Die vedischen Zeiteinheiten
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Wer sich mit den vedischen Zeiteinheiten befasst, stösst rasch auf Tabellen, die von einem Lidschlag bis zum Lebensalter Brahmās führen, in einer ununterbrochenen Kette von Umrechnungen. Sie sehen aus wie ein einziges, geschlossenes System.
Sie sind es nicht. Die Texte, aus denen diese Tabellen zusammengesetzt werden, sagen an mehreren Stellen Verschiedenes — und das ist nicht Nachlässigkeit der Überlieferung, sondern der Unterschied zwischen Rechtsliteratur, Purāṇa und Astronomie. Dieser Beitrag geht die Kette durch und nennt bei jeder Stufe, wo sie steht. Wo die Texte auseinandergehen, steht das hier, statt dass eine Zahl ausgewählt würde.
Die kleinen Einheiten
Die Kette beginnt beim Lidschlag, dem nimeṣa. Manu setzt an:
Achtzehn nimeṣa sind eine kāṣṭhā, dreissig kāṣṭhā eine kalā, dreissig kalā ein muhūrta, und ebenso viele ein Tag und eine Nacht.
— Manusmṛti 1.64
Dreissig muhūrta ergeben also den vollen Tag. Ein muhūrta ist demnach der achtundvierzigste Teil eines Tages, also achtundvierzig Minuten — die Einheit, in der bis heute günstige Zeiten bestimmt werden.
Das Viṣṇu-Purāṇa gibt dieselbe Kette, beginnt sie aber mit einer anderen Zahl: dort sind es fünfzehn Lidschläge auf eine kāṣṭhā (Viṣṇu-Purāṇa 1.3), nicht achtzehn. Alles Weitere stimmt wieder überein. Wilson, der Übersetzer, hat die Abweichung gesehen und in seiner Anmerkung eigens auf Manu verwiesen.
Damit hat man zwei Werte für dieselbe Grösse, und sie lassen sich nicht ineinander überführen. Wer eine Sekundenzahl für die kāṣṭhā angibt, hat sich stillschweigend für einen der beiden Texte entschieden.
Das Mahābhārata schliesst sich im Śānti-Parvan der Fünfzehnerzählung an, fügt beim muhūrta aber noch ein Zehntel einer kalā hinzu.
Die Einheiten unterhalb des Lidschlags
In vielen Darstellungen geht die Kette noch weiter nach unten: truṭi, tatpara, und daraus der Lidschlag. Diese Stufen liessen sich in den hier geprüften Texten nicht belegen. Im Kapitel 1.3 des Viṣṇu-Purāṇa, dem sie gewöhnlich zugeschrieben werden, stehen sie nicht; die Kette beginnt dort wie bei Manu beim nimeṣa. Wo die verbreiteten Zahlen herstammen, konnte ich nicht klären — sie werden hier deshalb nicht wiedergegeben.
Der astronomische Text rechnet anders
Der Sūrya-Siddhānta, das massgebliche astronomische Werk, benutzt das nimeṣa-Schema gar nicht als Rechengrundlage. Er unterscheidet zwischen „wirklicher" Zeit (mūrta) und „unwirklicher" (amūrta) und legt seiner Rechnung eine eigene Kette zugrunde, die beim Atemzug beginnt:
- 6 prāṇa (Atemzüge) = 1 vināḍī
- 60 vināḍī = 1 nāḍī
- 60 nāḍī = ein siderischer Tag
(Sūrya-Siddhānta 1.10–12)
Das ist kein Widerspruch zu Manu, sondern eine andere Aufgabe. Die Dharma- und Purāṇa-Literatur teilt den Tag für rituelle Zwecke; der Astronom braucht eine Einheit, die sich an der Umdrehung des Himmels messen lässt. Wer beide Ketten in eine Tabelle presst, verwischt diesen Unterschied.
Tag, Monat, Jahr — und wessen Tag das ist
Oberhalb des Tages wird die Rechnung nicht grösser, sondern sie wechselt den Betrachter. Manu:
Ein Monat ist ein Tag und eine Nacht der Väter, die dunkle Hälfte ihr Tag der Tätigkeit, die helle ihre Nacht des Schlafes. Ein Jahr ist ein Tag und eine Nacht der Götter: der Nordlauf der Sonne ihr Tag, der Südlauf ihre Nacht.
— Manusmṛti 1.66–67
Der uttarāyaṇa, die Zeit von der Wintersonnenwende bis zur Sommersonnenwende, ist also der Tag der Götter. Das ist der Grund, warum diese Hälfte des Jahres für Einweihungen und Aufbrüche gilt: Man handelt, während die Götter wach sind.
Aus dieser Stelle folgt zugleich der Umrechnungsfaktor, der die grossen Zyklen erst rechenbar macht: ein Götterjahr sind 360 Menschenjahre.
Die Yugas
Manu gibt die Zahlen in Götterjahren, jeweils mit einer Dämmerung davor und danach:
| Yuga | Kern | Dämmerung | zusammen |
|---|---|---|---|
| Kṛta | 4000 | 400 + 400 | 4800 |
| Tretā | 3000 | 300 + 300 | 3600 |
| Dvāpara | 2000 | 200 + 200 | 2400 |
| Kali | 1000 | 100 + 100 | 1200 |
Zusammen zwölftausend Götterjahre — ein „Zeitalter der Götter" (Manusmṛti 1.69–72). Mit dem Faktor 360 ergibt das 4 320 000 Menschenjahre, und für das Kali-Yuga 432 000.
Hier lohnt eine Genauigkeit, die in Darstellungen gern verlorengeht: Diese Ziffern stehen bei Manu nirgends ausgeschrieben. Sie sind korrekt aus seinen Versen errechnet, aber der Text selbst nennt nur Götterjahre. Wörtlich zu lesen ist die Zahl im Sūrya-Siddhānta:
Zwölftausend dieser Götterjahre werden ein caturyuga genannt; es sind zehntausendmal vierhundertzweiunddreissig Sonnenjahre.
— Sūrya-Siddhānta 1.15
Manvantara und Kalpa
Das Viṣṇu-Purāṇa führt die Kette weiter: einundsiebzig Mahāyugas ergeben ein manvantara, die Regierungszeit eines Manu; vierzehn manvantaras einen kalpa, den Tag Brahmās; hundert Jahre solcher Tage sein Leben (Viṣṇu-Purāṇa 1.3).
Wer nachrechnet, stösst auf eine Unebenheit: 14 × 71 ergibt 994, nicht die glatten tausend Mahāyugas, die Manu für den Tag Brahmās nennt (1.72). Die Tradition füllt die Differenz mit zusätzlichen Zwischenzeiten auf. Die genaue Stelle, an der das Viṣṇu-Purāṇa das selbst tut, habe ich nicht geprüft; die Unebenheit sei hier nur festgehalten, statt sie wegzurunden.
Was dabei sichtbar wird
Drei Dinge, die eine geschlossene Tabelle verdeckt:
Die Texte weichen voneinander ab, schon bei der zweiten Stufe — achtzehn Lidschläge bei Manu, fünfzehn im Viṣṇu-Purāṇa. Wer eine einzige Kette hinschreibt, hat gewählt, ohne es zu sagen.
Die Astronomie rechnet mit einem anderen System als die Ritualliteratur, und zwar von Anfang an. Das ist kein Mangel der Überlieferung, sondern Arbeitsteilung.
Und die grossen Zahlen sind abgeleitet, nicht überliefert — mit einer Ausnahme, dem Sūrya-Siddhānta, der 4 320 000 ausschreibt. Bei Manu muss man den Faktor 360 aus einem ganz anderen Vers holen, um überhaupt auf Menschenjahre zu kommen.
Wann beginnt das Kali-Yuga?
Die Yugas selbst sind damit vermessen. Offen ist, an welcher Stelle des Zyklus wir gerade stehen. Die Tradition gibt darauf eine sehr konkrete Antwort: das Kali-Yuga habe am 18. Februar 3102 v. Chr. (julianisch) begonnen. Diese Zahl wird so oft wiederholt, dass sie wie ein Zitat aus einem der vier hier geprüften Texte wirkt. Das ist sie nicht — jedenfalls nicht direkt.
Der Auslöser: Kṛṣṇas Tod
Das Viṣṇu-Purāṇa markiert den Beginn des Kali-Yugas nicht astronomisch, sondern biographisch, im Kapitel über die Könige des Kali-Zeitalters:
Der Tag, an dem Kṛṣṇa von der Erde geschieden sein wird, wird der erste Tag des Kali-Zeitalters sein. Höre seine Dauer: dreihunderttausend Jahre der Sterblichen, dazu weitere sechzigtausend. Wenn zwölfhundert Jahre der Götter verstrichen sind, beginnt das Kṛta-Zeitalter von neuem.
— Viṣṇu-Purāṇa 4.24
Wer nachrechnet, stösst auf einen Widerspruch zu den bereits behandelten Zahlen: 360 000 Menschenjahre, nicht 432 000. Zwölfhundert Götterjahre ergeben mit dem Faktor 360 aus Kapitel 1.3 desselben Textes 432 000 Jahre — hier aber steht ausdrücklich 360 000. Zwei unabhängige Übersetzer, Wilson und, mehr als anderthalb Jahrhunderte später, Taylor, geben dieselbe Zahl; es ist also keine Fehlübersetzung. Woher die Abweichung stammt, konnte ich nicht klären.
Das Mahābhārata selbst, das Kṛṣṇas Tod im Mausala-Parvan erzählt, stellt diese Verbindung, soweit sich das hier prüfen liess, nicht her. In den zugänglichen Zusammenfassungen der Ganguli-Übersetzung taucht „Kali" an dieser Stelle nur in einer beiläufigen Segensformel auf, nicht im Zusammenhang mit Kṛṣṇas Tod oder einer Datierung. Eine vollständige eigene Lektüre des Mausala-Parvan war mir technisch nicht möglich; das Ergebnis stützt sich auf zwei unabhängige, aber sekundäre Zusammenfassungen und sollte entsprechend vorsichtig gelesen werden. Die Verknüpfung von Kṛṣṇas Tod mit dem Beginn des Kali-Yugas scheint eine Leistung der Purāṇa-Literatur zu sein, nicht des Epos selbst.
Das Datum: eine Rückrechnung, keine Angabe
Keiner der vier Texte nennt „3102 v. Chr." oder „18. Februar". Wie kommt die Zahl zustande?
Der Sūrya-Siddhānta liefert einen Baustein, aber nicht den, den man erwarten würde:
Am Ende dieses Kṛta-Zeitalters fallen die mittleren Örter aller Planeten — mit Ausnahme ihrer Knoten und Apogäen — zusammen im ersten Punkt des Widders.
— Sūrya-Siddhānta 1.57
Das Ereignis steht am Ende des Kṛta-Yugas, nicht am Beginn des Kali-Yugas. Populäre Darstellungen verschieben es stillschweigend dorthin; der Text selbst tut das nicht. Was der Sūrya-Siddhānta liefert, ist ein Rechensystem: den ahargaṇa, die fortlaufende Tageszählung, mit der sich jede Planetenposition auf einen Nullpunkt zurückrechnen lässt. Dieser Nullpunkt ist der Beginn des Kali-Yugas — aber der Text selbst nennt dafür kein Kalenderdatum, weil er weder den julianischen noch den gregorianischen Kalender kennt.
Das konkrete Datum stammt von späteren Astronomen, die mit genau diesem Rechensystem rückwärtsgerechnet haben. Der früheste bekannte Fixpunkt ist eine Selbstdatierung Āryabhaṭas (Āryabhaṭīya, um 499 n. Chr.): Er schreibt, es seien „sechzig mal sechzig plus drei Viertel-Yugas" verstrichen gewesen, als er dreiundzwanzig Jahre alt war — woraus sich, kombiniert mit den Planetenkonstanten des Sūrya-Siddhānta, sein Geburtsjahr und rückwärts der Beginn des Kali-Yugas errechnen lässt. Selbst hier bleibt eine Lücke: den genauen Tag des Jahres nennt Āryabhaṭa nicht. Das Datum „18. Februar 3102 v. Chr." ist damit eine mehrstufige moderne Rückrechnung, keine antike Angabe — auch wenn sie inzwischen so alt und so einhellig akzeptiert ist, dass sie in den meisten Darstellungen wie ein Zitat aus den Texten selbst erscheint.
Festzuhalten bleibt: Manusmṛti und Sūrya-Siddhānta liefern die Länge des Kali-Yugas. Das Viṣṇu-Purāṇa liefert seinen Auslöser — mit einer eigenen, von den anderen abweichenden Zahl. Ein Kalenderdatum liefert keiner der vier Texte.
Was der Vortrag daraus macht
Im Navāṃśa-Teil des Ārambha-Kurses kommt Pt. Sanjay Rath immer wieder auf das Kali-Yuga zu sprechen — nie als eigenes Thema, sondern als Hintergrundfolie der D9-Lektüre. Die zentrale Lehrfigur ist Kṛṣṇa selbst: an dessen eigenem Horoskop, das als durchgehendes Lehrbeispiel dient (Sitzungen Navāṃśa — Graha, Ādhi Devatā & Pratyādi Devatā und Nāḍī Navāṃśa, 2023), zeigt Rath, was er Viṣṇu-Kendra oder Paramparā-Bīja nennt: Lagna, Sonne, Mond und Ketu zusammen ergäben die vier Keimsilben Oṃ, Hrīṃ, Śrīṃ, Klīṃ, aus denen sich das Mantra „Hare Rāma Kṛṣṇa" ableite. Dies sei das Erkennungsmerkmal eines Avatāra-Horoskops: Viṣṇu steige dann herab, wenn beim Wechsel des Yugas die Lehrlinie, die Paramparā, abzureissen drohe. Das deckt sich mit dem knappen Satz im Kursmanuskript selbst, wonach die Energie des Kali-Yugas die Planeten erst erreiche, „wenn der Yugāvatāra Kṛṣṇa den Planeten verlässt" — für die Bīja-Lehre selbst findet sich in den vier hier geprüften Primärtexten allerdings keine Grundlage. Sie ist Raths eigene Lehre, nicht durch Manusmṛti, Viṣṇu-Purāṇa, Sūrya-Siddhānta oder Mahābhārata belegt.
Zum Alter des gegenwärtigen Zeitalters äussert sich Rath in der Kendra-Sitzung indirekt: Er mahnt die Studierenden, sich strikt an Parāśara zu halten, und stellt selbst anerkannte spätere Autoritäten wie Varāhamihira und Śrīpati als „verhältnismässig modern" hin — tief im Kali-Yuga, verglichen mit den Ṛṣis. Das nähert sich der überlieferten Zahl von rund fünftausend Jahren an, ohne dass er selbst 3102 v. Chr. oder eine Quelle dafür nennt.
Für Rath ist das Kali-Yuga dabei weniger ein Datum als eine Erfahrungskategorie. In der Sitzung zu Graha, Ādhi Devatā & Pratyādi Devatā arbeitet er am belasteten dritten Haus im Horoskop einer Studentin (Śani, Ketu) und sagt sinngemäss: Gäbe es keine Schwierigkeiten im Leben, würde man das Kali-Yuga nie kennenlernen — die Schwierigkeit selbst wird zum Beleg dafür, in diesem Zeitalter zu leben, nicht ein errechnetes Datum. Und in der Nāḍī-Navāṃśa-Sitzung, bei der Frage, wie alt ein Tempel für eine gültige Nirmālya-Darśana mindestens sein müsse, nennt er hundert Jahre und fügt hinzu, das sei, wie er selbst sagt, seine eigene „Kali-Yuga-Auffassung" — er kennzeichnet die Schwelle ausdrücklich als eigene Einschätzung, nicht als Schriftzitat.
Die durchgesehenen Aufnahmen sprechen also wiederholt vom Kali-Yuga, aber stets im Vorbeigehen, eingebettet in die Navāṃśa-Lehre. Wann das Zeitalter begann und wie lange es dauert, wird dort nirgends systematisch behandelt — das leisten, wie oben gezeigt, die Texte selbst, nicht der Vortrag.
Ein Beispiel aus der Praxis: Chaturāśīti Sama Daśā
Die bisherigen Abschnitte haben die grossen Zahlen der Tradition seziert — Yugas, Manvantaras, Kalpas, zuletzt die Frage, wann das gegenwärtige Zeitalter überhaupt begonnen hat. Was darin fehlt, ist der Massstab eines einzelnen Lebens: wie mit diesen Einheiten tatsächlich gerechnet wird, wenn sie auf ein konkretes Horoskop treffen. Das folgende Beispiel stammt nicht aus einem der oben geprüften Primärtexte, sondern aus dem Ārambha-Kursmaterial von Pt. Sanjay Rath, das die Technik seinerseits Mahaṛṣi Parāśara zuschreibt — eine Zuschreibung, die hier nicht eigens geprüft wurde.
Woher die Wochentagsreihenfolge stammt
Ein Tag hat vierundzwanzig Stunden, Horās. Jede Horā wird von einem der sieben klassischen Planeten beherrscht, und zwar in der Reihenfolge ihrer scheinbaren Geschwindigkeit: Sonne, Venus, Merkur, Mond, Saturn, Jupiter, Mars — dann wieder von vorn. Diese Siebenerfolge läuft in vierundzwanzig Stunden dreimal vollständig durch (einundzwanzig Horās) und beginnt ein viertes Mal von vorn: Horā 22, 23 und 24 werden noch einmal von Sonne, Venus und Merkur beherrscht. Damit steht am Anfang der ersten Stunde des nächsten Tages nicht mehr die Sonne, sondern der Planet drei Plätze weiter in dieser Reihenfolge: der Mond. Deshalb heisst der zweite Wochentag Montag.
Wiederholt man diesen Sprung um jeweils drei Plätze siebenmal, ergibt sich, ausgehend von der Sonne, genau die vertraute Wochentagsfolge: Sonne, Mond, Mars, Merkur, Jupiter, Venus, Saturn — dann wieder Sonne. Diese Folge, nicht die Horā-Reihenfolge selbst, ist die Grundlage der folgenden Rechnung.
Wann dieses Daśā gilt
Das Chaturāśīti Sama Daśā ist kein Daśā für jedes Horoskop nebenbei, sondern eines mit einer Bedingung. Das Kursmaterial führt sie auf Mahaṛṣi Parāśara zurück und nennt vor allem eine: der Herrscher des Karmabhāva steht im Haus des Karmas — der Herr des zehnten Hauses im zehnten Haus. Verstärkend, aber nicht selbst auslösend, gelten ein vargottama stehender Zehntherrscher, der Kāraka des Glücks im zehnten Haus, und eine Häufung von Planeten im zehnten Haus.
Warum ausgerechnet das zehnte Haus: Es ist in dieser Lehre das Haus des Verbrennens — der Arbeit, der Anstrengung, des Sich-Abrackerns —, das Svarga-Kendra, die Himmelsrichtung des Agni. Das ganze System handelt davon, wie ein Mensch das aus früheren Leben mitgebrachte Karma abarbeitet, und die 84 Jahre sind die Frist, die er dafür trägt.
Daneben steht im Kursmaterial eine zweite, weichere Aussage: Weil alle Lebewesen durch diesen Prozess gehen, lasse sich das Daśā grundsätzlich auf jedes Horoskop anwenden; sein besonderer Nutzen sei dann, den „Schicksalsfaktor" eines Horoskops zu bestimmen. Beides steht nebeneinander — die scharfe Bedingung und die allgemeine Anwendbarkeit —, ohne dass der Text auflöst, wie sie sich zueinander verhalten. Wer streng nach Parāśara vorgeht, wird die erste nehmen.
Ein 84-Jahre-System auf ein Horoskop angewendet
Der Tierkreis hat zwölf Zeichen; jedes trägt nach dieser Lehre sieben Jahre Wirkung — zusammen 84 Jahre, Sanskrit Chaturāśīti. Gleichbedeutend: Jeder der sieben Planeten von Sonne bis Saturn verwaltet genau eine Periode von zwölf Jahren (7 × 12 = 84 = 12 × 7). Den Startpunkt für ein einzelnes Horoskop bestimmt man durch Auszählen des Geburts-Nakṣatras ab Svātī — laut Kursmaterial deshalb gewählt, weil dort die Sonne maximal geschwächt (10° Waage) und Saturn maximal erhöht (20° Waage) steht. Zwei Zuordnungstabellen sind in Gebrauch, je nachdem ob man mit 27 oder mit 28 Nakṣatras zählt (28 schliesst das zusätzliche Nakṣatra Abhijit ein); beide weisen, in Schritten von sieben Nakṣatras ab Svātī, jedem der sieben Planeten eine Gruppe von drei oder vier Nakṣatras zu.
Die Rechnung (Beispielgeburt aus dem Kursmaterial: 7. August 1963, 21:15 Uhr IST, Sambalpur, Indien):
- Mondposition zur Geburt: 19° 59′ Kumbha (Wassermann).
- Das betroffene Nakṣatra: Śatabhiṣaj, das von 6° 40′ bis 20° 00′ Kumbha reicht — der Mond steht darin.
- Verstrichener Bogen innerhalb des Nakṣatras: 19° 59′ − 6° 40′ = 13° 19′.
- Verbleibender Bogen bis zum Nakṣatra-Ende: 13° 20′ (volle Nakṣatra-Länge) − 13° 19′ = 0° 01′.
- Herrscherzuordnung: Im 27-Nakṣatra-Schema fällt Śatabhiṣaj in die Gruppe des Mars, im 28-Nakṣatra-Schema — Abhijit verschiebt die Zählung um eine Stelle — in die Gruppe Merkurs.
- Restdauer der laufenden, ersten Periode: (verbleibender Bogen ÷ volle Nakṣatra-Länge) × volle Periodenlänge = (0° 01′ ÷ 13° 20′) × 12 Jahre = (1′ ÷ 800′) × 12 Jahre = 0,015 Jahre ≈ 5 Tage.
- Damit läuft vom 7. bis zum 12. August 1963 der Rest der Mars-Periode (27er-Schema) beziehungsweise der Merkur-Periode (28er-Schema).
Von hier an laufen beide Schemata mit vollen Zwölf-Jahres-Perioden in der oben hergeleiteten Wochentagsreihenfolge weiter:
| Zeitraum | 27-Nakṣatra-Schema | 28-Nakṣatra-Schema |
|---|---|---|
| 07.08.1963 – 12.08.1963 | Mars (Rest) | Merkur (Rest) |
| 12.08.1963 – 12.08.1975 | Merkur | Jupiter |
| 12.08.1975 – 12.08.1987 | Jupiter | Venus |
| 12.08.1987 – 12.08.1999 | Venus | Saturn |
| 12.08.1999 – 12.08.2011 | Saturn | Sonne |
| 12.08.2011 – 12.08.2023 | Sonne | Mond |
| 12.08.2023 – 12.08.2035 | Mond | Mars |
Bemerkenswert daran: Die Wahl zwischen 27 und 28 Nakṣatras ändert in diesem Beispiel an keiner einzigen Zeitgrenze etwas — Beginn und Ende jeder Periode fallen in beiden Schemata auf dieselben Daten. Was sich ändert, ist ausschliesslich, welcher Planet welcher Periode zugeordnet wird: Das 28-Nakṣatra-Schema schiebt die gesamte Namensfolge um genau einen Schritt weiter, weil Abhijit die Zählung ab Śravaṇa um eine Stelle verschiebt. Die beiden Sequenzen — Mars, Merkur, Jupiter, Venus, Saturn, Sonne, Mond einerseits, Merkur, Jupiter, Venus, Saturn, Sonne, Mond, Mars andererseits — laufen auf denselben Daten synchron, nur durchgehend um einen Planeten gegeneinander verschoben.
Damit schliesst sich der Kreis zu den grossen Zahlen weiter oben: dasselbe Rechenprinzip — Bogenmass geteilt durch die Länge einer Einheit, multipliziert mit der Dauer der zugehörigen Periode —, das dort Kalpas und Manvantaras aus Mahāyugas zusammensetzt, bestimmt hier, auf den Tag genau, wann im Leben eines einzelnen Menschen eine zwölfjährige Planetenperiode beginnt.
Quellen
Primärtexte. Manusmṛti 1.64–72, hier nach der Übersetzung von Georg Bühler, The Laws of Manu, Sacred Books of the East Bd. 25, Oxford 1886. — Viṣṇu-Purāṇa 1.3 und 4.24, nach Horace Hayman Wilson, The Vishnu Purana, London 1840, sowie (nur 4.24, zum Abgleich) nach McComas Taylor, The Viṣṇu Purāṇa: Ancient Annals of the God with Lotus Eyes, Oxford University Press 2021. — Sūrya-Siddhānta 1.10–12, 1.15 und 1.57, nach Ebenezer Burgess, Translation of the Sūrya-Siddhānta, Journal of the American Oriental Society 6 (1860), S. 141–498. — Mahābhārata, Śānti-Parvan und Mausala-Parvan, nach Kisari Mohan Ganguli, Calcutta 1883–96. — Āryabhaṭīya, Gaṇitapāda (Selbstdatierung), nach sekundärer Wiedergabe, siehe unten.
Deutsche Übersetzungen. Für die Manusmṛti liegt eine moderne, aus dem Sanskrit gearbeitete Übersetzung vor: Axel Michaels, Manusmṛti. Manus Gesetzbuch, Verlag der Weltreligionen, Frankfurt und Leipzig 2010. Für das Viṣṇu-Purāṇa ist mir keine akademische deutsche Vollübersetzung bekannt.
Nicht geprüft. Die Verszählung der Mahābhārata-Stelle (gewöhnlich als Śānti-Parvan 231.12–20 zitiert) konnte ich nicht am Primärtext nachschlagen; sie weicht zwischen der kritischen Poona-Ausgabe und Ganguli ohnehin ab. Ebenso ungeprüft blieben die genaue Stelle der 12-Grad-Definition der tithi und die Behandlung der ausfallenden tithi (kṣaya-tithi), die in den Haupttexten unter diesem Namen offenbar nicht vorkommt und erst in späteren Pañcāṅga-Handbüchern eigens behandelt wird. Neu hinzugekommen: dass das Mahābhārata (Mausala-Parvan) Kṛṣṇas Tod nicht mit dem Beginn des Kali-Yugas verknüpft, stützt sich auf zwei unabhängige sekundäre Zusammenfassungen, nicht auf eine eigene vollständige Lektüre der Ganguli-Übersetzung — ein direkter Zugriff auf den Text scheiterte technisch. Ebenso ungeprüft am Urtext blieb Āryabhaṭas Selbstdatierung, auf die sich die Rückrechnung des Datums 18. Februar 3102 v. Chr. stützt; sie wird hier nach sekundärer Literatur wiedergegeben.