach Lahiri; ekliptikale Breite J2000,0. Punktgrösse nach scheinbarer Helligkeit.

Die Sterne des Widderkopfes im Abschnitt der Aśvinī. Massstab in Länge und Breite gleich; die Sterne stehen wirklich sieben bis zehn Grad nördlich der Ekliptik. Siderische Länge zum Stichjahr 2025,0 mit dem Ayanāṃśa nach Lahiri; ekliptikale Breite J2000,0. Punktgrösse nach scheinbarer Helligkeit.

Koordinaten aus SIMBAD (Abruf 15. September 2026); Sollposition der Yogatārā aus Sūrya-Siddhānta 8.2 und 8.6 nach Burgess 1860.

Welche Sterne genau gemeint sind, ist weniger klar, als die üblichen Tabellen vermuten lassen. Das Sūrya-Siddhānta nennt für Aśvinī keine Sternzahl; es sagt in 8.16 nur, die yogatārā — der „Verbindungsstern", nach dem der Abschnitt vermessen wird — sei „die nördliche". Ältere Autoritäten wie die Cākalya-Saṃhitā und das Khaṇḍa-Kaṭaka rechnen mit zwei Sternen, spätere mit drei.

Daraus wurde ein Streit, der bis heute nicht entschieden ist. Colebrooke (1807) nahm drei Sterne an und bestimmte α Arietis (Hamal) als yogatārā. Whitney widersprach in seinem Kommentar zu Burgess’ Sūrya-Siddhānta-Übersetzung (1860) mit ungewöhnlicher Schärfe: gemeint sei β Arietis, nicht α, und Colebrooke sei dadurch in die Irre geführt worden, dass er drei Sterne ansetzte; überhaupt gebe er „der Bestimmung der Breite zu viel und der der Länge zu wenig Gewicht". Rechnet man die Sollposition des Sūrya-Siddhānta auf das Jahr 560 um, so verfehlt β Arietis sie in der Länge um 1°57′, α Arietis um 5°38′ — in der Breite sind beide etwa gleich nah. Whitney entschied nach der Länge, Colebrooke nach der Breite. Kaye (1924) und B. V. Raman folgen Whitney. Beide Positionen stehen bei benannten Autoritäten; hier wird keine davon zur alleinigen erklärt.

Ein Hinweis kommt aus der Sprache selbst: der ältere Name steht im Dual (aśvayujau, „die beiden Rossegespannten"). Weber hat daraus geschlossen, dass das Nakṣatra ursprünglich als zweisternig galt — was für die Fassung β + γ spricht.

Und noch eine Berichtigung, die Burgess ausdrücklich macht: die Gestalt des Pferdekopfes ist keine Sternfigur. Sie steht, so Whitney, „zweifellos in Anspielung auf die waltenden Gottheiten und nicht aufgrund einer eingebildeten Ähnlichkeit".

Die Sterne im Katalog

α Ariβ Ariγ Ari
EigennameHamalSheratanMesarthim
Flamsteed13 Ari6 Ari5 Ari
HR617553545 / 546
HD129291163611502 / 11503
HIP988489038832
SAO751517501292680 / 92681
Helligkeit V2,012,653,88 (zusammen)
SpektraltypK2 IIIbkA4hA5mA5VaA0Vn / A2IVp
Rektaszension02ʰ 07ᵐ 10,41ˢ01ʰ 54ᵐ 38,41ˢ01ʰ 53ᵐ 31,81ˢ
Deklination+23° 27′ 44,7″+20° 48′ 28,9″+19° 17′ 37,9″
Ekl. Länge J200037° 39′ 44,9″33° 58′ 12,0″33° 11′ 04,5″
Ekl. Breite J2000+9° 57′ 54,4″+8° 29′ 14,1″+7° 09′ 44,6″
Entfernung20,2 pc (65,8 Lj)18,0 pc (58,7 Lj)50,3 pc (164 Lj)

Rektaszension und Deklination gelten für Äquinoktium und Epoche J2000,0. γ Arietis ist in Wahrheit ein Doppelstern — zwei fast gleich helle Sterne, 7,3 Bogensekunden voneinander — und war einer der ersten, die im 17. Jahrhundert als solcher erkannt wurden; mit blossem Auge erscheint er als einer. Auch β Arietis ist ein Doppelstern, allerdings nur spektroskopisch trennbar.

Die Kataloge sind sich dabei nicht in allem einig. Bei den beiden Komponenten von γ Arietis sind die HD-Nummern zwischen SIMBAD einerseits und dem Bright Star Catalogue samt IAU-Namensverzeichnis andererseits vertauscht; die Helligkeitsreihenfolge spricht für die zweite Zuordnung. Für β Arietis geben die Kataloge 2,64, 2,65 oder 2,70. Und die Entfernungen von β und γ sind mit Vorbehalt zu lesen: beide sind unaufgelöste Doppelsterne, und die Hipparcos-Neuauswertung von 2007 weist für sie eine schlechte Anpassungsgüte aus — für γ Arietis änderte sich die Parallaxe zwischen 1997 und 2007 von 15,96 auf 19,88 Millibogensekunden. Gaia-Daten, die das klären könnten, gibt es für α und β Arietis nicht.

Wo die Sterne heute stehen

Um zu prüfen, ob die Sterne im Abschnitt Aśvinī liegen, müssen ihre Positionen von J2000,0 auf ein Stichjahr fortgeschrieben und dann um den Ayanāṃśa vermindert werden. Für 2025,0 und den Ayanāṃśa nach Lahiri (24° 12′ 22,8″) ergibt sich:

Ayanāṃśa (2025,0)Wertγ Ariβ Ariα Ari
Lahiri / Citrāpakṣa24° 12′ 23″9° 19′ 39″10° 06′ 47″13° 48′ 21″
True Citrā24° 11′ 21″9° 20′ 41″10° 07′ 49″13° 49′ 24″
Krishnamurti24° 06′ 34″9° 25′ 28″10° 12′ 35″13° 54′ 10″
Raman22° 45′ 36″10° 46′ 26″11° 33′ 33″15° 15′ 08″
Fagan / Bradley25° 05′ 23″8° 26′ 39″9° 13′ 47″12° 55′ 21″

Alle Werte sind siderische Längen in Meṣa; Aśvinī reicht von 0° bis 13° 20′.

Das Ergebnis ist bemerkenswert und wird in den Handbüchern selten ausgesprochen: β und γ Arietis liegen bei jedem gebräuchlichen Ayanāṃśa innerhalb von Aśvinī — α Arietis nicht. Nach Lahiri steht Hamal 28 Bogenminuten jenseits der Grenze, also bereits in Bharaṇī; dasselbe gilt für Krishnamurti, Raman und True Citrā. Nur mit dem westlich-siderischen Ayanāṃśa von Fagan und Bradley fiele er noch hinein. Bei fortschreitender Präzession rückt er weiter hinaus, nicht hinein — er wäre erst bei einem Ayanāṃśa ab 24° 40′ 44″ wieder in Aśvinī, was die Lahiri-Zählung um 2059 erreicht.

Das ist ein indirektes Argument für Whitney: der Stern, der den klassischen Abschnitt tatsächlich besetzt, ist β, nicht α. Rechnet man die Sollposition der yogatārā aus dem Sūrya-Siddhānta in denselben Rahmen um, landet sie bei 8° 09′ Meṣa — mitten in Aśvinī, im dritten Pāda. Die Grafik oben zeigt diesen Punkt als offenen Kreis.

Ein Wort zur Genauigkeit dieser Zahlen: der Ayanāṃśa ist keine Naturkonstante, sondern eine Festlegung. Die Lahiri-Zählung geht auf den Beschluss des indischen Calendar Reform Committee von 1955 zurück, das ihn auf 23° 15′ 00″ zum 21. März 1956 festsetzte; das Indian Astronomical Ephemeris von 1985 korrigierte diesen Wert auf 23° 15′ 00,658″ — die massgebliche Quelle widerspricht also sich selbst, wenn auch nur um Sekundenbruchteile. Die Spanne zwischen den Schulen ist erheblicher: zwischen Raman und Fagan/Bradley liegen über zwei Grad, und das verschiebt einen Stern um mehr als einen halben Pāda.

Sichtbarkeit

Von mitteleuropäischer Breite (rund 47° Nord) kulminiert Hamal 66,5 Grad hoch, Sheratan 63,8 und Mesarthim 62,3 — sehr günstig, weit über der horizontnahen Dunstschicht. Zirkumpolar ist keiner von ihnen; alle gehen auf und unter. Um Mitternacht kulminiert die Gruppe Ende Oktober, um 21 Uhr Mitte Dezember. Gut zu sehen ist der Widder von November bis Januar; von Mitte April bis Ende Mai steht er in Sonnennähe und ist unsichtbar.

Hamal und Sheratan sind mit blossem Auge mühelos zu finden, Hamal auch in der Stadt. Mesarthim mit 3,9 Grössenklassen verlangt einen einigermassen dunklen Himmel; in einer hell beleuchteten Agglomeration bleibt er meist unsichtbar. Der Widder ist insgesamt ein lichtschwaches Sternbild — nur zwei seiner Sterne sind heller als dritter Grösse.

Namen und Namensvarianten

Der älteste Name ist nicht aśvinī, sondern aśvayujau, „die beiden Rossegespannten" — ein Dual. So steht er in der Taittirīya-Saṃhitā, im Taittirīya-Brāhmaṇa, im Atharvaveda und bei Pāṇini. Die Form aśvinī (bzw. der Dual aśvinyau) ist jünger; sie erscheint im Śāṅkhāyana-Gṛhyasūtra, im Amarakośa, bei Varāhamihira und im Sūrya-Siddhānta und hat sich dann durchgesetzt.

Davon zu trennen ist aśvinau: das ist der Name der Gottheiten, nicht des Nakṣatras. Dasselbe gilt für dasra, das im Amarakośa in der Synonymreihe der Götter steht, und für nāsatyā, das als Nakṣatra-Name nur bei Lexikographen verzeichnet ist, ohne Textbeleg.

Eine Warnung zu einer Form, die in modernen Listen mitläuft: turaga ist als Name dieses Nakṣatras nicht belegt. In Monier-Williams, bei Apte, im Vācaspatyam, im Amarakośa und in der Bṛhatsaṃhitā bedeutet das Wort durchgehend „Pferd" — und in der Zahlensymbolik die Sieben. Die Gleichsetzung dürfte eine moderne Verkürzung sein.

Warum Aśvinī überhaupt am Anfang steht

Dass die Reihe der Nakṣatras mit Aśvinī beginnt, ist nicht alt. Die ältesten Listen beginnen mit Kṛttikā: die Taittirīya-Saṃhitā (kṛttikā nakṣatram agnir devatā), das Taittirīya-Brāhmaṇa (agneḥ kṛttikāḥ), der Atharvaveda, das Vedāṅga-Jyotiṣa und noch der Mahābhārata. Weber, der die Listen zuerst systematisch verglichen hat, notiert dazu knapp: Kṛttikā stehe an erster Stelle „durchweg".

Hier ist eine verbreitete Behauptung zu berichtigen: gelegentlich liest man, schon das Vedāṅga-Jyotiṣa setze Aśvinī an den Anfang. Das trifft nicht zu — auch dort beginnt die Liste bei Kṛttikā, und das Yuga sogar bei Śraviṣṭhā. Der Wechsel ist erst im Amarakośa, in der Bṛhatsaṃhitā und im Sūrya-Siddhānta greifbar.

Der Grund für den Wechsel wird gewöhnlich in der Präzession gesucht: der Frühlingspunkt wandert rückwärts durch die Nakṣatras, und irgendwann fiel er nicht mehr in Kṛttikā, sondern an den Anfang von Aśvinī. Whitney selbst setzt den Umschlag allerdings nicht dort an, wo die Astronomie ihn verlangt hätte, sondern dort, wo die indische Astronomie insgesamt unter westlichem Einfluss neu geordnet wurde — ein Unterschied, der leicht übersehen wird.

Wann die Kṛttikā-Reihe entstand, wird häufig mit der Zahl 2300 v. Chr. beantwortet. Diese Zahl gehört aber gar nicht hierher: sie stammt aus Biots chinesischer Chronologie, und sowohl Whitney als auch Weber lehnen ihre Übertragung auf Indien ausdrücklich ab. Whitney kommt auf etwa 1400 v. Chr., Weber aufs 14. Jahrhundert v. Chr. und „äusserstenfalls" 2000 v. Chr. Und beide betonen, dass es sich um eine Plausibilitätsannahme handelt, nicht um einen Beweis: Whitney schreibt, der Kṛttikā-Anfang lasse den Frühlingspunkt dort „am plausibelsten vermuten", und Weber verzichtet ausdrücklich darauf, daraus einen chronologischen Schluss zu ziehen.

Die Verse

Die älteste Stelle, die Aśvinī nennt, steht in der Taittirīya-Saṃhitā. Sie gehört zur Aufzählung der Nakṣatra-Feueraltarziegel, jeweils Nakṣatra und zugehörige Gottheit:

Taittirīya-Saṃhitā 4.4.10.3

… revatī́ nákṣatram pūṣā́ devátā aśvayújau nákṣatram aśvínau devátā apabharaṇīr nákṣatraṃ yamó devátā …

… Revatī ist das Nakṣatra, Pūṣan die Gottheit; die beiden Aśvayujau sind das Nakṣatra, die beiden Aśvinau die Gottheit; die Apabharaṇīs sind das Nakṣatra, Yama die Gottheit …

Revatī́: Revatī, das 27. Nakṣatra (f. 1/1). Nákṣatram: Nakṣatra, Gestirn (n. 1/1). Pūṣā́: Pūṣan, der Mehrer (m. 1/1). Devátā: Gottheit (f. 1/1). Aśvayújau: die beiden Rossegespannten, das Nakṣatra Aśvinī (f. 1/2). Aśvínau: die beiden Aśvins (m. 1/2). Apabharaṇīr: die Apabharaṇīs, ältere Namensform von Bharaṇī (f. 1/3). Yamó: Yama, der Herr der Toten (m. 1/1). Die wiederkehrenden Wörter nákṣatram und devátā sind nur beim ersten Vorkommen aufgeführt.

Wortlaut nach TITUS (akzentuierte Umschrift); Devanāgarī-Ausgabe bei sanskritdocuments.org. Übersetzung von A. B. Keith, Harvard Oriental Series 19 (1914), S. 349, hier neu ins Deutsche gebracht.

Das Taittirīya-Brāhmaṇa führt dieselbe Reihe, stellt aber die Gottheit in den Genitiv voran und fügt jedem Nakṣatra ein Begriffspaar bei — eines „oberhalb", eines „unterhalb":

Taittirīya-Brāhmaṇa 1.5.1.5

अ॒श्विनो॑रश्व॒युजौ᳚ ग्रामः॑ प॒रस्ता॒थ्सेना॒ऽवस्ता᳚त्

aśvínor aśvayújau grā́maḥ parástāt sénā avástāt

Der beiden Aśvins [sind] die Aśvayujau. Das Dorf oberhalb, das Heer unterhalb.

Aśvinor: der beiden Aśvins (m. 6/2). Aśvayujau: die beiden Rossegespannten, das Nakṣatra Aśvinī; wörtl. aśva (Pferd) + yuj (anschirrend) (f. 1/2). Grāmaḥ: Dorf, Gemeinschaft, Schar (m. 1/1). Parastāt: oberhalb, darüber, jenseits (avy.). Senā: Heer, Schar (f. 1/1). Avastāt: unterhalb, darunter, diesseits (avy.).

Umschrift nach TITUS, Devanāgarī nach sanskritdocuments.org. Wortglossar hier erstellt; das Werk liegt noch nicht in der Textdatenbank dieser Seite.

Dieses Begriffspaar ist die Grundlage der Śakti-Angabe, die weiter oben steht: parastāt und avastāt sind das „oberhalb" und „unterhalb" der Formel. Was das Brāhmaṇa hier nüchtern nebeneinanderstellt — grāma, das Dorf, und senā, das Heer —, deutet Bhaṭṭabhāskara als die zu Heilenden und die Heilmittel und trägt das mittlere Glied, die Śakti selbst, erst ein.

Ebenfalls im Taittirīya-Brāhmaṇa, an anderer Stelle, stehen die Aśvins selbst beschrieben:

Taittirīya-Brāhmaṇa 3.1.2

यौ देवानां भिषजौ हव्यवाहौ विश्वस्य दूताव् अमृतस्य गोपौ

yáu devā́nāṃ bhiṣájau havyavā́hau víśvasya dūtā́v amŕ̥tasya gopáu

Die beiden, welche die Ärzte der Götter sind, die Opferfahrer, die Boten des Alls, die Hüter der Unsterblichkeit.

Yau: welche beiden (m. 1/2). Devānāṃ: der Götter (m. 6/3). Bhiṣajau: die beiden Ärzte, Heilkundigen (m. 1/2). Havyavāhau: die beiden Opferfahrer; wörtl. havya (Opferspeise) + vāha (tragend, fahrend) (m. 1/2). Viśvasya: des Alls, des Ganzen (n. 6/1). Dūtāv: die beiden Boten (m. 1/2). Amṛtasya: der Unsterblichkeit, des Unsterblichkeitstranks (n. 6/1). Gopau: die beiden Hüter, Wächter (m. 1/2).

Umschrift nach TITUS

Aus der neueren Lehrüberlieferung stammen die Merkverse, mit denen die Reihe der Nakṣatra-Namen gelernt wird. Sie beginnt mit Aśvinī:

Ārambha-Kursverse, Nakṣatra-Abschnitt 1

अश्विनी भरणी चैव कृत्तिका रोहिणी मृगः आर्द्रा पुनर्वसुः पुष्यस् ततो ऽश्लेषा मघा तथा

aśvinī bharaṇī caiva kṛttikā rohiṇī mṛgaḥ ārdrā punarvasuḥ puṣyas tato 'śleṣā maghā tathā

Aśvinī, Bharaṇī und Kṛttikā, Rohiṇī, Mṛga[śiras]; Ārdrā, Punarvasu, Puṣya, darauf Āśleṣā und ebenso Maghā.

Aśvinī: Aśvinī, 1. Nakṣatra (f. 1/1). Bharaṇī: Bharaṇī, 2. Nakṣatra (f. 1/1). Ca: und (avy.). Eva: eben (avy.). Kṛttikā: Kṛttikā, 3. Nakṣatra (f. 1/1). Rohiṇī: Rohiṇī, 4. Nakṣatra (f. 1/1). Mṛgaḥ: Mṛga(śiras), 5. Nakṣatra (m. 1/1). Ārdrā: Ārdrā, 6. Nakṣatra (f. 1/1). Punarvasuḥ: Punarvasu, 7. Nakṣatra (m. 1/1). Puṣyas: Puṣya, 8. Nakṣatra (m. 1/1). Tato: darauf (avy.). 'śleṣā: Āśleṣā, 9. Nakṣatra (f. 1/1). Maghā: Maghā, 10. Nakṣatra (f. 1/1). Tathā: ebenso (avy.).

Quelle ungeklärt (Ārambha-Kursmaterial, Pt. Sanjay Rath)

Grammatikangaben im Glossar sind unter Grammatik-Abkürzungen erklärt.

Zur Quellenlage dieses Portraits

Die Angaben oben ruhen auf ungleichem Grund, und das soll sichtbar bleiben.

Sicher ist alles Rechnerische: die Gradgrenzen, die vier Pādas, ihre Navāṃśa-Zeichen. Das folgt aus der Einteilung selbst und ist gegen die eigene Berechnungsbibliothek geprüft. Sicher ist auch die Stellung im Rāśi Meṣa, die der zitierte Vers ausspricht, und die Zuordnung des Herrschers Ketu, die sich aus der Viṃśottarī-Reihe ergibt.

Am Originalvers belegt sind: die Devatā und die ältere Namensform (Taittirīya-Saṃhitā 4.4.10, Taittirīya-Brāhmaṇa 1.5.1), die Śakti samt ihren drei Gliedern (Bhaṭṭabhāskara zum Brāhmaṇa), die Wesensart laghu/kṣipra und die zugehörigen Tätigkeiten (Bṛhat Saṃhitā 97.9, Muhūrta-Cintāmaṇi 2.6), die Berufsgruppen (Bṛhat Saṃhitā 15.26), Gaṇa, Yoni und Nāḍī (Muhūrta-Cintāmaṇi 6.29, 6.25, 6.34, bestätigt durch Nārada-Saṃhitā und Vivāha-vṛndāvana) sowie die Geburtsdeutung (Jātaka-Pārijāta 9.84). Die Sternidentifikation ist belegt, aber umstritten: das Sūrya-Siddhānta gibt die Sollposition der yogatārā, und die Rechnung bestätigt heute β und γ Arietis, nicht α.

Nicht belegt und deshalb markiert oder ganz weggelassen: das Geschlecht der Yoni, für das die klassische Lehre gar keinen Platz hat (vierzehn Tiere für achtundzwanzig Nakṣatras, gerechnet wird mit Artenfreundschaft); die Himmelsrichtung; das Mukha; die Namenssilben; das Symbol des Pferdekopfes als solches — die Verbindung zum Pferd ist über den Namen und die Gottheiten gesichert, ein Vers, der „Pferdekopf" sagt, liess sich nicht finden, und Whitney weist ausdrücklich darauf hin, dass es sich nicht um eine Sternfigur handelt.

Berichtigt wurden drei Angaben, die durch die moderne Literatur laufen: der Varṇa (im Heiratsvergleich kṣatriya, nicht vaiśya), die Herkunft der Śakti-Formel (Bhaṭṭabhāskara, nicht Sāyaṇa) und die Vorstellung, schon das Vedāṅga-Jyotiṣa habe Aśvinī an den Listenanfang gesetzt.

Nicht verwendet wurde die ausführliche Mythologie, die moderne Nakṣatra-Bücher um die Aśvins legen. Sie stammt aus Purāṇas und Upaniṣaden, wird dort in anderem Zusammenhang erzählt und sagt über den Himmelsabschnitt nichts. Ebenso wenig wird eine Wagen-Gestalt für Aśvinī behauptet: sie findet sich in keiner der eingesehenen Quellen — der Wagen gehört zu Rohiṇī.

Bei den Versen ist zu unterscheiden. Die Taittirīya-Stellen, der Kommentar Bhaṭṭabhāskaras und die Verse aus Bṛhat Saṃhitā, Muhūrta-Cintāmaṇi und Jātaka-Pārijāta sind edierter Text mit nachprüfbarer Fundstelle. Der Merkvers der Nakṣatra-Namen und der Vers zur Pāda-Verteilung dagegen stammen aus einem Kursmaterial, dessen Wortlaut keiner Stelle eines klassischen Werks zugeordnet werden konnte. Sie werden deshalb als das ausgewiesen, was sie sind: gelernte Verse einer lebendigen Lehrtradition, nicht edierter Text.

Was noch offen ist: Die Vasiṣṭha-Saṃhitā und Śrīpatis Jyotiṣa-Ratnamālā, die beide Aśvinī als laghu führen, waren nur als Zitate in einem Kommentar greifbar, nicht in eigener Ausgabe. Für das Yoni-Geschlecht wurde kein Vers gefunden; falls einer auftaucht, kommt er nach.