Anurādhā

Studien-PDF herunterladen

अनुराधा 17. Nakṣatra · 3°20′ bis 16°40′ Vṛścika (siderisch) · Herrscher Śani

Der Name gehört zur Wurzel rādh, „gelingen, zustande bringen", mit dem Präverb anu-: Anurādhā ist „die, bei der es nachher gelingt", „der nachfolgende Erfolg". Der Kommentator begründet die Deutung mit einem Wort des Brāhmaṇa selbst: anveṣām arādhasma, „wir haben ihnen Erfolg verschafft". Astronomisch ist Anurādhā der sauberste Abschnitt der ganzen Reihe — alle vier zugehörigen Sterne liegen bei jedem gebräuchlichen Ayanāṃśa darin, und zwar dicht beieinander. Zugleich ist es der Abschnitt, der die meisten fremden Sterne aufgenommen hat: sogar Antares, die Yogatārā des Nachbarn Jyeṣṭhā, steht heute hier.

Himmelsabschnitt und Pādas

Anurādhā reicht von 213°20′ bis 226°40′ siderischer Länge und liegt damit vollständig in Vṛścika (Skorpion). Vṛścika ist ein festes Zeichen; seine Navāṃśa-Reihe beginnt beim fünften Zeichen von ihm aus, also bei Karka, und für Anurādhā ergeben sich die Navāṃśa-Zeichen Siṃha bis Vṛścika.

PādavonbisNavāṃśaPuruṣārthaSilbe
13°20′ Vṛścika6°40′ VṛścikaSiṃhaDharmaना
26°40′ Vṛścika10°00′ VṛścikaKanyāArthaनी
310°00′ Vṛścika13°20′ VṛścikaTulāKāmaनू
413°20′ Vṛścika16°40′ VṛścikaVṛścikaMokṣaने ne

Der vierte Pāda trägt das Navāṃśa des eigenen Zeichens — das ist der vargottama-Fall, der in jedem festen Zeichen genau einmal vorkommt. Die Gradgrenzen und die Navāṃśa-Zuordnung sind reine Arithmetik und gegen die eigene Berechnungsbibliothek geprüft. Die Silben stammen aus der Lehrüberlieferung; ein klassischer Vers, der sie festlegt, liess sich nicht nachweisen.

Dass Anurādhā ganz in Vṛścika liegt, sagt der Vers, der die Pādas auf die Zeichen verteilt:

Ārambha-Kursverse, Rāśi-Abschnitt (Vṛścika)

विशाखापादम् एकम् अनुराधा ज्येष्ठान्तं वृश्चिकः

viśākhāpādam ekam anurādhā jyeṣṭhāntaṃ vṛścikaḥ

Ein Pāda von Viśākhā, Anurādhā und [alles weitere] bis zum Ende von Jyeṣṭhā [bilden] Vṛścika [den Skorpion].

Viśākhāpādam: ein Pāda von Viśākhā; wörtl. viśākhā (16. Nakṣatra) + pāda (Viertel) (n. 1/1). Ekam: ein, eines (n. 1/1). Anurādhā: Anurādhā, 17. Nakṣatra (f. 1/1). Jyeṣṭhāntaṃ: mit Jyeṣṭhā (18. Nakṣatra) endend, bis zum Ende von Jyeṣṭhā; wörtl. jyeṣṭhā + anta (Ende) (n. 1/1). Vṛścikaḥ: Vṛścika, der Skorpion (8. Rāśi) (m. 1/1).

Quelle ungeklärt (Ārambha-Kursmaterial, Pt. Sanjay Rath)

Weil Anurādhā keine Zeichengrenze überschreitet, ist der Varṇa im Heiratsvergleich für alle vier Pādas derselbe: Vṛścika ist ein Brahmanen-Zeichen.

Die Devatā

Über den Abschnitt herrscht Mitra, einer der Ādityas — der Gott des Bundes, des Vertrags, der Freundschaft. Sein Name ist im Sanskrit zugleich das gewöhnliche Wort für „Freund"; er gehört zu einer Wurzel, die „binden, zusammenfügen" meint, und er bildet mit Varuṇa das Paar, das über Eid und Ordnung wacht.

Hier ist die Quellenlage ungewöhnlich einheitlich. Taittirīya-Saṃhitā, Taittirīya-Brāhmaṇa in beiden Kapiteln und Bṛhat Saṃhitā 97.4 nennen übereinstimmend Mitra. Bei Citrā sagt dasselbe Brāhmaṇa an einer Stelle Indra und an der anderen Tvaṣṭr̥, bei Śatabhiṣaj Indra und Varuṇa — bei Anurādhā gibt es nichts zu entscheiden.

Was wechselt, ist nur der Numerus. Der Veda gebraucht durchweg den Plural: anūrādhā́ḥ, „die Anurādhās", und das Mantra sagt ausdrücklich anūrādhā́sa íti yád vádanti, „das sie ‚die Anurādhās' nennen". Die spätere Astrologie hat daraus den Singular gemacht. Der Plural passt zur Sternfigur: drei oder vier Sterne in einer Reihe.

Das Mantra der Nakṣatreṣṭi zeichnet dabei ein Bild, das sonst nirgends in der Reihe vorkommt — Mitra geht zu seinem Gestirn hin, auf goldenen, im Luftraum ausgespannten Pfaden. Der Vers steht unten.

Die Śakti

Jedem Nakṣatra wird eine Śakti zugeschrieben, eine Wirkkraft, in dreigliedriger Form: ein Begriff für die Kraft selbst, dazu etwas „oberhalb" und etwas „unterhalb", und aus dem Zusammentreffen der drei ein Ergebnis. Die beiden äusseren Glieder stehen wörtlich im Taittirīya-Brāhmaṇa — für Anurādhā abhyārohat, das Hinaufsteigende, und abhyārūḍha, das Hinaufgestiegene. Das mittlere Glied und das Ergebnis stehen erst im Kommentar, und zwar nicht bei Sāyaṇa, sondern bei Bhaṭṭabhāskara Miśra:

Bhaṭṭabhāskara Miśra, Bhāṣyadīpikā zu Taittirīya-Brāhmaṇa 1.5.1

मित्रस्यानूराधाः अन्वेषाम् अराधस्म इति सिद्धेर् हेतुत्वम् मित्रस्य जगत् त्रायतस् त्रयं भवति परस्ताद् अभ्यारोहत् उपर्युपचयं प्राप्तुम् आरब्धम् मध्ये कालात्मिका राधनशक्तिः अवस्ताद् अभ्यारूढः अभ्याक्रान्तम् उच्छ्रितं पदम् एतत्त्रयोपपत्तौ राधो भवति

mitrasyānūrādhāḥ anveṣām arādhasma iti siddher hetutvam mitrasya jagat trāyatas trayaṃ bhavati parastād abhyārohat uparyupacayaṃ prāptum ārabdham madhye kālātmikā rādhanaśaktiḥ avastād abhyārūḍhaḥ abhyākrāntam ucchritaṃ padam etat-trayopapattau rādho bhavati

Mitras sind die Anurādhās; nach dem Wort „wir haben ihnen Erfolg verschafft" ist [das Nakṣatra] Ursache des Gelingens. Von Mitra, der die Welt beschützt, gibt es ein Dreifaches: oberhalb das Emporsteigende, das begonnen hat, den Zuwachs nach oben zu erreichen; in der Mitte die zeitgestaltige Kraft des Gelingenmachens; unterhalb das Erstiegene, die betretene, erhöhte Stätte. Wenn diese drei zustande kommen, entsteht Erfolg.

Mitrasya: des Mitra (m. 6/1). Anūrādhāḥ: die Anūrādhās (f. 1/3). Anveṣām: ihnen hinterher, für sie; wörtl. anu (nach) + eṣām (dieser) (m. 6/3). Arādhasma: wir haben zum Gelingen gebracht, wir haben Erfolg verschafft (luṅ I/3). Iti: so, Anführungspartikel (Zitat aus dem Brāhmaṇa selbst) (avy.). Siddher: des Gelingens, des Erfolgs (f. 6/1). Hetutvam: das Ursachesein; wörtl. hetu (Ursache) + -tva (-heit) (n. 1/1). Jagat: die Welt, was sich regt (n. 2/1). Trāyatas: des Beschützenden (Part. Präs. med. von √trai) (m. 6/1). Trayaṃ: eine Dreiheit, ein Dreifaches (n. 1/1). Bhavati: es gibt, entsteht (laṭ III/1). Parastād: oberhalb, darüber (avy.). Abhyārohat: das Emporsteigende (n. 1/1). Uparyupacayaṃ: den Zuwachs nach oben; wörtl. upari (oben) + upacaya (Anwachsen) (m. 2/1). Prāptum: zu erreichen, zu erlangen (Infinitiv) (avy.). Ārabdham: begonnen, in Angriff genommen (n. 1/1). Madhye: in der Mitte (n. 7/1). Kālātmikā: zeitgestaltig, deren Wesen die Zeit ist; wörtl. kāla (Zeit) + ātmikā (wesenhaft) (f. 1/1). Rādhanaśaktiḥ: die Kraft des Gelingenmachens; wörtl. rādhana (zum Gelingen bringen) + śakti (Kraft) (f. 1/1). Avastād: unterhalb, darunter (avy.). Abhyārūḍhaḥ: das Erstiegene (die Ausgabe setzt hier die maskuline Form, das Mūla die neutrale abhyārūḍham) (m. 1/1). Abhyākrāntam: betreten, bestiegen (n. 1/1). Ucchritaṃ: erhöht, aufgerichtet (n. 1/1). Padam: Stätte, Standort, Schritt (n. 1/1). Etat-trayopapattau: beim Zustandekommen dieser drei; wörtl. etad (dies) + traya (Dreiheit) + upapatti (Zustandekommen) (f. 7/1). Rādho: Erfolg, Gelingen, Gabe (n. 1/1). Bhavati: entsteht, wird (laṭ III/1).

Taittirīya-Brāhmaṇa mit Bhaṭṭabhāskara-Bhāṣya, Aṣṭaka 1, hrsg. A. Mahādeva Śāstrī, Mysore 1908, S. 249 f., Kommentarabschnitt 15. Am Seitenbild gelesen. Die Ausgabe gibt zum Zitat anveṣām arādhasma den Quellenverweis brā. 1-5-2. Im unteren Glied setzt sie die maskuline Form abhyārūḍhaḥ, während das Mūla abhyārūḍham (Neutrum) hat — hier nicht angeglichen.

Die Formel ist bemerkenswert geschlossen. Alle drei Glieder und das Ergebnis gehören sprachlich zusammen: abhyārohat und abhyārūḍha sind Partizip Präsens und Partizip Perfekt derselben Verbalwurzel — das noch Steigende und das schon Erstiegene. Dazwischen steht die Kraft, die das eine ins andere überführt. Und rādhana im mittleren Glied sowie rādhas im Ergebnis gehören zum selben Stamm wie der Name anu-rādhā selbst. Kaum eine der siebenundzwanzig Formeln ist so eng um einen einzigen Begriff gebaut.

Zwei Dinge gehen in der modernen Wiedergabe unter. Erstens steht in jeder der 27 Formeln das Attribut kālātmikā beziehungsweise kālātmā, „zeitgestaltig" — die Kraft ist ausdrücklich die des Zeitlaufs an dieser Himmelsstelle, nicht eine Eigenschaft des Sterns; in der englischsprachigen Literatur fehlt dieses Wort durchweg. Zweitens wird die Formel dort regelmässig Sāyaṇa zugeschrieben; sie stammt aber von Bhaṭṭabhāskara Miśra, dessen Bhāṣyadīpikā älter ist als Sāyaṇas Bhāṣya.

Der Steckbrief

Die folgenden Zuschreibungen stammen aus verschiedenen Schichten der Überlieferung. Die Spalte rechts sagt bei jeder, worauf sie sich stützt.

Himmelsabschnitt3°20′ bis 16°40′ Vṛścika, siderisch Rechnung; Vers zur Pāda-Verteilung
Fixsterneδ Scorpii (Dschubba) als Yogatārā, dazu β¹ und π Scorpii; nach den meisten Autoritäten auch ρ Scorpii — kein Dissens über die Yogatārā Sūrya-Siddhānta 8.18; Whitney in Burgess 1860
HerrscherŚani Viṃśottarī-Reihe; im eigenen Kursmaterial fehlerhaft, siehe unten
DevatāMitra, der Gott des Bundes und der Freundschaft Taittirīya-Saṃhitā 4.4.10; Taittirīya-Brāhmaṇa 1.5.1 und 3.1.2; Bṛhat Saṃhitā 97.4
Śaktikālātmikā rādhanaśaktiḥ, „die zeitgestaltige Kraft des Gelingenmachens" — oberhalb abhyārohat, das Emporsteigende, unterhalb abhyārūḍha, das Erstiegene; Ergebnis: es entsteht rādhas, Erfolg Bhaṭṭabhāskara zu Taittirīya-Brāhmaṇa 1.5.1
SymbolTriumphbogen; die Figurentafel der Siddhānta-Literatur nennt valī, „eine Reihe" eigenes Kursmaterial; Burgess 1860
Namensbedeutunganurādhā „der nachfolgende Erfolg", zu anu- + rādh (gelingen); im Veda durchweg im Plural Taittirīya-Saṃhitā 4.4.10; Taittirīya-Brāhmaṇa 3.1.2; Bhaṭṭabhāskara
Wesensartmṛdu / maitra (sanft, freundlich) Bṛhat Saṃhitā 97.10; Muhūrta-Cintāmaṇi 2.7
Gaṇadeva (göttlich) Muhūrta-Cintāmaṇi 6.29; Nārada-Saṃhitā 29.127
Yoni (Tier)Antilope (kuraṅga, hariṇa), geteilt mit Jyeṣṭhā Muhūrta-Cintāmaṇi 6.26
Yoni-Geschlechtunbelegt — die klassische Lehre kennt kein Geschlecht der Yoni, siehe unten Negativbefund, siehe unten
Nāḍīmadhya (die mittlere) Muhūrta-Cintāmaṇi 6.34; Nārada-Saṃhitā 29.141
Varṇaim Heiratsvergleich brāhmaṇa (Vṛścika), alle vier Pādas — in der Gesellschaftszuordnung dagegen kṛṣīvala, die Ackerbauern zwei verschiedene Systeme, siehe unten
GuṇaTamas/Sattva/Tamas im Nakṣatra-Guṇa-Schema — Tamas im Navatārā-Schema eigenes Kursmaterial, zwei Systeme
TattvaVāyu (Luft) eigenes Kursmaterial
LokaBhuva eigenes Kursmaterial
Mukhatiryaṅmukha (querblickend) Muhūrta-Cintāmaṇi 2.9
Silbenना · नी · नू · ने ne Lehrüberlieferung
KörperteilMagen — im Schema des Nakṣatrapuruṣa, das ab Kṛttikā zählt eigenes Kursmaterial
Puruṣārthaje Pāda Dharma, Artha, Kāma, Mokṣa Lehrüberlieferung
TätigkeitenFreundschaft, Liebesvollzug, Kleider, Schmuck, Glückszeremonien, Gesang; ferner Saṃskāra und Dīkṣā sowie Hochzeit Bṛhat Saṃhitā 97.10, 97.15, 99.7; Muhūrta-Cintāmaṇi 2.7
MenschengruppenTapfere, Scharenführer, Gesellige, Fahrende, die Guten; alles im Herbst Entstandene Bṛhat Saṃhitā 15.15
Geburtsdeutungvon sehr freundlicher Rede, vermögend, dem Behagen ergeben, ehrwürdig, ruhmvoll, mächtig; wohlhabend, in der Fremde wohnend, hungrig, umherziehend Jātaka-Pārijāta 9.88; Bṛhat Saṃhitā 100.9

Wo die Quellen auseinandergehen

Der Herrscher fehlt im eigenen Kursmaterial. Das ist kein Überlieferungsproblem, sondern ein Satzfehler, aber er gehört benannt, weil er in eine Tabelle geraten ist, aus der gelernt wird. Die Herrscherliste des eigenen Ārambha-Materials führt an der Stelle, an der Anurādhā stehen müsste — Position 17 —, die Zeile

8. & Puṣya & Saturn

also Nummer und Namen von Puṣya, dem achten Nakṣatra, ein zweites Mal. Anurādhā ist dort durch Puṣya verdrängt. Alle übrigen 26 Positionen der Tabelle sind richtig. Der Wert selbst stimmt zufällig: Puṣya und Anurādhā haben beide Śani als Herrscher, weil sie in der Viṃśottarī-Reihe neun Schritte auseinander liegen. Was fehlt, ist der Name.

Der Herrscher Śani ist dreifach gesichert: durch den Fliesstext desselben Kursmaterials, durch die Viṃśottarī-Rechnung und durch die Parallele zu Puṣya. Nebenbei: auch die Übersichtsgrafik der Nakṣatra-Herrscher trägt an der Position, zu der Anurādhā gehört, das falsche Planetensymbol — dort steht Jupiter statt Saturn. Anurādhā ist damit im eigenen Material an zwei Stellen betroffen.

Varṇa. Wie überall liegen zwei Systeme übereinander. Im Heiratsvergleich, dem Melāpaka, wird der Varṇa nach dem Rāśi vergeben, und Vṛścika steht im Vers ausdrücklich unter den Brahmanen-Zeichen:

Muhūrta-Cintāmaṇi 6.22

द्विजा झषालिकर्कटास् ततो नृपा विशो ऽङ्घ्रिजाः

dvijā jhaṣālikarkaṭās tato nṛpā viśo 'ṅghrijāḥ

Brahmanen [sind] Mīna, Vṛścika und Karka; darauf die Fürsten [Kṣatriyas], die Vaiśyas, die Śūdras.

Dvijā: Brahmanen; wörtl. „zweimal Geborene" (m. 1/3). Jhaṣālikarkaṭās: Mīna, Vṛścika und Karka; wörtl. jhaṣa (Fisch = Mīna) + āli (Skorpion = Vṛścika) + karkaṭa (Krebs = Karka) (m. 1/3). Tato: darauf, danach (avy.). Nṛpā: Fürsten, Kṣatriyas; wörtl. nṛ (Mensch) + pa (schützend) (m. 1/3). Viśo: Vaiśyas, die Leute des dritten Standes (f. 1/3). 'ṅghrijāḥ: Śūdras; wörtl. aṅghri (Fuss) + ja (geboren) (m. 1/3).

Āli, „der Skorpion", ist Vṛścika — der Vers nennt das Zeichen also unmittelbar unter den Brahmanen-Zeichen; ein Kommentar ist hier nicht nötig.

Anurādhā liegt ganz in Vṛścika, gehört im Melāpaka also durchgängig zu den Brahmanen. Die modernen Tabellen geben dagegen meist śūdra — das kommt aus Bṛhat Saṃhitā 15.28, wo Anurādhā mit Revatī, Maghā und Rohiṇī den kṛṣīvala, den Ackerbauern, zugeordnet wird. Das ist eine gesellschaftsprognostische Zuordnung mit sieben Klassen, kein Kūṭa der Heiratsprüfung. Beide Angaben sind für sich richtig; wer mit dem Aṣṭakūṭa rechnet, muss brāhmaṇa ansetzen.

Yoni-Geschlecht. Die modernen Tabellen geben für Anurādhā „Antilope, weiblich". Das Tier ist belegt, das Geschlecht nicht. Die klassische Lehre kennt vierzehn Tiere für achtundzwanzig Nakṣatras und rechnet ausschliesslich mit Freundschaft und Feindschaft der Arten; der Kommentar zum Muhūrta-Cintāmaṇi zitiert dazu das Daivajñamanohara: aṣṭāviṃśatitārāṇāṃ yonayas tu caturdaśa. Eine gezielte Suche in den Volltexten des Muhūrta-Cintāmaṇi und der Nārada-Saṃhitā nach puṃyoni, strīyoni und verwandten Ausdrücken ergab null Treffer.

Was die Yoni wirklich leistet, ist eine Feindschaftsrechnung: Muhūrta-Cintāmaṇi 6.26 nennt in jedem Versviertel genau zwei Tiere, und genau diese beiden sind einander feind. Anurādhā teilt sich die Antilope mit Jyeṣṭhā; im selben Versviertel steht der Hund von Ārdrā und Mūla. Antilope und Hund sind das Feindpaar — was, bei einem Jagdtier und seiner Beute, keiner weiteren Erklärung bedarf.

Bemerkenswert dabei: Anurādhā und Jyeṣṭhā teilen nicht nur die Yoni, sondern liegen auch am Himmel unmittelbar beieinander, und ihre Sterne vermischen sich heute — dazu unten.

Die Rückrechnung der Sternposition weicht ab. Bei Anurādhā stimmt die aus dem Sūrya-Siddhānta zurückgerechnete Sollposition nicht so genau mit Burgess’ eigener Tabelle überein wie sonst. Der Fall ist unten eigens behandelt und wird nicht geglättet.

Wesensart und Tätigkeiten

Die Wahllehre teilt die Nakṣatras nach ihrer Wesensart ein, weil davon abhängt, welche Unternehmung unter ihnen gelingt. Anurādhā gehört zur sanften Gruppe — und steht dort an erster Stelle:

Bṛhat Saṃhitā 97.10 (in Kerns Zählung 98.10)

मृदुवर्गोऽनूराधाचित्रापौष्णैन्दवानि मित्रार्थे सुरतविधिवस्त्रभूषणमङ्गलगीतेषु च हितानि

mṛduvargo 'nūrādhācitrāpauṣṇaindavāni mitrārthe suratavidhivastrabhūṣaṇamaṅgalagīteṣu ca hitāni

Die sanfte Gruppe [mṛduvarga]: Anurādhā, Citrā, das Pūṣan-Gestirn [Revatī] und das Mond-Gestirn [Mṛgaśiras]. Sie sind günstig für die Freundschaft, für den Vollzug der Liebe, für Kleider, Schmuck, Glückszeremonien und Gesang.

Mṛduvargo: die sanfte Gruppe; wörtl. mṛdu (sanft) + varga (Gruppe) (m. 1/1). 'nūrādhācitrāpauṣṇaindavāni: Anurādhā, Citrā, das Pūṣan-Gestirn (Revatī) und das Mond-Gestirn (Mṛgaśiras); wörtl. anūrādhā + citrā + pauṣṇa (dem Pūṣan gehörend) + aindava (dem Mond gehörend) (n. 1/3). Mitrārthe: für die Freundschaft, zum Zweck des Freundes; wörtl. mitra (Freund) + artha (Zweck) (m. 7/1). Suratavidhivastrabhūṣaṇamaṅgalagīteṣu: beim Vollzug der Liebe, bei Kleidern, Schmuck, Glückszeremonien und Gesang; wörtl. surata (Liebesvereinigung) + vidhi (Vollzug) + vastra (Kleid) + bhūṣaṇa (Schmuck) + maṅgala (Glücksritus) + gīta (Gesang) (n. 7/3). Ca: und (avy.). Hitāni: günstig, zuträglich (n. 1/3).

Ausgabe H. Kern, Kalkutta 1865; Kapitelzählung dort 98, bei Tripāṭhī 97. Kern liest mṛduvargas tv anurādhā…; Tripāṭhīs Lesart verlangt ein metrisch gedehntes anūrādhā. Sachlich gleich.

Ein Wortspiel steckt darin, das leicht übersehen wird: die erste Tätigkeit der Gruppe heisst mitrārthe, „zum Zweck der Freundschaft" — und Anurādhās Gottheit ist Mitra, der Freund. Varāhamihira nennt das Nakṣatra andernorts denn auch schlicht maitra, „das dem Mitra Gehörige". Die Muhūrta-Literatur setzt daraus den zweiten Klassennamen: maitra, die „freundliche" Gruppe.

Muhūrta-Cintāmaṇi 2.7

मृगान्त्यचित्रामित्रर्क्षं मृदु मैत्रं भृगुस् तथा तत्र गीताम्बरक्रीडामित्रकार्यं विभूषणम्

mṛgāntyacitrāmitrarkṣaṃ mṛdu maitraṃ bhṛgus tathā tatra gītāmbarakrīḍāmitrakāryaṃ vibhūṣaṇam

Mṛgaśiras, das letzte [Revatī], Citrā und das Mitra-Nakṣatra [Anurādhā], ebenso der Venustag [Freitag], sind mṛdu „sanft" und maitra „freundlich". Darin [gelingen]: Gesang, Kleidung, Spiel, Freundesdienst, Schmuck.

Mṛgāntyacitrāmitrarkṣaṃ: Mṛgaśiras, das letzte (Revatī), Citrā und das Mitra-Gestirn (Anurādhā); wörtl. mṛga (Mṛgaśiras) + antya (das letzte) + citrā + mitrarkṣa (Gestirn des Mitra) (n. 1/1). Mṛdu: sanft - Name der Nakṣatra-Klasse (n. 1/1). Maitraṃ: freundlich, dem Mitra gehörend - zweiter Name derselben Klasse (n. 1/1). Bhṛgus: Bhṛgu (Śukra), der Freitag (m. 1/1). Tathā: ebenso (avy.). Tatra: darin, dort (avy.). Gītāmbarakrīḍāmitrakāryaṃ: Gesang, Kleidung, Spiel und Freundesdienst; wörtl. gīta (Gesang) + ambara (Gewand) + krīḍā (Spiel) + mitrakārya (Freundeswerk) (n. 1/1). Vibhūṣaṇam: Schmuck, Zierat (n. 1/1).

Kollationiert aus drei Ausgaben. Der Kommentar löst auf: mitrarkṣam anurādhā und krīḍā striyā saha krīḍā, mitrasyeṣṭasya kāryaṃkrīḍā ist also das Spiel mit der Frau, mitrakārya der Dienst am liebgewordenen Freund.

Ein anderes Kapitel der Bṛhat Saṃhitā ordnet den Nakṣatras Menschen- und Berufsgruppen zu — es geht dort um Vorzeichendeutung im grossen Massstab, nicht um Geburtsdeutung:

Bṛhat Saṃhitā 15.15

मैत्रे शौर्यसमेता गणनायकसाधुगोष्ठियानरताः ये साधवश् च लोके सर्वं च शरत्समुत्पन्नम्

maitre śauryasametā gaṇanāyakasādhugoṣṭhiyānaratāḥ ye sādhavaś ca loke sarvaṃ ca śaratsamutpannam

Beim Mitra-Gestirn [Anurādhā]: mit Tapferkeit Versehene, die an Scharenführern, an Guten, an Geselligkeit und an Fahrzeugen ihre Lust haben; und die in der Welt gut sind — und alles im Herbst Entstandene.

Maitre: beim Mitra-Gestirn, unter Anurādhā (n. 7/1). Śauryasametā: mit Tapferkeit Versehene; wörtl. śaurya (Tapferkeit) + sameta (versehen) (m. 1/3). Gaṇanāyakasādhugoṣṭhiyānaratāḥ: die an Scharenführern, Guten, Geselligkeit und Fahrzeugen ihre Lust haben; wörtl. gaṇanāyaka (Scharenführer) + sādhu (gut, rechtschaffen) + goṣṭhī (Geselligkeit) + yāna (Fahrzeug) + rata (zugetan) (m. 1/3). Ye: welche (m. 1/3). Sādhavaś: gut, rechtschaffen (m. 1/3). Ca: und (avy.). Loke: in der Welt, unter den Menschen (m. 7/1). Sarvaṃ: alles (n. 1/1). Ca: und (avy.). Śaratsamutpannam: im Herbst Entstandenes; wörtl. śarad (Herbst) + samutpanna (entstanden) (n. 1/1).

Ausgabe H. Kern, Kalkutta 1865. Das Kapitel zählt von Kṛttikā an, Anurādhā steht deshalb als fünfzehntes. Kapitel 15 trägt in allen geprüften Ausgaben dieselbe Nummer.

Die Reihe ist die des Zusammenschlusses: gaṇanāyaka, der Führer einer Schar; goṣṭhī, die Zusammenkunft, das gesellige Beisammensein; sādhu, der Rechtschaffene. Dass ausgerechnet Mitras Gestirn den Scharenführer und die Gesellschaft bekommt, ist keine Willkür — Mitra ist der Gott des Bundes. Śarat, der Herbst, steht am Ende als Jahreszeit, in der die Ernte eingebracht und das Vieh gezählt wird.

Der Jātaka-Pārijāta fasst in einem Vers zusammen, was ein unter Anurādhā, Jyeṣṭhā, Mūla oder Pūrvāṣāḍhā Geborener mitbekommt:

Jātaka-Pārijāta 9.88 (in anderer Zählung 9.89)

मैत्रे सुप्रियवाग् धनी सुखरतः पूज्यो यशस्वी विभुः ज्येष्ठायाम् अतिकोपवान् परवधूसक्तो विभुर् धार्मिकः मूलर्क्षे पटुवाग्विधूतकुशलो धूर्तः कृतघ्नो धनी पूर्वाषाढभवो ऽविकारचरितो मानी सुखी शान्तधीः

maitre supriyavāg dhanī sukharataḥ pūjyo yaśasvī vibhuḥ jyeṣṭhāyām atikopavān paravadhūsakto vibhur dhārmikaḥ mūlarkṣe paṭuvāgvidhūtakuśalo dhūrtaḥ kṛtaghno dhanī pūrvāṣāḍhabhavo 'vikāracarito mānī sukhī śāntadhīḥ

Beim Mitra-Gestirn [Anurādhā] ist man von sehr freundlicher Rede, vermögend, dem Behagen ergeben, ehrwürdig, ruhmvoll und mächtig; unter Jyeṣṭhā überaus jähzornig, an fremden Frauen hängend, mächtig, rechtschaffen; im Mūla-Gestirn redegewandt, des Wohlergehens beraubt, betrügerisch, undankbar, vermögend; der unter Pūrvāṣāḍhā Geborene ist von unwandelbarem Wandel, stolz, glücklich und von ruhigem Sinn.

Maitre: beim Mitra-Gestirn, unter Anurādhā (n. 7/1). Supriyavāg: von sehr freundlicher Rede; wörtl. su (sehr) + priya (lieb) + vāc (Rede) (m. 1/1). Dhanī: vermögend, reich (m. 1/1). Sukharataḥ: dem Behagen ergeben; wörtl. sukha (Behagen) + rata (zugetan) (m. 1/1). Pūjyo: ehrwürdig, zu ehren (m. 1/1). Yaśasvī: ruhmvoll (m. 1/1). Vibhuḥ: mächtig, weitreichend (m. 1/1). Jyeṣṭhāyām: unter Jyeṣṭhā, im 18. Nakṣatra (f. 7/1). Atikopavān: überaus jähzornig; wörtl. ati (über) + kopa (Zorn) + -vant (m. 1/1). Paravadhūsakto: an fremden Frauen hängend; wörtl. para (fremd) + vadhū (Frau) + sakta (anhängend) (m. 1/1). Vibhur: mächtig (m. 1/1). Dhārmikaḥ: rechtschaffen, der Pflicht gemäss (m. 1/1). Mūlarkṣe: im Mūla-Gestirn; wörtl. mūla (19. Nakṣatra) + ṛkṣa (Gestirn) (n. 7/1). Paṭuvāgvidhūtakuśalo: redegewandt und des Wohlergehens beraubt; wörtl. paṭu (gewandt) + vāc (Rede) + vidhūta (abgeschüttelt) + kuśala (Wohlergehen) (m. 1/1). Dhūrtaḥ: betrügerisch, verschlagen (m. 1/1). Kṛtaghno: undankbar; wörtl. kṛta (Getanes) + ghna (tötend) (m. 1/1). Dhanī: vermögend (m. 1/1). Pūrvāṣāḍhabhavo: der unter Pūrvāṣāḍhā Geborene; wörtl. pūrvāṣāḍhā (20. Nakṣatra) + bhava (Entstehung) (m. 1/1). 'vikāracarito: von unwandelbarem Wandel; wörtl. a- (un-) + vikāra (Wandel, Verderbnis) + carita (Wandel, Lebensführung) — ohne Avagraha gelesen kehrt sich der Sinn um (m. 1/1). Mānī: stolz, auf Ehre bedacht (m. 1/1). Sukhī: glücklich, wohlbehalten (m. 1/1). Śāntadhīḥ: von ruhigem Sinn; wörtl. śānta (beruhigt) + dhī (Einsicht) (m. 1/1).

Ausgabe V. Subrahmanya Sastri 1932, Bd. I, S. 628; Kashi Sanskrit Series 10 zählt denselben Vers als 9.89. Der Anurādhā-Teil ist in beiden Ausgaben unstrittig. In den Teilen zu Mūla und Pūrvāṣāḍhā dagegen sind die Lesarten unsicher; bei Pūrvāṣāḍhā hängt der ganze Sinn an einem Avagraha, der in Handschriften ohnehin selten gesetzt wird.

Die ältere und knappere Fassung steht bei Varāhamihira, und sie klingt deutlich weniger freundlich:

Bṛhat Saṃhitā 100.9 = Bṛhajjātaka 16.9 (in Kerns Zählung 101.9)

īrṣur lubdho dyutimān vacanapaṭuḥ kalahakṛd viśākhāsu āḍhyo videśavāsī kṣudhālur aṭano 'nurādhāsu

Unter Viśākhā: neidisch, gierig, glänzend, redegewandt, streitsüchtig. Unter Anurādhā: wohlhabend, in der Fremde wohnend, hungrig, umherziehend.

Īrṣur: neidisch, missgünstig (Lesart Kerns: irṣyur, des Bṛhajjātaka: īrṣyur — blosse Orthographie) (m. 1/1). Lubdho: gierig, habsüchtig (m. 1/1). Dyutimān: glänzend, mit Glanz begabt (m. 1/1). Vacanapaṭuḥ: redegewandt; wörtl. vacana (Rede) + paṭu (gewandt) (m. 1/1). Kalahakṛd: streitsüchtig, Streit machend; wörtl. kalaha (Streit) + kṛt (machend) (m. 1/1). Viśākhāsu: unter Viśākhā (Plural, wie der Name im Veda mehrgliedrig gebraucht wird) (f. 7/3). Āḍhyo: wohlhabend, begütert (m. 1/1). Videśavāsī: in der Fremde wohnend; wörtl. videśa (Ausland) + vāsin (wohnend) (m. 1/1). Kṣudhālur: hungrig, mit grossem Appetit (m. 1/1). Aṭano: umherziehend, wandernd (m. 1/1). 'nurādhāsu: unter Anurādhā (Plural wie oben) (f. 7/3).

Wortlaut nach dem GRETIL-Text der Ausgabe A. V. Tripāṭhī (mit Kerns Apparat) und der Bṛhajjātaka-Ausgabe Oriental Books Reprint Corporation 1979. Für den Anurādhā-Halbvers verzeichnen die Zeugen keine Variante. Die Devanāgarī dieses Kapitels ist in der benutzten Quelle nicht mitgeführt.

Die beiden Werke gehen hier merklich auseinander. Der Jātaka-Pārijāta zeichnet ein durchweg günstiges Bild: freundliche Rede, Ehrwürdigkeit, Ruhm, Macht. Die ältere Bṛhat Saṃhitā nennt Wohlstand, setzt aber daneben Heimatlosigkeit und Hunger. Geteilt ist das Motiv des Unterwegsseins — dort vibhu, „weitreichend", hier aṭana, „umherziehend". Zusammenbringen lassen sich die beiden Bilder nicht, und hier wird es auch nicht versucht.

Die Sterne des Asterismus

Die Sterne des Skorpionkopfes im Abschnitt der Anurādhā — die valī, die Reihe, die dem Nakṣatra seine Figur gibt. Schwarz die vier eigenen Sterne, grau drei Sterne, die zu anderen Nakṣatras gehören und heute hierher fallen; der offene Kreis ist die Sollposition der Yogatārā nach Sūrya-Siddhānta. Massstab in Länge und Breite gleich; Punktgrösse nach scheinbarer Helligkeit. Siderische Länge zum Stichjahr 2025,0 mit dem Ayanāṃśa nach Lahiri; ekliptikale Breite J2000,0. Die Sterne des Skorpionkopfes im Abschnitt der Anurādhā — die valī, die Reihe, die dem Nakṣatra seine Figur gibt. Schwarz die vier eigenen Sterne, grau drei Sterne, die zu anderen Nakṣatras gehören und heute hierher fallen; der offene Kreis ist die Sollposition der Yogatārā nach Sūrya-Siddhānta. Massstab in Länge und Breite gleich; Punktgrösse nach scheinbarer Helligkeit. Siderische Länge zum Stichjahr 2025,0 mit dem Ayanāṃśa nach Lahiri; ekliptikale Breite J2000,0.

Die Sterne des Skorpionkopfes im Abschnitt der Anurādhā — die valī, die Reihe, die dem Nakṣatra seine Figur gibt. Schwarz die vier eigenen Sterne, grau drei Sterne, die zu anderen Nakṣatras gehören und heute hierher fallen; der offene Kreis ist die Sollposition der Yogatārā nach Sūrya-Siddhānta. Massstab in Länge und Breite gleich; Punktgrösse nach scheinbarer Helligkeit. Siderische Länge zum Stichjahr 2025,0 mit dem Ayanāṃśa nach Lahiri; ekliptikale Breite J2000,0.

Koordinaten aus SIMBAD (Abruf 15. September 2026); Sollposition der Yogatārā aus Sūrya-Siddhānta 8.2 und 8.7 nach Burgess 1860.

Über die Yogatārā gibt es hier keinen Streit. Die Cākalya-Saṃhitā rechnet mit drei Sternen — β, δ und π Scorpii —, alle übrigen Autoritäten mit vieren, wobei ρ Scorpii hinzukommt. In beiden Fassungen ist die Yogatārā δ Scorpii, und zwar textkonform: Sūrya-Siddhānta 8.18 bestimmt für Maitra, also Anurādhā, ausdrücklich die mittlere — und in der Dreiergruppe ist δ die mittlere.

Die Figur des Nakṣatras heisst valī. Colebrooke hatte das als „a row of oblations" übersetzt, „eine Reihe von Opfergaben"; Burgess berichtigt das zu schlicht „a row", einer Reihe. Und das trifft: die Sterne stehen nahezu auf einer Geraden. Im Bild oben sieht man es — zwischen dem obersten und dem untersten liegen über neun Grad Breite, aber nur siebenunddreissig Bogenminuten Länge.

Die Sterne im Katalog

δ Scoβ¹ Scoπ Scoρ Sco
EigennameDschubbaAcrab
RolleYogatārāGruppeGruppeGruppe (nur in der Viererfassung)
HR5953598459445928
HD143275144217143018142669
HIP78401788207826578104
Helligkeit V2,322,622,913,86
SpektraltypB0.3 IVB1 VB1 V + B2:V:B2 IV-V
Rektaszension16ʰ 00ᵐ 20,0ˢ16ʰ 05ᵐ 26,2ˢ15ʰ 58ᵐ 51,1ˢ15ʰ 56ᵐ 53,1ˢ
Deklination−22° 37′ 18,1″−19° 48′ 19,6″−26° 06′ 50,8″−29° 12′ 50,7″
Ekl. Länge J2000242° 34′243° 11′242° 56′243° 09′
Ekl. Breite J2000−1° 59′+1° 00′−5° 29′−8° 36′

Rektaszension und Deklination gelten für Äquinoktium und Epoche J2000,0; die Werte stammen aus SIMBAD. Entfernungen und Flamsteed-Nummern sind in der hier benutzten Erhebung nicht mitgeführt. Alle vier sind heisse blaue Sterne derselben Klasse — sie gehören physisch zur Skorpion-Centaurus-Assoziation, einer gemeinsamen Entstehungsgruppe. Die Reihe am Himmel ist also keine Zufallsfigur, sondern der Rand einer wirklichen Sternwolke.

Wo die Sterne heute stehen

SternLahiriKrishnamurtiRamanTrue CitrāFagan/Bradley
δ Sco8°43′ Vṛścika8°49′10°10′8°44′7°50′
β¹ Sco9°20′ Vṛścika9°26′10°47′9°21′8°27′
π Sco9°05′ Vṛścika9°11′10°32′9°06′8°12′
ρ Sco9°17′ Vṛścika9°23′10°44′9°18′8°24′

Alle Werte sind siderische Längen für 2025,0; Anurādhā reicht von 3°20′ bis 16°40′ Vṛścika.

Alle vier Sterne liegen bei allen fünf Ayanāṃśas in Anurādhā, und zwar gedrängt zwischen 8°43′ und 9°20′. Das ist in der Reihe der Nakṣatras eine Seltenheit: von 102 gerechneten Sternen liegen 31 ausserhalb ihres Abschnitts, darunter sieben Yogatārās. Anurādhā ist davon gar nicht betroffen — es ist eines der saubersten Nakṣatras der Reihe.

Die zehn Bogenminuten, die nicht aufgehen

Ein Punkt bleibt dennoch offen, und er soll hier nicht geglättet werden.

Das Sūrya-Siddhānta gibt für Anurādhā als dhruvaka, als polare Länge, 224°00′ und als vikṣepa, als polare Breite, 3°00′ südlich. Rechnet man daraus die echte ekliptikale Position für das Jahr 560 zurück, so ergibt sich eine Länge von 224°54′ bei einer Breite von −2°52′. Whitneys eigene Reduktion in Burgess’ Ausgabe lautet dagegen 224°44′ bei derselben Breite von 2°52′ S.

Die Längen weichen also um zehn Bogenminuten voneinander ab. Das klingt wenig, ist es aber nicht: dieselbe Rückrechnung stimmt bei allen anderen siebenundzwanzig Asterismen auf ein bis drei Bogenminuten mit Burgess überein. Nur Abhijit zeigt eine ähnliche Abweichung, dort elf Bogenminuten.

Drei Erklärungen sind denkbar, und keine liess sich bestätigen: ein Druckfehler in Burgess’ Tabelle von 1860, ein Lesefehler der Texterkennung im benutzten Digitalisat, oder eine abweichende Annahme über die Schiefe der Ekliptik. Für die ersten beiden spricht, dass die Breite in beiden Rechnungen auf die Bogenminute übereinstimmt — ein Fehler im Verfahren müsste sich auch dort zeigen. Ein Zahlendreher in der Länge ist die einfachste Erklärung, aber sie ist eine Vermutung.

Für die Sache selbst ist der Unterschied folgenlos: im heutigen Lahiri-Rahmen entspricht die Sollposition 11°06′ Vṛścika, also der dritte Pāda von Anurādhā, und zehn Bogenminuten ändern daran nichts. Festgehalten wird die Abweichung trotzdem, weil sie der einzige Punkt ist, an dem die eigene Rechnung ihre Kontrollquelle nicht reproduziert.

Die fremden Sterne — und Antares

Anurādhā ist der Abschnitt, der heute die meisten Sterne anderer Nakṣatras beherbergt:

Sterngehört zusid. Länge 2025 (Lahiri)
α Scorpii (Antares) — YogatārāJyeṣṭhā15° 54′ Vṛścika
σ Scorpii (Alniyat)Jyeṣṭhā13° 57′ Vṛścika
θ LibraeViśākhā6° 01′ Vṛścika
ν ScorpiiMūla (Gruppenstern)10° 47′ Vṛścika

Der gewichtigste Fall ist Antares, der rote Riese im Herzen des Skorpions und die Yogatārā von Jyeṣṭhā. Er verfehlt seinen eigenen Abschnitt bei Lahiri um sechsundvierzig Bogenminuten und steht damit im letzten Pāda von Anurādhā; dasselbe gilt für Krishnamurti, True Citrā und Fagan/Bradley. Nur der Raman-Ayanāṃśa, der rund 1°26′ kleiner ist als Lahiri, bringt ihn knapp in Jyeṣṭhā zurück.

Das ist kein Argument gegen die Identifikation. Ursache ist die Verschiebung zwischen zwei Bezugsrahmen: das Sūrya-Siddhānta zählt von einem Nullpunkt, den Whitney mit dem Frühlingspunkt von 560 n. Chr. gleichsetzt, die Lahiri-Zählung von einem rund 270 Jahre früheren; jede Position wird dadurch um knapp vier Grad kleiner. Auch die reine Sollposition von Jyeṣṭhā fällt im heutigen Rahmen mit 16°18′ Vṛścika knapp nach Anurādhā. Ein Ayanāṃśa ab 23°27′ brächte Antares zurück — die Lahiri-Zählung lag um 1975 dort.

Ein Sonderfall ist ν Scorpii. Die gebräuchliche moderne Tabelle führt ihn als Gruppenstern von Mūla; die Rechnung zeigt, dass dort υ Scorpii stehen muss — ν Scorpii steht vierzehn Grad davon entfernt, eben hier in Anurādhā. Ein Katalogfehler, den erst das Nachrechnen sichtbar macht.

Wer also unter dem Namen Anurādhā an den Himmel sieht, findet dort nicht nur die eigene Reihe, sondern auch den hellsten Stern des Skorpions, der einem anderen Nakṣatra gehört.

Sichtbarkeit

Von mitteleuropäischer Breite — rund 47° Nord — kulminieren die Sterne der Gruppe zwischen 13,7° und 23,1° hoch; die Yogatārā δ Scorpii erreicht 20,3 Grad. Anurādhā gehört damit zu den tief stehenden Nakṣatras und verlangt einen freien Südhorizont und eine klare Sommernacht. Die drei hellen Sterne δ, β¹ und π Scorpii sind dabei gut zu erkennen; ρ Scorpii mit 3,9ᵐ steht so tief, dass ihn der Horizontdunst meist verschluckt.

Um Mitternacht kulminiert die Gruppe um den 24. Mai, die Sonnenkonjunktion fällt auf den 25. November; rund vier Wochen davor und danach ist sie unsichtbar. Die beste Zeit ist der Mai und der Juni — allerdings gerade dann, wenn die Nächte in Mitteleuropa am kürzesten sind.

Die Verse

Die älteste Stelle, die Anurādhā nennt, steht in der Taittirīya-Saṃhitā. Sie gehört zur Aufzählung der Nakṣatra-Feueraltarziegel — ein ritueller, kein astrologischer Text. Keith beschreibt die Anordnung: die Ziegel liegen im Kreis um den durchbohrten Stein, beginnend im Südosten mit Kṛttikā bis Viśākhā, und von Anurādhā an im Nordwesten weiter. Anurādhā eröffnet also die zweite Hälfte des Kreises.

Taittirīya-Saṃhitā 4.4.10.2

अनूराधा नक्षत्रं मित्रो देवता

anūrādhā́ nákṣatram mitró devátā

Anūrādhā ist das Nakṣatra, Mitra die Gottheit.

Anūrādhā: Anūrādhā, vedische Namensform von Anurādhā, 17. Nakṣatra (f. 1/1). Nakṣatraṃ: Nakṣatra, Gestirn, Mondhaus (n. 1/1). Mitro: Mitra, der Gott des Bundes und der Freundschaft (m. 1/1). Devatā: Gottheit (f. 1/1).

Wortlaut nach TITUS (akzentuierte Umschrift, auf Grundlage der Ausgabe Albrecht Weber, Leipzig 1871–72); Devanāgarī-Ausgabe bei sanskritdocuments.org. Die Devanāgarī-Ausgabe schreibt die Stelle an der Wortfuge verschliffen (devatānūrādhā), TITUS trennt sie.

Das Taittirīya-Brāhmaṇa führt dieselbe Reihe, stellt die Gottheit in den Genitiv voran und fügt das Begriffspaar „oberhalb / unterhalb" bei:

Taittirīya-Brāhmaṇa 1.5.1.3

मित्रस्यानूराधाः अभ्यारोहत् परस्ताद् अभ्यारूढम् अवस्तात्

mitrásya anūrādhā́ḥ abhyāróhat parástād abhyā́rūḍham avástāt

Des Mitra sind die Anūrādhās. Das Hinaufsteigende oberhalb, das Hinaufgestiegene unterhalb.

Mitrasya: des Mitra (m. 6/1). Anūrādhāḥ: die Anūrādhās (Plural, wie der Name im Veda mehrgliedrig gebraucht wird) (f. 1/3). Abhyārohat: das Hinaufsteigende, Emporsteigende (Part. Präs. von abhi-ā-√ruh) (n. 1/1). Parastād: oberhalb, darüber, jenseits (avy.). Abhyārūḍham: das Hinaufgestiegene, Erstiegene (Part. Perf. Pass.) (n. 1/1). Avastāt: unterhalb, darunter, diesseits (avy.).

Umschrift nach TITUS (die Sandhi-Fuge zwischen mitrásya und anūrādhā́ḥ ist dort zur Wortanalyse aufgelöst), Devanāgarī nach sanskritdocuments.org. Dieses Begriffspaar ist die Grundlage der Śakti-Formel weiter oben.

Die stärkste Primärstelle ist das Mantra der Nakṣatreṣṭi, des Opfers an die Nakṣatra-Gottheiten. Seine zweite Hälfte beschreibt, wie Mitra zu seinem Gestirn hingeht:

Taittirīya-Brāhmaṇa 3.1.2 (Nakṣatreṣṭi, Mantra 1b)

चित्रं नक्षत्रम् उदगात् पुरस्तात् अनूराधास इति यद् वदन्ति तन् मित्र एति पथिभिर् देवयानैः हिरण्ययैर् विततैर् अन्तरिक्षे

citráṃ nákṣatram údagāt purástāt anūrādhā́sa íti yád vádanti tán mitrá eti pathíbhir devayā́naiḥ hiraṇyáyair vítatair antárikṣe

Ein glänzendes Nakṣatra ist im Osten aufgegangen, das sie „die Anūrādhās" nennen. Zu ihm geht Mitra auf den götterbefahrenen Pfaden, den goldenen, im Luftraum ausgespannten.

Citraṃ: glänzend, hell, auffallend (n. 1/1). Nakṣatram: Nakṣatra, Gestirn (n. 1/1). Udagāt: ist aufgegangen, ist emporgestiegen (luṅ III/1). Purastāt: im Osten, vorn (avy.). Anūrādhāsa: „die Anūrādhās" (Plural) (f. 1/3). Iti: so, „...", Anführungspartikel (avy.). Yad: welches (n. 2/1). Vadanti: sie nennen, sie sagen (laṭ III/3). Tan: zu ihm, dorthin (n. 2/1). Mitra: Mitra, der Gott des Bundes (m. 1/1). Eti: geht, schreitet (laṭ III/1). Pathibhir: auf den Pfaden, auf den Wegen (m. 3/3). Devayānaiḥ: götterbefahren, von den Göttern begangen; wörtl. deva (Gott) + yāna (Fahrt) (m. 3/3). Hiraṇyayair: golden, aus Gold (m. 3/3). Vitatair: ausgespannt, ausgebreitet (m. 3/3). Antarikṣe: im Luftraum, im Zwischenraum zwischen Himmel und Erde (n. 7/1).

Umschrift nach TITUS; Devanāgarī mit Svaras nach sanskritdocuments.org (nakṣatrasūktam). Die erste Hälfte des Mantras — hier nicht mitgesetzt — bittet, man möge mit Opfergaben und Verneigung gedeihen, Mitra sei freundgesinnt, und man wolle, die Anurādhās mit der Opfergabe mehrend, „hundert Herbste mit Männern leben".

Der Merkvers, mit dem die Reihe der Nakṣatra-Namen gelernt wird, beginnt seine dritte Zeile mit Anurādhā:

Ārambha-Kursverse, Nakṣatra-Abschnitt 3

अनुराधा ततो ज्येष्ठा ततो मूलं निगद्यते पूर्वाषाढोत्तराषाढस् त्व् अभिजिच् छ्रवणस् तथा

anurādhā tato jyeṣṭhā tato mūlaṃ nigadyate pūrvāṣāḍhottarāṣāḍhas tv abhijic chravaṇas tathā

Anurādhā, darauf Jyeṣṭhā, darauf wird Mūla genannt; Pūrvāṣāḍhā und Uttarāṣāḍhā, dann Abhijit und ebenso Śravaṇa.

Anurādhā: Anurādhā, 17. Nakṣatra (f. 1/1). Tato: darauf (avy.). Jyeṣṭhā: Jyeṣṭhā, 18. Nakṣatra (f. 1/1). Tato: darauf (avy.). Mūlaṃ: Mūla, 19. Nakṣatra (n. 1/1). Nigadyate: wird genannt (Passiv von ni-√gad) (laṭ karmaṇi III/1). Pūrvāṣāḍhottarāṣāḍhas: Pūrvāṣāḍhā und Uttarāṣāḍhā, 20. und 21. Nakṣatra (Dvandva) (m. 1/1). Tv: aber, dann (avy.). Abhijic: Abhijit, das eingeschobene 28. Nakṣatra (m. 1/1). Chravaṇas: Śravaṇa, 22. Nakṣatra (m. 1/1). Tathā: ebenso (avy.).

Quelle ungeklärt (Ārambha-Kursmaterial, Pt. Sanjay Rath). Bemerkenswert: der Merkvers gebraucht den Singular, während die vedischen Stellen durchweg den Plural setzen.

Grammatikangaben im Glossar sind unter Grammatik-Abkürzungen erklärt.

Zur Quellenlage dieses Portraits

Die Angaben oben ruhen auf ungleichem Grund, und das soll sichtbar bleiben.

Sicher ist alles Rechnerische: die Gradgrenzen, die vier Pādas, ihre Navāṃśa-Zeichen, die Lage ganz in Vṛścika. Das folgt aus der Einteilung selbst und ist gegen die eigene Berechnungsbibliothek geprüft. Sicher ist auch der Herrscher Śani aus der Viṃśottarī-Reihe — obwohl die Herrscherliste des eigenen Kursmaterials Anurādhā an dieser Stelle überhaupt nicht nennt.

Am Originalvers belegt sind: die Devatā Mitra (Taittirīya-Saṃhitā 4.4.10, Taittirīya-Brāhmaṇa 1.5.1 und 3.1.2, Bṛhat Saṃhitā 97.4), die Namensform im Plural, die Śakti samt ihren drei Gliedern und dem Ergebnis (Bhaṭṭabhāskara zum Brāhmaṇa), die Wesensart mṛdu/maitra und die zugehörigen Tätigkeiten (Bṛhat Saṃhitā 97.10, Muhūrta-Cintāmaṇi 2.7), die Menschengruppen (Bṛhat Saṃhitā 15.15), Gaṇa, Yoni und Nāḍī (Muhūrta-Cintāmaṇi 6.29, 6.26, 6.34), das Mukha (Muhūrta-Cintāmaṇi 2.9) sowie die Geburtsdeutung (Jātaka-Pārijāta 9.88 und Bṛhat Saṃhitā 100.9).

Die Sternidentifikation ist gesichert, und zwar ungewöhnlich gut: über die Yogatārā δ Scorpii gibt es in keiner geprüften Quelle einen Dissens, die Lageangabe des Sūrya-Siddhānta („die mittlere") stimmt mit der Sollposition überein, und alle vier Sterne liegen heute bei jedem gebräuchlichen Ayanāṃśa im eigenen Abschnitt. Strittig ist nur die Zahl der Sterne — drei nach der Cākalya-Saṃhitā, vier nach den übrigen —, und das ist für die Yogatārā folgenlos.

Nicht belegt und deshalb markiert oder ganz weggelassen: das Geschlecht der Yoni, für das die klassische Lehre gar keinen Platz hat; die Himmelsrichtung; die Namenssilben; das Symbol des Triumphbogens, für das sich kein Vers finden liess — die Figurentafel der Siddhānta-Literatur nennt nur valī, „eine Reihe", und Burgess berichtigt Colebrookes ausschmückende Übersetzung ausdrücklich.

Widersprüche und Fehler, die stehen bleiben. Erstens die zehn Bogenminuten zwischen der eigenen Rückrechnung der SS-Sollposition und Burgess’ eigener Tabelle — die einzige Stelle der ganzen Rechnung, an der die Kontrollquelle nicht reproduziert wird; die Ursache ist nicht bestimmt und wird nicht erfunden. Zweitens der Varṇa: zwei Systeme, zwei Antworten. Drittens der Gegensatz zwischen Jātaka-Pārijāta und Bṛhat Saṃhitā in der Geburtsdeutung. Viertens der Satzfehler im eigenen Kursmaterial, der Anurādhā aus der Herrscherliste tilgt, und das falsche Planetensymbol in der zugehörigen Grafik — beides benannt, weil aus diesen Tabellen gelernt wird.

Nicht verwendet wurde Colebrookes Übersetzung von valī als „eine Reihe von Opfergaben"; Burgess berichtigt sie, und der Wortsinn gibt nur „Reihe" her.

Bei den Versen ist zu unterscheiden. Die Taittirīya-Stellen, der Kommentar Bhaṭṭabhāskaras und die Verse aus Bṛhat Saṃhitā, Muhūrta-Cintāmaṇi und Jātaka-Pārijāta sind edierter Text mit nachprüfbarer Fundstelle. Der Merkvers der Nakṣatra-Namen und der Vers zur Pāda-Verteilung dagegen stammen aus einem Kursmaterial, dessen Wortlaut keiner Stelle eines klassischen Werks zugeordnet werden konnte.

Was noch offen ist: Die Ursache der Zehn-Bogenminuten-Abweichung müsste am Originaldruck von Burgess 1860 geprüft werden, nicht am Digitalisat. Der Sanskritwortlaut der Cākalya-Saṃhitā, auf der die Dreiergruppe beruht, wurde nicht beschafft. Die von Bhaṭṭabhāskara zitierte Stelle anveṣām arādhasma — die Ausgabe verweist auf brā. 1-5-2 — wurde im Brāhmaṇa selbst nicht nachgeschlagen. Sāyaṇas Wortlaut zu Taittirīya-Brāhmaṇa 1.5.1 wurde für Anurādhā nicht eingesehen. Entfernungen und Flamsteed-Nummern der vier Sterne wurden in der zugrundeliegenden Erhebung nicht erfasst.