Candra
Studien-PDF herunterladenचन्द्र 2. Graha · Herr von Karka · Ucca Vṛṣabha 3° · Viṃśottarī 10 Jahre
Candra ist der zweite der neun Grahas und der einzige, dessen Wesen sich sichtbar verändert, während man ihm zusieht. In der Jyotiṣa ist er der Geist (manas) des Zeitmenschen, mit Sūrya zusammen König unter den Grahas. Sein Licht hat er von Sūrya, und die Phase bestimmt sein Urteil: wohltätig, solange er zunimmt, übeltätig, wenn er abnimmt (kṣīṇendu). Dieses Portrait stellt zusammen, was die klassischen Werke über ihn sagen, und hält auseinander, wo sie verschieden reden.
Namen
Candra heisst „glänzend, leuchtend" und gehört zur Wurzel cand („glänzen"). Der Kurs liest den Namen als cha + Indra, „Herrscher des Geistes" — eine Lehrdeutung im Stil des Nirukta, keine grammatische Herleitung, und als solche hier genannt. Der Kurs nennt ihn ausserdem Brahmarāja, „König der Brahmanen". Das hat im Veda einen Anhalt: der Weihespruch, der später zum Candra-Vers der Pūjā wurde (unten), endet mit somo ‘smākaṃ brāhmaṇānāṃ rājā, „Soma ist der König von uns Brāhmaṇas". Ob die Kursstelle darauf zurückgeht, sagt sie nicht.
Die Synonymlisten sind lang. Bṛhajjātaka 2.2 nennt Candramas und Śītaraśmi, „den Kühlstrahligen"; die Sārāvalī (4.10) Śaśin, den „Hasenträger", und Candra; das Jātaka-Pārijāta (2.3) fügt Soma, Śītadyuti, Uḍupati („Herr der Sterne"), Glau, Mṛgāṅka („Gazellenzeichen") und Indu hinzu. Die Bṛhat Saṃhitā gebraucht ausserdem śītakara, śītāṃśu, prāleyāṃśu („Reifstrahliger") und himakara. Das BPHS (3.12) nennt ihn kumudabāndhava, den „Verwandten der weissen Nachtlotosblüte". Soma ist zugleich der Name des Opfertranks, und dieser Doppelsinn liegt allen vedischen Versen zugrunde, die später Candra zugewiesen wurden.
Anders als Sūrya, Maṅgala, Budha und Śukra hat Candra keinen griechischen Lehnnamen: die Namen, die mit der hellenistischen Astrologie nach Indien kamen, betreffen ihn nicht.
Der Steckbrief
Die Zuschreibungen stammen aus verschiedenen Schichten. Die Leitfassung ist die des Kurses, der das Bṛhat-Parāśara-Horāśāstra (BPHS) in einer eigenen Fassung lehrt; wo die anderen Werke etwas hinzufügen, steht es mit ihrer Stelle. Spätere Überlieferung (Pūjā, Purāṇa) folgt in einem eigenen Abschnitt.
| Kālapuruṣa | manas, der Geist des Zeitmenschen BPHS 3.12; Bṛhajjātaka 2.1; Sārāvalī 4.1 (cetas); Jātaka-Pārijāta 2.1 (citta) |
|---|---|
| Hofstaat | König (mit Sūrya); im Yavanajātaka die Königin; im Kurs der „Kutscher", Sūrya der Beifahrer BPHS 3.14; Bṛhajjātaka 2.1; Sārāvalī 4.7; Yavanajātaka 1.116; Kurs |
| Natur | saumya, wohltätig — solange er viel Licht zurückwirft; als kṣīṇendu, abnehmend und lichtarm, krūra BPHS 3.11; Bṛhajjātaka 2.5; Sārāvalī 4.9; Phaladīpikā 2.27; Jātaka-Pārijāta 2.8–9; Kurs |
| Geschlecht | weiblich (yuvatī, „junge Frau") BPHS 3.19; Bṛhajjātaka 2.6; Sārāvalī 4.14; Phaladīpikā 2.27; Yavanajātaka 1.115 |
| Tattva | Wasser (jala) Kurs; Phaladīpikā 2.27 — BPHS 3.20 zählt die Tattvas erst ab Maṅgala; vgl. Bṛhat Saṃhitā 4.2 |
| Varṇa | Vaiśya BPHS 3.21; Bṛhajjātaka 2.7; Sārāvalī 4.14; Phaladīpikā 2.24; Jātaka-Pārijāta 2.26; Yavanajātaka 1.117 |
| Guṇa | sattva BPHS 3.22; Bṛhajjātaka 2.7; Phaladīpikā 2.24; Jātaka-Pārijāta 2.26 |
| Doṣa | vāta und kapha BPHS 3.24; Bṛhajjātaka 2.8; Sārāvalī 4.22; Phaladīpikā 2.9 |
| Körperfarbe | hell, weisslich (gaura) BPHS 3.16; Bṛhajjātaka 2.4; Sārāvalī 4.22; Jātaka-Pārijāta 2.7 |
| Farbe | weiss; die Bṛhat Saṃhitā vergleicht mit Reif, Jasmin, Seerose und Bergkristall Bṛhajjātaka 2.5; Sārāvalī 4.12; Bṛhat Saṃhitā 4.30; Yavanajātaka 1.120 (silbern) |
| Devatā | Ambu, das Wasser BPHS 3.18; Bṛhajjātaka 2.5; Sārāvalī 4.12 (jala); Jātaka-Pārijāta 2.20 |
| Dhātu | Blut (rakta) BPHS 3.31; Bṛhajjātaka 2.11; Sārāvalī 4.22; Jātaka-Pārijāta 2.28 |
| Ort | Wasser (jala); bei der Phaladīpikā auch Frauengemach, Heilpflanzenplatz und Schrein der Pārvatī BPHS 3.32; Bṛhajjātaka 2.12; Sārāvalī 4.15; Phaladīpikā 2.15 |
| Kleidung | weisse Seide (sitakṣauma); im Zustand: neu, ungetragen (ahata) BPHS 3.43; Sārāvalī 4.22, 4.16; Phaladīpikā 2.9; Jātaka-Pārijāta 2.22 |
| Metall | uneinheitlich: Edelstein (maṇi) in der Reihe des Bṛhajjātaka; Glockenmetall (kāṃsya) in der Phaladīpikā; Silber nennt sie nur bei den Dingen, die Candra anzeigt Bṛhajjātaka 2.12; Sārāvalī 4.16; Phaladīpikā 2.30, 2.2 |
| Edelstein | Perle (muktāphala); der Kurs nennt Perle oder Kristall Phaladīpikā 2.29; Jātaka-Pārijāta 2.21; Kurs |
| Getreide | Reis (taṇḍula) Phaladīpikā 2.28 |
| Jahreszeit | Varṣā, die Regenzeit; der Kurs lehrt für das Kali-Yuga Vasanta („Ṛtu-Parivartana") BPHS 3.45; Bṛhajjātaka 2.12; Sārāvalī 4.17; Phaladīpikā 2.24; Kurs |
| Rasa | salzig (kṣāra, lavaṇa) BPHS 3.34; Bṛhajjātaka 2.14; Sārāvalī 4.15; Phaladīpikā 2.31 |
| Zeitmass | Kṣaṇa, der Augenblick BPHS 3.33; Bṛhajjātaka 2.14; Sārāvalī 4.17; Jātaka-Pārijāta 2.29 |
| Lebensalter | 70 Jahre; im Kurs die Mutter Phaladīpikā 2.32; Jātaka-Pārijāta 2.14; Kurs |
| Verwandtschaft | Mutter; das linke Auge Yavanajātaka 1.121; Phaladīpikā 2.25 |
| Sinn | Geschmack; Candra ist der Körper, Sūrya die Seele Phaladīpikā 2.26 |
| Pflanzen | milchsaftige Pflanzen (kṣīropeta); Schlinggewächse und Heilkräuter BPHS 3.39; Phaladīpikā 2.37 |
| Welt | die der Menschen (mit Śukra) Sārāvalī 4.20 |
| Tag/Nacht | stark in der Nacht BPHS 3.36; Bṛhajjātaka 2.21; Sārāvalī 4.36; Yavanajātaka 1.83 |
| Tageszeit | im ersten Nachtdrittel Sārāvalī 4.39 = Yavanajātaka 1.86 |
| Monatshälfte | stark in der hellen Hälfte (śukla pakṣa), schwach in der dunklen BPHS 3.37; Bṛhajjātaka 2.21; Sārāvalī 4.36 |
| Naisargika-Bala | der zweitstärkste der sieben BPHS 3.38; Bṛhajjātaka 2.21; Sārāvalī 4.40 |
| Dig-Bala | im 4. Haus, im Norden BPHS 3.35; Bṛhajjātaka 2.19; Sārāvalī 4.34 |
| Richtungsherr | Nordwesten Bṛhajjātaka 2.5; Sārāvalī 4.8; Phaladīpikā 2.16; Jātaka-Pārijāta 2.23 |
| Dṛṣṭi | nur das 7. Haus voll Bṛhajjātaka 2.13; Sārāvalī 4.33; Kurs (BPHS 9) |
| Dīptāṃśa | 12°, der Betrag einer Tithi Kurs |
| Wochentag | Somavāra, der Montag Sūrya-Siddhānta 12.78; Rechnung |
| Viṃśottarī | 10 Jahre; Herr von Rohiṇī, Hasta und Śravaṇa Viṃśottarī-Reihe; Rechnung |
| Bewegung | śīghratara, die schnellste; nie rückläufig Kurs; Rechnung |
Wo die Quellen auseinandergehen
Zunehmend und abnehmend. Das BPHS sagt nur, der abnehmende Candra (kṣīṇendu) sei neben Sūrya, Śani, Maṅgala, Rāhu und Ketu ein Übeltäter und Budha nehme in schlechter Gesellschaft dasselbe an:
तत्रार्कशनिभूपुत्राः क्षीणेन्दुराहुकेतवः । क्रूराः शेषग्रहा सौम्याः क्रूरः क्रूरयुतो बुधः ॥ 3.11॥
tatrārkaśanibhūputrāḥ kṣīṇendurāhuketavaḥ । krūrāḥ śeṣagrahā saumyāḥ krūraḥ krūrayuto budhaḥ ॥ 3.11॥
Unter ihnen sind Sūrya, Śani, Maṅgala, der abnehmende Candra, Rāhu und Ketu übeltätig (krūra), die übrigen Grahas wohltätig (saumya); Budha, mit einem Übeltäter verbunden, ist übeltätig.
Tatra: unter diesen, dort (avy.). Arkaśanibhūputrāḥ: Sūrya, Śani und Maṅgala; wörtl. arka (Sonne) + śani (Saturn) + bhūputra (Sohn der Erde: Maṅgala) (m. 1/3). Kṣīṇendurāhuketavaḥ: der abnehmende Candra, Rāhu und Ketu; wörtl. kṣīṇa (abgenommen) + indu (Mond) + rāhu + ketu (m. 1/3). Krūrāḥ: grausam, übeltätig (m. 1/3). Śeṣagrahā: die übrigen Grahas; wörtl. śeṣa (Rest) + graha (Wandelgestirn); Text der Kursfassung liest ā statt āḥ (m. 1/3). Saumyāḥ: mild, wohltätig (m. 1/3). Krūraḥ: übeltätig (m. 1/1). Krūrayuto: mit Übeltätern verbunden; wörtl. krūra (übeltätig) + yuta (verbunden) (m. 1/1). Budhaḥ: Budha (m. 1/1).
Kursfassung (latexusepackage/Jyotish/bphs.sty), Übersetzung nach der shloka-Datenbank; Glossar neu 2026-10-21
Wo der abnehmende Candra beginnt, sagt der Vers nicht. Der Kurs setzt ihn von der 8. Tithi der dunklen Hälfte (K8) bis zur 8. Tithi der hellen (S8) an — das sind 16 der 30 Tithis, die Zeit um Amāvasyā, in der Candra weniger als die Hälfte von Sūryas Licht zurückwirft. In dieser Zeit, so der Kurs, „verdampft" sein Wasser-Tattva; er sei dann aggressiv, von Vāta beherrscht, unstet und unzufrieden. In der übrigen Zeit herrsche das Wasser, er sei weich und zufrieden. Der Kurs teilt den Monat ausserdem in vier Viertel, denen er vier Guṇa-Stufen zuordnet: uttama für den hellen, zunehmenden Teil, madhyama von Pūrṇimā bis K8, udāsīna von K8 bis Amāvasyā, adhama von Amāvasyā bis S8. Die Phase bestimmt damit zugleich Natur, Guṇa und Geschlecht.
Die Regel selbst ist älter als ihre Ausdeutung. Das Yavanajātaka (1.109) zählt Candra ohne Einschränkung zu den Wohltätern, neben Guru und Śukra; das kṣīṇendu fehlt dort. Bei Varāhamihira (Bṛhajjātaka 2.5) tritt es hinzu, nach Pingree ein Zusatz des Satya. Die Sārāvalī (4.9), die Phaladīpikā (2.27) und das Jātaka-Pārijāta (2.8–9) übernehmen es, ebenso das BPHS (3.11). Dazu passt die Regel von der Monatshälfte (BPHS 3.37): die Übeltäter sind in der dunklen Hälfte stark, die Wohltäter in der hellen. Die Bṛhat Saṃhitā (4.31–32) gibt ihr ein Weltbild: in der hellen Hälfte gedeihen die Stände und die Untertanen, in der dunklen schwinden sie.
Das Geschlecht. Alle Werke sagen, Candra sei weiblich: das BPHS (3.19) nennt ihn und Śukra yuvatī, „junge Frau"; ebenso Bṛhajjātaka, Sārāvalī, Phaladīpikā und Yavanajātaka. Der Kurs führt ihn an anderer Stelle als „Mutter" (Lebensalter). In seiner Meditationsanweisung dagegen steht „Der Mond ist männlich", und im Abschnitt über die Phasen ist der abnehmende Candra „aggressiv und männlich", der zunehmende „weich und weiblich". Die Stelle der Meditation widerspricht BPHS 3.19 wie dem Kurs selbst und ist hier nicht übernommen; für die Phasenlehre gilt, dass der Kurs eine eigene Zuordnung vornimmt. Die Leitfassung des Steckbriefs ist BPHS 3.19: weiblich.
Der Körperbau. Das BPHS (3.24) und das Bṛhajjātaka (2.8) sagen „rund" und „schlank und rund", die Sārāvalī (4.22) „schlank" und „hochgewachsen". Die Phaladīpikā (2.9) nennt ihn sthūla („gross, stattlich"), „jung und alt" und im selben Vers „mager". Der Hindi-Kommentar zur Phaladīpikā löst den Widerspruch mit der Phase auf (zunehmend voll, abnehmend mager); das ist eine Deutung des Kommentars, nicht des Verses.
Metall und Stein. Eine Metallreihe, die BPHS 3 nicht hat, steht im Bṛhajjātaka (2.12) und in derselben Folge in der Sārāvalī (4.16) und dem Jātaka-Pārijāta (2.20): Kupfer, maṇi, Gold, yukti, Silber, Perle, Eisen — für Candra also maṇi, ein Juwel. Die Phaladīpikā (2.30) gibt Candra kāṃsya, Glockenmetall; Silber steht bei ihr nur unter den Dingen, die Candra anzeigt (2.2). Im Jātaka-Pārijāta gibt 2.20 Candra maṇi und Śukra muktā (Perle), 2.21 dagegen Candra die Perle und Śukra den Diamanten; die Reihe von 2.20 steht im Zusammenhang der Fragen nach Verlorenem (Praśna) und ist keine Portrait-Zuordnung. Die Perle als Stein Candras (Phaladīpikā 2.29, Jātaka-Pārijāta 2.21) ist dagegen eindeutig. Der Kurs nennt zwei Steine, Perle und Kristall. Der Kristall (sphaṭika) ist der Stoff des Candra-Bildes in der Pūjā (Yājñavalkya-Smṛti 1.297, unten); ob die Kursangabe damit zusammenhängt, ist offen.
Die Stärke im Halbjahr. Das BPHS (3.37) sagt, die Wohltäter seien im nördlichen Halbjahr (uttarāyaṇa) stark, die Übeltäter im südlichen. Das Bṛhajjātaka (2.20) und das Jātaka-Pārijāta (2.36) geben Candra und Sūrya den Uttarāyaṇa; die Sārāvalī (4.37) dagegen — wörtlich nach dem Yavanajātaka (1.84) — gibt Candra und Śani das südliche Halbjahr, Śukra, Maṅgala, Sūrya und Guru das nördliche, Budha beide.
Das Guṇa. Sattva für Candra steht in BPHS 3.22, Bṛhajjātaka 2.7, Phaladīpikā 2.24 und Jātaka-Pārijāta 2.26. Das Yavanajātaka (1.114) gibt ihm rajas, und Maṅgala sattva — eine ganz andere Verteilung.
Die Gottheit. Ambu, das Wasser, ist Candras Devatā bei Parāśara, Varāhamihira und im Jātaka-Pārijāta; die Sārāvalī sagt jala. Die Phaladīpikā (2.27) nennt stattdessen Ambā (Gaurī). Die Pūjā-Überlieferung kennt zwei Namen nebeneinander: Umā als adhidevatā, Āpaḥ („die Wasser") als pratyadhidevatā (Matsya-Purāṇa 93.13–16). Der Kurs verwendet Ambu und Gaurī als „Adi-" und „Pratyādi-Devatā", mit vertauschten Begriffen gegenüber dem Purāṇa.
Die Freunde. Seit Varāhamihira (Bṛhajjātaka 2.16, nach der Regel des Satya) sind Sūrya und Budha Candras Freunde, die übrigen neutral, Feinde hat er keine (so auch Sārāvalī 4.28 und Phaladīpikā 2.21). Der Kurs sagt es stärker: der Geist habe „keine Freunde und keine Feinde", er sei „vollkommen neutral", wie ein Kind, das alle anlacht. Bemerkenswert ist, dass die Freundschaft nicht erwidert wird: Budha zählt Candra zu seinen Feinden (Bṛhajjātaka 2.17).
Die Richtung. Drei verschiedene Systeme ordnen den Grahas Himmelsrichtungen zu, und sie dürfen nicht vermischt werden. Nach dem Richtungs-Bala (dig-bala) ist Candra im Norden stark, das heisst im 4. Haus (BPHS 3.35; Sārāvalī 4.34). Als Herr einer Richtung regiert er den Nordwesten (Bṛhajjātaka 2.5, Sārāvalī 4.8). Im Maṇḍala der Navagraha-Verehrung steht er im Südosten (Matsya-Purāṇa 93.11–12); im Garuḍa-Purāṇa (1.17), das dasselbe für eine Viṣṇu-Pūjā zeichnet, im Nordosten. Der Kurs lässt den Meditierenden bei Candra nach Norden blicken.
Die Gestalt
Drei Texte beschreiben Candra, wie er aussieht, und sie stimmen im Kern überein: ein heller, weicher Körper, ein glückverheissender Blick, süsse Rede, das Überwiegen von Vāta und Kapha, ein unstetes Gemüt. Die Kursfassung des BPHS (3.24) fasst es in einer Zeile:
बहुवातकफः प्राज्ञश्चन्द्रो वृत्ततनुर्द्विज । शुभदृङ्मधुवाक्यश्च चञ्चलो मदनातुरः ॥ 3.24॥
bahuvātakaphaḥ prājñaścandro vṛttatanurdvija । śubhadṛṅmadhuvākyaśca cañcalo madanāturaḥ ॥ 3.24॥
Candra ist reich an Vāta und Kapha, klug, von rundem Körper, o Zweimalgeborener, mit glückverheissendem Blick und süsser Rede, unstet und liebeskrank.
Bahuvātakaphaḥ: reich an Vāta und Kapha; wörtl. bahu (viel) + vāta (das luftige Doṣa) + kapha (das schleimige Doṣa) (m. 1/1). Prājñaś: klug, einsichtig (m. 1/1). Candro: Candra, der Mond (m. 1/1). Vṛttatanur: mit rundem Körper; wörtl. vṛtta (rund) + tanu (Körper) (m. 1/1). Dvija: o Zweimalgeborener (Anrede an Maitreya) (m. 8/1). Śubhadṛṅ: mit glückverheissendem Blick; wörtl. śubha (glückverheissend) + dṛś (Blick) (m. 1/1). Madhuvākyaś: von süsser Rede; wörtl. madhu (Honig, süss) + vākya (Rede) (m. 1/1). Ca: und (avy.). Cañcalo: unstet, unruhig (m. 1/1). Madanāturaḥ: von Liebesverlangen geplagt; wörtl. madana (Liebesverlangen) + ātura (leidend) (m. 1/1).
Kursfassung (latexusepackage/Jyotish/bphs.sty), Übersetzung nach der shloka-Datenbank, die *prājña* mit „Kenntnis" wiedergibt, gemeint ist „klug"; Glossar neu 2026-10-21
Varāhamihira sagt es noch knapper, im selben Vers, der Sūrya beschreibt (Bṛhajjātaka 2.8, auf der Seite Sūryas im Wortlaut): Candra sei schlank und rund, reich an Vāta und Kapha, klug, von sanfter Rede und mit glückverheissendem Blick. Am ausführlichsten ist wieder Kalyāṇavarmans Sārāvalī (4.22). Sie kennt auch das weisse Gewand und den Stoff, aus dem Candras Körper besteht, das Blut:
सौम्यः कान्तविलोचनो मधुरवाग् गौरः कृशाङ्गो युवा प्रांशु सूक्ष्मनिकुञ्चितायितकचः प्राज्ञो मृदुः सात्त्विकः । चारुर् वातकफात्मकः प्रियसखो रक्तैकसारो घृणी वृद्धस्त्रीषु रतश् चलो ऽतिसुभगः शुभ्राम्बरश् चन्द्रमाः ॥
saumyaḥ kāntavilocano madhuravāg gauraḥ kṛśāṅgo yuvā prāṃśu sūkṣmanikuñcitāyitakacaḥ prājño mṛduḥ sāttvikaḥ । cārur vātakaphātmakaḥ priyasakho raktaikasāro ghṛṇī vṛddhastrīṣu rataś calo 'tisubhagaḥ śubhrāmbaraś candramāḥ ॥
Candra ist sanft, mit lieblichen Augen und süsser Rede, hell, schlank, jung und hochgewachsen; sein Haar ist fein, gelockt und lang. Er ist klug, mild und sattvisch, anmutig, von Vāta- und Kapha-Natur, mit lieben Freunden; sein einziger Kernstoff ist das Blut. Er ist mitfühlend, älteren Frauen zugetan, unstet, sehr glücklich und trägt ein weisses Gewand.
Saumyaḥ: sanft, mild (eigentlich: zu Soma gehörig) (m. 1/1). Kāntavilocano: mit lieblichen Augen; wörtl. kānta (lieblich) + vilocana (Auge) (m. 1/1). Madhuravāg: von süsser Rede; wörtl. madhura (süss) + vāc (Rede) (m. 1/1). Gauraḥ: hell, weisslich (m. 1/1). Kṛśāṅgo: schlank; wörtl. kṛśa (schmal) + aṅga (Körper) (m. 1/1). Yuvā: jung (m. 1/1). Prāṃśu: hochgewachsen (m. 1/1). Sūkṣmanikuñcitāyitakacaḥ: mit feinem, gelocktem, langem Haar; wörtl. sūkṣma (fein) + nikuñcita (gekräuselt) + āyita (lang) + kaca (Haupthaar) (m. 1/1). Prājño: klug (m. 1/1). Mṛduḥ: sanft (m. 1/1). Sāttvikaḥ: von Sattva-Natur, lauter (m. 1/1). Cārur: anmutig (m. 1/1). Vātakaphātmakaḥ: von Vāta- und Kapha-Natur; wörtl. vāta (das luftige Doṣa) + kapha (das schleimige Doṣa) + ātmaka (beschaffen) (m. 1/1). Priyasakho: mit lieben Freunden; wörtl. priya (lieb) + sakhi (Freund) (m. 1/1). Raktaikasāro: dessen einziger Kernstoff das Blut ist; wörtl. rakta (Blut) + eka (einzig) + sāra (Kern, Wesensstoff) (m. 1/1). Ghṛṇī: mitfühlend (m. 1/1). Vṛddhastrīṣu: unter älteren Frauen; wörtl. vṛddha (alt) + strī (Frau) (f. 7/3). Rataś: zugetan, daran Freude findend (m. 1/1). Calo: unstet, beweglich (m. 1/1). 'tisubhagaḥ: sehr glücklich, sehr liebenswert; wörtl. ati (sehr) + subhaga (glücklich) (m. 1/1). Śubhrāmbaraś: mit weissem Gewand; wörtl. śubhra (weiss) + ambara (Gewand) (m. 1/1). Candramāḥ: Candra, der Mond (m. 1/1).
Wortlaut nach der Ausgabe 1907 (sa.wikisource ist eine Abschrift davon), nicht am Seitenbild geprüft; Übersetzung Yogi Narasimha
Der Kurs fügt eine Beobachtung hinzu: Candra „möchte gefallen", deshalb sei er leicht beeinflussbar, sein Geist flatterhaft; er gebe viel Wissen und eine starke Ausstrahlung, er „glühe weiss". Das ist Auslegung der Wörter cañcala („unstet") und madanātura („von Verlangen geplagt") aus BPHS 3.24, nicht ein Zusatz zum Text.
Würden und Beziehungen
| Würde | Zeichen | Grad | Quelle |
|---|---|---|---|
| Svakṣetra | Karka | 0°–30° | Bṛhajjātaka 1.6; Phaladīpikā 1.6 |
| Ucca | Vṛṣabha | höchste Erhöhung bei 3° | BPHS 3.49–51; Bṛhajjātaka 1.13; Sārāvalī 3.35–36; Yavanajātaka 1.58–60 |
| Mūlatrikoṇa | Vṛṣabha | 3°–30° | BPHS 3.51; Bṛhajjātaka 1.14 (nur das Zeichen) |
| Nīca | Vṛścika | tiefster Fall bei 3° | ebenda (das 7. Zeichen vom Ucca) |
Die Kursfassung des BPHS hat genau die Verse über Erhöhung, Mūlatrikoṇa und Freundschaft nicht (3.48–60 fehlen). Der Vers über Candras Ucca und Mūlatrikoṇa — die ersten drei Grade von Vṛṣabha sind Erhöhung, der Rest Mūlatrikoṇa — steht im Wortlaut auf der Seite Sūryas (BPHS 3.51), denn er nennt beide in einem Atemzug. Die griechische Standardreihe der Erhöhungsgrade stimmt nach Pingree bei Candra mit dem Yavanajātaka überein; sie weicht nur bei Sūrya und Guru ab.
Freunde sind Sūrya und Budha; neutral sind Maṅgala, Guru, Śukra und Śani; Feinde hat Candra keine. Die Regel dahinter: vom eigenen Mūlatrikoṇa aus gezählt sind die Herren des 2., 4., 5., 8., 9. und 12. Zeichens und des Ucca-Zeichens Freunde (BPHS 3.55; Bṛhajjātaka 2.15 schreibt sie Satya zu).
Was Candra anzeigt
Die Kursfassung des BPHS hat keine Liste der Dinge, für die ein Graha steht; sie nennt seine Rollen (Geist, König) und die Zuordnungen oben. Die Listen stehen in den späteren Lehrbüchern. Das Jātaka-Pārijāta (2.49) nennt für Candra das Herz, den Verstand, die Mutter und das Vermögen; die Phaladīpikā (2.2) zählt weiter auf: das Wohl der Mutter, Seelenruhe, Meerbad, Früchte, Blüten, Korn, Ackerbau, Ruhm, Perlen, Glockenmetall und Silber, Süsses, Milch, Wasser, Rinder, Frauen, gutes Essen, Körperwohl und Schönheit. Als Bhāva-Kāraka steht er für das 4. Haus (Jātaka-Pārijāta 2.51–52). Die Phaladīpikā (2.17–20) gibt ihm als Menschen den Verehrer des Śāstā, die Frau, den Wäscher und den Bauern, als Tiere die Wassertiere, den Hasen, die Antilope, den Reiher und das Rebhuhn.
Die Bṛhat Saṃhitā weist jedem Graha Länder, Menschen und Waren zu (16.6–8). Candra gehören Berg- und Wasserburgen, Kosala, Bharukaccha, das Meer und die Inseln des grossen Meeres, dazu Soma-Trinker, Brāhmaṇas, Reiter, junge Frauen, Heerführer und Bauern, und an Waren süsse Säfte, Blumen, Früchte, Wasser, Salz, Edelsteine, Muscheln, Perlen, Lotos, Reis, Gerste und Weizen. Die Phaladīpikā gibt ihm als Land Yavana (2.28). Die Bṛhat Saṃhitā beschreibt Candra im Übrigen vor allem als Bahn: im Candracāra (Kap. 4) die Hörner der Sichel, den Weg durch die Nakṣatras, und welche Gegenden ein von einem Graha geschlagener Candra trifft.
Die Bṛhat Saṃhitā gibt ihm auch einen Stoff, aus dem seine Natur folgt. Candra steht stets unterhalb von Sūrya, und von dessen Licht ist die eine Hälfte hell; er ist wasserhaltig, und Sūryas Strahlen, in ihm zurückgeworfen, vertreiben die nächtliche Finsternis (4.1–2):
नित्यम् अधःस्थस्येन्दोर् भाभिर् भानोः सितं भवत्य् अर्धम् । स्वच्छाययान्यद् असितं कुम्भस्येवातपस्थस्य ॥ सलिलमये शशिनि रवेर् दीधितयो मूर्च्छितास् तमो नैशम् । क्षपयन्ति दर्पणोदरनिहिता इव मन्दिरस्यान्तः ॥
nityam adhaḥsthasyendor bhābhir bhānoḥ sitaṃ bhavaty ardham । svacchāyayānyad asitaṃ kumbhasyevātapasthasya ॥ salilamaye śaśini raver dīdhitayo mūrcchitās tamo naiśam । kṣapayanti darpaṇodaranihitā iva mandirasyāntaḥ ॥
Weil Indu (Candra) stets unterhalb Bhānus (Sūrya) steht, wird durch Bhānus Strahlen die eine Hälfte hell; die andere ist durch ihren eigenen Schatten dunkel, wie bei einem Krug, der im Sonnenlicht steht. Da Śaśin (Candra) wasserhaltig ist, vertreiben die in ihm verdichteten Strahlen Ravis (Sūrya) die nächtliche Finsternis, wie Strahlen, die im Innern eines Hauses auf einen Spiegel gefallen sind.
Nityam: stets, immer (avy.). Adhaḥsthasyendor: des unterhalb stehenden Mondes; wörtl. adhaḥ (unten) + stha (stehend) + indu (Mond) (m. 6/1). Bhābhir: durch die Strahlen (f. 3/3). Bhānoḥ: der Sonne (m. 6/1). Sitaṃ: hell, weiss (n. 1/1). Bhavaty: wird (laṭ III/1). Ardham: die Hälfte (n. 1/1). Svacchāyayānyad: durch den eigenen Schatten die andere (Hälfte); wörtl. sva (eigen) + chāyā (Schatten) + anya (andere) (f. 3/1). Asitaṃ: dunkel (n. 1/1). Kumbhasyeva: wie bei einem Krug; wörtl. kumbha (Krug) + iva (wie) (m. 6/1). Ātapasthasya: der in der Sonnenglut steht; wörtl. ātapa (Sonnenglut) + stha (stehend) (m. 6/1). Salilamaye: aus Wasser bestehend, wasserhaltig; wörtl. salila (Wasser) + maya (bestehend aus) (m. 7/1). Śaśini: im Mond (wörtl. dem Hasenträger) (m. 7/1). Raver: der Sonne (m. 6/1). Dīdhitayo: Strahlen (f. 1/3). Mūrcchitās: verdichtet, eingedrungen (Part. Perf. Pass. von √mūrch) (f. 1/3). Tamo: Finsternis (n. 2/1). Naiśam: nächtlich (n. 2/1). Kṣapayanti: vertreiben, tilgen (ṇic laṭ III/3). Darpaṇodaranihitā: auf die Fläche eines Spiegels gelegt; wörtl. darpaṇa (Spiegel) + udara (Inneres, Bauch) + nihita (gelegt) (f. 1/3). Iva: wie (avy.). Mandirasyāntaḥ: im Innern eines Hauses; wörtl. mandira (Haus) + antar (innen) (n. 6/1).
GRETIL sa_varAhamihira-bRhatsaMhitA (nach Tripāṭhī 1968); Übersetzung Yogi Narasimha
Das ist ein physikalischer Grund für Candras Wassernatur: Sūrya leuchtet, Candra spiegelt. Ob die Tattva-Lehre des Kurses darauf beruht, sagt keine Quelle; die Tattva-Reihe des BPHS (3.20) hat das für Candra nicht.
Vedische und spätere Überlieferung
Bei der Verehrung der neun Grahas wird für jeden ein Vers aus dem Veda gesprochen. Für Candra gehen die Überlieferungen auseinander. Die Yājñavalkya-Smṛti (1.300), die älteste Stelle, an der die neun Verse zusammenstehen, und das Garuḍa-Purāṇa nennen imaṃ devā; das Matsya-Purāṇa (93) nennt āpyāyasva. Beide stehen hier. Die Liste, die heute in den Pūjā-Handbüchern verbreitet ist, mischt die beiden Linien. Der Kurs lehrt für Candra ein eigenes Mantra, das er ausdrücklich nicht veröffentlicht, weil es für Frauen bestimmt sei; es steht auch hier nicht.
Der Vers der Yājñavalkya-Smṛti stammt aus der Vājasaneyi-Saṃhitā (9.40):
इमं देवा असपत्नं सुवध्वं महते क्षत्राय महते ज्यैष्ठ्याय महते जानराज्यायेन्द्रस्येन्द्रियाय । इमम् अमुष्य पुत्रम् अमुष्यै पुत्रम् अस्यै विश एष वो ऽमी राजा सोमो ऽस्माकं ब्राह्मणानां राजा ॥
imáṃ devā asapatnám̐ suvadhvaṃ mahaté kṣatrā́ya mahaté jyáiṣṭhyāya mahaté jā́narājyāyéndrasyendriyā́ya । imám amúṣya putrám amúṣyai putrám asyái viśá eṣá vo 'mī rā́jā sómo 'smā́kaṃ brāhmaṇā́nām̐ rā́jā ॥
Diesen, ihr Götter, macht frei von Nebenbuhlern und setzt ihn ein, für grosse Herrschaft, für grossen Vorrang, für grosse Volksherrschaft, für Indras Kraft. Diesen, den Sohn des N. N., den Sohn der N. N., (den König) dieses Volkes: Das ist euer König, ihr Leute; Soma ist der König von uns Brāhmaṇas.
Imaṃ: diesen (den Weihling, an dessen Stelle der Name eingesetzt wird) (m. 2/1). Devā: ihr Götter (m. 8/3). Asapatnaṃ: frei von Nebenbuhlern; wörtl. a (nicht) + sapatna (Nebenbuhler, Rivale) (m. 2/1). Suvadhvaṃ: bringt hervor, setzt ein (Imperativ Medium von √sū, antreiben, ins Amt einsetzen) (loṭ II/3). Mahate: für grosse (n. 4/1). Kṣatrāya: Herrschaft, Machtstellung (n. 4/1). Mahate: für grossen (n. 4/1). Jyaiṣṭhyāya: Vorrang, Erstgeburtsrang (n. 4/1). Mahate: für grosse (n. 4/1). Jānarājyāyendrasyendriyāya: für die Volksherrschaft, für Indras Kraft; wörtl. jānarājya (Herrschaft über das Volk) + indra (Indra, Genitiv) + indriya (Kraft, Mannesmacht) (n. 4/1). Imam: diesen (m. 2/1). Amuṣya: des N. N. (Platzhalter für den Namen des Vaters) (m. 6/1). Putram: Sohn (m. 2/1). Amuṣyai: der N. N. (Platzhalter für den Namen der Mutter; Dativform in der Rolle des Genitivs) (f. 4/1). Putram: Sohn (m. 2/1). Asyai: dieser (zu viśaḥ gezogen; Funktion unsicher) (f. 4/1). Viśa: des Volkes, der Sippe (viśaḥ, Sandhi vor eṣa) (f. 6/1). Eṣa: dieser (m. 1/1). Vo: euer (6/3). 'mī: ihr dort (Anrede an die versammelten Leute) (m. 8/3). Rājā: König (m. 1/1). Somo: Soma (Mond und Opfertrank) (m. 1/1). 'smākaṃ: von uns (6/3). Brāhmaṇānāṃ: der Brāhmaṇas (m. 6/3). Rājā: König (m. 1/1).
Akzentuierter Text nach TITUS, in *asapatnám̐* nach den Kommentaren Uvaṭas und Mahīdharas berichtigt; Zuordnung zu Candra nach Yājñavalkya-Smṛti 1.300; Übersetzung Yogi Narasimha
Er gilt im Veda nicht Candra, sondern dem Weihling: es ist die Formel beim Königsritual (Rājasūya, Abhiṣeka), bei der der Name des Weihlings eingesetzt wird. Candra tritt nur im letzten Satz auf, als Soma, König der Brāhmaṇas. Der Bezug ist sachlich, nicht ausdrücklich.
Der Vers des Matsya-Purāṇa ist ein Ṛgveda-Vers an Soma (1.91.16, auch Vājasaneyi-Saṃhitā 12.112):
आ प्यायस्व सम् एतु ते विश्वतः सोम वृष्ण्यम् । भवा वाजस्य संगथे ॥
ā́ pyāyasva sám etu te viśvátaḥ soma vṛ́ṣṇyam । bhávā vā́jasya saṃgathé ॥
Schwill an! Von allen Seiten soll dir, Soma, Manneskraft zuströmen. Werde es im Zusammentreffen um den Siegespreis.
Ā: heran, hinzu (mit pyāyasva zu verbinden) (avy.). Pyāyasva: schwill an, nimm zu (Imperativ Medium von √pyāy) (loṭ II/1). Sam: zusammen (mit etu) (avy.). Etu: soll kommen, zuströmen (Imperativ von √i) (loṭ III/1). Te: dir (4/1). Viśvataḥ: von allen Seiten (avy.). Soma: Soma (m. 8/1). Vṛṣṇyam: Manneskraft, Zeugungskraft (n. 1/1). Bhavā: werde, sei (Imperativ) (loṭ II/1). Vājasya: des Siegespreises, des Wettstreits (m. 6/1). Saṃgathe: im Zusammentreffen, im Wettkampf (m. 7/1).
Akzentuierter Text nach TITUS; Zuordnung zu Candra nach Matsya-Purāṇa 93.33–37; Übersetzung Yogi Narasimha
Er ist eine Anrede an Soma, den Trank, anzuschwellen; der Bezug auf Candra, den zunehmenden Mond, liegt nahe (ā pyāyasva, „schwill an"), steht aber in der Tradition nur im Namen soma.
Zur selben Pūjā gehören weitere Zuordnungen. Sie sind jünger als die Lehrbücher und nur in dieser Schicht belegt:
| Attribut | Angabe | Quelle |
|---|---|---|
| Bild | aus Bergkristall (sphaṭika) | Yājñavalkya-Smṛti 1.297 |
| Gefährt | Wagen mit zehn Rossen; im Matsya-Purāṇa weisse Rosse | Viṣṇu-Purāṇa 2.12.1; Viṣṇudharmottara 3.67–69; Matsya-Purāṇa 94.2 |
| Farbe der Gaben | weiss | Matsya-Purāṇa 93.17; Garuḍa-Purāṇa 1.101.4 |
| Opferholz | Palāśa | Yājñavalkya-Smṛti 1.302 und alle Parallelen |
| Opferspeise | Milchreis (pāyasa), im Matsya-Purāṇa Ghee-Milchreis | Yājñavalkya-Smṛti 1.304; Matsya-Purāṇa 93.19–20 |
| Gabe an den Priester | eine Muschel | Yājñavalkya-Smṛti 1.306; Matsya-Purāṇa 93.60 |
| Adhi-/Pratyadhidevatā | Umā / Āpaḥ | Matsya-Purāṇa 93.13–16 |
| Ort im Maṇḍala | Südosten | Matsya-Purāṇa 93.11–12 |
Die Perle als Stein Candras ist in dieser Pūjā-Literatur nicht belegt; die früheste hier gefundene Edelsteinreihe ist die der Phaladīpikā (2.29), eines Werks des späten Mittelalters. Der Kurs lehrt dieselbe Reihe. Das Getreide (Reis) steht ebenfalls erst dort.
Am Himmel
Candra ist der einzige der neun, der die Erde selbst umläuft. Sein siderischer Monat — bis er wieder vor demselben Stern steht — dauert 27,3217 Tage; er legt dabei im Mittel 13,18° am Tag zurück und ist der schnellste der Grahas. Sein synodischer Monat — von einer Phase zur gleichen, etwa von Neumond zu Neumond — dauert 29,5306 Tage, gut zwei Tage mehr, weil die Erde in dieser Zeit auf ihrer Bahn weitergezogen ist und Candra ein Stück nachholen muss. Ein dritter Monat, der drakonitische, misst von Schnittpunkt der Bahn mit der Ekliptik zum selben Schnittpunkt: 27,2122 Tage. Er ist der Monat der Mondknoten, also von Rāhu und Ketu, und erklärt, warum Finsternisse nur dann eintreten, wenn Neumond oder Pūrṇimā (Vollmond) nahe an einen Knoten fällt. Der Saros — 223 synodische Monate, 6585,321 Tage — entspricht fast genau 242 drakonitischen Monaten (6585,357 Tage); nach gut 18 Jahren wiederholt sich darum dieselbe Finsternis.
Der Sūrya-Siddhānta rechnet synodisch 29,530588 Tage (Abweichung gegen heute ein Millionstel Tag), siderisch 27,321674 Tage (eine Sekunde zu viel), drakonitisch 27,212248 Tage (zwei Sekunden) und anomalistisch — von Erdnähe zu Erdnähe — 27,554600 Tage (vier Sekunden). Der Knotenumlauf gegen die Sterne ist bei ihm 6794,40 Tage statt 6793,49 (0,013 %), der Umlauf des Apogäums 8,849 statt 8,850 Jahre. Seine Werte für Candra gehören zu den genauesten der vormodernen Astronomie. Die grösste Mittelpunktsgleichung folgt aus dem Manda-Umfang von 32° (SS 2.34) als 5,1° gegen 6,3° heute; die Breite des Mondes setzt der Text (1.68) auf 4,5° gegen eine Bahnneigung von heute 5,145°.
Die Tithi, die Grundeinheit des Kalenders, ist an Candra gemessen: der Abstand zur Sonne wächst in einer Tithi um 12°, dreissig Tithis bilden den synodischen Monat, im Mittel dauert eine also 0,9844 Tage (29,5306 : 30). Der Dīptāṃśa Candras beträgt im Kurs 12° „wegen der Tithis".
Candra läuft nie rückläufig. Sein Durchmesser misst 3475 Kilometer, sein Abstand zur Erde schwankt zwischen 363 300 und 405 500 Kilometern (im Mittel 384 400); darum wechselt auch sein scheinbarer Durchmesser zwischen 29,4 und 33,5 Bogenminuten (mittlerer Vollmond 31,6). Als Vollmond erreicht er im Mittel −12,7 Magnituden, bis −12,9; ein Neumond ist unsichtbar. Der Sūrya-Siddhānta (12.31) stellt ihn auf die innerste der sieben Bahnen. Aus 12.78 folgt die Reihe der Wochentage: auf Śani folgt Sūrya, auf Sūrya Candra — Samstag, Sonntag, Montag.
Die Verse
Alle Verse dieser Seite stehen oben im Zusammenhang: BPHS 3.11 und 3.24, Sārāvalī 4.22, Bṛhat Saṃhitā 4.1–2, Vājasaneyi-Saṃhitā 9.40 und Ṛgveda 1.91.16. Jeder trägt sein Wort-für-Wort-Glossar; sie stehen in der Datenbank, aus der auch die Studien-PDFs gesetzt werden. Bṛhajjātaka 2.8 und BPHS 3.51 stehen auf der Seite Sūryas.
Zur Quellenlage dieses Portraits
Die Leitfassung ist die des Kurses: das BPHS in der Fassung, die der Unterricht verwendet. Wo diese Fassung schweigt — bei den Würden und den Freundschaften fehlen ihr dreizehn Verse —, steht die Angabe nach einer anderen Fassung, deren Werte drei Druckzeugen bestätigen. Daneben sind gelesen: das Bṛhajjātaka und die Bṛhat Saṃhitā Varāhamihiras (GRETIL), die Sārāvalī (Ausgabe 1907), die Phaladīpikā (Ausgaben Ojha und Sastri), das Jātaka-Pārijāta (Ausgabe Sastri 1932), das Yavanajātaka (in Pingrees Übersetzung), die Yājñavalkya-Smṛti, das Matsya-Purāṇa und das Garuḍa-Purāṇa (GRETIL) sowie der Sūrya-Siddhānta (Burgess). Die astronomischen Werte stammen aus den Datenblättern der NASA und sind mit der eigenen Rechenbibliothek nachgerechnet. Die Phaladīpikā und das Jātaka-Pārijāta folgen in den Grundzuordnungen weitgehend dem Bṛhajjātaka und der Sārāvalī und sind dort kein unabhängiger Zeuge. Offen ist die Position Sanjay Raths zu den Abweichungen oben; sie wird nachgetragen.