Ārdrā

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आर्द्रा 6. Nakṣatra · 6°40′ bis 20°00′ Mithuna (siderisch) · Herrscher Rāhu

Ārdrā heisst „die Feuchte", „die Nasse" — das Femininum zu ārdra, das im Sanskrit von der frisch gefallenen Regennässe ebenso gesagt wird wie von einem frischen, noch nicht getrockneten Ding und, übertragen, von einem weichen Herzen. Über den Abschnitt herrscht Rudra, der Heuler, und schon die älteste Liste trägt den Namen nicht: dort heisst dieses Nakṣatra bāhū, „die beiden Arme". Und es ist unter allen 27 der Abschnitt, dessen Sternidentifikation am schlechtesten steht — der Stern, den heute jede Tabelle nennt, liegt bei keinem gebräuchlichen Ayanāṃśa in ihm.

Himmelsabschnitt und Pādas

Ārdrā reicht von 6°40′ bis 20°00′ Mithuna und liegt damit vollständig im Rāśi Mithuna (Zwillinge). Die vier Pādas zu je 3°20′ tragen die Navāṃśa-Zeichen Dhanus, Makara, Kumbha und Mīna — Mithuna ist ein zweileibiges Zeichen (dvisvabhāva), seine Navāṃśa-Reihe beginnt deshalb beim neunten Zeichen von ihm aus.

PādavonbisNavāṃśaPuruṣārthaSilbe
16°40′ Mithuna10°00′ MithunaDhanusDharmaकु ku
210°00′ Mithuna13°20′ MithunaMakaraArthagha
313°20′ Mithuna16°40′ MithunaKumbhaKāmaṅa
416°40′ Mithuna20°00′ MithunaMīnaMokṣacha

Die Gradgrenzen und die Navāṃśa-Zuordnung sind reine Arithmetik und gegen die eigene Berechnungsbibliothek geprüft. Die Silben stammen aus der Lehrüberlieferung; ein klassischer Vers, der sie festlegt, liess sich auch hier nicht nachweisen.

Dass Ārdrā ganz in Mithuna liegt, sagt der Merkvers der Rāśi-Verteilung aus dem Kursmaterial:

Ārambha-Kursverse, Rāśi-Abschnitt Mithuna

मृगशिरार्धम् आर्द्रा पुनर्वसुपादत्रयं मिथुनः

mṛgaśirārdham ārdrā punarvasupādatrayaṃ mithunaḥ

Die [zweite] Hälfte von Mṛgaśirā, [die vier Pādas von] Ārdrā und drei Pādas von Punarvasu [bilden] Mithuna [die Zwillinge].

Mṛgaśirārdham: die Hälfte von Mṛgaśirā; wörtl. mṛgaśiras (5. Nakṣatra) + ardha (Hälfte) (n. 1/1). Ārdrā: Ārdrā, 6. Nakṣatra (f. 1/1). Punarvasupādatrayaṃ: drei Pādas von Punarvasu; wörtl. punarvasu (7. Nakṣatra) + pāda (Viertel) + traya (Dreiheit) (n. 1/1). Mithunaḥ: Mithuna, die Zwillinge (3. Rāśi) (m. 1/1).

Quelle ungeklärt (Ārambha-Kursmaterial, Pt. Sanjay Rath)

Die Devatā

Über Ārdrā herrscht Rudra. Beide vedischen Nakṣatra-Listen sagen es übereinstimmend: die Taittirīya-Saṃhitā stellt Nakṣatra und Gottheit nebeneinander, das Taittirīya-Brāhmaṇa setzt die Gottheit in den Genitiv voran — rudrásya bāhū́, „des Rudra sind die beiden Arme".

Rudra ist der Gott, dessen Name gewöhnlich zu rud-, „heulen, brüllen", gestellt wird; im Ṛgveda ist er der Herr der Heilkräuter und zugleich der, dessen Pfeil man fürchtet. Beides steht im Nakṣatreṣṭi-Vers des Taittirīya-Brāhmaṇa nebeneinander (unten bei den Versen): Rudra kommt mit Ārdrā heran, und im selben Atemzug wird gebeten, sein Geschoss möge verschonen.

Für die Deutung des Abschnitts ist wichtig, dass die vedischen Texte Rudra hier nicht als Zerstörer einführen, sondern als den, der mit Bogen und Arm zielt. Der Kommentar Bhaṭṭabhāskaras, der gleich folgt, baut die ganze Śakti-Formel um dieses Bild: Jäger, Anstrengung, Treffer.

Die moderne Nakṣatra-Literatur setzt an dieser Stelle gern Śiva ein und erzählt Purāṇa-Geschichten dazu. Der Wortlaut der Quellen gibt das nicht her: er sagt rudra, und das ist hier ein vedischer Gott mit eigenem Profil, nicht der spätere Śiva der Purāṇas. Varāhamihira benutzt allerdings selbst schon die Kurzbezeichnung śiva für dieses Nakṣatra (Bṛhat Saṃhitā 97.7) — die Gleichsetzung ist also alt, aber sie ist eine Gleichsetzung und nicht der Befund der ältesten Schicht.

Die Śakti

Wie bei jedem Nakṣatra steht im Taittirīya-Brāhmaṇa nur das Begriffspaar parastāt („oberhalb") und avastāt („unterhalb") — für Ārdrā mṛgayavaḥ, „die Jäger", und vikṣāra, ein Wort, das man mit „Verströmen, Zerfliessen" wiedergibt. Das mittlere Glied, die Śakti selbst, und das Ergebnis stehen erst im Kommentar Bhaṭṭabhāskara Miśras, nicht bei Sāyaṇa:

Bhaṭṭabhāskara Miśra, Bhāṣyadīpikā zu Taittirīya-Brāhmaṇa 1.5.1

रुद्रस्य बाहू आर्द्रा द्विवचनान्तम् एव संज्ञा बाहु प्रयत्ने यद्वा — ज्ञादिकं यद् बाह्वादिकं विध्यतो रुद्रस्य त्रयं भवति — परस्तान् मृगयवः मृगान्वेषणस्वरूपा पङ्क्तिः मध्ये कालात्मिका धनव्ययस्य यत्नशक्तिः अवस्ताद् विक्षारः लक्ष्यविहतिः एतत्त्रयोपपत्तौ तद् विद्धं भवति

rudrasya bāhū ārdrā dvivacanāntam eva saṃjñā bāhu prayatne yadvā — jñādikaṃ yad bāhvādikaṃ vidhyato rudrasya trayaṃ bhavati — parastān mṛgayavaḥ mṛgānveṣaṇasvarūpā paṅktiḥ madhye kālātmikā dhanavyayasya yatnaśaktiḥ avastād vikṣāraḥ lakṣyavihatiḥ etattrayopapattau tad viddhaṃ bhavati

„Rudras sind die beiden Arme" — das ist Ārdrā. Der Name steht ausdrücklich im Dual. Bāhu [gehört zur Wurzel] „sich anstrengen". Oder: von Rudra, der mit [Bogensehne?] und Arm schiesst, gibt es eine Dreiheit: oberhalb die Jäger — eine Reihe, die das Aufspüren des Wilds darstellt; in der Mitte die zeitgestaltige Kraft der Anstrengung beim Aufwenden des Guts; unterhalb vikṣāra — das Treffen des Ziels. Beim Zusammentreffen dieser drei ist jenes [Wild] durchbohrt.

Rudrasya: des Rudra (m. 6/1). Bāhū: die beiden Arme (m. 1/2). Ārdrā: Ārdrā, das 6. Nakṣatra (f. 1/1). Dvivacanāntam: auf den Dual endend; wörtl. dvivacana (Dual) + anta (Ende) (n. 1/1). Eva: eben, ausdrücklich (avy.). Saṃjñā: Name, Bezeichnung (f. 1/1). Bāhu: [die Wurzel] bāh, hier als Lemma zitiert (m. 1/1). Prayatne: im Sinne von „Anstrengung" (m. 7/1). Yadvā: oder aber (avy.). Jñādikaṃ: Lesung unsicher - am Druckbild jñādika; sachlich läge jyādika, „Bogensehne und dergleichen", näher (n. 1/1). Yad: welches (n. 1/1). Bāhvādikaṃ: Arm und dergleichen; wörtl. bāhu (Arm) + ādika (und so fort) (n. 1/1). Vidhyato: des Schiessenden, des Durchbohrenden (m. 6/1). Rudrasya: des Rudra (m. 6/1). Trayaṃ: eine Dreiheit (n. 1/1). Bhavati: es gibt, entsteht (laṭ III/1). Parastān: oberhalb, darüber (avy.). Mṛgayavaḥ: die Wildjäger (m. 1/3). Mṛgānveṣaṇasvarūpā: die das Aufspüren des Wilds zum Wesen hat; wörtl. mṛga (Wild) + anveṣaṇa (Suchen) + svarūpa (eigene Gestalt) (f. 1/1). Paṅktiḥ: Reihe, Zug (f. 1/1). Madhye: in der Mitte (n. 7/1). Kālātmikā: zeitgestaltig, deren Wesen die Zeit ist; wörtl. kāla (Zeit) + ātmikā (wesenhaft) (f. 1/1). Dhanavyayasya: des Aufwendens von Gut; wörtl. dhana (Gut, Vermögen) + vyaya (Aufwand) - Anlaut am Druckbild nicht zweifelsfrei (m. 6/1). Yatnaśaktiḥ: die Kraft der Anstrengung; wörtl. yatna (Anstrengung) + śakti (Kraft) (f. 1/1). Avastād: unterhalb, darunter (avy.). Vikṣāraḥ: das Zerfliessen, Verströmen (m. 1/1). Lakṣyavihatiḥ: das Treffen des Ziels; wörtl. lakṣya (Ziel) + vihati (Schlag, Treffer) (f. 1/1). Etattrayopapattau: beim Zusammentreffen dieser drei; wörtl. etad (dies) + traya (Dreiheit) + upapatti (Zustandekommen) (f. 7/1). Tad: jenes [Wild] (n. 1/1). Viddhaṃ: durchbohrt, getroffen (n. 1/1). Bhavati: wird (laṭ III/1).

Taittirīya-Brāhmaṇa mit Bhaṭṭabhāskara-Bhāṣya, Aṣṭaka 1, hrsg. A. Mahādeva Śāstrī, Mysore 1908, S. 246. Am Seitenbild gelesen, nicht aus der OCR übernommen. Die Ausgabe führt zu dieser Stelle drei Fussnoten mit Lesartvarianten — siehe unten.

Die Formel lautet damit yatna-śakti, „die Kraft der Anstrengung", und sie steht im Bild der Jagd: oben die Jäger, die das Wild aufspüren, unten der Treffer, in der Mitte die Anstrengung, die beides verbindet. Das Ergebnis ist knapp und blutig: tad viddhaṃ bhavati — „jenes ist durchbohrt".

Drei Vorbehalte gehören dazu, und sie sind für dieses Nakṣatra ungewöhnlich gewichtig.

Erstens ist das erste Wort der zweiten Zeile am Seitenbild als ज्ञादिकं (jñādikaṃ) gesetzt. Sachlich läge ज्यादिकं (jyādikaṃ), „Bogensehne und dergleichen", weit näher — dann hiesse es „von Rudra, der mit Sehne und Arm schiesst". Es steht dort aber nicht, und es wird hier nicht stillschweigend korrigiert.

Zweitens ist der Anlaut in धनव्ययस्य (dhanavyayasya) am Druckbild nicht zweifelsfrei zwischen ध und घ zu unterscheiden. Die Übersetzung „beim Aufwenden des Guts" folgt der Lesart mit ध.

Drittens — und das wiegt am schwersten — stellt die Ausgabe selbst in einer Fussnote eine ganz andere Lesart daneben: kālātmikā bādhā vyādhasya yatnaśaktiḥ, „die zeitgestaltige Bedrängnis, die Anstrengungskraft des Jägers". Der Name der Śakti, yatna-śakti, ist in beiden Lesarten derselbe; das Beiwerk unterscheidet sich erheblich. Wer die Formel in der modernen Literatur als „yatna shakti — the power of effort" liest, liest also eine Fassung, deren Umgebung handschriftlich schwankt.

Eine vierte Anmerkung der Ausgabe ist für die Auslegung nützlich: zu mṛgayavaḥ zitiert sie Mādhava (Sāyaṇa) mit mṛgayavo vyādhaviśeṣā devāḥ — „mṛgayu sind bestimmte Jägergötter". Die „Jäger" oberhalb sind nach dieser Deutung nicht Menschen, sondern göttliche Wesen.

Der Steckbrief

Die folgenden Zuschreibungen stammen aus verschiedenen Schichten der Überlieferung. Die Spalte rechts sagt bei jeder, worauf sie sich stützt. Wo eine Angabe in den hier greifbaren Quellen keinen Beleg hat, steht das ausdrücklich da.

Himmelsabschnitt6°40′ bis 20°00′ Mithuna, siderisch Rechnung; Vers zur Pāda-Verteilung
Fixsternestrittig — α Orionis (Betelgeuse) nach der Standardzuordnung, γ Geminorum (Alhena) nach dem Vorschlag von 2024, 135 Tauri nach Burgess' verworfenem Gegenkandidaten; ein einziger Stern nach allen Autoritäten Sūrya-Siddhānta 8; Burgess/Whitney 1860; Shylaja und Pai 2024
HerrscherRāhu Viṃśottarī-Reihe
DevatāRudra Taittirīya-Saṃhitā 4.4.10; Taittirīya-Brāhmaṇa 1.5.1
Śaktiyatna-śakti, „die Kraft der Anstrengung" — oberhalb die Jäger, unterhalb vikṣāra, das Treffen des Ziels; Ergebnis: das Wild ist durchbohrt Bhaṭṭabhāskara zu Taittirīya-Brāhmaṇa 1.5.1; zwei Lesarten, siehe oben
SymbolTräne; daneben Rudrākṣa und Edelstein eigenes Kursmaterial; moderne Fachliteratur
Namensbedeutungārdrā „die Feuchte, Frische"; ältere Namensform bāhū „die beiden Arme" (Dual) Taittirīya-Brāhmaṇa 1.5.1 gegen Taittirīya-Saṃhitā 4.4.10
Wesensarttīkṣṇa / dāruṇa (scharf, schrecklich) Bṛhat Saṃhitā 97.7; Muhūrta-Cintāmaṇi 2.8
Gaṇamanuṣya (menschlich) Muhūrta-Cintāmaṇi 6.29
Yoni (Tier)Hund (śvan), geteilt mit Mūla Muhūrta-Cintāmaṇi 6.26
Yoni-Geschlechtin den klassischen Versen nicht vergeben siehe unten
Nāḍīādi (die erste) Muhūrta-Cintāmaṇi 6.34
Varṇaśūdra im Heiratsvergleich (nach dem Rāśi Mithuna) — ugrajāti in der Gesellschaftszuordnung Muhūrta-Cintāmaṇi 6.22 gegen Bṛhat Saṃhitā 15.29
GuṇaRajas–Tamas–Sattva im Nakṣatra-Guṇa-Schema — Tamas im Navatārā-Schema zwei verschiedene Systeme, eigenes Kursmaterial
TattvaJala (Wasser) eigenes Kursmaterial
LokaBhū eigenes Kursmaterial
Mukhaūrdhvamukha (aufwärts blickend) Muhūrta-Cintāmaṇi 2.9
Richtungunbelegt in den eingesehenen Quellen kein Vers
Silbenकु ku · घ gha · ङ ṅa · छ cha Lehrüberlieferung
KörperteilAugen — im Nakṣatrapuruṣa-Schema, das ab Kṛttikā zählt eigenes Kursmaterial; anderes Schema, andere Antwort
PuruṣārthaDharma (Pāda 1), Artha, Kāma, Mokṣa Lehrüberlieferung
TätigkeitenAnschlag, Zauberspruch, Vetāla-Beschwörung, Fesselung, Tötung, Entzweiung Bṛhat Saṃhitā 97.7; Muhūrta-Cintāmaṇi 2.8
MenschengruppenMörder, Kerkermeister, Lügner, Ehebrecher, Diebe, Betrüger, Kenner der Zaubersprüche und des Vetāla-Werks; Spelzgetreide Bṛhat Saṃhitā 15.4
Geburtsdeutungohne Vermögen, unstet, von grosser Körperkraft, zu niedrigen Handlungen geneigt Jātaka-Pārijāta 9.85

Wo die Quellen auseinandergehen

Der Name. Die beiden ältesten Listen sind sich nicht einig. Die Taittirīya-Saṃhitā nennt den Abschnitt ārdrā, das Taittirīya-Brāhmaṇa an derselben Stelle der Reihe bāhū, „die beiden Arme" — ein Dual, und Bhaṭṭabhāskara hält eigens fest, dass der Name ausdrücklich im Dual stehe. Das ist kein Schreibfehler: dieselbe Doppelbenennung findet sich bei weiteren Nakṣatras (Mṛgaśiras heisst im Brāhmaṇa invakā, Svātī niṣṭyā, Mūla mūlavarhaṇī). Das Taittirīya-Brāhmaṇa selbst kennt die Form ārdrā aber sehr wohl: in den Nakṣatreṣṭi-Versen von 3.1.1 steht sie, und im Eintrag zu Punarvasu steht ārdrám sogar als das „unterhalb"-Glied. Beide Namen stehen also im selben Textkorpus nebeneinander.

Das Symbol. Das eigene Kursmaterial nennt an einer Stelle „Träne, Rudrākṣa", an einer anderen „Träne, Edelstein"; die moderne Fachliteratur führt meist die Träne, gelegentlich einen Edelstein. Ein klassischer Vers, der ein Symbol für Ārdrā ausspricht, liess sich nicht finden. Die Träne liegt vom Namen her nahe — ārdrā, „die Feuchte" —, ist aber eine Deutung des Namens und kein überlieferter Bildbefund.

Varṇa. Wie bei jedem Nakṣatra liegen zwei Systeme übereinander. Im Heiratsvergleich, dem Melāpaka, wird der Varṇa nach dem Rāśi vergeben (Muhūrta-Cintāmaṇi 6.22); Ārdrā liegt ganz in Mithuna und ist damit śūdra. Die Bṛhat Saṃhitā dagegen ordnet Ārdrā in 15.29 der ugrajāti zu, der „grausamen Art" — das ist eine gesellschaftsprognostische Klassifikation mit sieben Gruppen, kein Kūṭa der Heiratsprüfung. Moderne Tabellen füllen die Varṇa-Spalte fast immer mit der zweiten Angabe, weil nur sie nach Nakṣatras geordnet ist. Wer mit dem Aṣṭakūṭa rechnet, muss śūdra ansetzen.

Yoni-Geschlecht. Die modernen Tabellen geben „Hund, weiblich". Das Tier ist belegt (Muhūrta-Cintāmaṇi 6.26 nennt Mūla und Ārdrā als das Hundepaar), das Geschlecht nicht. Die klassische Lehre kennt vierzehn Tiere für achtundzwanzig Nakṣatras und rechnet ausschliesslich mit Freundschaft und Feindschaft der Arten; der Bau des Verses selbst ist die Lehre — je zwei Nakṣatras in einem Versviertel sind einander feind. Eine Aufteilung des Paares in ein männliches und ein weibliches Tier liess sich in keinem Vers nachweisen.

Nāḍī. Der Vers Muhūrta-Cintāmaṇi 6.34 nennt Ārdrā in zwei verschiedenen Wortfassungen: die eine Ausgabe liest īśa („der Herr", also Rudra), die andere raudra („das Rudra-Gestirn"). Gemeint ist beide Male dasselbe Nakṣatra; die Zuordnung zur ersten Nāḍī ist unstrittig.

Körperteil. Die Angabe „Augen" gehört zum Schema des Nakṣatrapuruṣa, das bei Kṛttikā mit dem Kopf beginnt. Wer stattdessen das Kālapuruṣa-Schema benutzt, das ab Aśvinī zählt, bekommt zwangsläufig ein anderes Glied. Welches Schema gemeint ist, muss also immer mitgesagt werden.

Die Sterne des Asterismus

Die drei Kandidaten für die Yogatārā der Ārdrā. Massstab in Länge und Breite gleich; alle drei stehen deutlich südlich der Ekliptik. Siderische Länge zum Stichjahr 2025,0 mit dem Ayanāṃśa nach Lahiri; ekliptikale Breite J2000,0. Punktgrösse nach scheinbarer Helligkeit. Der offene Kreis ist die Sollposition nach dem Sūrya-Siddhānta. Die drei Kandidaten für die Yogatārā der Ārdrā. Massstab in Länge und Breite gleich; alle drei stehen deutlich südlich der Ekliptik. Siderische Länge zum Stichjahr 2025,0 mit dem Ayanāṃśa nach Lahiri; ekliptikale Breite J2000,0. Punktgrösse nach scheinbarer Helligkeit. Der offene Kreis ist die Sollposition nach dem Sūrya-Siddhānta.

Die drei Kandidaten für die Yogatārā der Ārdrā. Massstab in Länge und Breite gleich; alle drei stehen deutlich südlich der Ekliptik. Siderische Länge zum Stichjahr 2025,0 mit dem Ayanāṃśa nach Lahiri; ekliptikale Breite J2000,0. Punktgrösse nach scheinbarer Helligkeit. Der offene Kreis ist die Sollposition nach dem Sūrya-Siddhānta.

Koordinaten aus SIMBAD (Abruf 15. September 2026); Sollposition der Yogatārā aus Sūrya-Siddhānta 8.2 und 8.6 nach Burgess 1860; Rechnung in quellen/nakshatra/rechnung/alle27_sterne.py.

Hier steht das schwierigste Stück der ganzen Reihe. Ārdrā besteht nach allen Autoritäten aus einem einzigen Stern — es gibt also keine Gruppe, aus der man die Yogatārā auswählen müsste, sondern die Frage lautet schlicht: welcher Stern ist es? Und darauf geben die Quellen drei verschiedene Antworten, von denen die geläufigste die astronomisch schwächste ist.

Der Standardkandidat: α Orionis, Betelgeuse. Colebrooke setzte ihn an, Whitney und Burgess folgten 1860, und seither steht er in jeder Tabelle. Whitney begründet ihn mit entwaffnender Offenheit: es sei „unmöglich, den hellen Stern nicht dafür zu halten … ungeachtet der sehr schwerwiegenden Fehler in der Bestimmung seiner Position". Burgess setzt hinzu, er könne „die Verwirrung, die hinsichtlich dieses Asterismus besteht, nicht erklären — auch al-Bīrūnī konnte von seinen indischen Lehrern keine verständliche Auskunft darüber erhalten". Die Standardzuordnung ist also von ihren eigenen Urhebern als Notlösung bezeichnet worden.

Burgess’ Gegenkandidat: 135 Tauri. Dieser Stern passt zur Sollposition des Sūrya-Siddhānta weit besser. Burgess nennt ihn und verwirft ihn im selben Satz: es widerspreche „allen Analogien des Systems, dass ein lichtschwacher Stern ausgewählt worden sein sollte" — 135 Tauri ist 5,5ᵐ hell, also gerade noch mit blossem Auge sichtbar.

Der neue Vorschlag: γ Geminorum, Alhena. 2024 haben B. S. Shylaja und M. Pai im Journal of Astronomical History and Heritage γ Geminorum vorgeschlagen — nicht aus einer Neudeutung des Sūrya-Siddhānta, sondern aus den Koordinaten, die die indischen Astrolabien-Handbücher (Yantrarāja, Sarvasiddhāntarāja, Yantra Kiraṇāvalī) für Ārdrā geben. Das ist eine andere Quellengattung als die Siddhāntas, und sie wurde für diese Frage bis dahin nicht ausgewertet.

Die Sterne im Katalog

α Oriγ Gem135 Tau
EigennameBetelgeuseAlhena
HR206124212016
HD398014710539019
HIP279893168127581
Helligkeit V0,421,925,52
SpektraltypM1–M2 Ia–IabA1.5 IV+G9 III:
Rektaszension88,792939°99,427960°87,620452°
Deklination+7,407064°+16,399280°+14,305607°
Ekl. Länge J200088° 45′99° 06′87° 40′
Ekl. Breite J2000−16° 02′−6° 45′−9° 07′

Rektaszension und Deklination gelten für Äquinoktium und Epoche J2000,0, abgerufen aus SIMBAD. Betelgeuse ist ein roter Überriese und ein veränderlicher Stern: seine Helligkeit schwankt unregelmässig zwischen etwa 0,0ᵐ und 1,6ᵐ, im „grossen Verdunkeln" von 2019/20 sogar darunter. Die Katalogzahl 0,42 ist ein Mittelwert, kein fester Wert.

Wo die Sterne heute stehen

Um zu prüfen, ob ein Stern im Abschnitt Ārdrā liegt, muss seine Position von J2000,0 auf ein Stichjahr fortgeschrieben und dann um den Ayanāṃśa vermindert werden. Ārdrā reicht von 6°40′ bis 20°00′ Mithuna:

Ayanāṃśa (2025,0)α Oriγ Gem135 Tau
Lahiri / Citrāpakṣa4° 54′ Mithuna ✗15° 15′ Mithuna ✓3° 48′ Mithuna ✗
True Citrā4° 55′ Mithuna ✗15° 16′ Mithuna ✓3° 50′ Mithuna ✗
Krishnamurti5° 00′ Mithuna ✗15° 21′ Mithuna ✓3° 54′ Mithuna ✗
Raman6° 21′ Mithuna ✗16° 42′ Mithuna ✓5° 15′ Mithuna ✗
Fagan / Bradley4° 01′ Mithuna ✗14° 22′ Mithuna ✓2° 55′ Mithuna ✗

Das Ergebnis ist der schärfste Einzelbefund dieser ganzen Portraitreihe: weder Betelgeuse noch 135 Tauri liegt bei irgendeinem der fünf gebräuchlichen Ayanāṃśas in Ārdrā. Beide stehen im vorhergehenden Abschnitt, in Mṛgaśira — Betelgeuse 1°46′ vor dessen Ende. Erst ein Ayanāṃśa unter 22°26′ brächte Betelgeuse in Ārdrā hinein; Raman, der niedrigste der gebräuchlichen, kommt mit 22°46′ am nächsten und reicht doch nicht. Und die Präzession führt weiter weg, nicht hin.

γ Geminorum dagegen liegt bei allen fünf Ayanāṃśas bequem in Ārdrā, rund in der Mitte des Abschnitts.

Zwei Zusatzbefunde weisen in dieselbe Richtung. Erstens weist Burgess selbst darauf hin, dass die im Sūrya-Siddhānta 9.14 angegebene Distanz für heliakischen Auf- und Untergang auf einen Stern etwa dritter Grösse deutet — das passt weder zu Betelgeuse (0,4ᵐ) noch zu 135 Tauri (5,5ᵐ), zu γ Geminorum (1,9ᵐ) aber näher als zu beiden. Zweitens geben alle Autoritäten ausser dem Sūrya-Siddhānta und der Cākalya-Saṃhitā für Ārdrā 11° statt 9° polare Breite; das verkleinert zwar den Breitenfehler gegenüber Betelgeuse, ändert aber an der Länge nichts.

Dennoch wird die Frage hier nicht entschieden, und zwar aus drei Gründen. Die Sollposition des Sūrya-Siddhānta liegt im heutigen Lahiri-Rahmen bei 2°01′ Mithuna — sie fällt also selbst in den Nachbarabschnitt, noch ganz ohne Sternidentifikation. Das kommt daher, dass der Nullpunkt des Sūrya-Siddhānta rund 3°45′ vom Lahiri-Nullpunkt abweicht, und es bedeutet, dass die Rechnung „liegt der Stern in seinem Abschnitt?" die Frage nicht allein beantworten kann. Sodann ist der Vorschlag von 2024 zwei Jahre alt und in der Fachdiskussion noch nicht durchgearbeitet. Und schliesslich steht die Standardzuordnung bei benannten Autoritäten, auch wenn diese selbst an ihr gezweifelt haben. Was sich sagen lässt, ist dies: die astronomische Rechnung stützt den Vorschlag von 2024 und spricht gegen die Standardzuordnung. Wer in einer Tabelle „Ārdrā — Betelgeuse" liest, sollte wissen, wie wenig davon trägt.

Sichtbarkeit

Von mitteleuropäischer Breite (rund 47° Nord) kulminieren die drei Kandidaten zwischen 50,4° und 59,4° Höhe; Betelgeuse selbst erreicht 50,4°. Zirkumpolar ist keiner. Um Mitternacht kulminiert die Gegend um den 21. Dezember, die Sonnenkonjunktion fällt auf etwa den 20. Juni; rund vier Wochen davor und danach ist der Abschnitt unsichtbar. Am besten zu sehen ist er in den Wintermonaten — Betelgeuse als der auffällige rote Schulterstern des Orion, γ Geminorum als der helle Fussstern der Zwillinge nahe der Ekliptik. 135 Tauri verlangt einen dunklen Himmel und ist in einer beleuchteten Agglomeration nicht zu finden.

Wesensart und Tätigkeiten

Die Wahllehre teilt die Nakṣatras nach ihrer Wesensart ein. Ārdrā gehört zu den scharfen — Varāhamihira nennt sie tīkṣṇa, die Muhūrta-Literatur setzt dāruṇa, „schrecklich", daneben:

Bṛhat Saṃhitā 97.7 (in Kerns Zählung 98.7)

मूलशिवशक्रभुजगाधिपानि तीक्ष्णानि तेषु सिद्ध्यन्ति अभिघातमन्त्रवेतालबन्धवधभेदसंबन्धाः

mūlaśivaśakrabhujagādhipāni tīkṣṇāni teṣu siddhyanti abhighātamantravetālabandhavadhabhedasaṃbandhāḥ

Mūla, das Śiva-[Gestirn] (Ārdrā), das Śakra-[Gestirn] (Jyeṣṭhā) und das des Schlangenherrn (Āśleṣā) sind die scharfen [tīkṣṇa]; in ihnen gelingen Anschlag, Zauberspruch, Vetāla-Beschwörung, Fesselung, Tötung, Entzweiung — und was damit zusammenhängt.

Mūlaśivaśakrabhujagādhipāni: Mūla, das Śiva-Gestirn (Ārdrā), das Śakra-Gestirn (Jyeṣṭhā) und das des Schlangenherrn (Āśleṣā); wörtl. mūla (19. Nakṣatra) + śiva (Rudra) + śakra (Indra) + bhujagādhipa (Schlangenherr) (n. 1/3). Tīkṣṇāni: die scharfen - Name der Nakṣatra-Klasse (n. 1/3). Teṣu: in ihnen (n. 7/3). Siddhyanti: gelingen (laṭ III/3). Abhighātamantravetālabandhavadhabhedasaṃbandhāḥ: Anschlag, Zauberspruch, Vetāla-Beschwörung, Fesselung, Tötung, Entzweiung und was damit zusammenhängt; wörtl. abhighāta (Schlag, Anschlag) + mantra (Zauberspruch) + vetāla (Leichendämon) + bandha (Fesselung) + vadha (Tötung) + bheda (Entzweiung) + saṃbandha (Zusammenhang) (m. 1/3).

Ausgabe H. Kern, Kalkutta 1865, und Ausgabe Tripāṭhī. Zur Kapitelzahl siehe unten.

Der Muhūrta-Cintāmaṇi gibt dieselbe Gruppe und dieselben Tätigkeiten, fügt aber den zweiten Klassennamen dāruṇa und den Samstag hinzu:

Muhūrta-Cintāmaṇi 2.8

मूलेन्द्रार्द्राहिभं सौरिस् तीक्ष्णं दारुणसंज्ञकम् तत्राभिचारघातोग्रभेदाः पशुदमादिकम्

mūlendrārdrāhibhaṃ sauris tīkṣṇaṃ dāruṇasaṃjñakam tatrābhicāraghātograbhedāḥ paśudamādikam

Mūla, das Indra-Nakṣatra (Jyeṣṭhā), Ārdrā, das Schlangen-Nakṣatra (Āśleṣā) und Saturn (der Samstag) heissen tīkṣṇa („scharf") und dāruṇa („schrecklich"). Darin [gelingen] Schadenzauber, Totschlag, Grausames, Entzweiung, Tierbändigung und dergleichen.

Mūlendrārdrāhibhaṃ: Mūla, das Indra-Nakṣatra (Jyeṣṭhā), Ārdrā und das Schlangen-Nakṣatra (Āśleṣā); wörtl. mūla + indra + ārdrā + ahi (Schlange) + bha (Gestirn) (n. 1/1). Sauris: Sauri (Śani), der Samstag (m. 1/1). Tīkṣṇaṃ: scharf - Name der Nakṣatra-Klasse (n. 1/1). Dāruṇasaṃjñakam: mit dem Namen dāruṇa („schrecklich"); wörtl. dāruṇa (schrecklich) + saṃjñaka (so benannt) (n. 1/1). Tatra: darin, unter ihnen (avy.). Abhicāraghātograbhedāḥ: Schadenzauber, Totschlag, Grausames und Entzweiung; wörtl. abhicāra (Schadenzauber) + ghāta (Totschlag) + ugra (Grausames) + bheda (Entzweiung) (m. 1/3). Paśudamādikam: Tierbändigung und dergleichen; wörtl. paśu (Vieh) + dama (Zähmung) + ādika (und so fort) (n. 1/1).

Kollationiert aus drei Ausgaben (Chaukhambā/Pīyūṣadhārā, Nirṇaya-Sāgara, Venkateshvar). Der Kommentar löst bheda als das Entzweien zweier Menschen auf und paśudama als das Zureiten und Fesseln von Elefanten und Pferden.

Zur Kapitelzahl der Bṛhat Saṃhitā: man findet die Stelle als 97.7 und als 98.7 zitiert. Beides ist richtig — Kerns Ausgabe von 1865 zählt in diesem Bereich um eins höher als die neueren. Die verbreitete Faustregel „Kern immer plus eins" stimmt allerdings nicht: der Versatz beginnt erst bei Kerns Zusatzkapitel 38; Kapitel 15 ist in allen geprüften Ausgaben Kapitel 15.

Ein anderes Kapitel der Bṛhat Saṃhitā ordnet den Nakṣatras Menschen- und Berufsgruppen zu — es geht dort um Vorzeichendeutung im grossen Massstab, nicht um Geburtsdeutung:

Bṛhat Saṃhitā 15.4

रौद्रे वधबन्धानृतपरदारस्तेयशाठ्यभेदरताः तुषधान्यतीक्ष्णमन्त्राभिचारवेतालकर्मज्ञाः

raudre vadhabandhānṛtaparadārasteyaśāṭhyabhedaratāḥ tuṣadhānyatīkṣṇamantrābhicāravetālakarmajñāḥ

Beim Rudra-Gestirn [Ārdrā]: die an Töten, Fesseln, Lüge, fremden Frauen, Diebstahl, Betrug und Zwietracht ihre Lust haben; Spelzgetreide; Kenner der scharfen Zaubersprüche, des Schadenzaubers und des Vetāla-Werks.

Raudre: beim Rudra-Gestirn, unter Ārdrā (n. 7/1). Vadhabandhānṛtaparadārasteyaśāṭhyabhedaratāḥ: die an Töten, Fesseln, Lüge, fremden Frauen, Diebstahl, Betrug und Zwietracht ihre Lust haben; wörtl. vadha (Tötung) + bandha (Fesselung) + anṛta (Lüge) + paradāra (fremde Ehefrau) + steya (Diebstahl) + śāṭhya (Betrug) + bheda (Entzweiung) + rata (ergeben) (m. 1/3). Tuṣadhānyatīkṣṇamantrābhicāravetālakarmajñāḥ: Spelzgetreide; und die Kenner scharfer Zaubersprüche, des Schadenzaubers und des Vetāla-Werks; wörtl. tuṣadhānya (Spelzgetreide) + tīkṣṇa (scharf) + mantra (Zauberspruch) + abhicāra (Schadenzauber) + vetāla (Leichendämon) + karma (Werk) + jña (kundig) (m. 1/3).

Ausgabe H. Kern, Kalkutta 1865. Das Kapitel zählt von Kṛttikā an, Ārdrā steht deshalb als viertes.

Zwei Beobachtungen dazu. Erstens fällt auf, wie eng sich das Tätigkeitsfeld von Bṛhat Saṃhitā 15.4 und 97.7 überschneidet: bandha, vadha, bheda, vetāla, mantra stehen in beiden Versen. Varāhamihira zeichnet Ārdrā also über zwei ganz verschiedene Kapitel hinweg mit demselben Strich. Zweitens ist tuṣadhānya, „Spelzgetreide", eine Warengattung — Kapitel 15 zählt zu jedem Nakṣatra auch Dinge und Pflanzen auf, nicht nur Menschen.

Der Jātaka-Pārijāta sagt, was ein unter Ārdrā Geborener mitbekommt:

Jātaka-Pārijāta 9.85 (in der Kashi-Zählung 9.86), Pāda b

आर्द्रीयाम् अधनश् चलो ऽधिकबलः क्षुद्रक्रियाशीलवान्

ārdrīyām adhanaś calo 'dhikabalaḥ kṣudrakriyāśīlavān

Unter Ārdrā [wird man] ohne Vermögen, unstet, von grosser Körperkraft und zu niedrigen Handlungen geneigt.

Ārdrīyām: unter Ārdrā, im Nakṣatra Ārdrā - so im Druck Sastris; die Kashi-Ausgabe liest ārdrāyām (f. 7/1). Adhanaś: ohne Vermögen; wörtl. a- (un-) + dhana (Vermögen) (m. 1/1). Calo: unstet, schwankend (m. 1/1). 'dhikabalaḥ: von grosser Körperkraft; wörtl. adhika (überreichlich) + bala (Kraft) (m. 1/1). Kṣudrakriyāśīlavān: zu niedrigen Handlungen geneigt; wörtl. kṣudra (gering, niedrig) + kriyā (Handlung) + śīlavant (von solcher Art) (m. 1/1).

Ausgabe V. Subrahmanya Sastri 1932, Bd. I, S. 627. Die Kashi-Ausgabe liest ārdrāyām statt Sastris ārdrīyām und zählt den Vers als 9.86. Nur der Sanskrit-Wortlaut ist hier wiedergegeben; die Aussage ist die des Textes, nicht die dieser Seite.

Die Verse

Die älteste Stelle, die Ārdrā nennt, steht in der Taittirīya-Saṃhitā. Sie gehört zur Aufzählung der Nakṣatra-Feueraltarziegel, jeweils Nakṣatra und zugehörige Gottheit:

Taittirīya-Saṃhitā 4.4.10.1

आर्द्रा नक्षत्रं रुद्रो देवता

ārdrā́ nákṣatram rudró devátā

Ārdrā ist das Nakṣatra, Rudra die Gottheit.

Ārdrā: Ārdrā, „die Feuchte", das 6. Nakṣatra (f. 1/1). Nakṣatram: Nakṣatra, Gestirn, Mondhaus (n. 1/1). Rudro: Rudra, „der Heuler" (m. 1/1). Devatā: Gottheit (f. 1/1).

Wortlaut nach TITUS (akzentuierte Umschrift); Devanāgarī-Ausgabe bei sanskritdocuments.org. Die Liste zählt von Kṛttikā an, Ārdrā steht dort als viertes. Im laufenden Text erscheint der Name durch Sandhi mit dem vorangehenden devátā verschmolzen.

Das Taittirīya-Brāhmaṇa führt dieselbe Reihe, stellt aber die Gottheit in den Genitiv voran, nennt das Nakṣatra anders und fügt jedem Eintrag ein Begriffspaar bei — eines „oberhalb", eines „unterhalb":

Taittirīya-Brāhmaṇa 1.5.1.1

रुद्रस्य बाहू मृगयवः परस्ताद् विक्षारो ऽवस्तात्

rudrásya bāhū́ mr̥gayávaḥ parástād vikṣāró 'vástāt

Des Rudra [sind] die beiden Arme. Die Jäger [sind] oberhalb, das Verströmen unterhalb.

Rudrasya: des Rudra (m. 6/1). Bāhū: die beiden Arme - ältere Namensform des Nakṣatras Ārdrā (m. 1/2). Mṛgayavaḥ: die Wildjäger (m. 1/3). Parastāt: oberhalb, darüber, jenseits (avy.). Vikṣāro: das Zerfliessen, Verströmen (m. 1/1). 'vastāt: unterhalb, darunter, diesseits (avy.).

Umschrift nach TITUS, Devanāgarī nach sanskritdocuments.org. Wortglossar hier erstellt.

Dieses Begriffspaar ist die Grundlage der Śakti-Angabe weiter oben: parastāt und avastāt sind ihr „oberhalb" und „unterhalb". Was das Brāhmaṇa hier nüchtern nebeneinanderstellt — die Jäger und das Verströmen —, deutet Bhaṭṭabhāskara als das Aufspüren des Wilds und das Treffen des Ziels und trägt das mittlere Glied, die Śakti selbst, erst ein.

An anderer Stelle, in den Nakṣatreṣṭi-Versen des dritten Aṣṭaka, wird Rudra selbst angerufen:

Taittirīya-Brāhmaṇa 3.1.1 (Nakṣatreṣṭi, Mantra 4)

आर्द्रया रुद्रः प्रथमान एति श्रेष्ठो देवानां पतिरघ्नियानाम् हेती रुद्रस्य परि णो वृणक्तु आर्द्रा नक्षत्रं जुषतां हविर् नः

ārdráyā rudráḥ práthamāna eti śréṣṭho devā́nāṃ pátir aghniyā́nām hetī́ rudrásya pári ṇo vr̥ṇaktu ārdrā́ nákṣatraṃ juṣatāṃ havír naḥ

Mit Ārdrā kommt Rudra heran, sich ausbreitend, der beste der Götter, Herr der nicht zu tötenden [Kühe]. Rudras Geschoss möge uns verschonen; Ārdrā, das Nakṣatra, nehme unsere Opfergabe an.

Ārdrayā: mit Ārdrā, durch Ārdrā (f. 3/1). Rudraḥ: Rudra (m. 1/1). Prathamānaḥ: sich ausbreitend (m. 1/1). Eti: kommt, geht (laṭ III/1). Śreṣṭho: der beste, vorzüglichste (m. 1/1). Devānāṃ: der Götter (m. 6/3). Patir: Herr (m. 1/1). Aghniyānām: der nicht zu Tötenden, der Kühe; wörtl. a- (un-) + ghnya (zu tötend) (f. 6/3). Hetī: Geschoss, Wurfwaffe (f. 1/1). Rudrasya: des Rudra (m. 6/1). Pari: um - herum (Präverb zu vṛṇaktu) (avy.). Ṇo: uns (2/3). Vṛṇaktu: möge verschonen, möge vorbeigehen lassen (loṭ III/1). Ārdrā: Ārdrā (f. 1/1). Nakṣatraṃ: das Nakṣatra (n. 1/1). Juṣatāṃ: möge annehmen, möge sich freuen an (loṭ III/1). Havir: Opfergabe (n. 2/1). Naḥ: unsere (6/3).

Umschrift nach TITUS, Devanāgarī nach sanskritdocuments.org. Hier sind vier der acht Pādas des Mantras wiedergegeben. Die liturgische Lesung der Devanāgarī-Ausgabe trennt im ersten Pāda anders (práthamā na eti); beide Lesungen sind festgehalten.

Aus der neueren Lehrüberlieferung stammt der Merkvers, mit dem die Reihe der Nakṣatra-Namen gelernt wird; Ārdrā steht darin an sechster Stelle:

Ārambha-Kursverse, Nakṣatra-Abschnitt 1

अश्विनी भरणी चैव कृत्तिका रोहिणी मृगः आर्द्रा पुनर्वसुः पुष्यस् ततो ऽश्लेषा मघा तथा

aśvinī bharaṇī caiva kṛttikā rohiṇī mṛgaḥ ārdrā punarvasuḥ puṣyas tato 'śleṣā maghā tathā

Aśvinī, Bharaṇī und Kṛttikā, Rohiṇī, Mṛga[śiras]; Ārdrā, Punarvasu, Puṣya, darauf Āśleṣā und ebenso Maghā.

Aśvinī: Aśvinī, 1. Nakṣatra (f. 1/1). Bharaṇī: Bharaṇī, 2. Nakṣatra (f. 1/1). Ca: und (avy.). Eva: eben (avy.). Kṛttikā: Kṛttikā, 3. Nakṣatra (f. 1/1). Rohiṇī: Rohiṇī, 4. Nakṣatra (f. 1/1). Mṛgaḥ: Mṛga(śiras), 5. Nakṣatra (m. 1/1). Ārdrā: Ārdrā, 6. Nakṣatra (f. 1/1). Punarvasuḥ: Punarvasu, 7. Nakṣatra (m. 1/1). Puṣyas: Puṣya, 8. Nakṣatra (m. 1/1). Tato: darauf (avy.). 'śleṣā: Āśleṣā, 9. Nakṣatra (f. 1/1). Maghā: Maghā, 10. Nakṣatra (f. 1/1). Tathā: ebenso (avy.).

Quelle ungeklärt (Ārambha-Kursmaterial, Pt. Sanjay Rath)

Grammatikangaben im Glossar sind unter Grammatik-Abkürzungen erklärt.

Zur Quellenlage dieses Portraits

Die Angaben oben ruhen auf ungleichem Grund, und das soll sichtbar bleiben.

Sicher ist alles Rechnerische: die Gradgrenzen, die vier Pādas, ihre Navāṃśa-Zeichen, die Stellung im Rāśi Mithuna und der Herrscher Rāhu aus der Viṃśottarī-Reihe. Das folgt aus der Einteilung selbst und ist gegen die eigene Berechnungsbibliothek geprüft.

Am Originalvers belegt sind: die Devatā Rudra und beide Namensformen (Taittirīya-Saṃhitā 4.4.10, Taittirīya-Brāhmaṇa 1.5.1), das Begriffspaar mṛgayavaḥ / vikṣāra (ebenda), die Wesensart tīkṣṇa / dāruṇa samt ihren Tätigkeiten (Bṛhat Saṃhitā 97.7, Muhūrta-Cintāmaṇi 2.8), die Menschengruppen (Bṛhat Saṃhitā 15.4), Gaṇa, Yoni und Nāḍī (Muhūrta-Cintāmaṇi 6.29, 6.26, 6.34), das Mukha (Muhūrta-Cintāmaṇi 2.9) und die Geburtsdeutung (Jātaka-Pārijāta 9.85).

Im Kommentar belegt, aber mit zwei unsicheren Lesungen: die Śakti-Formel yatna-śakti. Bhaṭṭabhāskaras Text trägt an dieser Stelle drei Fussnoten der Ausgabe, darunter eine vollständig abweichende Fassung des mittleren Glieds. Zwei Wörter — jñādikaṃ und der Anlaut von dhanavyayasya — sind am Druckbild nicht zweifelsfrei und sind hier ausdrücklich als unsicher gekennzeichnet statt stillschweigend geglättet.

Strittig ist die Sternidentifikation, und hier stärker als bei jedem anderen Nakṣatra. Die Standardzuordnung auf Betelgeuse ist bereits von ihren Urhebern als Notlösung bezeichnet worden und hält der Rechnung nicht stand; der Vorschlag γ Geminorum von 2024 hält ihr stand, ist aber neu und in der Fachdiskussion nicht durchgearbeitet. Die Frage wird hier dargestellt und nicht entschieden.

Nicht belegt und deshalb markiert: die Himmelsrichtung; das Geschlecht der Yoni, für das die klassische Lehre gar keinen Platz hat; die Namenssilben; das Symbol der Träne, das eine plausible Deutung des Namens ist, aber kein überlieferter Bildbefund.

Nicht verwendet wurde die ausführliche Śiva-Mythologie, die moderne Nakṣatra-Bücher um diesen Abschnitt legen. Die Quellen sagen rudra, und der vedische Rudra ist nicht ohne weiteres der Śiva der Purāṇas. Varāhamihira setzt zwar selbst śiva als Kurzform — das ist eine alte Gleichsetzung, aber eine Gleichsetzung und nicht der Befund der ältesten Schicht.

Was noch offen ist: ob sich der Vorschlag von 2024 in der Fachdiskussion durchsetzt; ob eine Handschrift Bhaṭṭabhāskaras die beiden unsicheren Wörter klärt; und ob sich für die Träne als Symbol irgendwo ein klassischer Beleg findet.