Graha (graha, m.) heisst wörtlich „der Ergreifer". Das Wort gehört zur Wurzel grah, „greifen, packen", und das Bṛhat-Parāśara-Horāśāstra (BPHS) erklärt es ausdrücklich so: Am Himmel sehe man viele leuchtende Scheiben; die einen stünden fest an ihrem Ort, das seien die Nakṣatras, die anderen aber wanderten und „ergriffen" dabei fortwährend die Sterne, das seien die Grahas.
तेषु नक्षत्रसंज्ञानि ग्रहसंज्ञानि कानिचित् । तानि नक्षत्रनामानि स्थिरस्थानानि यानि च ॥ 3.3॥
teṣu nakṣatrasaṃjñāni grahasaṃjñāni kānicit । tāni nakṣatranāmāni sthirasthānāni yāni ca ॥ 3.3॥
Von diesen sind die Nakṣatras und Planeten bekannt. Diese, welche fix positioniert sind, nennt man Nakṣatras.
Teṣu: unter diesen (m. 7/3). Nakṣatrasaṃjñāni: Nakṣatra genannt; wörtl. nakṣatra (Gestirn, Mondhaus) + saṃjñā (Name) (n. 1/3). Grahasaṃjñāni: Graha genannt; wörtl. graha (Ergreifer, Wandelgestirn) + saṃjñā (Name) (n. 1/3). Kānicit: einige (n. 1/3). Tāni: diese (n. 1/3). Nakṣatranāmāni: Nakṣatra benannt; wörtl. nakṣatra + nāman (Name) (n. 1/3). Sthirasthānāni: die einen festen Ort haben; wörtl. sthira (fest) + sthāna (Ort) (n. 1/3). Yāni: welche (n. 1/3). Ca: und (avy.).
Kursfassung; Übersetzung nach der shloka-Datenbank, Glossar 2026-10-21
गच्छन्तो भानि गृह्णन्ति सततं ये तु ते ग्रहः । भचक्रस्य नगश्व्यंशा अश्विन्यादिसमाह्वयाः ॥ 3.4॥
gacchanto bhāni gṛhṇanti satataṃ ye tu te grahaḥ । bhacakrasya nagaśvyaṃśā aśvinyādisamāhvayāḥ ॥ 3.4॥
Die aber fortwährend wandern und dabei die Gestirne ergreifen, die sind die Grahas. Der Sternenkreis hat siebenundzwanzig Teile, Aśvinī und so fort genannt.
Gacchanto: gehend, wandernd (Part. Präs. von √gam) (m. 1/3). Bhāni: die Sterne, die Gestirne (n. 2/3). Gṛhṇanti: ergreifen (laṭ III/3). Satataṃ: fortwährend (avy.). Ye: welche (m. 1/3). Tu: aber, nun (avy.). Te: diese (m. 1/3). Grahaḥ: Ergreifer, Grahas (Text der Kursfassung: Singularform statt grahāḥ) (m. 1/3). Bhacakrasya: des Sternenkreises; wörtl. bha (Gestirn) + cakra (Rad, Kreis) (n. 6/1). Nagaśvyaṃśā: die siebenundzwanzig Teile; wörtl. naga (Berg, Zahlwort 7) + aśvin (Zahlwort 2, von rechts gelesen: 27) + aṃśa (Teil) (m. 1/3). Aśvinyādisamāhvayāḥ: Aśvinī und so fort genannt; wörtl. aśvinī + ādi (beginnend mit) + samāhvaya (Benennung) (m. 1/3).
Kursfassung; die Übersetzung der Datenbank gibt die zweite Zeile frei wieder: gemeint sind die 27 Teile des Sternenkreises, die Nakṣatras
Die deutsche Übersetzung „Planet" trifft das nicht genau. Unter den neun Grahas der Jyotiṣa sind zwei Leuchten, die keine Planeten sind (Sūrya und Candra), fünf Wandelsterne, die man mit blossem Auge sieht (Maṅgala, Budha, Guru, Śukra, Śani), und zwei Punkte, die gar keine Körper sind: Rāhu und Ketu, die Schnittpunkte der Mondbahn mit der Ekliptik. Was sie verbindet, ist allein, dass sie sich vor dem Sternenhintergrund bewegen.
Sieben und neun
Die älteren Lehrbücher behandeln sieben Grahas. Das Bṛhajjātaka Varāhamihiras gibt Rāhu und Ketu in seinem Graha-Kapitel nur die Namen (2.3); alle Eigenschaften — Farbe, Gestalt, Gottheit, Würden — gelten den sieben. Ebenso die Sārāvalī und das Yavanajātaka. Das BPHS zählt dagegen von Anfang an neun:
अथ खेटा रविश्चन्द्रो मङ्गलश्च बुधस्तथा । गुरुः शुक्रः शनी राहुः केतुश्चैते यथाक्रमम् ॥ 3.10॥
atha kheṭā raviścandro maṅgalaśca budhastathā । guruḥ śukraḥ śanī rāhuḥ ketuścaite yathākramam ॥ 3.10॥
Nun die Planeten Ravi, Chandra, Maṅgala und Budha. Auf diese Weise auch Guru, Śukra, Śani, Rāhu und Ketu in dieser Reihenfolge.
Atha: nun (avy.). Kheṭā: die Wandelgestirne, Grahas (m. 1/3). Raviścandro: Ravi (Sūrya) und Candra (m. 1/1). Maṅgalaśca: und Maṅgala (m. 1/1). Budhastathā: ebenso Budha (m. 1/1). Guruḥ: Guru (m. 1/1). Śukraḥ: Śukra (m. 1/1). Śanī: Śani (m. 1/1). Rāhuḥ: Rāhu (m. 1/1). Ketuścaite: und Ketu — diese (m. 1/1). Yathākramam: in dieser Reihenfolge (avy.).
Kursfassung; Übersetzung nach der shloka-Datenbank, Glossar 2026-10-21
Was Rāhu ist, hat Varāhamihira in der Bṛhat Saṃhitā (Kap. 5) eigens erörtert. Er nennt drei Auffassungen — Rāhu als abgeschlagenes Haupt eines Asura, als Schlange, als gestaltlose Finsternis —, widerlegt die körperlichen mit Gegenfragen und gibt die astronomische Erklärung: bei einer Mondfinsternis tritt der Mond in den Schatten der Erde, bei einer Sonnenfinsternis schiebt sich der Mond wie eine Wolke vor die Sonne. „Rāhu ist dabei nicht die Ursache" (rāhur akāraṇam, 5.13). Den Namen behält er trotzdem, für die Gestalt der Verehrung und als Rechengrösse. Ketu ist in der Bṛhat Saṃhitā noch etwas anderes: der Komet (Kap. 11). Erst die Horā-Lehrbücher machen ihn zum Gegenpunkt Rāhus.
Diese Seiten rechnen mit dem mittleren Mondknoten (Mean Node), wie der Kurs. Er läuft gleichmässig und ausnahmslos rückläufig, in 18,6 Jahren einmal durch den Tierkreis.
Die Reihenfolge
Die Grahas werden in zwei Reihen gezählt, und beide haben ihren Grund.
Die Wochentagsreihe — Sūrya, Candra, Maṅgala, Budha, Guru, Śukra, Śani — ist die der Lehrbücher und dieser Portraits. Sie folgt aus einer anderen, älteren Reihe: der Ordnung der Bahnen von aussen nach innen, Śani, Guru, Maṅgala, Sūrya, Śukra, Budha, Candra, wie sie der Sūrya-Siddhānta gibt (12.30–31). Jeder vierte dieser Reihe ist Herr des nächsten Tages (12.78). Dieselbe Bahnordnung regiert die Horās, die Stunden des Tages; über sie ergibt sich die Wochentagsreihe ein zweites Mal.
Die Viṃśottarī-Reihe — Ketu, Śukra, Sūrya, Candra, Maṅgala, Rāhu, Guru, Śani, Budha — ordnet den Grahas die 27 Nakṣatras zu, je drei, und bestimmt die Dauer der Perioden im Leben.
Die Grahas im Überblick
| Graha | Kālapuruṣa | Natur | Varṇa | Guṇa | Tattva | Svakṣetra | Ucca | Wochentag | Viṃśottarī |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Sūrya | ātman | krūra | Kṣatriya | sattva | Feuer | Siṃha | Meṣa 10° | Sonntag | 6 |
| Candra | manas | saumya (zunehmend) | Vaiśya | sattva | Wasser | Karka | Vṛṣabha 3° | Montag | 10 |
| Maṅgala | sattva | krūra | Kṣatriya | tamas | Feuer | Meṣa, Vṛścika | Makara 28° | Dienstag | 7 |
| Budha | vāc | nach Gesellschaft | Vaiśya | rajas | Erde | Mithuna, Kanyā | Kanyā 15° | Mittwoch | 17 |
| Guru | jñāna, sukha | saumya | Brāhmaṇa | sattva | Äther | Dhanus, Mīna | Karka 5° | Donnerstag | 16 |
| Śukra | vīrya | saumya | Brāhmaṇa | rajas | Wasser | Vṛṣabha, Tulā | Mīna 27° | Freitag | 20 |
| Śani | duḥkha | krūra | Śūdra | tamas | Wind | Makara, Kumbha | Tulā 20° | Samstag | 19 |
| Rāhu | — (Heer) | krūra | Cāṇḍāla | tamas | Wind (Kurs) | — | Mithuna | — | 18 |
| Ketu | — (Heer) | krūra | „andere Kaste" | tamas | Feuer (Kurs) | — | Dhanus | — | 7 |
Kālapuruṣa, Natur, Varṇa und Guṇa nach BPHS 3.11–22 in der Fassung des Kurses, die Tattvas nach BPHS 3.20 (ab Maṅgala) und der Kurslehre, die Würden nach BPHS 3.49–50. Die Angaben zu Rāhu und Ketu sind in dieser Tabelle die des Kurses; ihre Würden sind umstritten, siehe die jeweiligen Portraits. Wo andere Werke abweichen — beim Varṇa etwa geben Bṛhajjātaka, Sārāvalī und Phaladīpikā Budha den Śūdras und Śani den Ausgestossenen —, steht es im Portrait.
Die Upagrahas
Neben den neun kennt das BPHS rechnerische „Nebengrahas" (upagraha), die aus der Stellung Sūryas oder aus der Tageszeit abgeleitet werden: Dhūma, Vyatīpāta, Pariveṣa, Indracāpa und Upaketu (3.61–65), dazu Gulika und Kāla aus den Teilen des Tages. Sie gelten als „Makel" (doṣa) und werden nur in der Deutung gebraucht. Eigene Portraits haben sie hier nicht.
Griechische Namen
Fünf der Grahas tragen bei Varāhamihira (Bṛhajjātaka 2.2–3) und in der Sārāvalī (4.10–11) neben den indischen auch griechische Namen: Heli (Hḗlios) für Sūrya, Hemna (Hermḗs) für Budha, Āra (Árēs) für Maṅgala, Koṇa (Krónos) für Śani und Āsphujit (Aphrodítē) für Śukra; eine Handschrift hat auch Jyau (Zeús) für Guru. Sie bezeugen, woher die Horā-Astrologie gekommen ist — und dass man das in Indien wusste.
Was in den Portraits steht
Jedes Portrait hat dieselbe Folge: Namen; ein Steckbrief, in dem jede Zeile ihre Quelle trägt; die Stellen, an denen die Quellen auseinandergehen; die Gestalt nach den Versen; Würden und Beziehungen; was der Graha anzeigt; die vedische und die spätere, purāṇische Überlieferung; der Graha am Himmel. Die Leitfassung ist die des Kurses (PJC, BPHS in der Unterrichtsfassung); bei abweichenden Darstellungen folgen diese Seiten der Tradition Sanjay Raths und benennen die anderen.