Nakṣatra (nakṣatra, n.) heisst zunächst schlicht „Stern" oder „Gestirn". In der Jyotiṣa bezeichnet das Wort etwas Engeres: einen der 27 gleich grossen Abschnitte, in die der Tierkreis längs der Ekliptik geteilt wird — und zugleich die Sterngruppe, den Asterismus, nach der ein solcher Abschnitt benannt ist. Beides fällt nicht zusammen. Der Abschnitt ist eine rechnerische Grösse mit scharfen Grenzen; die Sterngruppe ist ein Stück Himmel, das man sehen kann und dessen Identifikation an mehreren Stellen unsicher ist. Diese Doppelnatur ist der Grund, warum die Portraits hier zwei getrennte Abschnitte haben: einen für die überlieferten Zuschreibungen, einen für die Astronomie.
Die Portraits der einzelnen Nakṣatras stehen unten. Der folgende Text erklärt, was in ihnen vorausgesetzt wird.
Was das Wort heisst
Über die Herkunft von nakṣatra gibt es keine Einigkeit. In der Jyotiṣa-Überlieferung kursieren mindestens zwei Zerlegungen: nak („Nacht") + kṣa („Zerstörung") + tra („Schutz"), gelesen als „Schutz vor der Nacht der Zerstörung" — die Silbe tra wie in man-tra, dem „Schützer des Denkens"; und na („Mond") + kṣetra („Haus"), woraus die verbreitete Übersetzung „Mondhaus" stammt. Beide Zerlegungen sind volksetymologisch und halten einer sprachwissenschaftlichen Prüfung nicht stand; sie werden hier genannt, weil sie in der Überlieferung mitlaufen und etwas darüber sagen, wie das Wort verstanden wurde — nicht, weil eine von ihnen richtig wäre. Im Ṛgveda ist nakṣatra schlicht „Gestirn".
Ein zweiter, älterer Name ist tārā, „Stern". Er steht in den Portraits gelegentlich synonym.
Die Einteilung
Der Tierkreis von 360° wird in 27 Teile geteilt. Jedes Nakṣatra misst also 360° ÷ 27 = 13°20′. Gezählt wird siderisch, das heisst von einem festen Sternbezug aus, nicht vom Frühlingspunkt — der Unterschied zwischen beiden Zählungen ist der Ayanāṃśa, der wegen der Präzession langsam wächst und heute gut 24° beträgt (siehe unten, „Siderisch und tropisch").
Jedes Nakṣatra zerfällt weiter in vier Pādas („Viertel"), jeder von 13°20′ ÷ 4 = 3°20′. 27 × 4 = 108 Pādas umspannen den Kreis. Damit liegt die Brücke zu den zwölf Rāśis (Tierkreiszeichen) zu je 30° bereits offen: 30° ÷ 3°20′ = 9, jedes Zeichen besteht aus genau neun Pādas, also aus 2¼ Nakṣatras. Ein Nakṣatra kann deshalb über eine Zeichengrenze hinweg liegen: neun der 27 tun es, die übrigen achtzehn liegen ganz in einem Zeichen.
Die Zuordnung wird in der Überlieferung Zeichen für Zeichen aufgezählt. Für das erste Zeichen lautet sie:
अश्विनी भरणी कृत्तिकापादम् एकं मेषः ।
aśvinī bharaṇī kṛttikāpādam ekaṃ meṣaḥ ।
[Die vier Pādas von] Aśvinī, [die vier von] Bharaṇī und ein Pāda von Kṛttikā [bilden] Meṣa [den Widder].
Quelle ungeklärt (Ārambha-Kursmaterial, Pt. Sanjay Rath)
Die Rechnung geht auf: 4 + 4 + 1 = 9 Pādas = 30°. Aśvinī, das erste Nakṣatra, liegt also vollständig innerhalb von Meṣa (Widder).
Pāda und Navāṃśa
Die Pāda-Einteilung ist nicht bloss eine feinere Skala. Sie ist identisch mit dem Navāṃśa, dem „Neuntel" — jener Unterteilung, die jedes Zeichen in neun Teile zu 3°20′ zerlegt. Pāda und Navāṃśa bezeichnen dieselbe Strecke am Himmel, aber aus zwei verschiedenen Blickwinkeln: vom Nakṣatra aus gezählt heisst sie Pāda, vom Rāśi aus gezählt Navāṃśa. Jeder Pāda trägt deshalb zugleich ein Navāṃśa-Zeichen, und die Portraits nennen es.
Die Zuordnung folgt der Regel, dass die Navāṃśa-Reihe eines beweglichen (cara) Zeichens beim Zeichen selbst beginnt, bei einem festen (sthira) beim neunten davon, bei einem zweiteiligen (dvisvabhāva) beim fünften. Meṣa ist beweglich; seine neun Navāṃśas laufen daher von Meṣa an fort: Meṣa, Vṛṣabha, Mithuna, Karka, Siṃha, Kanyā, Tulā, Vṛścika, Dhanus.
Die Pāda-Gliederung trägt eine eigene Bedeutungsschicht. Die vier Viertel werden den vier Puruṣārthas zugeordnet, den vier Lebenszielen: das erste dem Dharma (Pflicht, Ordnung), das zweite dem Artha (Erwerb), das dritte dem Kāma (Begehren), das vierte dem Mokṣa (Befreiung). Im Navāṃśa fallen sie damit auf die vier Elementtrigone — Feuer, Erde, Luft, Wasser —, und dieselbe Reihe wird auch als Folge der Tattvas (Elemente) gelesen: Agni, Pṛthivī, Vāyu, Jala. Diese Zuordnungen stammen aus der Lehrüberlieferung, nicht aus einem hier nachgewiesenen Vers.
Die Reihe der 27 Namen
Die Aufzählung der Namen gehört zum Grundbestand; sie wird in vier Versen gelernt.
अश्विनी भरणी चैव कृत्तिका रोहिणी मृगः । आर्द्रा पुनर्वसुः पुष्यस् ततो ऽश्लेषा मघा तथा ॥
aśvinī bharaṇī caiva kṛttikā rohiṇī mṛgaḥ । ārdrā punarvasuḥ puṣyas tato 'śleṣā maghā tathā ॥
Aśvinī, Bharaṇī und Kṛttikā, Rohiṇī, Mṛga[śiras]; Ārdrā, Punarvasu, Puṣya, darauf Āśleṣā und ebenso Maghā.
पूर्वाफाल्गुनिका तस्माद् उत्तराफाल्गुनी ततः । हस्तश् चित्रा तथा स्वाती विशाखा तदनन्तरम् ॥
pūrvāphālgunikā tasmād uttarāphālgunī tataḥ । hastaś citrā tathā svātī viśākhā tadanantaram ॥
Danach Pūrvāphālgunī, darauf Uttarāphālgunī; Hasta, Citrā und ebenso Svātī, danach Viśākhā.
अनुराधा ततो ज्येष्ठा ततो मूलं निगद्यते । पूर्वाषाढोत्तराषाढस् त्व् अभिजिच् छ्रवणस् तथा ॥
anurādhā tato jyeṣṭhā tato mūlaṃ nigadyate । pūrvāṣāḍhottarāṣāḍhas tv abhijic chravaṇas tathā ॥
Anurādhā, darauf Jyeṣṭhā, darauf wird Mūla genannt; Pūrvāṣāḍhā und Uttarāṣāḍhā, dann Abhijit und ebenso Śravaṇa.
धनिष्ठा शतताराख्यं पूर्वाभाद्रपदा ततः । उत्तराभाद्रपाच् चैव रेवत्य् एतानि भानि च ॥
dhaniṣṭhā śatatārākhyaṃ pūrvābhādrapadā tataḥ । uttarābhādrapāc caiva revaty etāni bhāni ca ॥
Dhaniṣṭhā, das [Nakṣatra] namens Śatatārā, darauf Pūrvābhādrapadā; und Uttarābhādrapadā und Revatī: das sind die Nakṣatras.
Alle vier: Quelle ungeklärt (Ārambha-Kursmaterial, Pt. Sanjay Rath). Der Wortlaut ist Kursüberlieferung, keine nachgewiesene Stelle eines klassischen Werks.
Im dritten Vers steht zwischen Uttarāṣāḍhā und Śravaṇa ein Name, der in der Zählung von 27 keinen Platz hat: Abhijit. Er gehört zum älteren 28-Nakṣatra-System.
27 oder 28
Die vedischen Listen kennen teils 27, teils 28 Nakṣatras. Das zusätzliche, Abhijit, wird in der späteren Praxis wieder herausgenommen, weil sich 360° nicht ohne Rest in 28 gleiche Teile zerlegen lassen, die zu den 108 Pādas passen. Es verschwindet aber nicht ganz, sondern wird als ein schmaler, aus den Nachbarn herausgeschnittener Abschnitt weitergeführt:
वैश्वदेवान्त्यपादः स्याच् छ्रुतेर् आद्याब्धिनाडिकाः । अभिजिद् भम् इति ग्राह्यम् अष्टाविंशतिभेषु सा ॥
vaiśvadevāntyapādaḥ syāc chruter ādyābdhināḍikāḥ । abhijid bham iti grāhyam aṣṭāviṃśatibheṣu sā ॥
Der letzte Pāda [Viertel] von Vaiśvadeva [Uttarāṣāḍhā] und die ersten vier Nāḍikās von Śruti [Śravaṇa]: das ist als das Nakṣatra Abhijit zu nehmen; so gilt es unter den achtundzwanzig Nakṣatras.
Wortlaut ungeklärt (Ārambha-Kursmaterial); inhaltlich Muhūrta-Cintāmaṇi 6.55
Die Portraits hier folgen dem 27er-System. Wo eine Quelle das 28er-System voraussetzt, wird das eigens vermerkt; die beiden Systeme werden nicht vermischt.
Die Klassifikationssysteme
Über die reine Gradeinteilung legt die Überlieferung eine Reihe von Rastern, die jedes Nakṣatra einer Klasse zuweisen. Sie stammen aus verschiedenen Zeiten und Zwecken — einige aus der Wahllehre (muhūrta, die Bestimmung günstiger Zeitpunkte), einige aus der Heiratsprüfung, einige aus der Geburtsdeutung —, und sie sind untereinander nicht abgestimmt. Die Portraits führen sie deshalb als getrennte Zeilen auf, nicht als ein einheitliches Bild.
Herrscher (adhipati). Jedem Nakṣatra ist ein Graha zugeordnet, in der Reihe Ketu, Śukra, Sūrya, Candra, Maṅgala, Rāhu, Guru, Śani, Budha, die sich dreimal wiederholt. Diese Folge ist zugleich die Grundlage der Viṃśottarī-Daśā, der verbreitetsten Periodenrechnung: der Herrscher des Geburtsnakṣatras eröffnet die Reihe der Lebensabschnitte.
Devatā. Die Gottheit, der das Nakṣatra zugeordnet ist. Diese Zuordnung ist die älteste von allen: sie steht bereits in den vedischen Nakṣatra-Listen.
Gaṇa. Einteilung in deva (göttlich), manuṣya (menschlich) und rākṣasa (dämonisch) — ein Temperamentsraster, das vor allem in der Heiratsprüfung gebraucht wird.
Guṇa. Sattva, Rajas, Tamas — die drei Grundqualitäten.
Varṇa. Zuordnung zu einer der vier Standesgruppen (brāhmaṇa, kṣatriya, vaiśya, śūdra). Vorsicht: im Heiratsvergleich wird der Varṇa nach dem Rāśi vergeben, nicht nach dem Nakṣatra. Die verbreiteten Nakṣatra-Tabellen füllen diese Spalte stattdessen mit einer Berufsgruppen-Zuordnung aus der Bṛhat Saṃhitā, die einem ganz anderen Zweck dient. Die Portraits nennen beides getrennt.
Yoni. Ein Tier samt Geschlecht, das dem Nakṣatra zugeordnet ist; aus der Verträglichkeit oder Feindschaft dieser Tiere wird in der Heiratsprüfung gerechnet.
Nāḍī. Dreiteilung in ādi, madhya und antya — im Heiratsvergleich das gewichtigste und strengste der Raster.
Tattva. Zuordnung zu einem der fünf Elemente (Pṛthivī, Jala, Agni, Vāyu, Ākāśa).
Mukha (Blickrichtung). Dreiteilung in ūrdhvamukha (nach oben gerichtet), adhomukha (nach unten) und tiryaṅmukha (quer, seitwärts). Sie gehört in die Wahllehre: aus ihr wird abgeleitet, welche Art von Unternehmung zu einem Zeitpunkt passt — Aufwärts- gerichtetes für Bauen und Weihe, Abwärtsgerichtetes für Graben und Bergbau, Querliegendes für Wege und Handel. Daneben steht, weniger einheitlich gebraucht, die Gati, die „Gangart" eines Nakṣatras.
Richtung. Eine Himmelsrichtung, die dem Nakṣatra zugeordnet ist — nicht zu verwechseln mit dem Mukha.
Wesensart. Das feinste dieser Raster, siebenteilig: dhruva/sthira (fest), cara/calā (beweglich), ugra/krūra (heftig), mṛdu/maitra (sanft), kṣipra/laghu (rasch), tīkṣṇa/dāruṇa (scharf) und miśra/sādhāraṇa (gemischt). Es bestimmt, welche Handlungen unter einem Nakṣatra gelingen. Die massgebliche Stelle ist Bṛhat Saṃhitā 97.6–11 — in Kerns Ausgabe von 1865 als Kapitel 98 gezählt, weshalb man beide Zahlen zitiert findet.
Śakti. Eine jedem Nakṣatra zugeschriebene Wirkkraft, angegeben in einer dreigliedrigen Formel: der Śakti-Begriff, etwas „oberhalb" (parastāt) und etwas „unterhalb" (avastāt), und aus dem Zusammentreffen der drei ein Ergebnis. Das Wortpaar stammt aus dem Taittirīya-Brāhmaṇa 1.5.1, wo es zu jedem Nakṣatra steht; das mittlere Glied und das Ergebnis trägt erst der Kommentar des Bhaṭṭabhāskara Miśra ein. Die moderne Literatur gibt die Formel meist ohne Quelle weiter, und dabei haben sich einzelne Fehler eingeschlichen.
Silben. Jedem Pāda ist eine Silbe zugeordnet. Nach der überlieferten Namensgebung beginnt der Rufname eines Kindes mit der Silbe des Pādas, in dem der Mond zur Geburt stand.
Körperteil. Im Nakṣatrapuruṣa, dem „Nakṣatra-Menschen", trägt jedes Nakṣatra ein Glied des kosmischen Leibes. Hier gibt es konkurrierende Schemata — eines zählt ab Kṛttikā (Kopf), ein anderes ab Aśvinī —, und sie führen zu verschiedenen Ergebnissen. Die Portraits nennen beide, wo sie sich unterscheiden.
Siderisch und tropisch
Alle Gradangaben in den Portraits sind siderisch: gezählt von einem festen Sternbezug, nicht vom Frühlingspunkt. Weil die Erdachse kreiselt (Präzession), wandert der Frühlingspunkt gegenüber den Fixsternen um rund 50,3 Bogensekunden im Jahr rückwärts; die Differenz zwischen der westlich üblichen tropischen und der indischen siderischen Zählung heisst Ayanāṃśa und beträgt gegenwärtig etwa 24°.
Der genaue Wert ist nicht einheitlich festgelegt. Es konkurrieren mehrere Schulen — die in Indien amtlich gebrauchte Citrāpakṣa- oder Lahiri-Zählung, daneben unter anderem die von Krishnamurti und die von B. V. Raman —, und sie unterscheiden sich um bis zu etwa ein Grad. Ein Grad ist nicht wenig: er kann einen Grenzfall von einem Pāda in den nächsten verschieben. Wo die Portraits eine siderische Länge für einen Fixstern angeben, nennen sie deshalb immer den verwendeten Ayanāṃśa und das Stichjahr dazu.
Die Portraits
Alle siebenundzwanzig liegen vor. Jedes nennt zu jedem Attribut, woher der Wert stammt, und lässt offen stehen, was sich nicht belegen lässt — das ist der eigentliche Zweck dieser Sammlung. Wer Nakṣatra-Tabellen kennt, wird darin manches vermissen und manches anders finden, denn die geläufigen Tabellen führen vieles mit, wofür sich in den klassischen Texten kein Vers findet.
Drei Beispiele dafür, was dabei herauskommt. Das Geschlecht der Yoni, das jede moderne Tabelle angibt, hat in keiner der eingesehenen Quellen einen Vers: die Lehre kennt vierzehn Tiere für achtundzwanzig Nakṣatras und rechnet nur mit Artenfreundschaft. Bei Pūrva- und Uttara-Phalgunī geben Taittirīya-Brāhmaṇa und Bhaṭṭabhāskara einhellig Aryaman und Bhaga umgekehrt zu der Zuordnung, die heute überall steht. Und sieben der siebenundzwanzig Hauptsterne stehen heute gar nicht mehr in dem Abschnitt, der ihren Namen trägt — Arcturus nicht in Svātī, Antares nicht in Jyeṣṭhā, Altair nicht in Śravaṇa.
Jedes Portrait gibt es auch als PDF; die ganze Reihe zusammen steht oben als ein Band zum Herunterladen.